Credibil – Renæssance

credibil_renaessance(Traumfænger/Press Play)

Wertung: Vier Kronen

 Gerne wird behauptet, ein ­Künst­­ler hätte für sein Debütalbum sein gesamtes bisheriges Leben. In Sachen HipHop ist das allenfalls noch eine Halbwahrheit. Beispiel Credibil: Bereits zwei Jahre vor Erscheinen seiner Debüt-LP legte der damals 19-Jährige mit dem Free-Download »Deutsches Demotape« seine musikalische Sozialisation offen, verneigte sich vor den Helden seiner Adoleszenz und rechtfertigte die Vorschusslorbeeren mit unerhörter Freshness. Anfang des Jahres bewies er mit der »Molokopf«-EP, dass es auch ohne Klassiker-Vorlage geht. Der Welpenschutz ist passé. Ergo ist es für Credibil ungleich schwieriger geworden, die mühsam aufgebaute Fanbase mit dem richtigen Album von Grund auf zu überraschen. Mit »Renæssance« stellt er sich jener Mammutaufgabe, wohlwissend um seinen größten Helfer, das schier unerschöpfliche Talent, Reimsilben aneinanderzuknüpfen. Dass er das Werk von Complete MCs wie Savas, Azad, Curse und Samy bis ins kleinste Detail studiert hat, hört man in jeder Strophe. Thematisch ist »Renæssance« eine Rückschau auf Credibils 21 Lebensjahre und ihre wichtigsten Stationen. Die unbeschwerten Tage als Migrantenkind in den Sandkästen der hessischen Kleinstadt Marburg münden in der Scheidung seiner Eltern. Packend verarbeitet Credibil die zerbrochene Beziehung zu seinem Vater in »Augenblick«. Das zweite, gleichzeitig kürzeste Drittel der LP berichtet von der Ankunft in Frankfurt und seiner jugendlichen Ohnmacht in der Metropole der Widersprüche zwischen Crack- und Börsenkursen. Credibil romantisiert dabei nicht wie viele seiner Schaffenskollegen die Häss­lichkeit des Sozialbaus. »Toter Winkel« liefert eine beklemmende Aneinanderreihung von Momentaufnahmen, während »Bang Bang« das Schicksal der Deutsch-Niger­ianerin Christy Schwundeck erzählt, die 2011 von einem Polizisten in einem Frankfurter Jobcenter erschossen worden war. Gegliedert in mehrere Akte, die jeweils von »Akt Apella«-Skits eingeleitet werden, enden die Tracks ausschließlich in überleitenden Spoken-Word-Performances. Credibil ist ein versier­ter und für sein Alter unglaublich reflektierter Straßenpoet, nimmt der eigenen Heldensaga mit der Fülle an gesprochenen Skits jedoch immer wieder den Wind aus den Segeln. Trotzdem bleibt »Renæssance« ein überzeugendes und stellenweise packendes Erstwerk.

 

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