2 Chainz – Rap Or Go To The League // Review

Wo viele über abgedroschene Weisheiten, halbgare Stilexperimente oder bemühte Epen den Weg zum Elder Statesman suchen, überhöht 2 Chainz seinen Business-Ansatz einfach zum persönlichen Mythos und nutzt seine Biografie als Grundlage für soziopolitische Kommentare.

(Def Jam / Universal)

Wertung: Viereinhalb Kronen
Nein, auch nach den jüngsten Entwicklungen in der bizarren Karriere des Tauheed Epps war nicht mit einem Album wie »Rap Or Go To The League« zu rechnen. »Pretty Girls Like Trap Music« hatte seine Musik zwar endgültig für Menschen geöffnet, die bei Jason Derulo das Radio ausmachen und Namen wie Tity Boi höchstens für Tarantino-Figuren akzeptieren, doch die Aura des Paycheck-Rappers wollte er nicht ganz loswerden. Nun schwebt aber über jedem Künstler früher oder später sein Alter, zu dem sich die Kunst irgendwie verhalten muss, und will man nicht ewig der anpassungsfähige Feature-Söldner bleiben, sollte zu irgendeiner Form von Seriosität oder gar Autorität gefunden werden. Wo viele über abgedroschene Weisheiten, halbgare Stilexperimente oder bemühte Epen den Weg zum Elder Statesman suchen, überhöht 2 Chainz seinen Business-Ansatz einfach zum persönlichen Mythos und nutzt seine Biografie als Grundlage für soziopolitische Kommentare. Die darauf basierende heilige Schrift ist sein fünftes Album, das auf verquere Weise an »My Beautiful Dark Twisted Fantasy« erinnert – nicht zwingend stilistisch, auch nicht in der Dichte der Gäste, wohl aber was deren bewussten Einsatz, das Gefühl für Weite und Drama­turgie der Songs, vor allem aber den Moment in der jeweiligen Karriere angeht. Ähnlich wie Kanye stellt auch 2 Chainz hier gnadenlos seine Stärken aus: Dazu gehört unter anderem mit Young Thug auf einem flirrend-schleimigen Trap-Beat, auf einem peitschend-wabernden Trip mit Travis Scott und einer Nineties-Pop-Schmonzette mit Ariana Grande aufzutreten, dabei aber stets das Gravitationszentrum zu bleiben. Jede Punchline, jeder Beat-Switch (»Forgiven«, heilige Mutter!), jede Hook und jedes Bekenntnis sind um seine Präsenz arrangiert, während ein Leben zwischen den beiden titelgebenden Optionen und dem Abgrund, der jenen droht, die es nicht schaffen, abläuft. In Songs wie »NCAA« oder »Threat To Society« liegen markerschütternde Diagnosen und unterhaltsame Umsetzung oft nur wenige Lines aus­einander und spätestens, wenn 2 Chainz am Ende das US-Steuersystem fachgerecht zerlegt, ist die Klasse von »Rap Or Go To The League« indiskutabel. Das hier ist kein um Anerkennung bittendes Album, sondern eine Masterclass. Hefte raus, mitschreiben.

Text: Sebastian Behrlich

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