Ahzumjot im Talk zum »3:00«-Album: »Football ist scheiße« // Interview

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Ahzumjot war in letzter Zeit ziemlich produktiv. 2020 erschien sein Instrumental-Projekt »wach«, sein spaßiger Zwillingsbruder names Tyrone kam mit einem unterhaltsamen Mixtape um die Ecke, dazu hatte er großen Anteil an den Produktionen des letzten Zugezogen Maskulin-Albums »10 Jahre Abfuck«. Nebenbei hat er angefangen auf Twitch zu streamen, Beat-Battles veranstaltet und die Corona-Politik wegen fehlender Unterstützung der Kulturszene prominent kritisiert. Sein neues Album »3:00« (ausgesprochen: 3 Uhr nachts) krönt diesen Lauf gewissermaßen, auch wenn die Entstehung lange vor der Pandemie begonnen hat. Tagesaktuelle Themen rücken dort in den Hintergrund, selbst Ahzumjots Beschäftigung mit der Musikindustrie und der Szene spielt nur eine Nebenrolle. Dafür bleibt umso mehr Platz für persönliche Themen, die Phasen und Weiterentwicklungen in Ahzumjots Leben beschreiben und »3:00« dramaturgisch strukturieren. Das Album ist ein Gegenentwurf zur Playlist oder einfach nur: Ein Album, das man durchhören sollte.

Ein Gespräch über Sequencing, Energie, zu wenig Zeit für zu viel Musik, das Vater-Sein, Sport auf Spotify und eigene Räume.

Die Songs auf »3:00« sind schon älter, oder? Wann hast du angefangen, an dem Projekt zu arbeiten?
2018 habe ich mit dem Album angefangen. In dem Jahr ist auch ein relativ großer Teil der Songs entstanden. 2020 habe ich im Februar den letzten Part selber aufgenommen. Der letzte Part, der abgeliefert wurde, war von OG Keemo im Oktober 2020. Also ist das schon eine längere Zeit her. Der älteste Song ist sogar von 2017, der war zu dem Zeitpunkt allerdings nicht als Albumsong geplant. Der ist während der »Raum«-Playlist-Zeit entstanden und ich habe ihn quasi die ganze Zeit »aufgespart«.

War dir währenddessen schon klar, dass das Projekt ein Album wird?
Es hat sich relativ früh herauskristallisiert. Ich glaube der allererste Song, den ich für die Sache gemacht habe, war »Energie«. Das Album sollte auch erst »Energie« heißen. Das hat sich dann geändert, weil Fler mit seinem »Energy« kam und ich dachte mir »Ne, ehe ich mir da irgendwelche Memes reinziehen muss oder Leute sagen, dass ich das wegen Fler so gemacht habe.« [Fler hatte für 2019 das Album »Energy« angekündigt. Es erschien 2020 unter dem Titel »Atlantis«, Anm. d Red.] Außerdem war mir der Titel dann doch zu allgemein gehalten. Ich glaube mit dem Song »Energie« fing es an, danach habe ich mich zum Album hin gehangelt. Mit dem dritten oder vierten Song, den ich gemacht habe, wusste ich, dass es ein Album wird. Und eben kein Mixtape, kein Playlist-Projekt, keine EP.

Lass und gleich beim Thema »Energie« bleiben, denn das taucht auf dem Album mehrmals auf und verändert sich. Am Anfang geht es um falsche Energie, auf dem zweiten Song hast du »zu viel gute Energie«, später hältst du dir schlechte Energie auf Distanz. Was bedeutet Energie überhaupt für dich?
Energie ist ein sehr diffuser Begriff. Ich mag diffuse Begriffe tatsächlich sehr, was man an meinem größeren Projekt »Raum« schon gemerkt hat. »Raum« ist auch ein Begriff, der alles sein kann. Energie kann man auf alles Mögliche münzen. Man kann sagen, ich glaube an Energie wie an eine Art Religion, also etwas Höheres, eine größere Instanz, die uns bewacht oder verbindet. Energie ist für mich auf jeden Fall etwas, das man ein Stück weit nicht beschreiben kann, was aber immer da ist. Da kann man fast esoterisch werden, obwohl esoterisch ja mittlerweile negativ konnotiert ist, wenn man an die Corona-Leugner denkt. Das kann alles sein, es ist da, verbindet Menschen, trennt Menschen –  es ist wie eine Materie, die einfach da ist. Energie kann in diesem Sinne alles Mögliche bedeuten, vor allem auf emotionaler Ebene. Da das Album sehr emotional geworden ist, ist das Wort Energie vielleicht auch mit Emotion gleichzusetzen. 

»Album-Sequencing ist für mich essenziell, weil ich ein Künstler bin, der von seinen Hörer*innen verlangt, dass man sein Album durchhört.«

Ahzumjot über die Zusammenstellung von »3:00«

Ich finde allein die Nutzung von diesem Begriff spiegelt die Dramaturgie des Albums schon gut wieder. Es ist nicht so, dass »3:00« genau eine Energie oder eine Emotion hat, die negativ oder positiv ist, sondern es wechselt sich ab. Vor allem beginnt das Album mit einem Tiefpunkt. Wie viele Gedanken machst du dir über die Konzeption von so einem Album, gerade weil es kein Mixtape oder eine EP ist?
Das Album-Sequencing – also wie du die Tracklist machst – ist etwas, über das ich mir seit meinem ersten Projekt sehr viele Gedanken gemacht habe. Mehr als die meisten wahrscheinlich. Für mich ist es wichtig, über das Projekt hinweg eine Geschichte zu erzählen. Selbst auf dem »Raum«-Projekt hatte ich einen roten Faden. Beim aktuellen Album ist das Sequencing essenziell. Ich weiß noch, wie ich es einem meiner besten Freunde gezeigt habe, als noch ein paar Songs gefehlt haben. Er meinte, dass er die Tracklist leicht verändern würde. Ich habe sie daraufhin leicht verändert, weil es da Songs gab, die jetzt eher am Anfang des Albums stehen, zum Beispiel »Vertigo«, die davor eher am Ende waren. »Sacre Coeur« wiederum war ziemlich früh und ist jetzt hinten. Er meinte, dass es sonst in der Geschichte, die ich erzähle, nicht wirklich Sinn ergibt. Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, wie dieses Sequencing stattfinden soll. Das Outro von »Sacre Coeur« habe ich beispielsweise erst aufgenommen, als ich wusste, dass der Song nicht am Anfang des Albums kommt, sondern erst am Ende. Weil er dann im Sequencing besser gepasst hat, wenn noch etwas kommt. Das leitet besser in »Deine Vibes« über.

»Sacre Coeur« ist übrigens nicht aus meiner Sicht gesprochen. Der Song ist aus der Sicht von einer Person gesprochen, die meine Frau begehrt, aber nicht wirklich an sie rankommt, weil meine Frau zu sehr an mir festhält. Ich bin aber eine kaputte Person, jemand der zu viel nach sich selbst guckt, eben ein Wrack, wie im Song beschrieben. Über das Album hinweg wird klar, warum das so ist. Deshalb passt »Sacre Coeur« dort besser hin als am Anfang. Diese Person sagt dann zu meiner Frau: »Ey, mit wem genießt du eigentlich gerade die Aussicht vom Sacre Coeur? Du hast da jemanden, der so und so und so ist.« – was ich auf dem Album schon betitelt habe. Am Ende von Sacre Coeur spreche ich dann selbst zu meiner Frau und sage: »Bitte bleib da. Weil ich weiß, ich habe mich zu wenig um dich gekümmert, war zu wenig da, zu viel auf mich selbst fokussiert, aber bitte bleib.« Das macht nur Sinn, wenn der Song an dieser Stelle kommt. Das ergibt weniger Sinn, wenn der Song am Anfang des Albums kommt. Da sind viele Gedanken reingeflossen. Album-Sequencing ist für mich essenziell, weil ich ein Künstler bin, der von seinen Hörer*innen verlangt, dass man sein Album durchhört. Nicht skippt und nicht einen Song oder nur die Singles hört. Setz dich hin, nimm dir eine Stunde Zeit und hör dir das Album an. Ich weiß, das ist viel verlangt. Wir haben alle keine Zeit und durch die Schnelllebigkeit auch keine Stunde Zeit für Musik, aber bitte gib mir die Chance und hör es dir diese Stunde lang an. Vielleicht verstehst du dann dieses Projekt. Nur eine Single zu picken ist schwer, deshalb war die Single-Auswahl für mich auch schwierig.

Verstehe total. Mir und vielen Leuten, die sich auch als Alben-Hörer*innen bezeichnen würden, geht es bei diesem Thema ähnlich, weil man gefühlt immer weniger Zeit für mehr Musik hat. Du hast vor ein paar Monaten bei Twitter geschrieben, dass du das letzte Slowthai Album krass fandest, aber kaum gehört hast, weil eine Woche später schon etwas neues kam.
Es ist schlimm, dass es so ist und dass man selber diesen Mustern verfällt. Wie gehst du damit um als jemand, der in seinem Job dauerhaft neue Musik hören muss?

Es ist auf jeden Fall herausfordernd geworden. Alleine die Freitage, an denen mittlerweile wirklich jedes Mal so viele Artists aus dem Deutschrap-Bereich releasen, deren Songs es wert sind, dass sie abgebildet werden, sind schon sehr viel. Wenn dazu noch neue Sachen unter der Woche kommen und ich mir Neues aus anderen Genres anhören will, wird es manchmal einfach zu viel, um hinterherzukommen oder genau hinzuhören.
Nimm alleine schon »Deutschrap Brandneu«, die gängigste Playlist im Deutschrap. Das ist natürlich nochmal ein eigenes Game, die haben ihre eigene Zielgruppe. Guck mal, wie viel Musik am Freitag in dieser Playlist ist. Von den vermeintlich relevantesten Künstler*innen Deutschraps. Hätte es so etwas wie Deutschrap Brandneu zu der Zeit gegeben als ich mein erstes Album »Monty« rausgebracht habe, oder vielleicht eher mein erstes Album beim Major, wo man mich schon kannte, da wäre ich an diesem Freitag einer von zehn bis zwanzig Songs in dieser Playlist gewesen, denn mehr gab es gar nicht an relevanten Personen. Jetzt landet mein Song, und ich bin echt kein irrelevanter Künstler, irgendwo auf Platz 50 in dieser Playlist. Klar, diese Playlist hat eine bestimmte Zielgruppe, was das erklärt. Ich gucke auf Leute über mir, frage mich wer das eigentlich ist und sehe im Profil, dass die Person eine Million monatliche Hörer*innen hat. Und dann gibt es ja noch fünfzig weitere Artists unter mir und hundert weitere, die gar nicht in der Playlist landen, obwohl sie vielleicht auch relevant sind. Wie kann es sein, dass jeden Freitag gefühlt 200 Songs rauskommen?

Das geht mir ähnlich, zumindest entdecke ich am ehesten in diesen Playlists Leute mit vielen Hörer*innen, die vielleicht ab dem letzten Jahr ihre ersten Sachen rausgebracht haben und einfach sehr schnell sehr viele Leute erreichen.
Absolut. Das Game ist eh ein eigenes, das Deutschrap Brandneu und Modus Mio Game von Spotify. Es ist wild, wie viel rauskommt.

Inwieweit guckst du auf dieses Game? Ist es dir überhaupt wichtig, dort platziert zu sein? Nicht nur aus Gründen der Anerkennung, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht, um in den Streams präsent zu sein. Wirklich davon abkapseln kann sich aktuell eigentlich kaum ein relevanter Künstler. Wie gehst du damit um und wäre es einfacher, wenn du kein Independent-Künstler wärst?
Es tangiert mich schon auf eine gewisse Art und Weise. Ich kann nicht leugnen, dass ich hier und da definitiv mal enttäuscht darüber war, wie weit unten ein Song von mir gelandet ist. Gleichzeitig weiß ich, was die Zielgruppe ist und finde es ok. Das ganze würde mich weniger tangieren, wenn wir nicht die Pandemie hätten. Ich sage immer, dass dieses Playlisten-Game eine Sportart ist, die nicht meine ist. Das ist so als würde ich mich als Basketballer darüber beschweren, dass ich nicht der beste Footballer bin. Es ist nicht meine Sportart. Meine Sportart ist viel mehr das Live-Game. Und da können mir nicht viele in Deutschland was vormachen, da bin ich sehr selbstbewusst. Auf der Bühne kenne ich persönlich nicht viele, die so eine Show abliefern können, wie ich. Das sieht man dann auch an den Zahlen. Es gibt Künstler*innen, die haben hundert Mal mehr Streams und Plays als ich und landen weiter oben in der Playlist. Die verkaufen aber safe nicht so viele Tickets wie ich. Ich weiß natürlich nicht, wie viele Tickets ich nach der Pandemie verkaufen werde, das werden wir noch sehen. Vielleicht kommt das Interview raus, die Tour ist angekündigt und wir sehen devastating Zahlen –  dann ist das so. Aber zumindest war es vor Corona so, dass ein größerer Künstler viel weniger Publikum gezogen hat. Deswegen hat mich das in eine Sicherheit gewogen, auch eine wirtschaftliche Sicherheit. Jetzt, wo es in letzter Zeit nur das Streaming gab, ärgert es mich schon, dass ich plötzlich als Basketballspieler gezwungen bin Football zu spielen. Gleichzeitig habe ich nicht versucht, der beste Footballer zu werden und habe mein Game dementsprechend nicht geändert. Ich habe zum Beispiel Singles rausgebracht, die vielleicht nicht besonders »klug« waren. Ich hätte bestimmt andere Songs vom Album nehmen können, die prädestinierter gewesen wären als beispielsweise »Distanz II« als Single zu bringen. Das ist keine typische Single, der Song »Energie« ist viel mehr eine typische Single. Und die letzte Single, die wir rausbringen werden, ist wahrscheinlich die taktisch dümmste.

Welche wird das sein?
»Lass Uns Scheinen«. Das ist der letzte Song vom Album, der ist sechs Minuten lang.

Ok, das ist ein stabiler Move. Aber ich denke mal, dass die Leute dann spätestens mit dem Album-Release checken, dass es eben ein Album zum kompletten Durchhören ist. Dann ist das Single-Game nicht mehr so wichtig. Und »Haifisch« mit OG Keemo erscheint mit eigentlich wie eine ideale Single, weil der Song ballert und ein starkes Feature hat.
Hat aber mit am geringsten Placements bekommen.

Warum?
Wahrscheinlich weil ich genau das kritisiere, was dort passiert.

Ah ja, logisch. Ich hatte kurz ausgeblendet, wie ihr euch thematisch auf dem Song positioniert und wie ihr das Haifischbecken beschreibt.
Ich sage auf dem Song »Football ist scheiße«. (beide lachen)

»Ich hoffe einfach, dass ich es schaffe Musik zu machen, die die Leute länger begleitet als nur bis zum nächsten Freitag.«

Ahzumjot über Langlebigkeit von Musik

An die wirtschaftliche Komponente knüpft auch das Merchandise an, das du zum Album rausbringst. Ich glaube das Bundle samt Hoodie ist schon vergriffen, eine Vinyl zum Album kommt auch raus und die ist nicht unbedingt billig. Haben sich deine Fans darauf eingelassen diese physischen Produkte zu kaufen, gerade weil du so offen thematisierst, was es bedeutet ein unabhängiger Künstler zu sein und damit sein Geld zu verdienen?
Voll. Mein Merch ist ein Thema, was definitiv sehr gut läuft. Einerseits ist ein Support-Gedanke bei den Leuten da. Andererseits liefern wir qualitativ wirklich ab, so dass man das Merch einfach gerne hat. Man weiß, wir haben uns da ein Piece geholt, das dope ist, gut aussieht und geile Qualität hat. Merchandise ist bei mir auf jeden Fall ein sehr großer Punkt.

Insofern wahrscheinlich beschissen, dass es nicht nach dem Konzert über die Theke gehen kann, sondern der Verkauf nur online stattfindet.
Ja, definitiv. Rein zahlenmäßig verkaufen wir Merchandise auf Tour wahrscheinlich so viel wie sonst Künstler*innen, die doppelt bis dreifach so große Venues bespielen. Deswegen ist das natürlich scheiße. Aber es bringt nichts, sich zu beschweren.

Du hast ja eh mit Twitch gezeigt, dass der Kontakt zu den Fans sonst eben online stattfinden kann. Natürlich können sich die Leute alles im Shop holen, nur ist es vom Gefühl her etwas anderes, wenn man sich Merch direkt nach einer Show, eben einer richtigen Performance, holt und noch in der Location ist. Im Gegensatz zum Vinyl-Kauf, den man am PC per PayPal bezahlt.
Mein Business läuft echt extrem über dieses Erleben, eine Erfahrung. Das ist eben etwas, was die Football spielenden Kolleg*innen eher weniger haben. Die bringen Singles raus, erfolgreiche Singles, und sind meist nicht mehr als ihre erfolgreichen Singles. Es gibt zahlreiche Künstler*innen da draußen, die Millionen von Streams und Hörer*innen haben. Aber die leben nicht von einer Erfahrung, sondern von diesem Song und das wars. Bei den meisten Künstler*innen, die diese Songs haben, sind die Songs größer als sie selbst. Bei mir, würde ich sagen, ist es so, dass ich größer bin als der Song. Ich habe ja keine krassen Hits. Meine Relevanz kommt nicht von einem Platin- oder Gold-Hit. Die Relevanz kommt eher durch die Erfahrung – das ist viel Live, wie wir Sachen releasen, wie wir die Leute catchen. Ich bin einfach nicht der Single-Typ, der unbedingt Songs bringt, die die Leute binden. Es ist nicht so, als würde ich keine Songs machen, die die Leute festhalten, ganz im Gegenteil. Viele Leute verbinden etwas mit der Musik. Aber um diese Erfahrung zu kriegen, musst du dich sehr auf die Musik einlassen. Der Otto Normalverbraucher ist nicht dazu bereit, sich auf Musik einzulassen, sondern will, dass es sofort losgeht, bam, die Hook straight up und let’s go. Bei mir ist es alleine dadurch, dass meine Songs lange Intros und Outros, Beatswitches und unkonventionell eingesetzte Features haben, anders. Entweder du liebst meine Musik und bist dazu bereit, dich darauf einzulassen, oder es bockt dich null. Ich glaube dazwischen gibt es bei mir nicht viel. Meine Musik kann man auch sehr schwer nebenbei hören.

Wenn du eh meinst, dass Erfahrung ein wichtiger Teil ist: Vieles vom Inhalt des Album besteht aus Erfahrungen, die du in letzten Jahren gemacht hast. Sei das auf der persönlichen Ebene oder in Bezug auf deine Karriere und das Musikbusiness. Beides ist ja nicht strikt getrennt, sondern findet gemeinsam statt. Ich habe neulich in einem Podcast [Min. 35] über »Distanz II« gesprochen, wo du erwähnst, dass du Vater geworden bist. Jemand meinte dann, dass Ahzumjot jetzt eine Art Grown Man Rap macht.
(lacht) Jawoll!

Ich finde für deine Art von Musik passt der Begriff nicht wirklich, aber würdest du dich trotzdem als »gereift« bezeichnen?
Ja, auf jeden Fall. Ich habe wie gesagt 2018 angefangen an dem Album zu arbeiten. 2018 ist aber auch mein Sohn auf die Welt gekommen. Man merkt extrem, dass das etwas mit mir gemacht hat. Man merkt es zum Beispiel daran, dass »Haifisch« der einzige Song ist, der in eine Richtung wie »Die Welle« mit Lance Butters geht. Die ganze EP mit Lance war wütend auf etwas, auf das es sich gar nicht lohnt wütend zu sein. Diese Wut findet auf dem Album nur punktuell auf einem Song statt, ansonsten handelt das Album relativ wenig von diesem typischen Ahzumjot-Thema der Szene und blablabla. Das ist ein Thema, was sich spätestens seit 2015/2016 durch meine Vita durchgezogen hat. Immer dieses »Deutschrap ist scheiße« und so weiter. Ein Thema, das plötzlich super wenig Platz gefunden hat. Weil ich jetzt als Mensch andere Themen habe, weißt du? Klar, ich bin einerseits Vater geworden. Aber es ist nicht nur das Vater-Sein. Prioritäten verschieben sich auf einmal, Gedanken verschieben sich auf einmal und du merkst, dass du ganz andere Sachen im Kopf hast.

Du sendest auf »Distanz II« eine total positive Botschaft, wenn du sagst, dass du Neid und Hass von dir weghalten willst. Wie kann man sich diesen Prozess vorstellen? Hast du einfach versucht anders an diese schlechten Sachen heranzugehen? Denn die verschwinden ja nicht einfach.
Es war kein Prozess, den ich wirklich aktiv geändert habe. Ich habe nur gemerkt, dass dieses »Ellenbogen raus« und das Kämpfen gegen Leute totaler Nonsens ist. Ich habe gemerkt, dass die »Lass Uns Scheinen«-Message viel wichtiger ist als »Es dreht sich alles um mich«. Hass und Neid sind ja super egozentrische Eigenschaften. Da geht es eigentlich nur um dich selbst. Wenn du etwas hasst oder beneidest, hat das nicht zwangsläufig etwas mit der anderen Person zu tun, die du hasst oder beneidest, sondern es fängt bei dir selbst an. Jede Emotion fängt irgendwie bei einem selbst an, auch im positiven Sinn. Liebe fängt auch bei einem selbst an und kann dann nach außen gehen. Das ist auch die Message auf »Lass Uns Scheinen«. Irgendwann habe ich auch erkannt, dass das Problem vielleicht gar nicht die Szene ist, sondern ich. Nicht im Sinne von »Ich pass nicht rein und muss jetzt so agieren, dass ich reinpasse«, sondern viel mehr das, was ich wiederum auf »Deine Vibes« thematisiere. Nämlich zu feiern und hoch zu halten, dass man so ist wie man ist und dass es gut ist, dass du anders bist, vielleicht nicht partout reinpasst und dich deswegen gar nicht beschweren solltest. Es geht gar nicht um den Raum, in den du willst, sondern darum zu erkennen, dass es nicht nur einen Raum gibt. Das ist meistens das, was Neid, Hass und andere Sachen mit sich bringen: Du hasst und beneidest eine Sache, dabei ist das nur eine Facette, die du beneidest und hasst. Wenn du beispielsweise beneidest, dass dein Nachbar ein geileres Auto fährt und viel mehr Geld hat als du. Dann solltest du nicht denken »Wie komme ich an genau denselben Reichtum ran, an das gleiche Auto?«, sondern solltest danach suchen, was dich wirklich glücklich macht, also deinen eigenen Raum finden. Sprich einen eigenen Raum zu schaffen, in dem du glücklich sein kannst, statt zu versuchen in diesen anderen Raum reinzupassen. Deshalb sage ich, dass diese Sachen bei dir selbst anfangen. Du musst überlegen, wo du reinpasst. Und wo passt du besser rein als in deinen eigenen Raum? Wenn du dann noch erkennst, dass Erfolg ein absolute Ansichtssache ist und nichts mit den Reichtümern deines Nachbarn zu tun hat, sondern du deine eigenen Reichtümer suchen musst, die vielleicht gar nichts mit Geld zu tun haben – then you can find inner peace. (lacht)

Voll, ich gehe total mit dieser Ansicht mit. Aber das ist trotzdem einfacher gesagt als getan.
Natürlich.

Gerade wenn man über wirtschaftliche Dinge spricht.
Ich rede da aus einer absolut privilegierten Position, das ist mir klar. Das weiß ich auch deswegen, weil ich zu einem großen Teil in meiner Vergangenheit viel mehr in der unprivilegierten Position war, wo Geld zum Beispiel eine größere Rolle gespielt hat. Ich weiß, dass es absolut privilegiert ist sowas zu sagen. Nicht auf deinen Nachbarn zu gucken kannst du nur wirklich nur praktizieren, wenn du genug Geld hast, um über die Runden zu kommen. Deswegen ist das sehr viel einfacher gesagt als getan. Ganz ehrlich, ich in meiner privilegierten Position komme auch nicht daran vorbei, jemanden mal zu beneiden. Wenn ich auf den Songs sage, dass ich mit Hass und Neid fernhalten will, heißt das nicht, dass ich es nicht trotzdem verspüre. Deswegen gibt es trotzdem einen Song wie »Haifisch« auf dem Album. Um die innerliche Zerrissenheit und Diskrepanz, die jeder Mensch in sich trägt, abzubilden. Die ist ein zentraler Punkt des Albums und von mir als Mensch. Dass ich einerseits nicht auf die Reichtümer der anderen gucken will und Materialismus scheiße finde, mir am nächsten Tag aber eine neue Uhr kaufe.

4k am Handgelenk. Wenn du meinst, dass du weniger neidisch auf andere gucken willst, besteht der Gegenpart ja aus den Leuten mit denen man sich umgibt und die man in seinem Kreis behalten möchte. Das spielt auf dem Album auch eine Rolle, wo du manchmal Situationen beschreibst, in denen du mit dir alleine bist, aber genauso darüber sprichst, dass du loyal zu Freund*innen und Familie sein willst. Inwieweit sind das auch Erfahrungen aus der Vergangenheit, wenn du beispielsweise mit Leuten wie Lev oder Nikolai Potthoff zusammenarbeitest, die auch schon Teil deiner Kunst waren als es schlechter lief?
Ich bin überaus dankbar, dass diese Personen noch da sind. Ich realisiere immer mehr, wie nicht selbstverständlich das ist. Ich bin immer noch ein Mensch, mit dem es nicht so leicht ist umzugehen. Die innerliche Zerrissenheit lebe ich an jedem Tag aus, die ist jeden Tag Thema. Damit umzugehen ist schwierig, deswegen bin ich dankbar, dass Menschen das seit Jahren mit mir durchleben. Lev ist seit über 15 Jahren mein bester Freund, der hat mit mir Zeiten durchgemacht, wo viele abgesprungen wären. Dasselbe gilt für meine Frau, die mir aus Phasen geholfen hat, wo viele zurecht gesagt hätten »Ich kann nicht mehr, ich bin weg.«

Inwiefern genießt du trotzdem das Alleine-Sein, das auf dem Album immer wieder auftaucht?
Sehr.

In welchen Situationen besonders?
Heute Abend. (lacht) Ich freu mich darauf, mir nachher etwas zu Essen zu bestellen. Ich bin alleine in diesem Hotel und liebe es, auch mal für mich zu sein. Ich liebe es, alleine im Studio zu sein. Ich liebe es auch mal alleine zu Hause zu sein, was bei einer Familie natürlich schwierig geht. Ich genieße es sehr, meine Ruhe zu haben, denn die Welt wird mir sehr schnell zu laut. Tatsächlich sehe ich das sogar an meinem Sohn, der das wohl von mir hat. Ein Go-To Satz von ihm ist »Das ist mir zu laut« oder »Das ist mir zu viel«. Der hat zum Beispiel auch gerne seine Ruhe. Ich genieße das Alleine-Sein, aber es ist Fluch und Segen zugleich. Alleine holen einen auch gerne mal die Dämonen schneller ein, weil du mit deinen Gedanken alleine bist. Da entstehen dann Songs wie »Guck unters Bett« von selbst. Der Song war sehr schnell geschrieben, eigentlich waren alle ziemlich schnell geschrieben. Aber der war so BAM und er war da, weil ich nachts alleine im Studio war. Die »Guck unters Bett«-Stimmung war einfach da.

Macht Sinn. Der Song ist wahrscheinlich mein Favorite vom Album.
Echt? Crazy. Das witzige und geile bei dem Album ist – deshalb war die Single-Auswahl auch so schwer – dass die Lieblingstracks von allen Leuten, die es bisher gehört haben, extremst auseinander gehen. Normalerweise erwartest du, dass du bei einem Album diesen einen oder auch zwei obvious Hits hast. Aber bei dem ist es so, dass der eine das sagt und die andere das, weil jede*r eine andere Facette, ein anderes Gefühl von »3:00« gefühlt hat. Es gibt noch eine andere Person, die »Guck unters Bett« mit am stärksten findet, aber auch andere Leute, die den Song fast ignorieren und gar nicht darüber sprechen, weil es sie nicht tangiert. Die finden »Energie« den besten Song, obwohl andere wiederum sagen, dass sie »Energie« hassen. Bei einem anderen Interview heute war der Lieblingssong »Sacre Coeur«, es ist total unterschiedlich.

Ich denke das liegt genau an diesem Facettenreichtum und den unterschiedlichen Moods. Die favorite Songs können sich bestimmt noch verändern, wenn man das Album in einem Jahr hört und vielleicht an einen ganz anderen Punkt im Leben steht und anders zu den Themen related. Diese Langlebigkeit, die dadurch entsteht, ist safe eine große Stärke des Albums.
Dankeschön, das freut mich wahnsinnig zu hören. Ich hoffe einfach, dass ich es schaffe Musik zu machen, die die Leute wirklich länger begleitet als nur bis zum nächsten Freitag. Ich habe auch Songs gemacht, die safe nur eine Woche lang »gehalten« haben. Zum Beispiel gibt es auf der »Raum«-Playlist Songs, die eine Woche lang gecatcht haben, aber danach relativ egal waren. Andere Leute sehen das vielleicht anders. Ich finde »Stunten« war genau für einen Sommer lang cool. Andere Leute sagen, dass sei der beste Track, den ich bisher gemacht habe. Aber ich selber würde ihn nicht als langlebig bezeichnen. Bei einem Song wie »Montag« wiederum behaupte ich, dass es ein langlebiger Song ist. Ich bin sehr froh, dass ich mit diesem Album etwas gemacht habe, von dem ich sagen kann – weil das Feedback habe ich öfter bekommen und kann es mir auch selber geben, weil das Album schon so lange fertig ist – Das ist wirklich ein Ding, das länger dasteht als bis zum nächsten Freitag.

Interview: David Regner
»3:00« erscheint am 16. Juli 2021.

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