»’Brick’ on my brick«« – wie Griselda Records das Movement zurückbringen // Feature

Griselda fluten den Markt mit postmodernem Gangstarap. Alle Neunziger-Helden sind sich einig: Westside Gunn, Conway und Benny machen Mucke fürs Museum.

Zu Beginn bestand der erweiterte Zirkel noch aus dem Local Elcamino und Freigeist Mach-Hommy aus Newark, die beide mit beeindruckenden Langspielern (»Elcamino« und »H.B.O«) über das Label debütierten. Gunn veröffentlichte bereits 2012 das erste »Hitler«-Tape und tütete für Vinyl-Veröffentlichungen lukrative Deals mit dem Londoner Label Daupe! ein, das sich auf obskuren Boombap beschränkt. Zusammen mit Conway formt er das Duo Hall N Nash, das im Titel seinem Wrestling-Fantum frönt und den WWE-Hall-of-Famers Kevin Nash und Scott Hall gedenkt. Beim letzten AEW-Event in Las Vegas saß er mit seinem Kumpel Smoke DZA sogar in der ersten Reihe. Überhaupt stellen Wrestling und Raps Goldene Ära die zwei essentiellen Referenzgrößen im Griselda-Kosmos dar: Westside ist auf seinem »94 Ghost Shit«, Benny klingt wie ein »’97 Hov« und trotzdem hat die Black Soprano Family große Zukunftspläne. Mit einer Verknappungstaktik, die bereits für Künstler wie Roc Marciano und Mach-Hommy funktionierte, erschuf der »world class shit talker« einen Online-Buzz um den ganz speziellen Designer-Rap seiner Crew. Alben wie das großartige »Tana Talk 3« – locker der verschlafenste Rap-Meilenstein in 2018 – oder »Supreme Blientele«, Gunns großer Wurf aus dem vergangenen Jahr, erzielen aberwitzige Preise sogar im CD-Format, weil nur in Kleinstauflagen gepresst. 

FOR THE CULTURE

Der Höhepunkt dieses Wahnsinns, mit dem Griselda den ausufernden Markt der Bildenden Künste adaptieren und das Albumformat zurückbringen will: Für das Cover zu »Hitler Wears Hermes 6« – ein Gemälde des dreiäugigen Adolf – investiert West über 10.000 Dollar. Disclaimer: Hinter der Reihe steckt übrigens kein fragwürdiger Diktatorenkult, sondern lediglich eine provokative Interpretation von »Der Teufel trägt Prada«. In der Zurschaustellung der Hood Couture, dem Gucci-Stil und Italy-Schnittmaß geht der Nerd so richtig auf. »I could just rap about my outfit right now and come up with two songs«, gestand er mal. Westside Gunn erhebt die ignorante Prahlerei zur Kunstform, aber macht trotz der teuren Accessoires das Gegenteil von Gimmick-Rap und verortet das Camp sowieso eher im Museum: »Aye yo, parked the La Dalat in front of Guggenheim, I’m sellin two for five/Crack swimmin, we had to scuba dive«, protzt er auf »Dean Malenko«. Trotz solcher Reimketten macht das Oberhaupt keinen Hehl daraus, dass er der vermeintlich schlechtere Rapper im direkten Vergleich mit den beiden Partnern ist. Er selbst sieht sich mehr als Orchestrator und lebender Widerspruch: ein Underground-Dude mit Mainstream-Lifestyle. 

Auch »Supreme Blientele«, sein bisheriger Kritikerliebling und das wahrscheinlich kompletteste Album aus dem Dunstkreis, lässt er vom Kosengo eröffnen. Der 34-jährige Benny ist der Jüngste im Trio, wahrscheinlich der technisch sauberste Rapper, die unterschätzte Waffe im Team. Schon früh nimmt der Butcher gemeinsame Tapes mit Hall N Nash auf, unterschreibt aber erst 2016 offiziell beim Label. Is ’n Familiending. Die Projekte von Benny zitieren generell gerne italienische Großfamilien und Genre-Klassiker und führen den Ehrenmannentwurf der Truppe fort. Glasklare Punchlines treffen auf eine besonders detaillierte Beobachtungsgabe. Ähnlich hart und kompromisslos wie der antike Vitrinen-Rap von Griselda ist die namensgebende Patin. Griselda Blanco lenkte als gnadenlose Anführerin die Geschicke des Medellin-Kartells in den späten Siebzigerjahren. Sie steuerte die Operationen der Kokain-Mafia von Miami aus und soll – der Legende nach – ihre drei Ehemänner getötet haben.

Der Kult um die Gruppe entwickelt sich, wie Blancos Drogenschmuggel, zum globalen Phänomen. Das ikonische Cover zu »Hitler Wears Hermes 2«, das Westside vermummt mit Gucci-Skimaske zeigt, diente schon öfters als Vorlage für Fan-Tattoos und wurde bereits als Mural auf Straßenwände in Rumänien gesprüht. Ihr referenzieller Ansatz beschönigt weder die HipHop-Historie noch ihre kriminelle Vergangenheit, sondern zeigt Boombap eine düstere und doch rosige Zukunft auf. Im Endeffekt geht es um viel mehr als Gangster-Getue und Markenklamotten. Griselda ist Gruppentherapie, wie das einleitende Vocal-Sample auf »The Cow« verrät: »I think it’s good that you can put anger on a picture, instead of smacking someone in the face. It’s a lot safer.« 

 

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