Die Fantastischen Vier: »RAF Camora wird sich noch umgucken« // Interview

Auf die Zahl 199 kommt man, addiert man heute die Lebensjahre, die Smudo, Michi Beck, Thomas D. und And.Ypsilon mittlerweile auf diesem Planeten weilen. Zeit also für neue Universen: Anlässlich ihres intergalaktisch anmutenden zehnten Studioalbums »Captain Fantastic« trafen wir Smudo und Michi Beck in Stuttgart zum Gespräch.

Moment mal, Stuttgart? Außer Produzent And.Ypsilon lebt keiner der Vier mehr in der Schwabenmetropole, und doch bleibt Benztown die Basis – auch für den Promo-Run im Vorfeld des neuen Albums. Es ist Ende März, und die Fantas haben geladen – nicht nur etliche Redakteure und Kameracrews sind vor Ort, nein, mit einer Clubshow vor »nur« 1.300 Besuchern will man erstmals neues Material vor Publikum performen. Über 900 Livekonzerte haben die Fantas laut eigener Aussage mittlerweile gespielt. Die tausendste Show ist für die Miteigentümer der Bookingagentur Four Artists nur eine Frage der Zeit.

Mit ihrer beinahe 30-jährigen Bandgeschichte haben Die Fantastischen Vier auch die kühnsten Erwartungen, die die Crew bei ihrer Gründung 1989 gehabt haben mag, längst weit übertroffen. Nach mehr als drei Millionen verkauften Tonträgern erhielten sie jüngst sogar den Medienpreis für Sprachkultur. Mit dem Standing der Vier als Pioniere, die Deutschrap salonfähig machten, hatte die deutsche HipHop-Szene lange ein Problem. Einstige Ressentiments sind jedoch längst passé – heute agieren die Fantas außer Konkurrenz zu den Hauptprotagonisten des Genres. Und doch steckt in ihrem zehnten Studioalbum wieder mehr HipHop, als man das zuletzt von den Pop-Grenzgängern gewohnt war. Zwei Gründe dafür: eine wachsende Indifferenz und etwas Unterstützung von alten und neuen Freunden.

Es ist mehr als dreißig Jahre her, dass ihr beide euch kennengelernt habt.
Michi Beck: Ich weiß noch, als wir 1987 im Jugendhaus in Stuttgart-Degerloch die erste HipHop-Party veranstaltet haben. Damals wusste praktisch niemand, was HipHop überhaupt ist.
Smudo: Die Party war aber so erfolgreich, dass sie die »HipHop Party 2« veranstaltet haben. Das habe ich gesehen und mich gefragt: Wow, Teil zwei? Dann müssen die ja schon mal eine gemacht haben! Also bin ich hingegangen und habe dort Michi kennengelernt. Ich war damals auf jeder GI-Party in den Barracks, wo HipHop lief.

Die mittlerweile zwanzig Jahre alte Titel­story über Hausmarke aus der JUICE-Ausgabe #4 beginnt mit der recht banalen Feststellung, dass er gerade dreißig geworden sei. Um daran anzuknüpfen: Ihr habt beide vor nicht allzu langer Zeit euren 50. gefeiert.
Michi Beck: Ich war mit Ende zwanzig der felsenfesten Überzeugung, dass ich mit dreißig nicht mehr auf der Bühne stehen möchte. Heute scheint das bei vielen Rappern auch noch so zu sein. Ich habe letztens von RAF Camora gelesen, dass er sich nicht vorstellen kann, noch lange als Rapper weiterzumachen.
Smudo: Dreißig zu werden ist natürlich ein Wendepunkt. Da hat man schon einiges an Zeit ver- und Dinge erlebt. Aber RAF Camora wird sich noch umgucken.

Wie ist das mit fünfzig? Ist das tatsächlich so ein Meilenstein, wie es sich auf Papier liest?
Michi Beck: Wir haben schon bei Interviews zu unserem vorletzten Album mit uns gehadert und waren genervt von Fragen über unser Alter, aber diese Fragen kamen natürlich trotzdem ständig. Dieser Gedanke, dass man zum Rappen zu alt sein könne, ist für uns also schon fast zehn Jahre alt. Wir sind mittlerweile viel zu alt dafür. (lacht) HipHop ist, seit wir Ende der Achtziger damit angefangen haben, die weltweit wichtigste Jugendkultur – heute sogar mehr denn je. Dieses Dinosaurieralter, das wir mittlerweile erreicht haben, erinnert mich daran, dass ich das in meiner Jugend bei den Rolling Stones total kacke fand. Ich kann also nachvollziehen, wenn heute jemand so auf uns blickt wie der kleine Michi damals auf die Stones. Ich hätte mir damals auch nie vorstellen können, dass ich mal so lang Musik mache, und fand das mega ungeil. Heute finde ich relativ cool, wo wir mittlerweile angekommen sind. Gar nicht so sehr wegen Rap an sich, sondern vor allem wegen der damit verbundenen Leistung: jetzt immer noch Tracks zu machen, die nicht nur wir gut finden, und vor größeren Crowds zu spielen als vor zwanzig Jahren. Das Altern als Künstler ist mit einer steten Verschiebung der Perspektive verbunden, mehr nicht.

Wie macht sich diese Verschiebung bemerkbar, speziell bezogen auf die letzten Jahre?
Smudo: Das lässt sich so erklären: Über Dinge, die man erlebt hat, lässt sich vortrefflich urteilen. Über alles, was in der Zukunft liegt, kann man hingegen nur spekulieren. Je mehr Erfahrungen man selber macht, desto ruhiger wird man. Diese jugendliche Denke, die ganze Welt scheiße zu finden und sie verändern zu wollen, weicht irgendwann der Erkenntnis, dass die Welt doch ein ganzes Stück größer ist, als man sich das früher vorstellen konnte.
Michi Beck: Ich glaube, man reflektiert mit dem Alter sogar weniger. Vieles wird einem egaler. Man hat nicht mehr das Bedürfnis, sich permanent zu erklären. Es ist mir auch nicht mehr so wichtig, ob einige Leute mich falsch verstehen. Das ist so eine Art abgehangeneres Selbstbewusstsein.

Was bedeutet das in Bezug darauf, wie ihr euch mit Trends auseinandersetzt? Ist für euch überhaupt noch wichtig, was gerade in ist?
Michi Beck: Wir kriegen natürlich mit, wie das in den letzten Jahren wegging vom Auf-die-Zwölf-Rap hin zu reduzierten, melodischeren Ansätzen. Es macht Spaß, wenn so was mal in die eigene Musik einfließt. Aber es wäre bescheuert, auf Krampf jetzt in eine bestimmte Richtung zu produzieren. Wir stehen für einen eigenen Sound, der sich noch nie besonders an kontemporären Rap-Klischees orientiert hat. Keiner von uns vier diggt jetzt noch tagtäglich Rapnews, um herauszufinden, was gerade fresh ist. Uns erreichen primär die bekannteren Sachen.
Smudo: Und selbst die wirken sich nicht besonders auf unser Schaffen aus. Der Einfluss lässt nach. In meinen Zwanzigern bin ich noch jede zweite Woche in den Plattenladen gegangen, um alles zu checken, was gerade so rauskam. Heute müssen wir uns fragen: Passt etwas zu uns? Bei »Captain Fantastic« kamen wir zu dem Schluss, dass wir uns auf das konzentrieren müssen, was wir können. Wie immer haben wir auch dieses Mal wieder mit verschiedenen Produzenten gearbeitet. Dazu kam jetzt aber auch noch eine Texterriege, die uns beim Schreiben geholfen hat: Samy Deluxe, Curse, Damion Davis, Sera Finale und Denyo.

»HipHop ist mehr als Pimmel und Image« – Smudo

Auf »Aller Anfang ist Yeah« mit Autotune zu experimentieren, hat dann aber schon Spaß gemacht, oder?
Michi Beck: Total! Das ist wie ein Spielplatz. Alles hört sich ja mehr oder weniger gleich an. Persönlichkeit kommt dadurch kaum durch, man versteckt sich dahinter. Wir hatten Autotune in der Vergangenheit immer wieder benutzt, um unsere überschaubaren gesanglichen Fähigkeiten auszugleichen – aber nicht als bewusstes Stilmittel.

Eine andere Überraschung hält der Track auch noch parat: And.Ypsilon rappt zum ersten Mal. Musstet ihr ihn zwingen?
Michi Beck: Ja. Wobei nicht wir ihn gezwungen haben, sondern Denyo und Sera Finale, die den Text größtenteils geschrieben haben. Der Track charakterisiert uns vier – da wurde schnell klar: Wenn’s um And.Y geht, muss der seinen Part auch selber rappen.
Smudo: Der Song dreht sich eigentlich nur um unseren Legendenstatus. Untereinander hätten wir uns nie erlaubt, so was über uns zu schreiben.
Michi Beck: Aber dann war’s so: Gut, wenn ihr das so seht, dann rappen wir das natürlich auch so! (Gelächter)

Eine prägnante Zeile auf dem Album lautet: »HipHop ist mehr als Pimmel und Image«.
Smudo: Der Satz ist so wichtig! Oft beschränkt sich Rap von Leuten in ihren Zwanzigern auf nur ein paar wenige Themen: Ich habe die geilste Crew, ich habe die coolsten Klamotten, das dickste Auto. HipHop ist aber mehr als Pimmel und Image. Ich mache zum Beispiel auch mal einen Song über meine Breitling-Uhr. (lacht)

Der Gedanke, zu alt zum Rappen zu sein, ist für uns schon zehn Jahre alt« Michi Beck

Apropos Uhren: Mittlerweile gehört die Rolex bei deutschen Rappern zur Grundausstattung. Manche tragen sogar zwei pro Arm.
Smudo: Das habe ich erst durchs JUICE-Lesen mitbekommen.
Michi Beck: Ach, fuck, ich dachte, das mit den Uhren sei unser Thema! (Gelächter) Wir haben auch kurz überlegt, ob wir die Platte »Breitling« nennen und so tun, als hätten wir ein Sponsoring. Der Name ist ja so schön doppeldeutig.
Smudo: Dadurch, dass ich Pilot bin, habe ich relativ viel mit Breitling zu tun. Daraus entstand der Gedanke, dass ich die Connection herstelle und wir zu Promozwecken auf Uhrenmessen rumhängen. Wir haben aber schnell eingesehen, dass dieser Humor relativ einfach missverstanden werden kann.

Was auf »Captain Fantastic« außerdem auffällt: Politische Statements ziehen sich durchs ganze Album.
Michi Beck: Ich frage mich, ob das unserer geänderte Sichtweise oder dem Erstarken des Populismus geschuldet ist. Wir haben zuerst viel diskutiert, ob das überhaupt unser Thema und unsere Art ist, Musik zu machen. Dann kamen wir zu der Entscheidung, dass wir lieber über Dinge schreiben, die uns bewegen, als uns nur auf Battle­rhymes, ­Punchlines oder belanglose Storys zu beschränken. Populismus ist etwas, über das ich mich mittlerweile tagtäglich aufregen muss. Es gab auch Anfang der Neunziger viele schwierige Themen – damals wurde uns eher vorgeworfen, dass wir Ereignisse wie Rostock-Lichtenhagen nicht in unserer Musik thematisiert haben. Früher sahen wir das nicht als unsere Aufgabe an, das in unsere Musik einfließen zu lassen, aber dieses Mal kamen wir nicht dran vorbei, darüber zu schreiben.

Macht ihr euch Gedanken darüber, ob es innerhalb eurer Fanbase auch AfD-Wähler gibt? Ihr deckt ja ein breiteres Publikum ab als jeder andere deutsche HipHop-Künstler.
Smudo: Wir haben natürlich die Hoffnung, dass unsere Texte diesbezüglich etwas bewirken.
Michi Beck: Wenn es dazu anregt, dass solche Leute ihre Entscheidung überdenken, ist das ja positiv. Im Endeffekt muss sich jeder große Act hinterfragen – die 187 Strassenbande hat vielleicht auch Fans, die AfD gewählt haben. Die hätten ja keinen Stimmenanteil von 12,6%, wenn sich das nicht durch die komplette Bevölkerung zöge.

Foto: Robert Grischeck
Dieses Feature erschien in JUICE #186. Back Issues jetzt versandkostenfrei im Shop bestellen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here