Autorencharts 2015: Gordon Wüllner (freier Autor)

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04. Scarface – »Deeply Rooted« (LP) / »Diary of a Madman« (Buch)

Scarface
Die Geto Boys waren meine Jugendhelden, Scarface hat mich mit zehn Jahren zum Rap-Fanatiker gemacht. Natürlich bietet das eine Steilvorlage dafür, mir eine rosarote Fanboy-Brille aufzusetzen. Aber ich gebe gerne zu, dass Scarfaces Discografie keineswegs lupenrein ist. Nur: »Deeply Rooted« ist viel besser als erwartet. Die LP klingt wie Grown-Man-Rap klingen sollte: Grandpa Jordan versucht keine Trends zu adaptieren, sondern konzentriert sich auf seine musikalischen Wurzeln: Soul, Gospel, eben das, was seine Großeltern selbst damals hörten. Passend dazu sinniert er über das Straßenleben, ohne sich dabei selbst einzumischen. Viel mehr gibt er sich als lässig von der Hoodporch preachender OG. Das Album klingt entschleunigt, als hätte Face sich im Studio zurücklehnen können. Warum das so ist, erklärt seine Biografie »Diary of a Mad Man« – und diese Verbindung habe ich auch versucht, in meinem Text in JUICE #170 herzustellen. Scarfaces Leben war völlig durchgeknallt, ein von enormen Niederlagen und Siegen gezeichneter Action-Blockbuster. Und »Deeply Rooted« sowie »Diary of a Mad Man« zeigen eben zum ersten Mal den Scarface, der die Ruhe in seinem Leben gefunden hat, der entspannt auf seine vielen Höhen und Tiefen zurückblicken kann. Das Buch war aber auch deswegen ein so großes Highlight für mich, weil ich Backgroundstories zu so ziemlich jedem Member des früheren Rap-A-Lot-Roster mitgeliefert bekommen habe, meinem absolutem Lieblingslabel der Neunziger. Außerdem ist es so herrlich ungefiltert geschrieben. Alleine das Vorwort: »One minute I’m just another nigga with no father from the Southside of Houston, the next minute motherfuckers are calling me the Godfather of Southern Rap (whatever that means).« Mad entertaining.


03 – Nickelus F – »Vices« (LP)
Nickelus F
Mit meiner Review in der JUICE #170 hatte ich eigentlich alles gesagt: »Rund ein Dutzend Mixtapes lang führte Nickelus F ein Dasein als überdurchschnittlicher Battle-Rapper ohne eigenen Soundstempel. Und dann, 2013, erfand sich der Virgina-Patriot unter dem Alias »Sweet Petey« grundsätzlich neu, als sich selbst komplett produzierender druggy Freigeist: ranzig-nasale Stimmenexperimente, beschwipster Autotune-Gesang, textliche Begegnungen mit seinen eigenen Dämonen und Beats, irgendwo zwischen den düsteren Memphis-Dungeons der Neunziger und den Turning-Lane-Soundtracks vom Houston der Nullerjahre… Und statt seine Songs als massenuntaugliche Verschachtelungen zu organisieren, wie es ähnlich künstlerisch unlimitierte Musiker tun, kann Petey auch Hits.« Mit dieser Rezeptur landete er schon 2013 mit seinen Tapes »PTPT« und »Vices« auf der Pole Position meiner Jahresbestenliste. »Triflin‘« hat für mich einmal mehr bewiesen: Nickelus F = most overlooked artist in the game. Ach, und wo wir gerade bei Memphis-Dungeons sind: Mit Lil‘ Ugly Mane hat Nickelus F auch ein erlesenes Projekt namens »Trick Dice« auf Kassette (und natürlich auch als Download) herausgebracht, das stellenweise klingt, als wäre es zu Hochzeiten von DJ Zirk aus dem Trunk verkauft worden. Dope Vintage.


02. K.I.Z. – »Hurra die Welt geht unter« (LP)
KIZ
Shit, die Monopoly-Line auf dem Titeltrack hat mir doch tatsächlich eine Träne entlockt. Gleichzeitig war »Boom Boom Boom« der Soundtrack zu meiner politischen Gesinnung und hat mich von Hackepeter-Niederschlägen in Dresden träumen lassen. »Was Würde Manny Marc Tun« ist der konzeptionelle Geniestreich und »Wir« der Opener des Jahres. Im Deutschrap gab es 2015 nichts, was ansatzweise hier drangekommen ist – Fatoni war dope, aber eben nicht so cineastisch, und Audio88 & Yassin sind mir oft einfach zu sarkastisch. Genau wegen ihrem endlosen Sarkasmus war ich eben auch vor »Hurra, Die Welt Geht Unter« noch nicht der größte Fan der Kannibalen. Jetzt, so ein bisschen ernster, gefallen sie mir einfach besser.


01. Kendrick Lamar – »To Pimp a Butterfly« (LP)
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Ein Jahr lang habe ich neben meinen Beiträgen für die JUICE als Zeitungsvolontär bei der WAZ über das lokale Happening im Ruhrpott geschrieben. Jetzt stell dir vor, nach unzähligen Artikeln über Parteitage, Parkplatzmangel oder Pannen in der Stadtverwaltung darfst du auf einmal deine Kurzzeitstudie über »To Pimp a Butterfly« ins sonst so Hiphop-ferne Blatt bringen. Den ganzen Tag lang das neue Kendrick-Album studieren? Voll okayer Nine to five. Aber 400 Wörter in einem Zeitungsartikel reichen natürlich nicht im Ansatz aus, um diesem narrativen Monument wirklich gerecht zu werden. »To Pimp a Butterfly« ist das wohl durchdachteste und cleverste Album, seit ich Rap-Fan bin. »Alright« ist der Song des Jahres, Kendricks Dialog mit Pac der Gänsehaut-Moment des Jahres und ich warte bis heute auf jemandem, der mir Kendricks Gedicht kalligrafiert, damit ich es mir über den Schreibtisch hängen kann. Trotz alledem liegt »good Kid, m.A.A.d City« bei mir weiter vorne. Erstens, weil ich einfach zu sehr in den amerikanischen Zeitgeist verliebt bin und mich ein Track wie »m.A.A.d City« deswegen immer mehr aus den Tretern schießt als eine Funkexplosion à la »Wesley’s Theory«. Zweitens: Bei »good Kid« hatte es K.Dot geschafft, Hit-Momente wie »Money Trees« oder »Swimming Pools« genauso für sich stehen zu lassen wie in das Konzept einzufügen. Zwar integrierte Kendrick den Grammy Winner »i« auch perfekt in die Story vom Schmetterling, aber insgesamt ist die Hit-Dichte natürlich der Komplexität gewichen. Auf einem anderen Blatt: Ich hoffe, im nächsten Jahr ein Konzert von Kendrick in meiner Jahresbestenliste platzieren zu dürfen. Als ich ihn das letzte Mal live erlebte, wirkte er noch etwas introvertiert. Inzwischen scheint er jede Sekunde auf der Stage auszukosten. Apropos live: Kendricks Colbert-Report-Exklusive hätte mein Lieblingssong auf »To Pimp a Butterfly« werden können…

 
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