Kendrick Lamar – Section.80

    Wir leben in einer merkwürdigen Welt. Künstler messen der Anzahl ihrer Twitter-Follower ähnlich viel Bedeutung bei, wie den Verkaufszahlen ihrer Alben. Die Arbeit von Musik-Journalisten spielt sich zu immer größeren Teilen im Internet ab. Viele klassische Veröffentlichungen mit großer Marketing-Maschinerie im Rücken lassen uns völlig kalt. Begeisterungsstürme hingegen werden immer häufiger von Hulkshare- und iTunes-Downloads ausgelöst. Odd Future. Kreayshawn. Lil B. The Weeknd. Marvin’s Room. Alles Themen, die nicht durch den Hinweis eines Promoters oder einer Plattenfirma auf unseren Bildschirmen landeten und trotzdem garantiert auf einigen Jahresbestenlisten auftauchen werden.

    Kendrick Lamar – Hol‘ Up #Section80 by TopDawgENT

    Genau wie »Section.80« von Kendrick Lamar. Schon seit »O(verly) D(edicated)« ist eines ganz klar. Dieser junge Typ wird mal zu den ganz Großen gehören. Mit dem Mindstate eines intelligenten Jugendlichen aus Compton klang er bereits auf diesem Album ungefähr so wie eine Westküsten-Kreuzung aus dem jungen Nas und dem heutigen Common. Anders gesagt: Sehr gut. Sein neues Album macht jedoch eines klar. Kendrick Lamar mit seinen Vorgängern zu vergleichen, wird ihm nur im Ansatz gerecht. Dazu bewegt er sich bereits jetzt zu sehr auf zu eigenen Pfaden. Er ist zwar ein Lyricist klassischer Ausprägung, aber musikgeschmacklich ganz eindeutig Teil jener Generation, die dem Eklektizismus von Kanye West die Welt verdankt. Jener Generation, für die alte Genre-Mauern längst gefallen sind. Jene Generation, deren Leben sich nicht mehr nur im eigenen Bezirk abspielt. Jene Generation, die anstatt dessen ein zweites zu Hause im Internet gefunden hat.

    »Section.80« ist das perfekte Zeugnis dessen, was passiert, wenn ein lyrisch begabtes Talent jene Attitüde in seine Beat-Auswahl einfließen lässt. Diese beziehen sich nur am Rande auf die großen Genre-Klassiker seiner Heimat. Samples spielen eine Rolle, stehen aber gleichberechtigt neben harten New York-Drums, erdigem Soulquarians-Muckertum, spinnerten Flylo-Synthies und lässigen Referenzen an Houston, speziell den großen Pimp C (»Blow My High (Members Only)«). Im Endergebnis entsteht dadurch ein leichtfüßiger Sound-Teppich, der eine perfekte Unterlage für Kendricks Texte zwischen düsteren und doch lebensbejahenden Alltagsbetrachtungen, Frauenproblemen und Gesellschaftskritik liefert. Mehr am Puls der Zeit und zugleich in der Traditionslinie der ganz großen MCs stehend bewegt sich aktuell niemand. Wenn ihr den Beginn eines neuen Stücks HipHop-Geschichte nicht verpassen wollt, dürft ihr »Section.80« nicht im digitalen Ladenregal stehen lassen.

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    (se)