Album der Woche: Lord Folter – 1992day // Review

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Der Düsseldorfer Rapper ist vor allem Kennern des dopen Untergrunds bekannt. Mit seinem neuen Album macht Lord Folter den nächsten Schritt und präsentiert auf Instrumentals zwischen BoomBap und Indie eine düstere Gedankenwelt, die mehr als nur eine Nische anspricht.

Mit Untergrundrapper*innen ist es so eine Sache. Wer sie einmal auf dem Schirm hat, nutzt sie in Gesprächen zwischen Musiknerds gerne, um den eigenen anspruchsvollen Geschmack unter Beweis zu stellen. Das funktioniert so lange, bis der Artist eine größere Hörer*innenschaft erreicht und den Status eines Geheimtipps verliert. Im Nerd-Talk kann man dann nicht mehr punkten, dafür gönnt man seinen Lieblingen in der Regel den Erfolg, der teilweise erst nach jahrelangem, künstlerischem Schaffen mit nur geringen finanziellen Aussichten eintritt.

In den letzten Jahren ist dieser Prozess immer schneller verlaufen, vom Geheimtipp zum Star kann man mittlerweile mit nur einer gelungenen Single kommen, auf die Hype, gegebenenfalls ein Deal beim Major und finanzielle Unabhängigkeit folgen. Lord Folter ist in dieser Hinsicht ein Vertreter der alten Schule, der bereits seit Jahren einen musikalischen Hustle betreibt. Er ist auch keine Figur, der man einen plötzlichen Hype und die Platzierung in der Modus Mio Playlist zutraut. Aber er hat mit »1992day« ein Album geschaffen, das ihn aus der nischigen Rolle des Untergrundrappers holen könnte und einem breiteren Publikum vorstellt.

Bisher stehen einige EP’s, sowie das Album »Rouge« in der Diskographie des Düsseldorfers verzeichnet. Die eher klassische, wenn auch nie altbackene, BoomBap-Ästhetik früherer Projekte wird auf »1992day« um einige Experimente erweitert, die dem Album Vielseitigkeit verleihen. Die Produktionen stammen teilweise von Lord Folter selbst, dazu kommen Beats von Dienst&Schulter, die ihr Talent für genreübergreifende Sounds zuletzt auf Goldrogers »Diskman Antishock« gezeigt haben. Auch Torky Tork hat seine Finger im Spiel, genauso wie die Produzentenkollegen Leavv, Flitz&Suppe, sowie Bassist Malte Huck von Annenmaykantereit. Zwischen das Bumm-Tschack der Drums mischen sich schimmernde Synths, die teilweise von schrillen Gitarrensoli durchsetzt werden, während das Geschehen an anderer Stelle von House-Anleihen und Trap-Adaptionen vorangetrieben wird.

Diese Vielseitigkeit in der Produktion macht das Album einerseits musikalisch spannend und unterstützt gleichzeitig das breite Spektrum an Emotionen, das Lord Folter präsentiert. »1992day« ist ein Album der Aufarbeitung und Reflektion persönlicher Geschichten, die Lord Folter mit tiefer Stimme auf bedrückende, aber auch berührende Art und Weise erzählt. Es handelt von Ängsten, von Schicksalsschlägen, der zermürbenden Tristesse des Alltags und lässt offen, was die Hörer*innen mit diesen Ansätzen anstellen. Vielleicht denken manche über das eigene Dasein nach, vielleicht genießen andere einfach den Auftritt von Audio88, der sich als Miesepeter vom Dienst in gewohnt zynischer Manier präsentiert.

So oder so ist das Album eines mit Tiefe, die erst einmal verarbeitet sein will. Eines mit Schwere, die man dann willkommen heißt, wenn man sich bei herbstlichen Wetter im Bett verkriecht. »1992day« ist ungeschönt, real und ehrlich. Es bietet das Potential, sich selbst darin zu erkennen und spricht damit offensichtlich viele Menschen an. Während wir uns noch in der ersten Woche nach Release befinden, ist die limitierte Vinyl-Edition bereits ausverkauft. Ein Zeichen dafür, dass Lord Folter vielleicht kein Geheimtipp mehr ist, sondern sich die Botschaft seiner Musik verbreitet. Gut so!

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