Review: Betty Ford Boys – Retox

Betty-Ford-Boys
 
(Melting Pot Music/Groove Attack)
 
Was ja grundsätzlich falsch läuft, wenn man über die Betty Ford Boys spricht, ist die reflexhafte Einordnung ihres Schaffens in eine grob umrissene Szene von Instrumental-HipHop-Produzenten in Deutschland. Dabei haben sich Brenk, Suff Daddy und Platinjunge Dexter längst von einer Sache emanzipiert, die das hiesige Beat-Ding in weiten Teilen bestimmt: Sie machen Musik nicht primär für Ihresgleichen. Die Boys haben Besseres zu tun, als konzentriert WTF-Momente für Loopdigger und Sample-Fachleute in ihrem Mikrokosmos zwischen SP-12 und Ableton aneinanderzureihen. Auf »Retox« setzen sie das Konstrukt fort, das schon »Leaders Of The Brew School« bestimmte: joviale Rauch- und Sauflieder mit anderthalb Beinen im G-Funk. Dabei hat dieser verbindende Westküsten-Einfluss weitaus mehr Tiefe, als bloß modernisierte Dre-Aufgüsse für die Woofers in deinem Jeep zu liefern. »Retox« zeigt an vielen Ecken ein gefestigtes Gespür für die melodische Leichtigkeit eines DJ Quik, während hundsgemein bouncende Synth-Lines nie weiter als einen Skip entfernt sind – mal klassischer Lowrider-Funk, mal beklemmend wie John Carpenters essenzieller »Assault On Precinct 13«-Soundtrack. (Auch so ein South-Central-Ding.) Das nahtlose Sequencing der kurzen Tracks und Interludes – kein Stück reißt die Drei-Minuten-Marke – ist für die Souveränität von »Retox« ebenso entscheidend wie der Spaß an unerwarteten Brüchen zwischen Entspanntheit und Eskalation. Wie »Higher Than You« Autotune und Cool-Jazz-Trompete vereint, wie auf »The Symphony« ein Drumloop aus dem Fegefeuer mitsamt Plastik-Keyboard durchdreht, was da mit Glockenbeat und Kriegsgeschrei auf »Insanity Clause« los ist und überhaupt das brachiale »Raymond’s Lament« – ja, »Retox« kann ziemlich laut und wahnsinnig sein. Aber wohldosiert und in einem bemerkenswert runden musikalischen Kontext, der sogar einen Weg findet, mit prominent platzierten Vocal-Samples umzugehen, ohne an sture AV8-Partybreaks zu erinnern. Die Betty Ford Boys tragen den Bass immer noch tief und das Gangsta-Pfeiferl am rechten Fleck. Das läuft grundsätzlich richtig.