Xatar: »Die haben unsere Knöchel immer wieder gegen Herdplatten gedrückt« // Interview

Xatar

Die Fahrt nach Rheinbach dauert ewig. Südlich von Köln, hinter Bonn, wo die Orte Euskirchen, Swisttal, Schuld oder Röttgen heißen. Flache Landschaft. Grau in grau, es ist Winter, noch liegt kein Schnee. Es ist neblig. Das Gefängnis, in dem ich Xatar treffen soll, liegt etwas abseits. Der gelbe -Neubau könnte auch der Eingang zu einem größeren Gemeindehaus sein, die hohen Mauern dagegen, hinter denen der Giebel einer 100 Jahre alten Kirche zu sehen ist, könnten allerdings nichts anderes sein. Es sind Gefängnismauern, gebaut, um Menschen daran zu hindern, in die Freiheit zu gelangen. Für etwas anderes taugen sie nicht. Dafür, und nur dafür sind sie da.

Schlüssel klackern. Kein Schritt ohne Wachpersonal. Gefängnis bedeutet, dass man die Türen nicht mehr selbständig öffnen kann. Nie. Keine der Türen lässt sich ohne den dazugehörigen Schlüssel öffnen oder schließen und die Schlüssel liegen in der Hand des Wachpersonals. Endlich bin ich hier. Vor gut einem Jahr habe ich zum ersten Mal um einen Interviewtermin gebeten. Ohne Erfolg. Der Gefangene Giwar Hajabi, der unter der Nummer 415 zu einiger Berühmtheit gelangte, durchlief eine kleine Odyssee durch verschiedene Strafanstalten in unterschiedlichen Bundesländern. Erst die Gefängnisleitung in Rheinbach machte es möglich. Und so sitze ich nun hier, in einem schmucklosen Raum, hinter dicken Gittern aus Stahl. Ein Wärter taucht auf und erklärt, dass der Gefangene bereit sei. Mit einem blauen Fleck auf der Stirn betritt Xatar den Raum. Eine Ewigkeit haben wir uns schon nicht mehr gesehen, leicht befremdet stehen wir uns gegenüber. Xatar trägt blaue Gefängniskluft. Woher der blaue Fleck sei, will ich wissen. Vom Beten, erklärt er. Er habe zu Gott gefunden während seiner Haft und wünscht sich, dass wir unser Interview auf der Couch führen, weil er schon seit Ewigkeiten nicht mehr auf einer normalen Couch gesessen habe. Die Zeit drängt. Zumindest ist sie begrenzt, wie alles begrenzt ist im Gefängnis. Wir legen sofort los.


 
Wie konnte es so weit kommen? Warum treffen wir uns ausgerechnet hier wieder?
Ich denke, es gab einen Punkt in meinem Leben, an dem ich mir aussuchen konnte, in welche Richtung ich gehe. Ich habe mich für die Richtung mit Action und Risiken entschieden. Das ist am Ende ausgeartet und eskaliert. Meine Eltern sind beide Akademiker. Mein Vater ist Musiker, meine Mutter Lehrerin. Die haben wirklich versucht, mich auf den geraden Weg zu führen und mich so gut wie möglich zu erziehen. Wir haben zwar in einem sozialen Brennpunkt gewohnt, in Bonn Brüser Berg, aber sie haben immer versucht, mich von diesen Leuten fernzuhalten. Das hat auch teilweise funktioniert. Einerseits wollte ich für die Eltern die Schule gut machen, andererseits wollte ich halt auch auf der Straße sein, mit den Jungs.

Warum hat der krumme Weg aber letztendlich gewonnen?
Mein Vater ist ausgezogen, meine Eltern haben sich getrennt und von da an war die Strenge nicht mehr so im Haus. Ich konnte machen, was ich wollte. Meine Mutter hatte Probleme mit der Trennung und ich habe das ausgenutzt, indem ich die ganze Zeit draußen geblieben bin. So war ich dann immer mit den Jungs unterwegs und bin halt voll in den Straßenfilm reingerutscht.
 
Wie sieht so ein Straßenfilm aus?
Stell dir ein Viertel vor. Da gibt es einen Platz, wo all die 13-Jährigen rumhängen. In dem Alter denkt man ja auch noch kindisch. Teilweise haben wir selber die Polizei angerufen, irgendwohin gelockt und dann mit Steinen beworfen. Dumme Sachen eben. Dann haben wir angefangen zu klauen. Dann fängt es an, dass da so ein Wettbewerbsding entsteht: Wer ist der Krasseste? Wer war schon in PG, also in Polizeigewahrsam? Dann gibt es interne Rivalitäten. Man muss sich durchsetzen. Dann gibt es noch die Rivalitäten mit anderen Vierteln. Dann hört man, der andere hat ein Messer gezogen. Was soll das? Dann muss man ja auch mit Messer kommen. Derselbe Scheiß wie bei den Erwachsenen in der Politik, was zwischen Amerika und Iran läuft, nur auf dem Fußballplatz. Und dann sieht man das Geld. Man sieht die Älteren mit krassen Autos, schönen Frauen und die genießen auch noch Respekt. Ich war ein Niemand und ich sah Leute, die jemand waren, in meinen Augen. Weil die genau das hatten, was ich nicht hatte. Also fragt man sich: Wie kommt man an das Geld?

Gab es keine anderen Vorbilder?
Für mich, als Kanake aus so einem Viertel Anfang der neunziger Jahre, gab es niemanden. Es gab ja auch keinen Deutschrapper, mit dem ich mich identifizieren hätte können. Da war es ja Blamage, Deutschrap zu hören auf der Straße. Hätte ich damals so einen Haftbefehl oder so einen Massiv in seiner »Ghettolied«-Zeit gehabt, dann hätte es vielleicht anders ausgesehen.


 
Aber die feiern diesen Gangster-Lifestyle ja auch in ihren Texten.
Aber wenn die mit den Kleineren reden, dann reden die ganz vernünftig. So ein Haftbefehl, glaubst du, der sagt denen: »Geh Koks ticken, ich geb dir eine gute Connect«, oder was? Man rappt natürlich über Negatives, weil es dazugehört, aber wenn es drauf ankommt, dann ist man vernünftig. Das will ich auch intensivieren, wenn ich rauskomme. Hätte ich so einen gehabt, als ich klein war – jemanden, von dem ich gedacht hätte, der ist authentisch, der hat den ganzen Scheiß durch – und der hätte mir logisch erklärt, dass der krumme Weg scheiße ist, das hätte mir schon geholfen. Aber es war das genaue Gegenteil.
 
Aber du hast Musik gemacht, du hast Klavier gespielt, deine Eltern haben dir die Kunst gezeigt…
Ja, aber draußen hat sich kein Mensch dafür interessiert. Das war ein privates Ding. Nach der Schule musste ich nach Hause, Klavier üben, und einmal die Woche hatte ich Unterricht. Zuhause die Erziehung genießen, Respekt vor den Älteren, dies das, aber sobald du rauskommst, war das, als hätte man zwei Gesichter. Man redet anders, verhält sich anders, man spuckt auf den Boden. Dann kommt die Gewalt dazu, das Geld, und dann ändert sich alles.

Welche Rolle spielt in dieser Beziehung der deutsche Staat?
In den neunziger Jahren, in denen ich aufgewachsen bin, war das Einzige, was vom Staat sichtbar war, die Polizei. Und es gab bei uns im Viertel einen Jugendtreff vom Diakonischen Werk. Da gab es einen deutschen Sozialarbeiter, der war aus dem Osten und hieß Volker. Der war immer da. Der kam auch zu uns nach Hause, wenn wir Scheiße gebaut haben, der war schon fast wie ein Onkel. Der hat viel versucht. Der war cool, der war auch unser Fußballtrainer. Das war der Staat, den ich gesehen habe.

Und die Schule?
Ich war auf dem Gymnasium und die ganzen Jungs von mir waren auf der Real- und Hauptschule gegenüber. Die waren am Chillen, während ich auf dem Gymnasium einen ganz anderen Film geschoben habe. Anfang der Neunziger auf dem Gymnasium, da war der Faschismus noch voll da. Da waren 60-jährige Lehrer, die noch in der HJ waren. Meine Zeit dort war echt beschissen. Die haben mich spüren lassen, dass ich da nicht hingehöre. Auch die Schüler. Da waren ja fast nur Deutsche und die kamen aus der Reichensiedlung nebenan. Brüser Berg ist zwar ein Drecksviertel, liegt aber mitten auf der Hardthöhe, wo das Verteidigungsminis-terium ist. Drumherum wohnen die ganzen Beamten, die dort arbeiten. Ich war fünf Jahre auf der Schule, bis zur zehnten Klasse, und ich bin nicht einmal auf irgendeine Geburtstagsfeier eingeladen worden. In dieser Hinsicht bin ich komplett ausgegrenzt worden, auch auf dem Schulhof. Da wollte keiner mit mir chillen. Das hat sich komischerweise erst geändert, als ich den Asi hab raushängen lassen. Leute, die vorher nichts mit mir zu tun haben wollten, waren plötzlich nett zu mir. Ich war dann das, was die von mir wollten. So haben sie mich eher akzeptiert, als wenn ich versucht habe, auf deutsch und voll integriert zu machen.


 
Gab es tatsächlich so einen Tag der Entscheidung, an dem du dich für die Kriminalität entschieden hast, oder steigert sich das langsam?
Es ist beides. Auf der einen Seite ist es eine langsame Entwicklung. Aber vor jeder Tat ist das Gewissen da und sagt: »Hey Junge, das kannst du nicht bringen.« Und dann gibt es die andere Stimme, die sagt: »Scheiß drauf! Überliste dein Gewissen! Davon hast du dann mehr!« Das ist wirklich wie dieses Engel-Teufel-Ding. Es gab ja noch viel schlimmere Sachen, die ich hätte machen können, bei denen ich mich für den Engel entschieden habe. Leute killen. Überfälle, bei denen man Menschen einen Schaden fürs Leben zufügt oder das Leben sogar wegnimmt, das habe ich ja nie gemacht. Die Möglichkeiten sind da und die Notwendigkeit manchmal auch. Aber so was habe ich nie gemacht. Das ist dieses Gewissensding, dieses Ding mit Gott. Manchmal hat man ja diese Rachegedanken. Ich habe einen Track gemacht, in dem ich das beschreibe, wie ich jemanden töten will und mich dagegen entscheide. Da zeige ich diesen Konflikt mit Gott, weil Töten auch nicht im Interesse von Gott ist, und den wollen wir ja nicht verärgern – oder zumindest nicht mehr, als ich es ohnehin schon gemacht habe.

Nun ist auf dich ja auch schon geschossen worden. Gab es da Rachefantasien?
Da ich nicht weiß, wer das war, und die Polizei auch nichts sagen konnte und auch sonst mir niemand sagen konnte, wer das war, habe ich eher Paranoia statt Rache-gedanken bekommen. Wenn man Feinde hat, bei denen man weiß, dass das Feinde sind, dann ist das was anderes, als wenn man Feinde hat, von denen man gar nicht weiß, wer das ist. Es gab komische Gerüchte. Leute hätten Leuten Geld bezahlt. Es gab Gerüchte, dass man die Täter gefasst hätte und die wären alle nur 17, 18 Jahre alt gewesen. Ich weiß halt, wie das ist. Wenn das so Junge sind, dann sind die bestimmt bezahlt worden, weil das Strafmaß in der Jugendstrafe für Mord viel geringer ist als im Erwachsenenstrafrecht. Da habe ich dann nur gedacht: Warum? Wieso? Wer? An Rache habe ich gar nicht gedacht.

Bist du oft enttäuscht worden?
Ja, Mann. Mies. Von meinen eigenen Leuten. Ich weiß nicht, woran das liegt, aber man geht in den Knast und dann melden sich viele nicht mehr bei dir. Das ist normal. In meinem Fall gab es sogar eine Belohnung für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen. Da haben 14 Leute Infos gegeben und davon waren zehn Leute aus meinem eigenen Freundeskreis. Das fand ich heftig. Ich bin jetzt im Knast, und von den 20 angeblichen Homeboys, die ich hatte, sind höchstens fünf geblieben, die sich überhaupt noch melden. Bei uns wurde viel über Ehre und Loyalität geredet. Bullshit, Alter. Davon bleibt nicht viel übrig. Das ist wie ein Sieb. Man kommt in den Knast und dann bleiben nur die dicken Steine übrig. Der Rest geht. Insofern weiß ich wenigstens, wer von meinen Kumpels Falschgeld ist und wer nicht. Wenn ich also irgendwann mal rauskomme, Inschallah, dann weiß ich wenigstens, mit wem ich es zu tun habe.


 
Um mal auf ein anderes Thema zu sprechen zu kommen: Wie war das mit der Musik, wie bist du zu Rap gekommen?
Mein ganzes Leben lang dachte ich, dass ich irgendwas schaffen muss. Zuerst habe ich es mit einem Internetcafé versucht, aber das hat nicht geklappt. Mit der Musik war das so: Jeder hat irgendwie Mucke gemacht und jeder hat gerappt im Viertel. Im Jugendzentrum gab es einen Aufnahmeraum, da haben wir immer gerappt. Plötzlich ruft mich der Maestro an und sagt: Fruity Loops ist am Start, da kann man tatsächlich Musik machen. Da haben wir festgestellt, dass das gar nicht so schwer ist mit den Loops und den Patterns. Also haben wir richtig Gas gegeben. Ich habe nie daran gedacht, das ernsthaft beruflich zu sehen, weil ich dachte, da kommt sowieso kein Para rum. Bis ich Azad gesehen habe. Ich guck MTV und da sehe ich auf einmal Sturmmasken, Hochhäuser, Pitbulls. Das war ein richtiger Schock. Man hat ja schon immer auf der Straße so geredet, dass Rap in Deutschland eigentlich auch so sein müsste und warum ist das eigentlich immer so blumentopfig, aber mit Azad ist es plötzlich passiert. Das war das erste Mal, dass ich dachte: Krass, der Kanake macht jetzt Geld mit Rap. Später kam noch das Bushido-Ding. Dann bin ich nach London gegangen, habe Musik studiert, Tracks aufgenommen. Ich war dort, weil in Deutschland ein Haftbefehl gegen mich lief, aber als der dann weg war, ging ich sofort zurück und habe es probiert.

Wann war das?
2007 kam ich zurück, da hatte ich mein erstes Album als Demo schon fertig. Dann bin ich hier direkt ins Studio und habe es noch mal aufgenommen. Dann habe ich das Video gemacht und mit dem Video kamen schon die ersten Konzertanfragen. Ich hätte eigentlich schon damals davon leben können, wenn ich nicht immer 20 Leute mit auf meine Konzerte genommen hätte, für die ich das Hotel bezahlt habe – und am Ende hat dann das Tankgeld für den Rückweg gefehlt. Wenn ich heute darüber nachdenke, dann kommt mir das so absurd vor. Ich lebe hier von 100 Euro im Monat und ich lebe gut. Ich habe meine Thunfischdosen, ich habe meine Nudeln. Obst, frisches Gemüse. 100 Euro gibst du draußen an der Tankstelle aus. In Zukunft würde ich auch nicht mehr mit 20 Leuten auf ein Konzert gehen, sondern ganz alleine. So wie ein Azad, den ich damals nicht verstanden habe, weil er nur mit einem Mann gekommen ist. Der hat sein Ding gemacht hat und ist wieder gegangen. Arbeit, Alter. Beruf. Ich Idiot habe alles verprasst. Schwachsinn. Dann kam das Album, da ist dann ein bisschen mehr Geld gekommen, aber das Problem war, dass ich nach England nicht mehr unbedingt auf der Straße meine Kohle verdient habe. Ich wollte das Musikding durchziehen. Nur habe ich mich nach dem ersten Album drauf ausgeruht und nichts mehr gemacht. Plötzlich war kein Geld mehr da.


 
Was hast du dann gemacht?
Dann habe ich mir Geld geliehen. Immer mit diesem Gedanken, dass es bald wieder reinkommt. Ich muss ja nur eine Platte machen, dann ist das Geld auch wieder da. Wäre vielleicht auch so gewesen, aber ich habe die Platte nicht gemacht. Stattdessen habe ich mir immer weiter Geld geliehen und dann kam ein Ereignis nach dem anderen. Diese Amerika-Story. Diese Schießerei. Sachen, die mich komplett aus dem Konzept gebracht haben, und dazu noch diese Faulheit oder Coolheit. Ich weiß nicht, was ich mir damals für einen Film geschoben habe, dass ich diese Platte nicht gemacht habe. Ich habe mir immer weiter Geld geliehen und irgendwann haben die Leute dann gesagt: »Hey, wat is’ jetzt? Is’ jetzt schon ein Jahr, dass wir dir Geld leihen und da kommt nix.« Da habe ich krass Schulden gemacht.

Mit der »Amerika-Story« meinst du bestimmt diese Verhaftung in Los Angeles. Das war eine Party in Hugh Hefners Playboy-Villa. Wie bist du da überhaupt hingekommen?
Ich war ja so eine Art F-Prominenter damals. Ich war auf irgendeiner Afterparty. Ich mochte diese Partys. Die Drinks waren umsonst, ich war betrunken und da hat mich jemand angesprochen: »Möchtest du mit nach L.A.? Wir bezahlen alles.« Das war die Zeit, in der ich auf MTV bei TRL lief und die ganze Zeit auf Nummer eins war. Die haben in dieser Playboy-Villa eine Party gemacht von irgend so einem Energy-Drink und Sido war auch da. Das ging krass ab. Eigentlich hätte ich da auch Dr. Dre treffen sollen, aber dann war ich im Knast. Das war Absturz. Zuerst war’s cool, dann war die Party, Scheiße, Knast, Flucht, tschüß, Deutschland.

Warum ist das auf der Party so eskaliert?
Das ist gar nicht so eskaliert, Sido ist mein Zeuge. Und bis heute behaupte ich: Die haben mir was ins Getränk getan. Ich bin gegen 10 Uhr abends dort angekommen und auf meinem Haftzettel vom Knast steht 0 Uhr. Das kann ja nicht sein, dass ich schon nach zwei Stunden so betrunken gewesen sein soll. Ich vertrag was, wenn ich trinke. Auf jeden Fall war das so, dass ich mein Getränk beim Anrempeln über das Kleid einer Frau gekippt habe. Die ist vollkommen ausgeflippt. Das war eine sehr temperamentvolle Frau. Ich weiß noch, dass ich das Wort »sorry« bestimmt 500 mal gesagt habe. Dann habe ich aber irgendwas Falsches gesagt, worauf sie gesagt hat, dass sie mich schlagen würde, wenn ich das noch mal sage. Ich habe es noch mal gesagt und sie hat mich gehauen, wie ein Mann. Damit hatte ich nicht gerechnet, und im Reflex habe ich sie weggeschubst. Daraus haben sie eine Riesensache gemacht. Dann kam die Polizei und ich war im Knast.

Man erzählt sich, dass da zwei Russen mit Geldkoffern gekommen sind, die dich rausgeholt haben.
Nee. Die haben 50.000 Dollar Kaution verlangt, und da ich kein amerikanischer Staatsbürger bin, musste ich 50% bezahlen, also 25 Mille. Mein Cousin, der tatsächlich in Moskau lebt und gerade ebenfalls dort war, hatte nicht so viel Geld dabei. Also musste er das organisieren und so bin ich irgendwie wieder rausgekommen. Ich hatte voll Glück. Ich war zehn Tage drin, und am nächsten Morgen hätte ich die Verhandlung gehabt, da hätte ich drei Jahre bekommen. Ich bin sofort zum deutschen Konsulat in L.A. gegangen und die waren super drauf. Die meinten, dass die Amis spinnen und dass sie mir helfen würden. Mein Pass war ja noch bei Gericht, also hat mir das Konsulat einen provisorischen Pass ausgestellt und mir dann bedeutet: »Mexiko ist in die Richtung.« Ich wusste ja nicht, dass das so einfach ist, aber die Grenze nach Mexiko ist ja offen, da kann man einfach durchgehen. Rein kommst du in die USA nicht, aber raus kannst du immer. Von dort konnte ich nach Hause fliegen. Als ich in Deutschland angekommen bin, habe ich noch mal beim Auswärtigen Amt angerufen und mich bedankt. Das war eine coole Aktion von denen, da habe ich mich zum ersten Mal wirklich als Deutscher gefühlt.
 

 
Das nächste Mal, als man wieder von dir gehört hat, hieß es, dass du nach Moskau geflohen seist, weil du einen Goldtransporter überfallen hättest.
Ja. Dann ist diese Tat passiert, wofür ich sitze, aber ich bin nicht abgehauen. Zuerst bin ich nach London, da gab es ja noch gar keinen Haftbefehl. Ich wusste gar nicht, dass die mich jagen, weil der Mann, der mir den Tipp gegeben hat, mir gesagt hat, dass diese Sache mit dem Besitzer des Goldtransporters ein abgekartetes Spiel ist. So wurde mir das Ding verkauft. Jemand kommt zu dir und sagt: Hör mal zu, ich habe was für dich.

Wie kommt man in solche Kreise, in denen solche Sachen vorgeschlagen werden?
Der Typ, der mir den Tipp gegeben hat, der ist Gold- und Schmuckhändler. Ein Freund von mir, der Uhrenhändler ist, der hatte schon jahrelang Geschäfte mit ihm gemacht. In dieser Zeit hatte ich Schulden, dann kam eben mein Kumpel und meinte, dieser Geschäftpartner von ihm, der kennt einen Konzertveranstalter aus Süddeutschland und der könnte mir ein Angebot in Sachen Musik machen. Am Ende meinte der aber, dass er gehört hätte, dass ich ein gerader Junge sei und gerade Geld bräuchte. Dann kam halt die Story, dass ich nur das und das machen müsse, ohne Polizei, weil der Besitzer vom Gold das für so ein Versicherungsding benutzen will. Du bist dann weg. Der kennt dich nicht. Der will dich auch nicht kennen lernen. Du machst das Ding und der wird dann erzählen, die Täter wären irgendwelche Russen, damit die Spur in eine andere Richtung führt. Das wird einfach ein Versicherungsding, da werden keine Bullen gerufen und es geht um 800.000, wofür dann du 200.000 kriegst, die du dann aufteilst mit deinen Jungs. Und du denkst: »Okay, ich brauche gerade übertrieben Geld, ich bin in einer richtigen Scheißlage, die betrügen einfach nur ihre Versicherung, ich bin einfach nur ein Teil im System, ich zieh das durch und dann habe ich meine Schulden weg und danach mache ich nie wieder was. Das ist das letzte Ding.« Aber dann ist alles schiefgelaufen.

Wie ist die Polizei überhaupt auf eure Spur gekommen?
Also stell dir mal vor, einer dieser Räuber guckt regelmäßig nach, im Internet, ob es irgendwelche Neuigkeiten gibt zu diesem Raub. Stell dir vor, seine Frau kommt dann immer reingeplatzt und er macht ganz schnell die Seite zu, die er sich gerade angeschaut hat. Stell dir vor, diese Frau wird misstrauisch, weil sie denkt, er chattet mit einem Mädchen. Stell dir vor, die Frau schaut dann in der Chronik nach und stellt fest, dass der immer nur Seiten zu diesem Raubüberfall angeschaut hat. Stell dir vor, dass ihr dann einfällt, dass ihr Mann an dem Tag nicht da war. Stell dir vor, sie erzählt das ihrer Freundin, so nach dem Motto: »Ich dachte, er betrügt mich, als er neulich nicht zu Hause war, aber das war ganz was anderes.« Stell dir vor, diese Freundin war schon immer scharf auf den Mann und hat jetzt die Gelegenheit, die Beziehung kaputt zu machen. Stell dir vor, diese Freundin geht zur Polizei und sagt, sie will die Belohnung gar nicht, sie hätte aber trotzdem ein paar Informationen. Stell dir das alles vor, so ungefähr könnte das gewesen sein.

Du warst aber trotzdem in Moskau.
Ja, ich bin nach Moskau zu einem Kollegen gegangen, der dort wohnt. Wir wussten ja noch gar nicht, dass die in der Zwischenzeit alles rausgefunden hatten. Dann habe ich gehört, dass die Polizei bei mir zu Hause war. Wir haben dann Kontakt zur russischen Geheimpolizei aufgenommen und die meinten: »Ja, die Deutschen wollen euch haben. Wir geben aber niemandem was. Außer wenn das in den Medien kommt, dann müsst ihr das Land verlassen.« Dann waren wir die ganze Zeit mit unseren Anwälten in Kontakt. Wir wollten uns einfach nur kontrolliert stellen und nicht gefangen werden. Das ist besser für die Verhandlung und auch für die Haft. Dann kam das aber in Russland im Fernsehen und die Leute vom FSB meinten, dass wir ausreisen sollten. Wir haben darüber nachgedacht, wo wir jetzt hin könnten, damit wir noch so zwei, drei Wochen rausholen können, bis der Anwalt den Deal macht. Also haben wir beschlossen, in den Irak zu gehen.

Warum ausgerechnet Irak? Hast du Verwandtschaft dort?
Mein Mittäter hat dort Verwandtschaft, aber der Grund war, dass wir da schon von Interpol gesucht wurden und im Irak gibt es so was nicht. Auf jeden Fall sind wir da hin, haben dort auch mit dem Geheimdienst geredet und gemeint, dass wir noch zehn Tage brauchen, dann sind wir weg. Der Typ vom Geheimdienst meinte: »Okay, zehn Tage habt ihr, mehr nicht, dann verlasst ihr das Land.« Drei, vier Tage später aber, wir waren gerade beim Kebab essen, kamen plötzlich 60 Militärs, mit Jeeps und allem drum und dran – und dieser Geheimdiensttyp. Er nahm uns die Pässe ab und sagte: »Kommt mit. Wir laden euch ein, wir wollen einen Tee zusammen trinken.« Wenn man das hört, dann weiß man, dass es ganz schlimm wird.

Wieso haben die ihre Meinung geändert?
Ich kann nur spekulieren. Wenn wir uns gestellt hätten, dann hätten die dort nichts davon gehabt. Die wollten irgendwas dabei herausholen. Dann kam das Angebot: »Wir nehmen das Gold, ihr kriegt neue Pässe, wir werden Deutschland und Interpol sagen, dass wir euch auf der Flucht erschossen haben, dann existiert ihr nicht mehr und ihr könnt ein neues Leben führen.« Deswegen gab es dann Schläge, weil wir denen gesagt haben, dass es gar kein Gold gibt. Die dachten, wir sind da mit Koffern voll Gold eingereist. Ich meinte dann zu denen, dass wir die Tat nur für jemanden gemacht hätten und dafür bezahlt wurden. Darauf brüllte er: »Ihr lügt!« Und dann gab’s halt Schläge ohne Ende und auch Haft.

Auf welcher Grundlage haben die euch inhaftiert?
Auf gar keiner Grundlage. Die brauchen keinen Grund. Einmal kam der Konsul von Deutschland vorbei und der meinte, dass er leider nichts für uns machen könne. Der wollte dann von mir wissen, ob wir gefoltert werden. Ich hatte zwar kein Blut im Gesicht, aber meine ganzen Hände waren schwarz. Wie Plastik. Das waren Verbrennungen. Die haben unsere Knöchel immer wieder gegen Herdplatten gedrückt und mein Daumen war ganz dick, weil er gebrochen war und nicht behandelt wurde. Auch sonst hat man uns das angesehen, dass wir gebrochen waren. Ich war kaputt. Drei Monate ging das so. Dann kamen sie eines Tages in unsere Zellen und haben uns so Tüten über den Kopf gezogen. Ich dachte, ich sterbe. Sie haben uns dann in einen Laster gesetzt und in ein Flugzeug gebracht. Erst im Flugzeug haben sie uns die Tüten abgenommen und da habe ich gemerkt, dass da Deutsche waren. Ich wäre denen fast um den Hals gefallen. Die meinten dann: »Ha, jetzt haben wir euch.« Ich sagte: »Was, jetzt haben wir euch? Wo wart ihr, Alter?« Drei Monate haben die uns abkacken lassen, aber dann waren die Bullen selber geschockt. Die dachten wirklich, wir chillen dort. Dann wurden wir nach Deutschland ausgeflogen, ins Schwabenländle.

Bist du froh, dass der Fall in Deutschland verhandelt wurde?
Natürlich, Alter. Dort im Irak, das ist kein Spaß. Da ist ein Leben nichts wert. Die reden übers Töten so selbstverständlich, das habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt. Da tragen alle Kalaschnikows, egal wie alt.

Im Knast hast du wieder Zeit gefunden, Musik zu machen.
Ja, Mann. Ich bin zurück zu Gott und zur Musik gekommen. Ich hatte endlich wieder Zeit für Texte. Ich habe so viel geschrieben am Anfang, da hatte ich ja nichts zu tun. Ich war ja 23 Stunden in der Zelle. Keine Arbeit. Nur geschrieben. Immer weiter. Dann habe ich mir Biggie, Tupac, Game, The Pharcyde, KRS-One, Jay-Z und die ganzen anderen Klassiker besorgt. Irgendwann ergab sich die Möglichkeit, im Knast aufzunehmen. Ich habe ein Musikprojekt im Knast angeleiert und für dieses Projekt wurde ein Diktiergerät besorgt. Zwischen der Ankunft des Geräts und dem eigentlichen Projekt hatte ich aber zwei Wochen Pufferzeit, die konnte ich dann ausnutzen und so »Nr. 415« aufnehmen. In zwei Wochen habe ich zwei Alben aufgenommen.

Hat dich die Zeit im Gefängnis verändert?
Ich weiß es nicht. Ich hoffe. Ich habe viele Dummheiten gemacht. Für mich hat dieser Knast viel Positives gebracht, man lernt Sachen zu schätzen, die man vorher gar nicht zu schätzen gewusst hat. Kleinigkeiten. Freiheit. Ein gutes Essen. Klamotten, verdammt. Aber man kann hier nachdenken. Dadurch, dass du nachdenkst, fallen dir Sachen auf, über die man nie nachgedacht hat. Chancen, die man nicht genutzt hat, die man aber in Zukunft nutzen möchte.


 
Auf dem Album von Celo & Abdi gab es 
einen Song, in dem du beschreibst, wie 
deine Mutter in den Knast kommen muss, um dich zu besuchen. Warum denkt man erst an seine Mutter, wenn es schon zu 
spät ist?
Ich habe vorher immer die Mütter meiner Freunde in den Knast gefahren, wenn die ihre Söhne besuchen wollten. Es ist nicht so, dass ich nicht wusste, dass so etwas passieren kann. Ich wusste das, ich habe nur das Leid selbst nicht spüren können. Ich hatte ja immer die Einstellung, dass ich nicht in den Knast komme. Selbst als ich noch in Moskau war, habe ich gedacht, ich kriege sechs Monate U-Haft, dann bin ich raus. Was soll ich für so eine Tat schon kriegen? Wir haben denen ja nichts getan. Ich hätte nie im Leben gedacht, dass die mir acht Jahre für so ein Ding geben.

Warum hast du so viel bekommen? Wegen der Medienaufmerksamkeit?
Ja, und weil es ein Präzedenzfall ist. Weil es so einen Fall noch nicht gab in Deutschland. Am Anfang wussten die ja nicht mal, welchen Paragraphen die anwenden sollten. Raub ist nicht anwendbar. Es waren keine Waffen im Spiel, niemand wurde bedroht. Es wurde niemand erpresst. Es lief einfach so: »Guten Tag, wir sind von der Polizei. Das Auto ist beschlagnahmt, Sie sind vorläufig festgenommen.« Das war ein juristisches Grenzding. Dann haben die gesucht und am Ende einen Paragraphen ausgegraben, der sehr selten angewendet wird. § 316a StGB: räuberischer Angriff auf Kraftfahrer. Das ist der Tatbestand, wegen dem ich sitze. Indem ich dieses Polizeiblaulicht hatte, war der Fahrer psychisch genötigt, anzuhalten. Weil die Polizei eine Staatsgewalt ist. Das ist sogar noch höher zu bestrafen als ein normaler Raub. Ich hätte also nie gedacht, dass es so weit kommt. Als es dann aber so weit gekommen ist, hätte ich nie gedacht, dass es so lange dauert und jetzt sehe ich das Leid meiner Mutter. Deswegen sage ich das auch jedem Jüngeren, jedem Fan, der mir einen Brief schreibt und meint, dass es geil sei, was ich gemacht habe, denen sage ich: »Ey Alter, reiß dich zusammen! Denk an deine Mutter!« Was die leiden, das leiden wir ja gar nicht, selbst wenn wir hier drin sind. Man sieht bei jedem Besuch immer mehr, wie dieses Leid die auch äußerlich verändert, wie es sie älter macht. Das ist überhaupt nicht cool. Man weiß ja auch nicht, wie lange das Leben geht. Was ist, wenn ich morgen umfalle und sterbe, was Gott verhüten möge, aber was ist dann? Man weiß es nicht. Niemand gibt dir dafür eine Garantie. Dann war alles für den Arsch und ich habe meiner Familie nur dieses Leben hinterlassen. Dann bereust du diesen Scheiß erst richtig. Aber so richtig!

Text & Foto: Marcus Staiger