»Bei John F. Kennedy bezweifelt niemand, dass er tot ist« // Interview mit einer Justizexpertin (2006)

Seit unserem 20. Jubiläum vergangenen Dezember veröffentlichen wir unter dem Hashtag #20JahreJUICE Meilensteine der JUICE-Geschichte erstmals digital. Heute lest ihr ein Interview mit der Crime-Journalistin Cathy Scott anlässlich des 22. Todestages von Tupac »2Pac« Shakur.

Als Gerichtsjournalistin betreute Cathy Scott bereits seit Jahren die Kolumne »Crime and Punishment«. Anfangs war der Tupac Shakur Fall wie jeder andere. Doch mit zunehmenden Medieninteresse und zunehmenden Ungereimtheiten innerhalb der polizeilichen Untersuchungen wusste Scott: Ein Buch muss her. Der Verlag Huntington Press aus Las Vegas, dessen Sortiment weitere Fachbücher Es gib wie »Telling Lies and Getting Paid«, »Black Jack 102« sowie wie Enthüllungswerke wie »Confessions Of A Stripper umfasst, griff zu. So erschien 2002 »The Killing Of Tupac Shakur«, der bisher kommerziell erfolgreichste Versuch, Licht in die Vorgänge des 6. September 1996 zu bringen. Im Interview präsentiert sie Ihren Haupt- und entlastet die üblichen Verdächtigen.

Wozu braucht die Welt ein Buch über den Mord an Tupac Shakur?
Weil die ganze Sache extrem dubios und unübersichtlich ist. Es beginnt schon bei der Beweisaufnahme am Tatort. Es wurden keine Fotos gemacht, da angeblich der Verkehr zu dicht war und der Fotograf deswegen nicht an den Tatort gelangte. So verschenkte das Las Vegas Police Department wertvolle Informationen. Auf der anderen Seite gibt es ein riesiges Netzwerk aus möglichen Drahtziehern, Verschwörern, Verrätern und einem Mörder. Das ist Grund genug, der Sache mal auf den Grund zu gehen. Und d.

Wer war der Mörder?
Vermutlich Orlando Anderson. Er war vor Ort und wurde Stunden vor dem Mord von Tupac geschlagen. Er hatte somit ein Motiv und es war darüberhinaus leicht für ihn, Tupac ausfindig zu machen.

Also liegt Chuck Philipps in der Los Angeles Times daneben? Er hatte behauptet, Biggie wäre ebenfalls in Vegas gewesen.
Jaja, aber was war seine Quelle? Philipps sprach mit einem kleinen Gangster aus Compton, der in die Sphären, in denen sich so ein Verbrechen abspielt, niemals eingeweiht werden würde. Ich habe ebenfalls meine Kontakte bemüht, aber es gibt keinen Beweis, dass Biggie in Vegas war. Sie haben die Geschichte aufgeblasen, mehr nicht.

Also Freispruch für Biggie und das Bad Boy-Camp?
Es gibt zumindest keine Beweise, die gegen sie sprechen. Es gibt Zeugenaussagen, die bestätigen, dass Biggie zur Tatzeit in einem New Yorker Studio Aufnahmen machte. Angeblich war auch Puffy bei ihm. Außerdem war Biggie kein Killer. Er war niemand, der einfach mal so 20.000 Dollar auf den Tisch legt und zwei Wochen später ist sein Gegenspieler tot. Aber das ist nur meine Meinung.

Bleibt Suge Knight als große Unbekannte…
Da erscheinen mir viele Dinge komplett unlogisch. Erstens: Suge Knight ist ein Blood, der vermutliche Schütze Orlando Anderson gehörte zu den Crips. Es ist gänzlich auszuschließen, dass Suge einen Killer aus den Reihen der Crips anheuert. Das wäre viel zu riskant für ihn selbst. Zweitens: Wenn man unbedingt jemanden umbringen möchte, dann sitzt man doch im Fluchtwagen oder zumindest neben dem Typen mit der Waffe. Es ist dumm, sich neben das Opfer zu setzen und es herumzufahren, während jemand mit einer Automatik das Auto zerlegt. Und dumm ist Suge Knight garantiert nicht.

Und dennoch halten sich die Gerüchte hartnäckig – auch weil Suge Knight kaum verletzt wurde.
Und wen wundert das? Die Kugeln blieben in Tupacs Körper, somit wurden abgelenkt oder erheblich abgebremst. Reine Physik.

»Es ist auszuschließen, dass Suge  KNIGHT einen Killer aus den Reihen der Crips anheuert.«

Wie steht es mit Zeugen?
Orlando Anderson hatte noch drei weitere Personen im Wagen. Nach Aussagen von Gangmitgliedern war auch er der Schütze. Die ballistischen Untersuchungen wurden niemals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.Die Polizei erklärte lediglich, dass die Schüsse von einer hochkalibrigen, automatischen Waffe abgegeben wurden. Eine solche Waffe wurde bei einer Scheißerei in Andersons Haus sichergestellt. Eine Glock, Kaliber 40. Die Polizei hat sie allerdings nie ballistisch untersucht.

Somit hätte man die Tatwaffe gehabt.
Richtig. Aber zurück zu den Zeugen. Yafeu Fula alias Kadafi war Augenzeuge. Er bestätigte auch, dass er eine Beschreibung abgeben könnte. Allerdings starb er ein paar Monate nach Tupacs Tod. Es gab ebenfalls ein paar Passantinnen, die den Vorfall beobachtet haben könnten. Nach Angaben der Polizei konnten ihre Aussagen allerdings nicht weiterhelfen. Bleibt nur noch Frank Alexander. Er fuhr im Auto hinter Suge Knight und Tupac. Aber er konnte nichts sehen. Wir wissen nur, dass der Schütze sehr nahe an Tupac gewesen sein musste, als er das Feuer eröffnete.

Aus dieser Unwissenheit entstehen die Theorien, oder?
Und wie. Aber die meisten sind kompletter Unsinn. Ich bekomme ständig E-Mails mit den wirrsten Ideen und Schuldzuweisungen. Das Problem ist, dass durch die mangelhafte Polizeiarbeit extrem viel Raum für Interpretationen bleibt. So bleibt der Mord ein ungelöstes Rätsel. Und ungelöste Rätsel faszinieren die Menschen.

Ähnlich wie bei John F. Kennedy?
Nein. Bei John F. Kennedy bezweifelt wenigstens niemand, dass er tot ist.

Interview: Epée Hervé Dingong
Übersetzung: Daniel Köhler

Dieses Interview erschien erstmals in JUICE 2Pac Special Issue im September 2006.

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