B.G. Knocc Out: »Dre und Cube waren nicht mehr mit Eazy befreundet, als er im Sterben lag.«

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Anfang 1993 in Compton: N.W.A sind Geschichte, sämtliche Autoradios pumpen »The Chronic«. Dr. Dres Solo-Debüt setzt sich nicht nur in den oberen Chartregionen fest, sondern featurt einen jungen Schlaks aus Long Beach namens Snoop Doggy Dogg, der gleich auf den ersten Zeilen des Albums das lyrische Feuer gegen Dres ehemaligen Band-Kollegen Eazy-E eröffnet. Der wiederum verdient aufgrund eines Deals zwischen seinem eigenen Imprint Ruthless Records und Death Row Records, wo »The Chronic« erscheint, an den Disses gegen ihn sogar mit. Aber die Rapper-Ehre ist verletzt, die Zeichen stehen auf Rache. Doch Eazy fehlt ein Ghostwriter, jemand, der seine Wut und den verletzten Stolz auf kreative Art zu kanalisieren weiß. Auftritt Gangsta Dresta und B.G. Knocc Out: Die beiden Brüder werden ins Studio zitiert, wirken sofort entscheidend an Eazys legendärer Antwort-EP »It’s On (Dr. Dre) 187um Killa« mit und sichern sich so auf ewig ihren Platz in der Geschichte des Gangsta Rap.

B.G. Knocc Out ist damals gerade 18 Jahre alt, aber keineswegs mehr grün hinter den Ohren. Als aktiver Crip hat er sich im Laufe seiner Jugend einen zweifelhaften Ruf erarbeitet. Dass die anschließende Fehde mit Snoop und dessen Dogg Pound auch goldene Schallplatten zur Folge hat, ist ein netter Nebeneffekt. Im Gespräch mit JUICE erinnert sich B.G. an die Studioaufnahmen zu »Real Muthaphuckkin G’s«, Golfplatzschlägereien mit Nate Dogg und sein Verhältnis zu Jerry Heller.

Du bist Mitglied der Nutty Blocc Compton Crips. Wie alt warst du, als du in die Gang aufgenommen wurdest?
Ich kam als Gangmitglied auf die Welt. Meine Urgroßeltern zogen 1956 als eine der ersten schwarzen Familien nach Compton. Also war meine ganze Familie in der Gang. So ist das bei uns. Jemand wie Nipsey Hussle, der in Crenshaw in 60s [Rollin 60s Crips, örtliche Crip-Gang; Anm. d. Verf.] geboren wurde und aufwuchs, hat gar keine andere Wahl. Die Möglichkeit, in die Gang aufgenommen zu werden, besteht nur für Leute von außerhalb.

Dre stellt sich dar, als wäre er der Drahtzieher des Projekts N.W.A

Wie darf man sich deine Entwicklung vom Gangbanger zum Rapper, der von Eazy-E protegiert wird, vorstellen?
Meine Mutter musste in den Knast, als ich zehn war. Das hatte zur Folge, dass ich und meine Geschwister in Pflegeheime gesteckt wurden. Dresta, mein ältester Bruder, kam von dort irgendwann in einen Jugendknast. Er hatte damals schon angefangen zu rappen. Ich war damals depressiv, weil meine Mutter in Haft saß und ich von meinen Brüdern getrennt war. Ich dachte nicht im Entferntesten daran, mit dem Rappen anzufangen. Aber Dresta schrieb mir Briefe und berichtete, dass er sich im Knast einen Ruf als talentierter Rapper erarbeitet hatte. Da es nur drei Jugendstrafanstalten in ganz LA County gab, traf man dort auf Jugendliche aus dem ganzen Landkreis. Es lohnte sich also, drinnen einen Ruf zu genießen. Die Kids, die entlassen wurden, erzählten draußen vom dopen Rapper namens Dresta. So kamen wir auch an Eazy: Der Typ, der ihm uns vorstellte, war einer seiner Neffen und hatte zuvor zusammen mit Dresta gesessen. Als mein Bruder entlassen wurde, kam der Typ bei uns vorbei und fragte, ob wir ihm und seinen Homies nicht was vorrappen könnten. Sie würden uns dann am nächsten Tag mit ins Studio nehmen. Zu dem Zeitpunkt hatten wir keine Ahnung, dass von Eazy-Es Studio die Rede war. Als sie dann zum ersten Mal ins Studio fuhren, war ich nicht dabei und konnte es kaum glauben, als Dresta mir am Abend die Aufnahmen vorspielte, auf denen er mit Eazy zu hören war. Sie hatten direkt damit angefangen, »Real Muthaphuckkin G’s« zu schreiben. Ich hatte ursprünglich also gar nichts mit dem Track zu tun. Bei den Aufnahmen lief dann etwas schief, als Eazys letzter Part aufs Band überspielte wurde. Es klang ganz anders als der Rest des Songs, also musste etwas Neues her. Ich saß eigentlich nur in der Ecke rum, aber auf einmal schauten alle zu mir rüber und Eazy meinte: »Lassen wir’s ihn doch mal versuchen.« Also stellte ich mich in die Booth und rappte einfach Lines, die ich auswendig konnte. Ich hatte aber natürlich keine Disses gegen Dre und Snoop parat. Es bestand ja auch gar kein Grund. Dre war mein Idol, da er Teil von N.W.A war. Ich hatte »The Chronic« zuhause rauf und runter gehört. Also fing ich an, Sachen zu freestylen. Irgendwann meinte dann jemand nach einer Line: »That’s it! Komm raus, schreib die Zeilen auf und rap das noch mal sauber ein.«

 
Das war also dein allererstes Studioerlebnis überhaupt?
Wirklich das allererste. Als ich dort ankam, hatten sie schon angefangen, den Song aufzunehmen. Eigentlich war der Song auch schon fertig, weil mein Bruder sowohl seinen als auch Eazys Strophen geschrieben hatte. Aber die Aufnahmen waren noch nicht ganz im Kasten. Mit Eazy lief das folgendermaßen: du musstest ihm die Strophen einrappen, er setzte sich dann hin und hörte sich die Aufnahme wieder und wieder an, bevor er in die Booth ging. Bei »Real Muthaphuckkin G’s« waren sie gerade an dieser Stelle angekommen, als ich zum ersten Mal im Studio auftauchte.

Also warst du auf einmal in diesem Beef gelandet, das dich doch eigentlich gar nichts anging. Was ist dann passiert?
Dre hatte Ruthless verlassen und zusammen mit Suge Knight Death Row gegründet. Auf »The Chronic« gab’s dann den Song »Fuck Wit Dre Day«, auf dem sich Dre schlecht über Eazy redete. Und ich lernte Eazy eben genau zum Zeitpunkt kennen, als er sich dafür rächen wollte. Aber natürlich waren N.W.A. meine Vorbilder. Auch wenn Eazy immer mein Liebling in der Gruppe war, habe ich zu allen aufgesehen. Es hat mich inspiriert, dass sie aus ähnlichen Verhältnissen stammten wie ich und über die Stadt rappten, in der ich geboren und aufgewachsen war. Zum Zeitpunkt, als Eazy uns zu sich holte, waren wir richtig tief in diesem Straßenscheiß drin. Die Mentalität eines Gangbangers ist: »I don’t give a fuck! Niemand ist vor mir sicher.« Als Eazy uns mit diesem Vorschlag kam und uns die Möglichkeit gab, weltweite Bekanntheit zu erlangen, haben wir nicht lange nachgedacht. Die Situation war vom Prinzip her identisch dazu, wie Snoop bei Dre anheuerte. Es gab ja zwischen uns und Dre keine persönlichen Probleme.

Aber die ließen nicht lang auf sich warten.
Absolut. Ich hatte auch das Gefühl, dass sich die Death-Row-Jungs davon noch eher angegriffen fühlten. Mir war das vom Prinzip her egal, ich war gleichzeitig immer noch auf den Straßen unterwegs und machte ganz andere Sachen. Das hier war für mich nur Musik. Ob man sich deswegen jetzt auf die Fresse haute oder gleich die Waffe zog, war mir egal. Das gehörte eh zu meinem Alltag. Bei einer Preisverleihung Ende 1993 merkte ich dann zum ersten Mal, wie wütend die anderen eigentlich auf uns waren. Snoop schrie uns schon von weitem an und wenn sich nicht gefühlt hundert Leute in den Weg gestellt hätten, wäre es damals schon eskaliert. Aber von da an gab es des Öfteren Probleme zwischen den beiden Lagern. Die Szene auf dem Golfkurs, die man von Youtube kennt, war aber das einzige Mal, das etwas auf Kamera festgehalten wurde.

 
Hat das dann auch dazu geführt, dass ihr »D.P.G./K.« aufgenommen habt?
Nein, nicht ganz. Wenn du in L.A. auf der Straße aktiv bist, wird dir dein Ruf vorauseilen, die Leute werden also auch in anderen Viertel mitbekommen, wer du bist. Als Snoop und seine Leute nachgefragt haben, wer wir sind, kam wohl zurück, dass wir einiges auf dem Kerbholz haben und diesen Gangbanging-Scheiß ganz schön ernst nehmen. Er schickte dann ein paar Mal ein paar seiner Leute vorbei, damit wir die Probleme vom Tisch schaffen können. Er ließ uns ausrichten, dass er kein Beef mit uns habe, da es schließlich ja alles nur Musik wäre. Er hätte eben zu Dre gehalten, da er sein Mentor war. Für uns war die Situation ziemlich identisch, nur dass wir mit Eazy auf der anderen Seite standen. Ich hatte »The Chronic« davor rauf und runter gehört und fand es dope. Aber Dre und Snoop hatte eben auch Suge, der bezüglich der Situation mit Eazy Einfluss auf die beiden nahm. Suge und seine Leute waren Bloods, da liegt es in der Natur der Sache, dass die schlecht über uns redeten. Wir dachten trotzdem, die Sache wäre gegessen, bis der »Murder Was The Case«-Soundtrack erschien, auf dem der Dogg-Pound-Song »What Would You Do« zu hören war. Daz rappt darauf: »Fuck B.G. Knocc Out and every nigga down with him«, Snoop war in der Hook zu hören. Wir hörten den Song und fühlten uns verascht. (lacht) Also gingen wir ins Studio und nahmen »D.P.G./K.« auf.

 

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