Braucht es noch Rap-Journalismus? Staiger hat sich umgehört // Feature

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Kanacken am Mic – Kartoffeln in der Redaktion

Doch zwischen Rap-Journalismus und Rap-Akteuren tut sich in den letzten Jahren noch ein weiterer Graben auf. So richtig zu fassen ist er noch nicht, dass er aber existiert, darüber sind sich ein Teil meiner Gesprächspartner und ich allerdings einig.

Daniel tut sich dann auch hörbar schwer, das Phänomen zu beschreiben: »Der Rap, der in den letzten Jahren erfolgreich war, das war ja selten der von Blumentopf und Main Concept. Das Umfeld und die Sozialisation eines Mero zum Beispiel, das kann ich mir denken, aber das kann ich nicht mehr wirklich nachvollziehen. Da kommen die Leute aus einer anderen Ecke, die eine andere Art und Weise haben, ihr Leben zu verarbeiten oder ihre Träume in Worte zu packen. Das hat es für mich schwieriger gemacht, da einen Zugang zu finden.«

Auch Aria nähert sich dem Thema erst einmal über die kulturelle Schiene: »Diese musikalische Facette, die die neuen Künstler reinbringen: türkische Hooks und die Art und Weise, wie Mero beispielsweise Damar auf Trap singt. Woher kommen diese Ideen? So einer hörte eben nicht Herbert Grönemeyer und wahrscheinlich auch nicht Sido oder Savas zu Hause, sondern İbrahim Tatlıses. Da tut sich für Deutschrap eine bisher unbekannte Soundwelt auf, weil vollkommen neue Einflüsse dazustoßen.« Einflüsse, die sehr viel mit Herkunft zu tun haben und anderen Kulturen. Für Daniel eine gewisse Herausforderung: »Es gab dann einen Gap, als diese ethnische Komponente wichtiger wurde, bei den erfolgreicheren Rappern. Da kam dann ein Element dazu, das ich weniger stark journalistisch nachempfinden konnte.«

»Auffälligerweise trat die Skepsis nur bei Künstlern auf, die migrantisch aus dem Nahen und Mittleren Osten stammen« – Aria

Etwas weniger diplomatisch blickt Aria auf diese Entwicklung. Was das betrifft, nimmt er kein Blatt vor den Mund: »Hundertprozentig besteht da auch struktureller Rassismus. Ich konnte dieses Jahr in vielen Gesprächen mit Medienvertretern ganz genau beobachten, wo Vorurteile auftreten. Sie haben mir ihr Unverständnis gegenüber Mero und Eno geäußert, weil deren Musik zu poppig sei, dem Qualitätsanspruch nicht standhalte und der Erfolg surreal wirke – siehe Klickkauf-Debatte. Auffälligerweise trat die Skepsis nur bei Künstlern auf, die migrantisch aus dem Nahen und Mittleren Osten stammen. Andere Künstlerinnen und Künstler, auf die all diese Attribute vermutlich auch zutrafen, wie zum Beispiel RAF Camora, Bonez MC, Kontra K oder auch Capital Bra, der ja einen osteuropäischen Hintergrund hat, blieben außen vor. Aber die ganzen Kids, die ihre türkische oder kurdische Herkunft musikalisch in den Vordergrund rückten, da ist es plötzlich dubios.«

Daniel selbst sieht das Problem ebenso klar und versucht auf Nachfrage zu erklären, woran es liegen könnte, dass sich Redaktionen und Künstler so fremd geworden sind: »Wahrscheinlich sind da auch die Redaktionen zu wenig divers aufgestellt, aber man kann sich die Leute ja auch nicht aus einem Draht zurechtbiegen. Wir hatten immer wenig Leute, und die wenigen Leute müssen schreiben können, müssen interessiert sein, müssen bereit sein, für wenig Geld zu arbeiten. Vom Prinzip her hätte ich natürlich auch sehr gerne eine Frau als festes Redaktionsmitglied gehabt, aber die hat sich einfach nicht angeboten. Und natürlich hätten wir auch gerne Leute gehabt, die näher dran sind an den Protagonisten der aktuellen Rap-Generation, aber davon hat sich niemand berufen gefühlt, sich als HipHop-Journalist bei der JUICE vorzustellen.«

Was also tun?

Auch wenn wir uns gerade am Ende einer Ära befinden und bestimmte journalistische Formate in Zukunft nicht mehr erscheinen, das Ende des popkulturellen Journalismus, das Ende für HipHop-Journalismus ist trotzdem noch lange nicht gekommen. Die Rolle der Medienvertreter wird allerdings in Zukunft sicher eine andere sein als in der Vergangenheit.

Aria sieht sich zum Beispiel eher als Kurator und Geschichtsschreiber statt als Reporter: »Unser Job als Medienakteure wird es in Zukunft sein, den Wegweiser zu spielen, um den Leuten die Phänomene zu präsentieren, die sie ansonsten nicht finden würden, weil sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Wir müssen den Diskurs um die Kultur herum führen – das ist in diesem zähen Kampf der Traditionalisten gegen die Modernen leider verloren gegangen. Wir müssen die Geschichte, die gerade geschrieben wird, miterzählen. Das gibt der Popkultur und all seinen Teilnehmern eine andere Facette, um die sich die Künstler selbst nicht kümmern können. Die unmittelbare Kommunikation per Instagram-Story ist keine nachhaltige Geschichtsschreibung. Dafür braucht es Leute, die nah dran sind und hinter die Fassade blicken. Ich sehe mich deshalb viel mehr als Chronist und Storyteller statt als eindimensionaler Journalist.«

»Das wichtigste im interview ist, dass ich mich erklären kann« – Fler

Auch Marina ist davon überzeugt, dass Rapjournalismus nicht ausstirbt und nach wie vor seine Berechtigung hat. Auf die Frage, ob HipHop überhaupt noch eine Presse braucht, entgegnet sie nachdrücklich: »Natürlich. Es gibt Künstler, die einfach auch was zu sagen haben und die auch eine schöne Geschichte erzählen können. Da ist es definitiv immer noch wichtig, und wir haben auf Journalistenseite auch einfach Menschen, denen wir gerne zuhören.«

Und selbst ein hartgesottener Journalistenfresser wie Fler erklärt im Brustton der Überzeugung, dass er die Presse nicht missen will: »Das Wichtigste im Interview ist, dass ich mich erklären kann. Wenn da jemand sitzt, der mir sagt, dass ich toll bin, dann macht das keinen Sinn für mich. Weil die Leute, die mich toll finden, finden mich toll, und die Leute, die mich nicht leiden können, werden sagen: Scheiß auf den. Das beste ist, wenn jemand wie Nico Backspin kommt und man sich streiten kann. Ich streite mich nur mit jemandem, von dem ich glaube, dass er die Intelligenz hat. Und die besten Interviews mit ihm waren immer die, in denen er mich emotional herausgefordert hat.«

Love is the message and the message is love

Das Band ist also noch nicht zerschnitten. Selbst wenn es in der letzten Zeit ein wenig hakelig war, auch der ignoranteste Rapper und die materiellste Rapperin erkennen den Wert einer interessanten Frage und einer echten, aufrichtigen Neugier. Zusammen einen gesellschaftlichen Diskurs zu führen, das ist es, was HipHop trotz aller Oberflächlichkeit immer noch kann. Denn auch in den Oberflächlichkeiten steckt jede Menge Message, und auf die einfache Frage: Warum machst du das so?, erhält man mitunter ganz erhellende Antworten.

Um aber in diesem Dialog zu bleiben und auf Augenhöhe miteinander umzugehen, sollten wir uns vielleicht auch immer mal wieder an das zurückerinnern, was uns verbindet: Die Liebe zur Musik.

Wie es richtig gemacht wird? Keine Ahnung. Aria hat da aber ein paar einfache und einprägsame Grundregeln aufgestellt, die ich ganz gut finde: »Richtig gemacht wird es mit viel mehr Liebe zum Detail, Respekt und Offenheit für Neues. Das ist etwas, was in den letzten Jahren an Stellenwert verloren hat. Alle Künstler der neuen Generation, die ich getroffen habe, teilen eins: die Liebe für ihre Musik. Wenn wir kollektiv dahin zurückfinden, wäre das ein riesiger Schritt in die richtige Richtung.«

In diesem Sinn. Alle Gute, liebe JUICE.

For those about to rock – we salute you.

Fotos: Presse, Memo Filiz

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