Black Eyed Peas: »Bei ‚I Gotta Feeling‘ wussten wir: Der wird überall laufen« // Interview

Besser spät als nie: Nach mehr als 15-jähriger Pop-Odyssee legen die Black Eyed Peas mit »Masters Of The Sun« wieder in ihrem Heimathafen an. Ihr siebtes Studioalbum ist Balsam für BEP-Fans der ersten Stunde, politisches Statement zur Ära Trump und die endgültige Bestätigung, dass Will.i.am, Apl.de.ap und Taboo ohne Fergie besser sind.

Man muss schon ein paar Jahre dabei sein, um die Black Eyed Peas noch als Vertreter der Sparten »Conscious« oder »Left Coast« zu kennen. Einst von Gangstarap-Godfather Eazy-E entdeckt, suchte das Trio nach dessen Tod auf dem vorläufigen Höhepunkt der Shiny-Suit-Ära nach seinem Platz im Spiel. Der alternative Ansatz des BEP-Debüts »Behind The Front« von 1998 war zwar kein Kassenschlager, verschaffte ihnen aber auch hierzulande als Nachfahren der Native Tongues Respekt. Mit dem zweiten Album »Bridging The Gap«, an dem unter anderem DJ Premier, Mos Def, De La Soul und Wyclef Jean mitwirkten, zierte man im Herbst 2000 sogar das JUICE-Cover. Das Titelblatt eines deutschen HipHop-Magazins sollte jedoch eine der kleineren Errungenschaft in der Karriere von Will, Tab und Ap bleiben.

Knappe drei Jahre später war alles anders: Mit Fergie hatten die Peas auf einmal ein offizielles viertes Mitglied. Zwar hatte man in der Vergangenheit bereits eng mit den Sängerinnen Kim Hill und Sierra Swan gearbeitet, Fergies Ergänzung markierte jedoch eine musikalische Neuausrichtung. Dementsprechend ist die Vita der Band seit dem 2003er-Opus »Elephunk« Popgeschichte und sucht in Sachen Erfolg ihresgleichen. Aber: Aus HipHop-Sicht blieb sie weitgehend uninteressant. Der Pop-Rap des Quartetts diente fortan als Kirmes- und Klassenparty-Soundtrack – »HipHop« war man höchstens noch in der MP3-Sammlung des durchschnittlichen Hochzeits-DJs.

»Masters Of The Sun« ist jedoch der eindrucksvolle Beweis, dass die BEPs mehr sind als die charttaugliche Kapelle, die während der letzten 15 Jahre weltweit über 75 Millionen Tonträger absetzen konnte. Dass Fergie beim Comeback keine Rolle spielen würde, zeichnete sich bereits 2015 ab, als die Band als Trio den Song »Yesterday« veröffentlicht. Der Song, ein Old-Referenz-Sammelsurium und Hommage an Gründerväter und Wegbereiter der HipHop-Kultur, findet aus rechtlichen Gründen keinen Platz auf dem neuen Album. »Selbst die Samples enthielten Samples«, scherzt Will.i.am – trotzdem setzte man so den Startschuss für die Arbeiten an einer Platte, die trotz des Old-School-Vibes frisch, eigen und inspiriert klingt. Ein Eindruck, den die drei Musiker einen Monat vor Release beim Gespräch im Berliner Hyatt bestätigen.

Ihr seht glücklich aus. Seid ihr mit dem Album zufriedener, als ihr es mit vorangegangenen Projekten wart?
Will.i.am: Um ehrlich zu sein, ist »Masters Of The Sun« mein Lieblingsalbum, das wir als Black Eyed Peas gemacht haben.
Taboo: Meins auch.
Will.i.am: Wir waren auf dem absoluten Zenit der Popmusik – es ist ein Segen, was uns unser Erfolg über die Jahre ­ermöglicht hat. Wir haben mit unserer Musik die ganze Welt bereist. Aber jetzt kehren wir zu unseren Wurzeln zurück. Zu Beginn unserer Karriere war es uns enorm wichtig, den Leuten etwas zu vermitteln, ihnen etwas beizubringen und sie zu informieren. Jetzt ein Album zu haben, das in dieser Hinsicht an »Behind The Front« anknüpft, ist total cool.

Auf »MOTS« besinnt ihr euch nicht nur auf eure Anfänge, das Album ist in vielerlei Hinsicht eine Hommage an die Musik, mit der ihr aufgewachsen seid.
Taboo: Slick Rick, die Native Tongues, Soul II Soul – die Liste ist lang.
Will.i.am: Wir haben sehr viel Wert auf einen durchgehenden Vibe gelegt. Wir wollten nicht nur ein paar Songs in diesem Stil machen und uns auf dem Rest des Albums an den Zeitgeist anbiedern.

Als man zu Beginn eurer Karriere über euch schrieb, hieß es nicht selten: Das sind die neuen Conscious-MCs, die nun das Erbe der Native Tongues antreten.
Will.i.am: Sieh mal an. Jetzt sind wir über vierzig und machen das immer noch so. (Gelächter)
Apl.de.Ap: Das Coole ist ja, dass das tatsächlich so passiert ist. Ich kann mich noch gut erinnern, dass wir damals mit A Tribe Called Quest auf Tour waren und Q-Tip uns eines Tages vor deren Tourbus zur Seite nahm und sagte: »Jungs, wir reichen euch den Staffelstab weiter, bringt das Ding aufs nächste Level.« (imitiert Q-Tips nasale Stimme, Gelächter bricht aus)
Will.i.am: Ich hab damals fast geweint, weil mich das so berührt hat.

Apropos Q-Tip: Ihr habt Ali Shaheed und Phife auf der Platte, aber Tip fehlt.
Taboo: Ali hatte mir schon vor längerer Zeit den Beat geschickt. Phife habe ich irgendwann mal vom Flughafen abgeholt. Auf der Fahrt erzählte ich ihm von unserem Plan für das neue Album. Das war kurz nachdem ich mein Krebsleiden überwunden hatte. Er musste regelmäßig zur Dialyse wegen seiner Diabetes, also hatten wir über unsere Krankheiten eine Gemeinsamkeit, die uns irgendwie zusammenschweißte. Wir sind dann ins Studio gefahren, und Phife hat seinen Part eingerappt. Ein paar Monate später verstarb er.

Die Aufnahmen fürs Album haben also mehrere Jahre gedauert. Wie lief die Produktion genau ab?
Taboo: Ap und ich waren im Studio und arbeiteten an Songs – das muss 2015 gewesen sein. Ich kann mich erinnern, dass Will reinkam, sich etwas anhörte und meinte: »Lass mich da mal die Feinabstimmung übernehmen.« Dazu muss man erklären, dass wir alle in verschiedenen Räumen arbeiten: Will sitzt im großen Studio – außerdem haben wir einen Raum für die Vorproduktion und ein Studio, in dem die Songs fertiggemischt werden.
Will.i.am: Und dann gibt’s noch Ap und Tabs Studio – da steht eine »Star Wars«-Figurensammlung. (schmunzelt)
Taboo: Auf jeden Fall haben wir dieses Material eingepackt und sind damit nach London. Will war einer der Juroren bei »The Voice UK«, also haben wir am Rande der Dreharbeiten weiter am Album gearbeitet.

In einer kürzlich veröffentlichten Noisey-Doku sprecht ihr davon, jetzt wieder Musik für euch selbst zu machen. Gab es im Laufe eurer Karriere einen Punkt, an dem ihr nicht ganz die Kontrolle über eure Musik hattet?
Will.i.am: Auf keinen Fall! Wir waren immer Herr der Lage – zu tausend Prozent. Lass es mich dir so erklären: Wir sind Köche. Und wir haben in einem kleinen Foodtruck angefangen. Irgendwann kam jemand und meinte: Yo, das ist super­lecker! Kocht das bitte in meinem Fünf-Sterne-Hotel! Wir dachten zuerst: Wie jetzt? Ihr wollt unsere Rezepte ändern, damit man das Essen in einem Nobelhotel servieren kann? Die Antwort war: Nein, kocht, wie ihr wollt! Wir haben also über viele Jahre an vielen verschiedenen Orten gekocht: Hotels, Kreuzfahrtschiffe, Raumstationen – und dabei einfach Spaß gehabt. Irgendwann sahen wir uns um und dachten: Wie zum Teufel haben wir es mit diesem Essen bis nach Kasachstan geschafft?! Das Wichtige dabei: Wir haben die Zutaten immer selbst ausgewählt. Bis wir uns gegenseitig eines Tages fragten: Yo, habt ihr eigentlich schon was gegessen? Es war an der Zeit, dass wir etwas für uns selbst zubereiten.
Taboo: Jetzt fühlt es sich an, als wäre unser Restaurant wieder ein kleiner Familienbetrieb. Und das schmeckt man auch.

»’I Gotta Feeling‘ wird von Leuten gehasst, die nicht verstehen, wie man möglichst viele Leute musikalisch abholt«

Um mal bei diesem Vergleich zu bleiben: Wie haben das die Besitzer des Luxushotels aufgenommen, als ihr ihnen von euren Plänen erzählt habt?
Will.i.am: Die sind nur die Bank. Wir reden hier von Jimmy Iovine – der setzt sich nicht hin und erklärt uns, was wir zu tun und zu lassen haben.
Apl.de.ap: Er stellt uns nur eine sehr nette Küche zur Verfügung.
Will.i.am: Um ehrlich zu sein: Es gab im Laufe unserer Karriere nur einen Song, den wir eigentlich nicht auf dem Album wollten. Als wir uns dazu breitschlagen haben lassen, wollten sie daraus eine Single machen. Jedes Mal, wenn wir den Song performen, denke ich nur daran, wie sehr ich ihn hasse.

Du sprichst aber nicht zufällig von »I Gotta Feeling«, oder?
Will.i.am: Hell no! Den liebe ich! Der Song wird von Leuten gehasst, die nicht verstehen, wie man möglichst viele Leute musikalisch abholt. Alle wollen Dinge für sich behalten. Das schiere Konzept, dass alle miteinander auskommen, nervt viele Leute, die auf Inseln leben. Es gibt Insulaner und es gibt Stadtmenschen. Wir sind Stadtmenschen. Wir wissen aber auch, wie man Musik für Insulaner macht – eine kleine Nische zu bedienen, kann auch Spaß machen. Jede Gruppe, die zu Beginn ihrer Karriere eine gewisse Glaubwürdigkeit aufbaut, geht durch Phasen, in denen Fans aus ihrer Anfangszeit an ihren Fähigkeiten zweifeln. Bei »I Gotta Feeling« wussten wir: Der wird überall laufen: College-Partys, in Sportstadien, auf Geburtstagen, Hochzeiten, Bar Mitzwas. Es war zu erwarten, dass einige Leute dann sagen: Eure Texte sind corny, meine kleine Schwester hört euch jetzt. Bei unserer ersten Platte beschwerten sich Leute noch darüber, dass wir nicht über Gangbanging rappten. Über so was können wir einfach nur lachen.

Ihr habt also früh gelernt, nicht zu viel auf die Meinungen anderer zu geben.
Will.i.am: Ich halte es für ein Zeichen von Charakterschwäche, wenn man sich zu sehr von anderen Meinungen beeinflussen lässt.
Taboo: Q-Tip und De La Soul haben uns Anfang der Neunziger gezeigt, was möglich ist. Tip hat »Mr. Muhammad« und anschließend »Groove Is In The Heart« gemacht. Bei De Las »Ring Ring Ring« war ich total perplex – ich konnte es nicht fassen, dass die einen Gesangspart in dem Song hatten! Das war einfach ein Rapsong über einen Anrufbeantworter. Das ist die Blaupause dafür, wie man richtige Rapsongs macht – nicht einfach nur Rapmusik, sondern richtige Songs. Das haben sie uns beigebracht.

Ihr habt ein paar Zeilen auf dem Album, in denen es um sogenannten »Mumble Rap« geht. Was haltet ihr von HipHops Status quo?
Will.i.am: Es ist schon einzigartig, was gerade passiert. Persönlich berührt mich das nicht. Viele aktuelle Sachen höre ich mir nicht an. Aber es freut mich für jeden einzelnen Künstler, der Erfolg hat. Ich kann nicht haten, wenn jemand Geld verdient und damit seine Lebensumstände verbessert.
Taboo: Viele Künstler, die jetzt populär sind, haben es verstanden, trotz ihres jungen Alters aus ihrem Hobby ein Geschäft zu machen. Das ist absolut lobenswert. Wir hatten damals kein Social Media, um uns Reichweite aufzubauen.
Apl.de.ap: Was den gerade angesagten Style angeht: Alles funktioniert in Zyklen. Es werden wieder andere Formen von HipHop kommen, keine Frage.
Will.i.am: Ich will hier keine Puristen verärgern und möchte es auch nicht unbedingt miteinander vergleichen, aber die »Bum-stiggedy-bum«-Lyrics von Das EFX Anfang der Neunziger waren auch nicht übermäßig geistreich. Aber es war cool – wir fanden das damals total dope. Man kann der Jugend keinen Vorwurf dafür machen, dass sie bestimmte Musik – aus welchen Gründen auch immer – gut findet. Es ist auch nicht so, dass wir Mumble Rap abgrundtief hassen. Wir haben eine Meinung dazu, die wir kundtun.

»Wir hassen Mumble Rap nicht abgrundtief«

Gleichzeitig ist »Masters Of The Sun« sehr politisch. Ihr rappt über Reformierung des Gefängnissystems, »Black Lives Matter« und die Migrationspolitik. Gibt es gerade genügend politischen Rap?
Will.i.am: Es fühlt sich aktuell an, als wären wir wieder in den Zwanzigern. 1918 wurden in den USA Leute aufgrund ihrer Hautfarbe gelyncht. Nenn mir den politischen Song, der damals in den Speak­easies und Cotton Clubs lief, in dem diese Umstände thematisiert wurden. Die Musik damals diente der Unterhaltung. Aber spul vor zu Mahalia Jackson oder Nina Simone: Da wird es politisch. Gleichzeitig haben Athleten wie Jesse Owens, Muhammad Ali, Jim Brown und Kareem-Abdul Jabbar Stellung bezogen. Genauso ist es heute: Es gibt Musik, die sich positioniert, aber auch einen Haufen Twist-&-Shout-Mucke.

Kann eure Musik etwas bewirken?
Will.i.am: Viele Sportler äußern sich erst nach Ende ihrer aktiven Karriere. In der Musik ist es ähnlich: Du wirst nie besonders viel Geld mit Musik verdienen, die sich mit sozialen Missständen auseinandersetzt oder einen Wandel anstoßen will. Viele Künstler wollen deswegen ihre Karriere nicht aufs Spiel setzen, indem sie sich politisch äußern würden. Aber unser Durchbruch, auch in finanzieller Hinsicht, war »Where Is The Love«. Wir haben also keine Angst, den Mund aufzumachen. Man kann davon leben, Dinge zum Positiven verändern zu wollen. Schau dir an, wie viele NGOs es gibt und wie viele Menschen beruflich für wohltätige Zwecke arbeiten. Aber wir brauchen noch mehr davon – auch in der Musik. Bitches zu schlagen, sie zu prostituieren und Frauen in seiner Kunst abzuwerten, sollte nicht die einzige Art und Weise sein, wie man als Rapper erfolgreich sein kann. Denk mal drüber nach: Menschen aus prekären Lebensumständen machen Musik, die diese Umstände aufrechterhält und glorifiziert. Falls sich das irgendein Mastermind ausgedacht hat, ist das auf jeden Fall ein verrückter Motherfucker.

Text: Jakob Paur
Foto: Universal

»Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #189. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Shop bestellen.«

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