Album der Ausgabe: Trettmann – Trettmann // Review

Können KitschKrieg und Trettmann die Erfolgsstory fortsetzen? Wenn »#diy« der Weg aus der Sackgasse war, ist »Trettmann« das Nach-Hause-Kommen.

(Soulforce Records)
Wertung: Fünf Kronen

»Zeig‘ mir einen, der ‘#diy’ nicht mag«. Es war eine Wiederauferstehung, ein Befreiungsschlag und ein Überraschungserfolg, den die deutsche Rap-Geschichte so nur selten gesehen hatte. Als »#diy« im September 2017 erscheint, findet die wundersame Fusion Trettmann x KitschKrieg nach drei EPs einen vorläufigen Höhepunkt in einem Instant Classic aus dem Bilderbuch. Die Werkschau aus Autotune-Lautmalerei, zelebrierter Sadboy-Attitüde, Soundsystem-Minimalismus und Bashement-Sexiness gehören nur wenige Wochen nach Release zum Kanon deutscher Musikgeschichte. Trettmann ist vom Außenseiter zum Publikumslieb­ling aufgestiegen. Doch die Popgeschichte lehrt, dass sich Klassiker nicht wiederholen lassen. Wenn »#diy« Trettis Weg aus der Sackgasse war, ist »Trettmann« das Album, mit dem er nach Hause kommt. Immer noch sind es dunkelblaue Soundschwaden auf den Schultern von 808 und Herzensbrüchen, auf denen der 45-Jährige bardengleich balanciert. Die vernebelte KitschKrieg-Klangkulisse addiert allerdings zu den reduzierten Dancehall-Designs nun auch Einflüsse aus der britischen Rave-Kultur der Neunziger. Ein konsequenter Schritt, bezogen sich auch die Bass-Pioniere aus UK schon auf die karibische Wurzeln des perfekten Beats. Überhaupt sind es die Ursprünge urbaner Kultur, auf denen »Trettmann« basiert: Die Blockparty, das Bashment, der Rave als Ort der Katharsis. Ein Nährboden für die Melancholie nach dem Endorphinrausch, den kaum ein anderer Songwriter in Deutschland so nahbar und unpeinlich durch die Membrane tragen kann. Gerade eben noch im hypnotischen 2-Step-Taumel der Gefühle (»Bye Bye«), schlendert Trettmann aus dem Club raus, vorbei an den Trümmern der deutschen Geschichte (»Stolpersteine«), aber auch der eigenen Vergangenheit (»Retroshirt«, »Hätten wir sein können«). Etwa das gemeinsame Sich-Vergessen unter schillernden Synthesizerwolken von »Zeit steht« und der im Vorfeld für das Gzuz-Feature kritisierte Toasting-Trap von »Du weißt« destillieren Momente einer familiären Glückseligkeit, wie sie nur auf der Tanzfläche Ausdruck findet. Gleichsam setzt Trettmann bei aller ausgelassenen Euphorie mit der Fam auch reflektierte Sensitivität in seine Storyline. »Wenn du mich brauchst« ist ein elegisches Beziehungsdrama im Zwischenraum der Afterparty und dem Heimweg, das ins Herz kickt wie die Whatsapp-Nachricht der Ex um fünf Uhr morgens. Am Ende löst sich die Wolkendecke aus fiebriger Rastlosigkeit und nachdenklichem Schwindelgefühl in den Augen von »Margarete«, einem Lied über Trettmanns Tochter, in beding­ungsloser Liebe auf. »Nur noch ein Ziel, alles andere egal«, heißt es da. Endlich zu Hause. »Trettmann« ist nicht »#diy 2«. Es ist die Erzählung von der Umarmung der eigenen Dämonen, die zwischen lieblichem Schwermut und juveniler Leichtigkeit schwanken. Und ganz nebenbei das stilsicherste Destillat aus Zeitgeist, Künstlerphilosophie und Musikliebe ohne Genregrenzen, das die aktuelle Spielzeit zu bieten hat. Hate it or love it. Der Underdog ist on top.

Die ausführliches Titelgeschichte über Trettmann befindet sich in JUICE #194. Die aktuelle Ausgabe kann versandkostenfrei im Shop bestellt werden.

2 KOMMENTARE

    • Genau. Alle bitte von GZUZ abwenden. Soll doch bitte jeder sein Leben in Einsamkeit fristen, der je eine Frau angefasst hat, denn genau das ist die Lösung….für jeden Außenstehenden, der sich gerne mal moralisch überlegen fühlen möchte.

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