Ashnikko: »Es geht um toxische Männlichkeit in der Musikindustrie« // Interview

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Eigentlich war sie im Oktober 2019 nur auf dem Weg von Haustür zu Haustür, um ihre Ex-Freunde zu erschlagen, als sie plötzlich berühmt wurde. Denn ihr Song »STUPID« brachte Ashnikko bis heute weit über 200 Millionen Streams. Viele der Hörer*innen wurden Fans. Seit diesem Tag muss die heute 24-Jährige Ashton Nicole Casey Männern in der Musikindustrie Interviews darüber geben, inwiefern TikTok für ihren Erfolg verantwortlich ist und ob sie nicht doch diese eine Schauspielerin vom Disney Channel sei. Antwort: Zwei mal nein.

Schließlich ist Ash bereits seit ihrem ersten Soundcloud-Upload 2016 dabei einer Musikszene ihre toxische Männlichkeit auszutreiben. Programmatisch dafür hörte sie laut eigener Angabe bis zu ihrem 16 Lebensjahr keine Musik von Männern und arbeitet heute überwiegend mit Frauen zusammen. Diese Entschlossenheit zeigt sich auch in ihren Texten: »Your not special, you are not cute / You should get fuck boy tattooed«, lautete 2019 eine Zeile ihres Songs »Special«, mit dem sie all jenen eine Hymne schrieb, die mit dem Thema breitbeinig sitzender Männer durch sind.

Ashnikkos Konstanz in Sachen Haltung und ihre kompromisslose Musik kontrastieren sich jedoch vor dem Hintergrund einer sprunghaften Biografie. Geboren wird sie in Greensborough im konservativen U.S. Bundesstaat North Carolina. Aufgrund beruflicher Bestrebungen des Vaters verlässt sie mit ihren Eltern nach der Grundschule die Vereinigten Staaten in Richtung Europa. Erst besucht sie eine Schule in Estland, ein Jahr später zieht die Familie weiter nach Lettland. In dem Schulsystem des osteuropäischen Landes ist Ashton zeitweise die einzige U.S.-amerikanische Schülerin. Mit 18 Jahren schließt sie ihre Schule ab und zieht alleine nach London. Nach einigen Jahren die sie mit Songwriting und gelegentlichen musikalischen Output im Studio verbringt, tourt sie 2020 mit Doja Cat durch die U.S.A, lebt gelegentlich in L.A. und wettert auf Social Media gegen Donald Trump. Ihr am 15. Januar 2021 erschienenes Mixtape »Demidevil« ist ihr bislang umfangreichstes musikalisches Projekt und gleicht einer ersten Ausfahrt, nach Jahren der Selbstsuche.

Bereits vor dessen Veröffentlichung avancierte das dazugehörige Intro »Daisy«, über ihr gleichnamiges Alter Ego, zu ihrem bislang erfolgreichsten Track. Daneben besteht das Mixtape aus zehn Songs mit stilsicheren Rappassagen (»Drunk With My Friends) und ausartenden Pop-Momenten (»Cry«). Es geht auf »Demidevil« um verlorene Freundschaften, sexuelle Phantasien und die Unfähigkeit heterosexueller Cis-Männer im Bett. Und weiterhin unterstreichen Tracks wie das punkige »Deal with It« mit einem Sample von Sängerin Kelis ihren unverändert feministischen Standpunkt: »I don`t need a man, I need a rabbit« [Spezielle Vibrator Art; Anm. d. Verf.]. Das dazugehörige Video im Fluch der Karibik Leinwandformat setzte die Fotografin und Regisseurin Charlotte Rutherford um, die neben Ash bereits für Stil-verwandte MusikerInnen wie Lil Nas X und Rico Nasty die Visuals übernahm. Mit wie viel dreckigem Humor Ashnikkos Musik arbeitet, zeigt der Track »Slumber Party« auf dem die Musikerin gemeinsam mit der New Yorker Rapperin Princess Nokia den nicht unbedeutenden Kanye West explizit von ihrer Home Party auslädt. Uns hingegen hat sie eingeladen auf eine frühmorgendliche Zoom-Therapiestunde über sechs Zeitzonen hinweg. Das Ergebnis: Ein Gespräch über eine transnationale Biographie, britische Charity Shops und die Relevanz von Feminismus auf tumblr.

»I just don’t want to put my Mixtape out this year. I want to vote the orange fascist piece of shit out of office, spend time with my family, and throw my phone into the fucking ocean« hast du im letzten Jahr als Caption unter einen Instagram Post geschrieben und damit dein Mixtape in dieses Jahr verschoben. Inzwischen wurde Trump abgewählt und dein Mixtape ist draußen, was macht das mit dir?
Das ist ein wahnsinnig erleichterndes Gefühl im Moment. Alles was sich musikalisch in mir angestaut hat, ist nun aus mir raus und in der Welt. Zu dieser Gefühl der Erleichterung trägt natürlich auch bei, dass Trump das Oval Office verlassen hat. Am Ende des Tages haben jedoch knapp 50% der amerikanischen Bevölkerung ihn gewählt und sich dazu entschieden seine Ideologien zu unterstützen. Er wurde als Präsident abgewählt, seine Ideologien sind jedoch im Land geblieben und noch lange nicht besiegt. Es ist eine sehr unruhige Zeit in der wir momentan leben, vor allem in den USA. Irgendwie verliere ich dennoch nicht die Hoffnung, dass es bald auch wieder gute Nachrichten geben wird.

Du bist in Nord Carolina geboren und schon in jungen Jahre mit deiner Familie nach Ost-Europa umgezogen. In  Estland und Lettland hast du deine Schulzeit verbracht. Fühlt man sich noch irgendwo zuhause mit einer so transnationalen Biografie?
Oh fuck, das ist eine gute Frage. Fühlt sich gerade an wie ne Therapiestunde. Das ist eine Frage, bei der ich selbst zu keiner eindeutigen Antwort komme. Ich habe schon in so vielen Ländern gelebt, dass es sich irgendwie immer komisch anfühlt über das Wort »zuhause« nachzudenken. Das Problem ist, dass auch die Menschen die ich liebe nicht an einem Ort geblieben sind. »Zuhause« sind für mich diese Menschen, ein konkreter Ort wird das wohl nie für mich sein. Manchmal fühlt sich London, manchmal L.A. und manchmal wenn ich meine Familie vermisse fühlt sich auch North Carolina nach »zuhause« an. Es ist schön da, wo ich geboren bin. Aber ich bin ganz ehrlich, ich weiß nicht wo mein zuhause ist.

Würdest du sagen, dass deine transnationale Vergangenheit einen spürbaren Einfluss auf deine Musik hat?
Ja definitiv. Das hat einen großen Einfluss auf meine Musik. Aber es ist schwer greifbar und fast unmöglich zu erklären. Nach meiner Schulzeit wusste ich nicht wo ich leben wollte. Eine Idee war London, eine andere L.A. Am Ende war es eine knappe Entscheidung für London. Manchmal frage ich mich heute, wie meine Musik klingen würde wenn ich nach der Schule statt nach London nach L.A. gezogen wäre. In meiner Anfangszeit in London war ich sehr alleine mit mir und meinen Gedanken. Es half mir bei der Entscheidung Musikerin zu werden und gab mir genug Zeit um Songs zu schreiben. Diese Zeit hat meine Musik geprägt. Wie meine Musik ohne meine Reise nach Europa und meine Zeit in London klingen würde, weiß ich nicht und werde es wohl auch nie erfahren.

»Bei dem Gedanken mich an jemanden ran zu kuscheln, den ich nicht mag, muss ich kotzen.«

Mit 18 Jahren bist du alleine von Estland nach London gezogen. Wie fühlte sich das an, in diesem Alter in ein unbekanntes Land zu ziehen?
Das lustige ist, dass ich damals gar nicht an die Konsequenzen gedacht habe, die ein Leben alleine in einer unbekannten Stadt mit sich bringen kann. Erst vor ein paar Jahren ist mir aufgefallen, dass ich damals viele Risiken eingegangen bin. 

Als ich in London ankam, hatte ich keine Wohnung, deshalb habe ich einfach bei fast unbekannten Leuten auf der Couch gepennt. Dann zog ich nach Tottenham, später wohnte ich in der Nähe von Manor House. Ich bin häufig umgezogen, blieb jedoch immer im Norden Londons. Als ich die ersten Male durch die Straßen Londons lief, hat es mir manchmal Angst gemacht, dass ich in dieser Großstadt absolut niemanden kannte. Und vor allem kannte ich niemanden der Musik machte. Das war ein Problem. Irgendwann fand ich dann meinen Weg. Wahrscheinlich weil ich so nervig und hartnäckig mit den Leuten umging (lacht).

Viele Musiker*innen scheitern an diesem Punkt ihrer Karriere. Wie hast du deinen Weg in die Musikindustrie gefunden?
Es hat wirklich lange gedauert, bis ich meinen Fuß in die Tür bekam. Ich bin nicht besonders gut im Networken und biedere mich nicht gerne an. Ich hasse das so sehr. Man du musst verstehen: Ich küsse niemandes Hintern, um irgendwas zu bekommen. Bei dem Gedanken mich an jemanden ran zu kuscheln den ich nicht mag, muss ich kotzen. Aber vielleicht hat es auch gerade deshalb am Ende geklappt. Vielleicht fandes genau das die Leute sympathisch. Ich habe irgendwann Musiker kennengelernt, die Freunde wurden. Die Menschen mit denen ich seitdem arbeite, sind Menschen mit denen ich auch sonst abhänge. Plötzlich hatte ich einen Weg vor mir und konnte jeden Tag ins Studio gehen. Das war meine glücklichste und schönste Zeit in London – fuck das war so ein unglaublich erleichterndes Gefühl!

Meine Aufenthalte in London habe ich größtenteils in Charity Shops verbracht. Ist dein Style ein Produkt deiner Londoner Zeit?
Ich liebe es auch in Charity Shops zu gehen. Nicht nur das Gefühl dort einzukaufen! Vor allem der Gedanke, dass wir einen solchen Überfluss an Klamotten auf der Welt haben: Warum also neue Kleidung kaufen? Als ich nach London kam mit 18 hatte ich einen komplett abscheulichen Style. Wie wahrscheinlich jeder mit 18. Aber mein Style hat sich schon immer schnell verändert. Ich liebe es gebrauchte Klamotten zu kaufen und diese für mich zu modifizieren. Ich schneide sie ab, male auf ihnen rum oder nähe sie mit anderen Stücken zusammen. Es ist ein schönes Gefühl das zu tun, vor allem wenn du weißt, dass diese Klamotten aus Charity Shops kommen.

»Ich möchte mit meiner Musik nicht ein Bild von mir an die Wand malen, dass ich mit mir und meiner Sexualität nie struggle.«

In deinem letzten Mixtape ging es um deine Trennung, hat dich dieses Thema auch auf »Demidevil« begleitet?
Nein absolut nicht. Du denkst jetzt an den Song »Toxik«. Den verstehen manche als einen Trennungssong, ist er aber nicht. Dieser Song erzählt von etwas anderem. Es geht um toxische Männlichkeit in der Musikindustrie. »Demidevil« erzählt hat ein viel breiteres Themenspektruk als mein letzten Mixtape. Es erzählt von Freundschaften die enden, von Sex, von einer selbst erfundenen Superheldin namens »Daisy« und vielem mehr.

Es geht vor allem auch um Selbstliebe und Selbstbefriedigung wie man z.B. in deinem Outro »Clitoris The Musical« hört. Wie hast du es geschafft eine gute Beziehung zu deinem Körper und deiner Sexualität aufzubauen?
In dem ich so getan habe, als hättest ich diese! (lacht) Niemand ist jeden Tag von Selbstliebe erfüllt und mit seinem Körper im Reinen. Und wenn doch, dann beneide ich denjenigen dafür – Applaus für dich! 

Ich für meinen Teil bin nur ein Mensch. Und für mich ist eine gute Beziehung zu mir selbst nichts, was von Konstanz geprägt ist. Ich möchte mit meiner Musik nicht ein Bild von mir an die Wand malen, dass ich mit mir, meinem Körper und meiner Sexualität nie struggle. Das ist in keiner Weise ein realistisches Bild. Ich habe kein unbrechbares Selbstvertrauen. Das ist einfach nicht wahr. Diese Songs sind Motivationsgespräche, die ich mit mir selbst führe. Es sind Briefe, die ich in Momenten schreibe, wenn mit mir struggle und sie brauche. Und diese Briefe sind an mich selbst adressiert. Durch diese Art von Songs kann ich für mich in eine Rolle schlüpfen, um ein Zugang zu meinen Gefühlen und meinem eigenen Frausein herzustellen. 

Ich bin häufig gestresst. In meinem Songs rede ich dann mit mir. Wenn ich höre, dass auch andere Menschen aus meinen Selbstgesprächen Motivation ziehen, dann ehrt mich das sehr. Ich glaube fest daran, dass es hilft, sich in seinen unsichersten Momenten selbst Briefe zu schreiben. Manchmal hilft es seine eigene Unsicherheit mit dem Gegenteil zu konfrontieren, auch wenn du es dir selbst nicht abnimmst. Aber vielleicht glaubst du es irgendwann – Fake it till you make it! Meine Musik hat mir sehr dabei geholfen. Wenn ich an mein verunsichertes 18 Jahre altes ich zurückdenke, bin ich froh heute eine bessere Beziehung zu mir und meinem Körper zu spüren. Aber diese Beziehung ist ein lebenslanger Prozess.

»Tumblr hat mir die feministischen Basics beigebracht und mir als Kind Selbstsicherheit gegeben«

Hat deine Auseinandersetzung mit Feminismus deinen Selbstfindungsprozess unterstützt?
Du musst wissen, ich bin aus keiner besonders feministischen Familie (lacht). Wir kommen aus dem konservativen Süden der U.S.A. Feminismus in irgendeiner Form, war kein Gedanke mit dem ich aufwuchs in meiner Erziehung. Wir waren eher so eine heteronormative und patriotische Familie aus dem Süden. Als Kind bin ich irgendwann auf tumblr mit Feminismus in Berührung gekommen. Weil ich noch nie davon gehört hatte, war ich sofort sehr daran interessiert. Mein tumblr-Feminismus hat mir quasi die feministischen Basics beigebracht und mir als Kind Selbstsicherheit gegeben. Als Teenager verließ ich tumblr und begann feministische Literatur zu lesen.

Es war wichtig für mich und meine Entwicklung, dass ich mich mit Feminismus auseinandergesetzt habe. Auch um meine Stärke als Frau zu verstehen und daraus Selbstsicherheit zu entwickeln. Aber Feminismus ist nicht nur für mich oder dich wichtig. Feminismus ist auch nicht nur für Frauen wichtig. Feminismus betrifft jeden in unserer Gesellschaft. 

Und dann hast dich in deiner Jugend dazu entschlossen nur noch Musik von Musikerinnen zu hören?
Ja! (lacht) Meine Lieblings-Musikerinnen zu hören, war für mich, wie mit einer älteren Schwester zu reden. Und die brauchte ich damals dringend. Deshalb hörte ich M.I.A., Nicky Minaj, Gwen Stefani, Missy Elliot, Lil Kim, Kelis und viele mehr. Das klingt jetzt vielleicht etwas cheesy, aber viele dieser Musikerinnen waren für mich unerreichbare Vorbilder. 

Und heute hast du Kelis auf deinem Mixtape.
Ja verdammt! Das ist wie im Traum. Ich erinnere mich wie ich als Kind »Bossy« immer und immer wieder gehört habe. Und ich erinnere mich an die unangenehmen Momente als ich mich mit 14 im Spiegel angeguckt habe und dachte: »Weißt du was? Du bist so fucking bossy« (lacht). Diesen Song auf meinem Mixtape zu haben ist ein absoluter Selbstbewusstseins-Schub für mich.

Auf deinem Mixtape ist auch ein Sample von Avril Lavignes »Sk8er Boi«. Du hast daraus »L8r Boi« gemacht. 
Oh ja! Ich liebte auch Avril als Kind. Sie war damals auch auf meiner Female-Idol Liste. Die habe ich ja komplett vergessen. Ich habe »Sk8er Boi« neu interpretiert. Die Lyrics klingen nun mehr nach mir.

Hörst du heute auch noch überwiegend Musikerinnen?
Ja voll. Im Moment liebe ich sehr Megan Thee Stallion. Am meisten höre ich aktuell aber das neue Miley Album, Tierra Whack und Rico Nasty.

Letzte Woche haben wir Rico Nasty interviewt. Sie hat uns erzählt, dass sie im Studio ständig einschläft und von einer besseren Welt träumt. Wie sähe diese Welt bei dir aus?
Das ist lustig. Ich schlafe auch immer ein im Studio. Bei dem Gedanken daran fühle ich gerade den Schmerz in meinem Nacken, den ich immer habe, wenn ich auf diesem scheiß unbequemen Studio-Sofa aufwache. Inzwischen habe ich mein eigenes Bett im Studio (lacht). Wenn ich mir eine Traumwelt konstruieren würde, in der ich eines Tages gerne aufwachen würde, sähe sie ungefähr so aus: Ein ganzer Planet voller Menschen die in einem Matriarchat leben, die aufeinander Rücksicht nehmen, die in Baumhäusern wohnen, aus Solaranlagen Strom beziehen, ihr eigenes Essen anbauen, überall am Himmel wären fliegende Fahrzeuge, Wolkenkratzer voller Pflanzen und Menschen überall, die einander helfen.

Das klingt spitzenmäßig. Danke dir Ashnikko für diese frühmorgendliche Reise von deiner Kindheit bis in eine utopische Zukunft.
Danke euch. Habt einen schönen Tag!

Interview: Mia Thordsen & Lukas Hildebrand

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