Boys Noize: »Die großen Rapper sind alle gute Songwriter, aber von ­elektronischer Musik haben die wenigsten wirklich Ahnung.« // Feature

Boys Noize. Ein kurzer Blick auf den Tour-Schedule seiner MySpace-Seite reicht um zu erahnen, wie viele Nächte des Jahres Alexander Rhida in weltweit verstreuten Clubs verbringt. Schon als Teenager legte er in den einschlägigen Läden Hamburgs auf, zusammen mit Andreas Meid gründete er später Kid Alex und hatte mit “Young Love (Topless)” gar einen waschechten Pophit. 2004 startete er das Soloprojekt Boys Noize mit gleichnamigen Label – in der deutschen House- und Techno-Szene belächelt bis verhasst, wurden seine Produktionen von Kollegen wie Steve Aoki, Erol Akan, Diplo, A-Trak und 2 Many DJs dankend angenommen. Mittlerweile gehören First-Class-Flüge und Gigs vor mehreren Zehntausend durchdrehender Kids zu seinem Alltag. Der Erfolg von HipHop-Tracks auf Uptempo-Beats führt dazu, dass sein Katalog neben Remixen von Röyksopp, Feist und Bloc Party inzwischen auch Snoop Dogg, Kelis und die Black Eyed Peas aufführt.

Du bist DJ, seit du 14 Jahre alt bist. Als du ­angefangen hast, hast du hauptsächlich HipHop und Disco aufgelegt, oder?
Mein zehn Jahre älterer Bruder hatte damals alle Platten: Die Anfänge von Rap, die Anfänge von House und Techno, den ganzen Kram. Seit ich vier Jahre alt war, habe ich die ganze Zeit seine Platten gehört. Leider wurde seine Sammlung eines Tages geklaut, und ich musste alles mühsam nachkaufen. Als ich anfing, mein ganzes Geld für Platten auszugeben, war gerade die gute HipHop-Zeit der Neunziger: Pharcyde, Wu-Tang, De La, alles bis zur Jahrtausendwende. Dann kam mein Interesse für House aus Detroit und Chicago, Mr. Fingers, das roughe Disco-House-Zeug von Theo Parrish fand ich auch noch super. In Deutschland war Electro gegen Ende der Neunziger ja völlig verschranzt, Chris Liebing und wie sie alle heißen. Grauenhaft – hauptsache schnell. Gleichzeitig gab es halt diesen klassischen Soulful House. Ich stand immer zwischen den Stühlen und mochte eher die roughen Sachen. Beim Plattenkaufen habe ich immer nach den Tracks gesucht, die nicht perfekt waren, wo einige Sounds komplett zerschossen waren. Genau wie beim früheren New Yorker HipHop.

Du warst in Hamburg schon als Teenager in Clubs und Studios unterwegs. Gab es Kontakt zur damaligen HipHop-Szene?
Ich habe fast zeitgleich mit D.I.M. angefangen zu produzieren, er war damals Mischer für die Beginner und Samy Deluxe. In dem Studio, wo ich produziert habe, hat nebenan DJ Dynamite an seinem Joni ­Rewind-Album gearbeitet. Man hat sich gesehen und kannte sich, hing aber nicht miteinander ab.

Deine Musik folgt Mustern, die von vielen Produzenten weltweit kopiert werden. Es gibt eine ganze Szene, die auf dem Sound von MSTRKRFT, Justice, A-Trak und dir aufbaut.
Ja, das ist aber ein natürlicher Vorgang. Das ist in allen Genres so – es gibt immer eine Handvoll Leute, die was Frisches bringen, und dann kommen immer mehr Leute, die sich davon inspirieren lassen. Manchmal stimmt es mich traurig, wenn ich sehe, wie groß alles geworden ist und wie viele Scheißsongs entstehen. Gleichzeitig motiviert es mich, wieder etwas Neues zu schaffen. Es lässt sich auch schwer abschätzen, wie lange das noch andauert, da ich mir gut vorstellen kann, dass die Leute irgendwann genug von dem Zeug haben und wieder nach etwas neuem Ausschau halten.

Jesse von MSTRKRFT erzählte mal, dass er mit dir, den Ed Banger-Leuten und A-Trak im Backstage saß. Er sagte, dass die neue Dance-Szene mit einem Schlag ausgelöscht würde, wenn in diesem Raum eine Bombe explodiert.
(lacht) Ja. Es gibt immer ein paar Leute, die zu einer bestimmten Zeit etwas Innovatives produzieren. Ich bin ja auch von extrem vielen Geschichten inspiriert, hatte aber immer den Anspruch, einen eigenen Sound zu kreieren. Das ist doch das Geheimnis: Man hört einen Track und sagt: Das ist Boys Noize, das ist Justice, das ist DJ Premier, das ist Large Professor, das sind die Neptunes. Wenn man etwas bloß nachbaut, hat man schon verloren.

Deutsche Rapper lassen sich längst auch von eurem Sound inspirieren.
Von dem Phänomen habe ich schon gehört, kenne allerdings keine Tracks. Ich würde sehr gerne was Geiles, fett Produziertes auf Deutsch machen, kenne allerdings wenig, was mich wirklich kicken würde.

 
Du arbeitest mit Kelis an ihrem neuen Album.
Ja, die Anfrage kam vom Management. Wir haben denen ein Paket mit Beats geschickt, anschließend war ich in den Staaten auf Tour, da haben wir ein paar gemeinsame Tage verbracht und aufgenommen. Drei Songs haben wir aufgenommen, aber ich weiß nicht, ob die alle auf dem Album landen. Ich glaube, sie weiß selbst noch nicht so recht, wo sie hinwill. Ich hatte das Pech, dass ein Track davon ein Liebeslied war – und was Liebesdinge angeht, läuft’s bei ihr im Moment ja nicht so rund.

Du hast auch einen Remix von Snoop Doggs »Sexual Eruption« gemacht. Hast du darauf Feedback bekommen?
Snoop fand den Remix cool, das habe ich auf jeden Fall mitbekommen. Die Anfrage kam vom Management, weil die meinen Feist-Remix mochten. Aber mit solchen Ansagen kann ich nicht gut umgehen und muss dann immer etwas komplett anderes machen. Der A&R kam wohl gar nicht drauf klar. (lacht)

Wie erklärst du dir das momentane ­Interesse aus dem Mainstream? Mögen die ­Künstler ­einfach deine Musik oder setzen sie ­berechnend auf den aktuellen Trend?
Natürlich geht es um den Trend und worauf die Kids abfahren. Die Künstler wissen schon Bescheid. In den Staaten liegt es meist an den A&Rs, die großen Künstler haben mit der Musik an sich kaum was am Hut. Die A&Rs suchen die Beats, und dann gibt’s halt zehn bis 15 Songwriter, die aus den Vorschlägen charttaugliche Versionen basteln. Erst am Ende kommt der Künstler und nimmt auf. So habe ich das jedenfalls schon oft erlebt.

Die Amis durchforsten momentan scheinbar einfach die »Best Of Eurodance«-CDs.
Das ist ein großes Problem in den Staaten. Die großen Rapper sind alle gute Songwriter, aber von ­elektronischer Musik haben die wenigsten wirklich Ahnung. Die haben einfach nicht das musikalische Verständnis für das Sounddesign der elektronischen Musik, und dann hört sich halt vieles sehr billig an. Auf der anderen Seite gibt es dort auch Leute, die sich gut auskennen: Mos Def hat ja Mr. Flash auf seinem neuen Album, Kanye hat bei Justice angefragt. Das zeigt, dass durchaus ein Austausch besteht.

Mit Will.I.Am warst du ja auch im Studio, oder?
Ja, zweimal. »Let The Beat Rock« mit Gucci Mane und 50 Cent war eigentlich ein Original-Track von mir. 50s Management habe ich daraufhin auch ein paar geschickt. Ich kann aber leider nichts Genaues sagen, da es drüben sehr hektisch läuft und alles sich ständig ändern kann.

 
Viele deutsche HipHop-Produzenten würden einiges dafür geben, an der Entstehung von 50 Cents Album beteiligt zu sein, auch wegen des finanziellen Aspekts.
(lacht) Wenn das klappen würde, wäre das natürlich der Hammer. Aber es ist halt alles noch nicht so weit. Die A&Rs schauen natürlich, was in den letzten Monaten in den Clubs funktioniert hat und wie man das für den Mainstream adaptieren könnte. Diese Entwicklung finde ich allerdings spannend, da ich eine Zeit lang von HipHop extrem abgeturnt war. Den ­ganzen R&B-Kram konnte ich mir gar nicht geben.

Wie war das Splash!-Festival für dich?
Es hat Spaß gemacht, und es ist gut, dass die Festivals merken, dass sich vieles gelöst hat und auch darauf reagieren. Ich glaube allerdings, dass es noch ein bisschen Zeit braucht, bis die Genres gar keine Rolle mehr spielen. Mir ist allerdings aufgefallen, dass die Annäherungen mehr von Seiten der HipHop-Szene kommen. Viele der DJs und Produzenten kommen ja eh vom HipHop: A-Trak, Mehdi, Diplo und so weiter. Ich finde es nur schade, dass die Kids in dieser Bewegung… also, denen fehlt irgendwie die Kultur. Dadurch, dass die Musik durch Blogs groß wurde, wird die Musik einfach nicht wertgeschätzt. Niemand setzt sich wirklich damit auseinander, alles wird sehr schnell konsumiert. Es ist einfach geworden, die Party zu rocken und einen Banger nach dem nächsten zu spielen. Da sind jetzt wieder die DJs gefragt.

Wie erklärst du dir deinen unterschiedlichen Erfolg innerhalb und außerhalb Deutschlands?
Hier waren die Leute lange Zeit mit Scheuklappen unterwegs und hatten sehr bestimmte Vorstellungen davon, wie Musik zu klingen hat. Jetzt merken gerade alle, dass dieser extreme Minimal-Hype schrecklich war. Die waren aber krass davon überzeugt und haben alles andere gehasst. Hier war es lange nicht erlaubt, Spaß im Club zu haben. Zu der Zeit galt mein Label als uncool in Deutschland, und die DJs haben gesagt, sie können unsere Tracks nicht in ihre Sets einbauen. Nun bekomme ich ständig Remix-Anfragen von deutschen Labels und werde auch hier öfter gebucht. Im Ausland bekam ich von Anfang an viel mehr Feedback. Ich hatte ausverkaufte Shows in New York und Los Angeles, oder ich habe innerhalb von einer Woche in Australien und Brasilien gespielt, als mich die Presse hier völlig ignoriert oder schlechtgeredet hat. Obwohl ich keinen Major im Rücken hatte, der Geld reinbuttert.

Text: Ndilyo Nimindé
Foto: Matti Hillig

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