»’Brick’ on my brick«« – wie Griselda Records das Movement zurückbringen // Feature

-

Der Hustle ist so was von real. Die Griselda-Familie gilt als Antithese zu allem: Von Buffalo aus fluten sie den Markt mit postmodernem Gangstarap, setzen sich in Hood Couture in Szene und flippen die tiefsten Schicksalsschläge zur hohen Kunst. Alle ihre Neunziger-Helden sind sich einig: Westside Gunn, Conway und Benny machen Mucke fürs Museum. Dieses Jahr steht ihr Major-Debüt an – ein Crew-Album über Shady Records.

Es war der Tag nach dem tragischen Tod von Prodigy. Mit dem Genie aus Queens starb ein Stück Ostküsten-Lyricism für immer. Ein Vollblutrapper, der Dekaden prägte, noch immer hungrig war und in jeden Sechzehner sein Leben legte. Und doch erweckten drei Punchline-Maschinen, die nicht mal aus dem Big Apple stammen, an diesem geschichtsträchtigen Abend sein Erbe. Raekwon, der Chef höchstpersönlich, macht es offiziell und überreicht die Fackel für Real Rap auf der Bühne. Die Antihelden-Clique um die Brüder Westside Gunn und Conway, Cousin Benny und Produzent Daringer hat allen Odds getrotzt und feiert ihren emotionalen Karrierehöhepunkt. Im Backstage der Webster Hall tummelte sich der halbe Wu-Tang Clan, eine Stadt zeigt Liebe, und manchem echten Gangster kommen die Tränen vor Rührung. 

Man muss nicht alle Tapes gehört haben, die die Fam zuerst gar nicht über die Streaming-Plattformen veröffentlichte, um ihr Alleinstellungsmerkmal zu erkennen: Es gab selten eine ausgeglichenere Rap-Crew, die auf Augenhöhe agierte und so herausragende Malocher-Rapper vereinte. Mobb Deep, bestimmt. G-Unit, vielleicht. The LOX, vermutlich. Zumindest stehen Jadakiss und Styles P nun auch Spalier und wollen sich das erste Quasi-Homecoming der Brudis aus dem, immerhin, Bundesstaat New York nicht entgehen lassen.

BUFFALO SOLDIERS

Die Eastside in Buffalo ist einer der gefährlichsten Orte der USA. Dreißig Prozent der Einwohner dieser vergessenen Stadt im New Yorker Rustbelt leben unter der Armutsgrenze. Bekannt für seine Chicken Wings und die Buffalo Bills, für die OJ Simpson auflief und die in den frühen Neunzigern viermal in Folge den Superbowl erreichten (und verloren), weiß man nicht viel über die Metropolregion, die unweit der Niagarafälle und Torontos liegt. Buffalo hatte nie eine Infrastruktur für die Subkultur oder eine Perspektive für die Ghetto-Jugend zu bieten. Seit Rick James hat die Stadt keinen Superstar mehr hervorgebracht, die Gebrüder Griselda sind die ersten Major-Rapper der Region überhaupt. 

»I lost three people in the last ten days. They kill women and everything«, erzählt Westside Gunn noch letzten Sommer im »Rap Radar«-Podcast. Als Mode-Sidehustle von Gunn gestartet, war es erst die Nahtod-Erfahrung seines großen Bruders Conway, die aus ihm, der damals sein Manager war, einen Rapper machte – und aus Fashion Rebel das Label Griselda (daher die heutige Schreibweise GxFR). Gunn verdiente sich bis 2012 auf der Straße sein Brot, saß Jahre im Knast ab, genau wie Conway und ihr Cousin Benny. Bennys Bruder Machine Gun Black, der auch Teil der Gang war, wurde 2006 ermordet. »Kurz nachdem er starb, musste ich ins Gefängnis«, erzählt Gunn gegenüber Elliott Wilson. »Als ich rauskam, landete ich wieder auf der Straße und verstieß gegen meine Auflagen. Ich saß daraufhin wieder ein und hatte überhaupt keinen Kopf mehr für das Rap-Ding. Ich war einfach zu tief in Straßengeschichten verstrickt.« 

Machine Gun Blacks tragischer Tod durchzieht die gesamte Diskografie des Camps, das seit 2015 über drei Dutzend (!) Projekte umfasst. Ihm widmen sie auch ihr erstes Shady-Album, das nun endlich erscheinen soll, nachdem Eminem bereits vor über zwei Jahren das Brüder-Duo unter Vertrag nahm. »WWCD« – »What Would Cheengun Do« – nennen die drei ihr erstes Crew-Album, das, ganz Griselda-typisch, in zwei Tagen entstanden ist. Nachdem sie mittlerweile mit ihren Idolen per Du sind und auf Beats von The Alchemist, Pete Rock, 9th Wonder und Statik Selektah aufnehmen, erfüllten sie sich zuletzt mit ihrem Premo-Placement »Headlines« noch einen weiteren Jugendtraum. Die Hypebiester mögen schmunzeln, und doch hat Benny nicht ganz Unrecht, wenn er sagt: »There hasn’t been a movement like this in hiphop since the nineties.«

Conway thematisiert den Mord an Machine Gun auch in dem wahrscheinlich wichtigsten Part seiner Karriere. Auf dem Track »The Cow« – der so episch ist, dass auch Döll mit einer Reminiszenz (»Für den Fall«) und demselben Sample sein Debütalbum »Nie oder jetzt« eröffnete –, rappt Conway über quälende Rachegedanken und einen Überfall, der ihn selbst fast das Leben gekostet hätte. Nach einer Clubnacht im Sommer 2012 will er seine Demo-CDs verticken, kommt gerade ans Auto zurück, als ein Verrückter wild um sich schießt. Eine Kugel trifft ihn an der Schädelrückseite, zerfetzt seinen Nacken und führt zu einer Gesichtslähmung, die ihn fürs Leben zeichnen wird.

Im Internet existieren Handyvideos, in denen der Hüne bei dem Track live unter Tränen zusammenbricht, sich dann, vor den Augen seiner Entourage auf der Bühne, wieder fängt und rappt: »Trying to spit my verses and mumbling and shit/Face twisted up looking ugly and shit/That Bell’s Palsy had me looking like I had a stroke/But every bar raw like a slab of coke.« Dieser geschichtsträchtige Verse gehört locker zu den bewegendsten und aufrichtigsten Parts der Dekade. Conway The Machine, der als »Grimiest Of All Time« bereits Untergrund-Geschichte schrieb, ist für Griselda das, was Jay Rock für TDE ist: Der Vorläufer, der erst scheitern musste, um sich im Team neu zu erfinden. In der Kabine ist Demond Price ein verdammtes Problem, eine Naturgewalt und ein martialischer Rapper, bei dem es in jeder Bar ums nackte Überleben geht. Frag mal Sway oder Funk Flex, die nach seinen Radio-Freestyles vom Glauben abfielen.

ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

Dass Westside Gunn mit »The Cow« 2016 den vierten Teil seiner »Hitler Wears Hermes«-Mixtape-Reihe einleitete, und damit Conway seinen großen Moment verschafft, ist bezeichnend. Geboren als Alvar Lamar Worthy wirkt der Fly God wie der Architekt hinter dem Kollektiv, wie ein »big homie«, den die Stadt nie hatte. Oft gibt er bereits die Tape-Titel, Designs und Konzepte für die anderen vor. Auch die Idee, den befreundeten Sohn aus einer Jazzer-Familie als Soundmann und DJ ins Camp zu holen, geht auf. Die verschleppten Siebziger-Samples von Daringer und sein dreckiger Trademark-Stil harmonieren perfekt mit Alvars AK-47-Adlibs, Conways düsterer Delivery und Bennys reflektiertem Reality Rap. Im Stile eines Executive Producers baute der Visionär ein Indie-Imperium auf und landete zuletzt in den Monatscharts von Casper und der Jahresend-Playlist von Jigga – mehr Co-Sign geht nicht. Mittlerweile gibt es Griselda-Skateboards und eine New-Era-Kollektionen, die Merch-Drops sind innerhalb weniger Minuten gelutscht. 

- Advertisement -

3 KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

- Advertisement -