Album des Monats: Azad – Leben (2001) // Review

Azads erstes Soloalbum krachte wie ein Komet in die Szene – und setzte vor 18 Jahren neue Maßstäbe im Deutschrap.

(3p)

Wertung: Fünf Kronen

»Gegen den Strom«. Mehr Worte braucht man zu Azad und seinem ersten Solo-Longplayer eigentlich nicht verlieren. Was ein bisschen wenig für einen Text zur Platte des Monats wäre. Deshalb noch eins: Wer geglaubt hat, mit KKS sei die Messlatte dessen, was in einem Battletrack an Schwanzlutschen und Verwandtem untergebracht werden kann, bereits erreicht wurde, hat sich geirrt. Das wird Diskussionen geben, die natürlich völlig fehl am Platz sind. Denn wer »Rapresenten« will, muss den Battle als integralen Bestandteil von HipHop begriffen haben. Und der Krieger schert sich bekanntlich wenig um die Opfer. Dass Azads Album trotzdem »Leben« heißt, ist dabei nur ein oberflächlicher Widerspruch. Die stilistischen Stromschläge, die der ehemalige Asiatic Warrior verteilt, die alles niedermachende und belebende Energie seines schier unglaublichen Flows, sprechen eine andere Sprache. Und die geht in wohl dosierten Portionen auch über den selbstgestrickten Mythos, über die Selbstbeweihräucherung des Battle-Reimers hinaus. Wenn in »Freiheit« über orientalische Klänge in klaren und ergreifenden Worten von dieser anderen Welt berichtet wird, in der das Wort nicht mehr vor Verletzung und Folter schützt, erweist sich Azad auch als reflektierter Beobachter, der das »Leben« nicht nur von (s)einer Seite aus beleuchtet. Dabei sind es gerade diese erschütternden Passagen, in denen der Kurde mit dem Vorurteil aufräumt, lediglich unverständlich nuscheln zu können: Jedes Wort ist ein klar verständlicher Schlag in die Magengrube. Spätestens jetzt dürfte klar sein, was Azad mit der Blume HipHop gemeint hat: Als Gärtner ist er um die Aufzucht der Pflanze so bemüht, dass er auch vor dem Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln nicht zurückschreckt, um den Parasiten den Garaus zu machen. Der Frankfurter ist zudem einer der wenigen Rapper, die ihre eruptive Verbalakrobatik auch noch selbst mit zündelnden Beats unterlegen können. Da genügen dann auch einige wenige Features wie Curse, um den Gesamteindruck zu komplettieren. Zusammen mit seinem Berliner Gesinnungsgenossen Savas bringt Azad dann zum Ende eines großartigen Albums die Diskussionen um ihre aggressiven Reime auf den Punkt. Rap ist Therapie. Die Mittel dafür sind in Eigenverantwortlichkeit selber zu wählen. Denn auch im Krieg mit dem Selbst sind alle Mittel erlaubt.

Text: Christopher Büchele

Diese Review erschien erstmals in JUICE #6 vom Juni 2001. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Onlineshop bestellen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here