Interview: Birdy Nam Nam

 

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Hört man “Manual For Successful ­Rioting”, das zweite Album von Birdy Nam Nam, ­erschließt sich zunächst nicht, mit was für einer Art ­Musikgruppe man es zu tun hat. Vordergründig hört man hier druckvolle französische Elektronik zeitgenössischer Bauart, druckvoll bis zum Dorthinaus, ­charakteristisch komprimiert, melodisch, tanzbar und mit OldSchool-Querverweisen versetzt – der Vergleich mit den ­Pariser Kollegen von jedermanns Lieblingslabel Ed ­Banger drängt sich geradezu auf. Dabei können DJ Need, DJ Pone, Crazy-B und Little Mike auf eine glorreiche Vergangenheit als Turntablists zurückblicken, DMC-­Weihen und ein komplett per Vinyl, Mixer und Turntables ­eingespieltes Frickel-Album inklusive. Über ihre musikalische ­Entwicklung hin zu einer Live-Band, die eben ­Turntables anstelle von Instrumenten benutzt, sprachen wir mit Need und Little Mike – Crazy-B spricht nämlich, äh, ­ungern Englisch. Und Pone nutzte die Zeit vor dem Gig ­lieber dafür, zusammen mit lokalen Writern eine ­Münchner Wand per Dose neu zu gestalten…

 

Wie seid ihr überhaupt zur Musik gekommen?
Little Mike: Wir haben natürlich alle ganz unterschiedliche Geschichten, aber bei uns allen war es so, dass wir zunächst allgemein über Musik und dann über das Scratch-Ding im Speziellen zum Musikmachen gekommen sind. Wir haben unabhängig voneinander angefangen, an Battles teilzunehmen, und so haben wir uns letztendlich getroffen. 2002 haben wir als Team die DMC World Championships gewonnen, woraufhin wir uns entschlossen haben, die Battles bleiben zu lassen und uns aufs Musikmachen zu konzentrieren. Und hier sind wir! (lacht)

 

 

Kann man sagen, dass ihr alle einen HipHop-Background habt?
Little Mike: Ja, man kann schon sagen, dass wir einen “realen” HipHop-Background haben… (lacht)
DJ Need: Das ist sehr unterschiedlich bei uns, Crazy-B legt ja schon seit 1985 Soul und Funk auf. Aber wir alle haben uns schon mit anderer Musik beschäftigt, bevor wir angefangen haben, HipHop zu produzieren. Little Mike hat Punkrock und so Zeug gehört, ich bin früher Skateboard gefahren, und da hab ich viel Hardcore- und Straight Edge-Mucke gehört. Danach haben wir HipHop entdeckt und angefangen, HipHop-Musik aufzulegen.

 

Warum habt ihr überhaupt angefangen, euch für Turntablism im Team zu interessieren?
DJ Need: Dadurch hat man die Möglichkeit, sich wirklich musikalisch auszudrücken, anstatt einfach nur alleine Battles durchzuziehen. Ich persönlich fand Battles nie so spannend wie etwa Mike. Ich brauche diesen musikalischen Austausch, wie er in einer Band stattfindet.

 

Habt ihr euch durch diese Battle-Sachen ­musikalisch eingeschränkt gefühlt?
DJ Need: Bei den Battles war uns immer bewusst, dass wir nicht die neuen Q-Berts sind. Und auch wenn wir uns wirklich sehr für Scratching interessiert haben, wollten wir immer etwas Persönlicheres und Musikalischeres machen. Wir haben dann ja auch unser erstes Album aufgenommen, wobei wir nur Vinyl und einen Mehrspur-Recorder benutzt haben. Das war eine riesige, experimentelle Collage und das erste Mal, dass wir wirklich Musik gemacht und dabei versucht haben, unseren Weg zu finden. 2002 haben wir dann knapp 200 Shows auf der ganzen Welt gespielt, wodurch sich auch unsere Musik weiter­entwickelt hat. Viele Stücke von unserem Album konnten wir nämlich nicht live spielen, da sie einfach zu downtempo und introspektiv waren, also haben wir angefangen, an kraftvollen und energiegeladenen Songs für unser Live-Set zu arbeiten. Daher klingt das zweite Album auch viel elektronischer. Für uns war diese Sample- und Collagen-Sache gegessen, und wir waren der Meinung, dass wir mit dieser Technik kein besseres Album machen könnten als unser erstes, also fokussierten wir uns auf Programming und Synthesizer.

 

Aber live setzt ihr das Ganze immer noch ­mittels Turntables um.
DJ Need: Ja. Das Album wurde auch um die ­Turntables herum komponiert, auch wenn wir echte Synthies benutzt haben anstelle von Samples. Wir haben uns selbst gesamplet und eigene Melodien eingespielt.
Viele Fans des ersten Albums können eure ­musikalische Entwicklung bestimmt nicht auf Anhieb nachvollziehen. Interessiert euch das?
DJ Need: Das ist uns schon bewusst. Aber das ist einfach unser musikalischer Weg. Es war ein langer Weg, und diese Musik ist eben dabei rausgekommen, als wir im Studio waren. Auch für das dritte Album wollen wir das Konzept beibehalten, unsere Musik sowohl mit Turntables als auch Computern und echten Instrumenten zu produzieren.

 

Wurdet ihr dabei von anderen Produzenten beeinflusst? “Manual For Successful Rioting” klingt doch ziemlich, na ja, französisch.
Little Mike: Ach ja? Ich denke, wir werden andauernd von allen möglichen Sachen inspiriert, aber nicht unbedingt von der französischen Szene. Wir versuchen jedenfalls nicht, in diesem französischen Movement stattzufinden. Wir sind eben heute an diesem Punkt, morgen werden wir schon wieder ganz woanders sein. Vielleicht wird das nächste Album ja ein Punk-Album, wer weiß? Oder vielleicht Pop? Wir wollen einfach das machen, wonach uns gerade der Sinn steht. Ich bin ohnehin der Meinung, dass dieses Album viel mehr HipHop ist als das erste. Das neue Album hat deutliche Einflüsse von OldSchool-HipHop. Viele HipHopper reduzieren HipHop auf die Zeit von 1990 bis 1996, aber gerade davor wurde von Elektronik, Rock bis Disco alles gesamplet und als Einfluss zugelassen. Es ist eine sehr europäische Sichtweise, HipHop so zu sehen.

 

DJ Mehdi meinte im JUICE-Interview, dass die Leute nach 25 Jahren endlich Afrika ­Bambaataa verstanden hätten, dass also ­elektronische Musik und HipHop letztlich demselben Geiste entspringen. Stimmt ihr dem zu?
Little Mike: Ja. Aber am Ende ist die darin ­enthaltene Wahrheit schlicht die, dass Musik einfach eins ist. Punkrock und Ghetto-Tech ist für mich das ­Gleiche. Es geht um Energie.

 

Wie genau setzt ihr die Musik vom neuen ­Album mit Turntables live um?
DJ Need: Die Umsetzung ging eigentlich ganz natürlich vonstatten: Wir benutzen jetzt Pads, die es uns erlauben, programmierte Basslines und solche Elemente zu spielen, denn manches kann man einfach nicht ausschließlich mit Turntables und Mixer machen. Außerdem benutzen wir jetzt auch Serato, davor haben wir unsere eigenen Vinyls gepresst. Jetzt können wir an einem Tag etwas Neues produzieren und es gleich am nächsten Tag spielen. Aber grundsätzlich benutzen wir jeder zwei Turntables, einen Mixer, ein Pad und ein Multi-Effektgerät. Wenn wir einen Song fertig haben, dann entscheiden wir, wer was spielt, aber es läuft eigentlich immer darauf hinaus, dass wir die Songs in anderen Versionen spielen, als man sie auf dem Album hört.

 

Das ist auch ein Grund, warum ihr darauf ­besteht, eine richtige Band zu sein, oder?
DJ Need: Das ist einfach so. Wir spielen Musik, auch wenn diese Musik zuvor programmiert wurde. Letztendlich sind live ja nur Kicks und Snares ­programmiert, alles andere wird dazu gespielt.
Little Mike: Wir sind auch gerade dabei, ein paar Instrumente spielen zu lernen.

 

Also kann es passieren, dass ihr in Zukunft mit Instrumenten auftretet?
Little Mike: Ja natürlich, das könnte durchaus Spaß machen. Wer weiß, wenn wir in zehn, 20 ­Jahren noch zusammen sind – und wenn Crazy-B da überhaupt noch am Leben ist… (Gelächter)

 

Warum sollte er dann nicht mehr leben?
Little Mike: Er ist uralt! (lacht)

 

 

Ist das ein Thema für euch, dass ihr eigentlich aus verschiedenen Generation seid?
Little Mike: Ja, schon. Ich bin 26, Crazy-B ist 40. Need ist 31, Pone ist 33.
DJ Need: Wir haben alle völlig verschiedene Backgrounds, aber das ist okay. Und vielleicht ist das der Grund, warum wir so gut zusammenarbeiten, wir verstehen und respektieren uns gegenseitig.

 

Verfolgt ihr die aktuelle Turntablism-Szene ­eigentlich noch?­
Little Mike: Nicht wirklich, das langweilt. Früher hatten die DJs noch Charisma und haben wirklich gespielt. Jetzt sieht man nur noch irgendwelche Nerds mit Kappen auf, die in ihrem Schlafzimmer irgendwelche Techniken geübt haben, die sie im Internet gesehen haben. Es ist einfach nicht mehr funky.

 

Denkt ihr, dass der technische Fortschritt ­Turntablism seiner Faszination beraubt hat?
DJ Need: Früher hat das Ganze nicht so sehr nach festgefahrenen Regeln funktioniert. Und es gab einfach großartige Persönlichkeiten wie etwa DJ Craze mit seinen Drum & Bass-Einflüssen, die er in seinen ganz eigenen Routines verarbeitet hat. Jetzt gibt es viel mehr Regeln, alle gehen nach Rezept vor. Leute wie Q-Bert hingegen waren noch echte Innovatoren. Bei vielen von den neuen DJs habe ich das Gefühl, dass sie noch nicht wirklich realisiert haben, dass sie da eigentlich Musik machen.

 

Eure Live-Shows haben hingegen mittlerweile schon eher Konzert-Charakter als den eines DJ-Gigs.
DJ Need: Ja, wir sehen das auf jeden Fall als ­Konzert. Wir spielen ja auch lieber auf großen ­Festivals zwischen Rockbands, als in irgendwelchen riesigen Techno-Venues zwischen irgendwelchen DJs. Wir legen ja solo auch in Clubs auf und spielen elektronische DJ-Sets, aber als Birdy Nam Nam fühlen wir uns auf Festivals viel wohler. Dieses Jahr haben wir z.B. schon nach Iggy Pop gespielt, nach Kanye West oder Lenny Kravitz. Das ist es, wo wir hingehören und uns wohlfühlen – vor uns eine Reggae-Band, nach uns eine Rockgruppe.

 

Text: Marc Leopoldseder
Foto: Markus Werner

 

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