Brockhampton: All-American Boyband // Feature

Statt in ihrer Hood lernen sich die Mitglieder von Brockhampton im Internet kennen, haben als Bandmitglieder auch Videoregisseure und Grafikdesigner in der Gang. Und obwohl sie mit über einem Dutzend junger Männer in einer WG in L.A. wohnen, verteilen sie mehr Singles und Alben als Partyeinladungen unter die Leute. Sagen wir es, wie’s ist: Brockhampton sind die absurdeste Boyband aller Zeiten – und passen deshalb so gut in 2018 wie keine andere.

»Hat hier jemand Bock, ne Band zu gründen?« – dieser Eintrag vom damals 14-jährigen Kevin Abstract im Yeezus-Fanforum »Kanye To The« aus dem Dezember 2010 ist der Startschuss für die spielerische Revolution Brockhamptons sieben Jahre später. Zwischen Frühsommer und ­Jahresende 2017 liefern sie mit ihrer Debütalben-Trilogie »Saturation I-III« nämlich den erfrischendsten kreativen Neuansatz für HipHop seit Monaten. Klang eine Boyband jemals so cool? Wohl kaum.

Bis aus ein paar jammernden Teenagern eine gut geölte Hitmaschine wird, ist es ein langer Weg. Nach einem langsamen Start in den Anfangsjahren inklusive einer ersten EP unter dem Namen AliveSinceForever folgt 2015 die Umbenennung in Brockhampton – und der gemeinsame Umzug von Texas nach Kalifornien. Seitdem wohnt das Kollektiv aus vierzehn jungen Typen Anfang zwanzig gemeinsam in einem Haus in Los Angeles. Außer Rappern, Sängern und Beat-Produzenten gehören auch Videoregisseure, Kameraleute und Designer zur Gruppe. Binnen sieben Monaten fördert die Band mal eben drei Alben mit insgesamt 48 Songs inklusive einem guten Dutzend Musikvideos und zweieinhalbstündiger Dokumentation für ihre immer weiter wachsende Fanbase zutage.

Es klingt nach den perfekten Rahmenbedingungen für eine amerikanische Highschool-Komödie voller Alkohol, Sex und durchgefeierten Nächten: eine WG in Campusnähe mit jungen Künstlern, deren Lebenslust ihre Lebenserfahrung tausendfach übersteigt. Doch es kommt anders: Gegenseitig inspiriert von den Ideen der anderen, sprühen die Jungs um Ameer Vann und Romil Hemnani über vor Ideen, schaukeln sich hoch und stacheln sich an, wollen alles bereits Dagewesene in den Schatten stellen. Der ganze Enthusiasmus der Gruppe zeigt sich, wenn Kevin Abstract in einem GQ-Interview Master P und die anderen frühen HipHop-Mogule als Vorbilder angibt: »Die haben alles gemacht. Ich will das auch. 26 Alben in einem Jahr. Ist machbar. Total machbar.« So klingt das also, wenn man mit seinen Freunden selbstbewusst an der Realisierung seines Lebenstraums arbeitet.

Ab 2016 starten Brockhampton dann richtig durch: mit »All-American Trash« veröffentlichen die Jungs ein erstes Mixtape und begleiten Frontmann Kevin Abstract bei dessen erster und ausverkaufter US-Tour, gemeinsam mit einem Kamerateam. Die dabei entstehenden Filmaufnahmen liefern Material für eine Dokureihe, die in acht Episoden Einblick in den kreativen Schaffens­prozess gewährt. Gleichzeitig werden die einzelnen Charaktere der All-American-Boyband porträtiert. Hunderttausende Teenager in den USA schauen die Serie auf Netflix und sind begeistert von der DIY-Attitüde der Band.

Die schonungslose Offenheit, mit der die Bandmitglieder in ihren Texten Probleme wie Depressionen, Süchte und Sinnkrisen behandeln, ist beeindruckend und trifft den Nerv der Zeit. Vieles erinnert an den Durchbruch der Odd Future Wolf Gang zu Beginn des Jahrzehnts, die Abstract bewundert. In einem Interview mit P&P schwärmt er: »Ich hab mich mit denen identifiziert, als ich noch zur Schule ging. Das war eine Boyband für mich – auch wenn sie für alle anderen ein Rapkollektiv waren. Die haben für mich den Standard gesetzt. Die waren perfekt!«

Traditionell macht eine Boyband ja massentaugliche Popmusik mit eingängigen Melodien und unkritischen Texten; Musik von jungen Männern, die nicht nur nach künstlerischen, sondern auch nach Eye-Candy-Kriterien für Teenagermädchen gecastet werden. Um den weiblichen Wohlstandsanteil White Americas verführen zu können, vermarktet die Industrie gerne das Image hellhäutiger, heterosexueller Männer.

Die Jungs von Brockhampton konnten sich damit (natürlich) nie identifizieren, stattdessen begaben sie sich auf eine Mission, die engen Grenzen des Begriffes aufzubrechen. Sie wollen eine Boyband für all jene sein, die mit den makellosen, glatten Biografien der typischen Teenstars nichts anfangen können. Die Frage der Musikwelt, ob dieser zusammengewürfelte Haufen von Kreativen überhaupt eine Boyband sein kann, beantwortet Abstract über Twitter: »Nur weil wir nicht weiß sind, manche von uns rappen und Schwänze mögen, heißt das nicht, dass wir keine Boyband sind.«

In dem Satz hört man den Zorn von jemandem, der sich von anderen nicht mehr sagen lassen will, was er sein oder nicht sein kann: als Dunkelhäutiger kein echter Texaner, als Trump-Kritiker kein echter Patriot, als Schwuler kein echter Rapper. Doch die Aggression führt nicht zur Resignation, sondern zur Inspiration. Sie wird in kreative Energie umgewandelt. Im Video zu »Star« stecken alle in Uniformen der Müllabfuhr und treten mit blau bemalter Haut auf. Die ironische Gegenfrage lautet: Müssen alle Mitglieder gleich aussehen und die gleichen Klamotten anhaben, um eine Boyband zu sein?

Die »Saturation«-Trilogie setzt den Sound der Crew fest. Während US-Rap 2017 Hits ablieferte, bei denen die Stimmen in Autotune und die Probleme lyrisch in Hustensaft ertränkt wurden, gingen Brockhampton in eine andere Richtung: Keine genuschelte Aussprache über schleppenden Beats, um Resignation und Perspektivlosigkeit wiederzugeben; keine brachialen 808-Bässe, über die im Stile Denzel Currys voller Zorn mit Halsbrecher-Flow gespittet oder gar geshoutet wird. Stattdessen: die ganze Bandbreite verschiedener Klanguniversen, die sich bei Funk, Soul und Jazz bedienen und diese in moderne Produktionen einfließen lassen. Manchmal gleichen die Beats dabei einer Achterbahnfahrt durchs Silvesterfeuerwerk, manchmal sind sie voll von herzergreifendem Gefühl. Immer hört man jedoch die innovativen Einfälle eines ganzen Haufens talentierter Nachwuchskünstler, die durch knapp fünfzig Songs in sechs Monaten ihren Sound gefunden und gefestigt haben.

Foto: Myung J. Chun

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #185. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Shop bestellen.

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