2Pac – 2Pacalypse Now (1991) // Review

2pacalypse-now

(Amaru, Interscope)

Wahrscheinlich kann man dieses Album aus heutiger Sicht nur noch als Lebensgefühl beschreiben. Angereichert mit der Erkenntnis: Mann, hat sich das alles verändert … »2Pacalypse Now« rollt tatsächlich jazzig vor sich hin, vergleichbar mit den Produktionen von A Tribe Called Quest oder den Jungle Brothers, und überhaupt hat man beim Hören ständig Ice Cubes »It Was A Good Day« im Ohr. Der Knaller aber ist, dass Tupac das Album allen Ernstes mit einem Wiggidywiggidywack-Chiggidy-chiggidycheck-Song im Stile von Das EFX eröffnet. Hat man ja ganz vergessen, mittlerweile … Was ich damit zum Ausdruck bringen möchte, ist: Tupac wollte auf diesem Album ein richtiger Rapper sein. Ein Rapper, wie er in New York erfolgreich war. Kein Gangster. Kein Image. Keine Hoes und Champagner. Stattdessen Timberlands und Hoodies und Videos mit brennenden Ölfässern. Wenn die Waffe gezogen wurde, dann, weil man sich gegen die Polizeibrutalität auflehnen musste. Und wenn man sich als Dealer bezeichnete, dann nur deshalb, weil man die heiße Ware in Form von lyrischem und musikalischem Talent am Start hatte: »The police call me dope man, ‚cause I rock dope beats.« Es kommen einem wirklich fast die Tränen vor Sentimentalität, wenn man hört, wie sich Tupac an Themen wie ungewollter Schwangerschaft, Armut, Drogenmissbrauch, Polizeiübergriffen und allgemein Rassendiskriminierung abarbeitet. Ein 20-jähriger Rapper Anfang der Neunziger, einer unter Tausenden. Es scheint wie ein Wunder, dass er in dieser Masse nicht einfach unterging. Verständlich wird das alles erst, wenn man sich folgende Geschichte vor Augen führt: Nachdem ein Jugendlicher in Texas einen State Trooper erschossen und die Verteidigung erklärt hatte, dass der Junge von »2Pacalypse Now« beeinflusst worden sei, erklärte Dan Quayle, Vizepräsident der USA unter George Bush dem Älteren, öffentlich: »Es gibt keinen Grund, dass ein Album wie dieses überhaupt veröffentlicht wird. Es hat in unserer Gesellschaft keinen Platz!« Daraufhin stellte der Journalist Marcus Leshock berechtigterweise die Frage: »Meint Quayle tatsächlich die Platte, die in unserer Gesellschaft keinen Platz habe? Oder denkt Quayle, dass Tupac keinen Platz in unserer Gesellschaft hat?« Tupac, die wandelnde Provokation. Was später in einem vollkommen geisteskranken Eastcoast-Westcoast-Beef endete, begann im Jahre ’91 mit politisch korrekten Anti-Bullen-Songs und der ersten Konfrontation mit den Mächtigen im Staat, von denen sich Tupac Zeit seines Lebens verfolgt sah und die ihn ja auch tatsächlich gerne als Zielscheibe benutzten. An Selbstbewusstsein mangelte es ihm jedenfalls auch damals schon nicht: »My words are weapons and I’m steppin to the Silent / Wakin‘ up the masses, but you claim that l’m violent.« In Besprechungen der damaligen Zeit wurden zwei Titel als Hits bezeichnet: »Trapped« und »Brenda’s Got A Baby«. Während »Trapped« heutzutage als Hit nicht ansatzweise funktionieren würde, mit diesem gehetzt wirkenden Loop und ohne erkennbare Hookline, so ist das Lied über Brendas ungeplante Teenagerschwangerschaft tatsächlich ein Alltime High. Künstler wie Nas, Mary J. Blige und The Game haben sich nach eigenen Angaben von der Geschichte des Songs inspirieren lassen. »Mit zwölf Jahren schwanger. Kind im Badezimmer zur Welt bringen. Kind in den Müll werfen wollen. Entdeckt werden. Aus dem Haus geworfen werden. Crack verkaufen. Opfer eines Raubüberfalls. Prostitution als Ausweg. Kein Ausweg. Ermordet werden.« Eine vielleicht überspitzte Darstellung eines allerdings durchaus realistischen Problems und für die meisten Pac-Fans offensichtlich ein Zeichen seiner Verantwortung für die Hood. Schon auf der ersten Platte war also alles zumindest in der Anlage vorhanden, was den späteren Pac so schillernd, so groß und so wunderschön machte.

 
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