OC & A.G.

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In 20 Jahren hat sich nie die Frage nach der Relevanz oder Realness gestellt. D.I.T.C. sind die Definition von Genre-Konsens, bei dem Erfolg nicht in Zahlen gemessen wird. Lord Finesse, Showbiz, Diamond D, Fat Joe, Buckwild, Big L, A.G. und O.C. – verehrt von TrueSchool-Apologeten, akzeptiert vom Rest. Die Essenz von HipHop hat die New Yorker Crew in Stein gemeißelt, dennoch hat die Witterung dem Kollektiv in den vergangenen Jahren ordentlich zugesetzt. Big Ls Ableben jährte sich jüngst zum zehnten Mal, Fat Joe könnte mit seiner aktuellen Trend-Anbiederung nicht weiter von der South Bronx entfernt sein und der Rest der Bagage bleibt weiterhin magische HipHop-Momente schuldig. Auch wenn der »Empire State Of Mind« wieder spürbar über den Five Boroughs hängt, das New York der D.I.T.C. Click sucht man zwischen Harlem und Coney Island heute vergebens. »Oasis« soll das ändern. Mit ihrem Kollaborationsprojekt wollen O.C. und A.G. puren HipHop wieder zur Kunst machen. Von der Vergangenheit direkt in die Zukunft.
 
Ich nehme an, das letzte Jahr war nicht ganz einfach für euch. Party Arty ist gestorben. Ich weiß, dass ihr auch Roc Raida sehr nahe standet. Außerdem hat sich Big Ls Tod zum zehnten Mal gejährt. Lässt euch all das über das Leben nachdenken?
O.C.: Natürlich. Alle waren uns sehr wichtig. Im Gegensatz zu der Welt da draußen, die sie wegen ihrer Musik kannten, waren sie unsere Freunde. Ihre Freundschaft fehlt uns am ­meisten. Aber es gibt einen Grund, warum sie nicht mehr bei uns sind und daraus ziehen wir neue Motivation. Das Leben ist ein Auf und Ab. Es ist scheißegal, wer du bist, du wirst zu kämpfen haben. Der Tod ist unausweichlich. Ich versuche aber, diese Verluste hinter mir zu lassen und schöpfe neue Energie aus dem, was sie alle geschaffen haben.
 
Es heißt, ihr hättet zehn Jahre an »Oasis« gearbeitet. Die Idee eines gemeinsamen Albums gibt es schon seit eurem Track »Weed & Drinks« von O.C.s »Bon Appetit«. Wie geht es euch dabei, dass das Album jetzt endlich fertig ist?
O.C.: Wir sind schon bereit für die nächste Platte. Klar stehen wir voll hinter dem jetzigen Album, wir lieben es. Aber dieses Duo ist schon etwas ganz Besonderes, das gibt es kein zweites Mal. Und da wird noch ziemlich krasses Zeug in Zukunft auf euch zukommen. Diese Platte ist schon recht verrückt, aber es wird noch viel verrückter.
 
Lustig, dass du erwähnst, es gäbe ein Duo wie euch heutzutage nicht mehr. Gerade haben KRS-One & Buckshot oder Masta Ace & Edo G ihre Energien gebündelt.
A.G.: Das war natürlich nicht geplant. O.C. und ich wussten nicht, dass auch andere so was machen. Wir arbeiten seit zwei Jahren mit Hochdruck an dem Album – alles andere als ein Schnellschuss. Vielleicht denken ja die anderen Jungs ähnlich über die aktuelle Musik wie wir. Aber O.C. und ich hängen halt schon immer miteinander herum und arbeiten zusammen. Unsere Styles ergänzen sich, was auch der eigentliche Grund für dieses Album ist. Wir sind wie Tag und Nacht, und gemeinsam können wir diesen perfekten Sound produzieren.
 
Wer ist denn Tag und wer ist Nacht?
O.C.: Keine Ahnung. An einem Tag bin ich es und dann wieder er. Du kannst uns keine Titel oder Labels geben. Trotzdem stimmt bei uns einfach die Chemie. Eine einzige Sache ­haben wir aber doch gemein: Wir sind beide Trinker.
A.G.: Das stimmt.
 
Für was steht denn der Albumtitel »Oasis«? Seid ihr der rettende Zufluchtsort inmitten einer todbringenden HipHop-Wüste?
A.G.: Eines hab ich gelernt in der ganzen Zeit: Du kannst nicht allen alles erklären. Die Leute sollen die Musik hören und sie selbst verstehen lernen. Der Grund für dieses Interview ist, das Album zu promoten. Aber wir können dabei nicht alles vorwegnehmen. In der Kunst muss man einfach manches offen lassen. Ein Maler wird dir nie sagen, was sein Bild bedeutet. Jeder hat seine ganz eigene Erklärung zu dem Bild. Das ist ja der Sinn und Zweck von Kunst. Für ­jeden kann sie etwas anderes bedeuten. Und die Bedeutung des Titels ­findest du, wenn du dir das Cover des ­Albums anschaust.
O.C.: Wie du siehst, kann ich dir nicht sagen, was es bedeutet, weil ich dich dann töten müsste. (lacht)
 
Dann lasst uns über die ­Musik sprechen. Wie pickt ihr eure Beats?
O.C.: Wir gehen nie mit einem Plan ins Studio und setzen uns mit Papier, Stift und Beat hin. Wir hängen da herum, reden, haben Spaß und lachen. Es gibt keinen genauen Ablauf. Der Wahnsinn hat keine Methode. Alles läuft ganz natürlich ab. Ich lasse einfach die Musik zu mir sprechen und versuche das, was in meinem Ohr ankommt, zu übersetzen.
A.G.: Wir halten es da wie Bruce Lee: Unser Style ist es, keinen Style zu haben. Es gibt also kein Modell, keine Formel. Es muss nur von Herzen kommen. Wir machen nicht die Musik, die von uns erwartet wird. Es gab eine Zeit, in der das so war, aber gerade jetzt zeigen O.C. und ich, dass das nie wieder passieren wird.
 
Wenn es für euch passt, würde ich gerne eine Fat Joe-Frage stellen. Nicht, um euch damit zu nerven. Sondern einfach nur, weil ich es nicht verstehe und weil es vielleicht vielen Fans ähnlich geht. Ihr behauptet ja immer ­wieder, es läge an Joe, ob und wann es die D.I.T.C.-Reunion gibt. Im Interview mit der JUICE hat Joe gerade gesagt, dass er sehr gerne ein neues D.I.T.C.-Album machen würde und die Verzögerung vielmehr an euch läge. Was ist da nun eigentlich los?
A.G.: Du musst die Dinge einfach ihren Lauf gehen lassen, Mann. Das kann man einfach nicht erzwingen, es muss glaubwürdig sein. Ich will damit nicht sagen, dass es nicht passiert, aber ich will auch nicht sagen, dass… (das Gespräch wird unterbrochen)
 
Entschuldigt, es sieht wohl so aus, als ob die unangenehme Fat Joe-Frage mich aus der Leitung geschmissen hat.
A.G.: Das haben wir uns auch ­gerade gedacht. Belassen wir es doch ­einfach dabei. (lacht)
 
Nun gut. Die andere Sache, die im Zusammenhang mit D.I.T.C. immer wieder zur Sprache kommt, ist die goldene Ära des Rap in den neunziger ­Jahren. War euch damals ­eigentlich schon ­bewusst, dass es eine ganz besondere Zeit war?
A.G.: Das ist es doch noch immer. Diese Crew ist nach wie vor an Großem beteiligt. Vielleicht nicht mehr in dem Maße wie früher. Aber es gibt immer noch keinen, der zeigen konnte, dass er es genauso drauf hat wie wir. Wir sind eine Einheit aus Produzenten und MCs – alle sind immer noch on top of the game. Jeder Einzelne hat HipHop maßgeblich beeinflusst. Das hat niemand anderes geschafft. Entweder waren es ein paar Produzenten oder eben ein Haufen Rapper. Schau dir die erfolgreichsten Künstler derzeit an. Jedem hat irgendjemand aus unserer Crew irgendwann mal die Karriere nach vorne gebracht. Wir ziehen die Fäden im Hintergrund. Aber wir wollen die Leute auch nicht überfüttern. Mit Kommerz können wir nichts anfangen, wir stellen uns nicht in den Vordergrund. Ich persönlich bin nicht der Typ fürs Rampenlicht. Ich arbeite lieber hart und kann dann stolz darauf sein, was ich beitragen konnte. Natürlich strebt man als kreativer Künstler nach Aufmerksamkeit, aber im Großen und Ganzen beschweren wir uns nicht über die Position, in der wir uns befinden. Weißt du, Show & A.G. wurden am Anfang von acht Labels abgelehnt. Wir haben den Schritt ins Spiel geschafft, weil wir unsere Platte aus dem Kofferraum verkauft haben. Von da an hat sich alles verändert. Wie wir wahrgenommen werden, bestimmt seitdem kein anderer als wir selbst.
O.C.: Die Beziehung zu unseren Fans ist eine Hassliebe. Die Fans wünschen sich, dass wir die gleiche Musik machen wie zu Beginn unserer Karriere. Aber du kannst nicht in der Vergangenheit hängen bleiben. Show & A.G. können nicht kein zweites »Runaway Slave« machen, das ist unmöglich. Nicht, weil sie es nicht versuchen könnten, sondern weil dieser spezielle Moment nicht eingefangen werden kann. Unsere Fans sind super. Meistens. Aber, um ehrlich zu sein, gehen sie mir gewaltig auf den Sack, wenn sie nach einem neuen »Word…Life« oder »Funky Technician« fragen. Dafür sind wir nicht hier. Es muss weiter gehen. Die goldene Ära, oder wie man auch immer diese Zeit nennen will, war cool. Sie war wunderbar. Aber wir können einfach nicht in der Vergangenheit stecken bleiben.
 
Manchmal hat man aber das Gefühl, dass die Fans von euch ebenfalls erwarten, in der ­Vergangenheit zu leben.
A.G.: Ganz genau. Das mag ihnen vielleicht ein gutes Gefühl geben, weil sie an der Zeit hängen. Ich kann es ihnen ja auch wirklich nicht verübeln, aber die Stimmung ist einfach vorbei. Und wenn die Leute mal ihre Augen öffnen würden, dann hätten sie schon längst gecheckt, dass wir die gleiche Stimmung auf einem ganz anderen Level haben könnten. Lasst einfach die Vergangenheit ruhen. Wir klingen seit 20 Jahren fresh, weil wir uns immer weiterentwickeln, stetig neuen Sound machen und den Wunsch haben, unsere Grenzen zu ­erweitern. Wenn du als Künstler stillstehst, stirbst du. Oftmals müssen wir Musik einfach nur für uns selbst machen, damit sie den Leuten draußen gefällt. So sollte es vielleicht nicht sein, aber das ist wohl nicht zu ändern.
 

 
Text: Alex Engelen