Interview: Kendrick Lamar

 

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Compton ist einer dieser magischen HipHop-Orte: N.W.A., Eazy-E, King Tee, Dr. Dre, DJ Quik – alle trugen die Straßennamen jenes mythischen Stadtteils von Los Angeles in die Welt. Wer als Rapper aus Compton kommt, trägt eine schwere Last auf den Schultern. Kendrick Lamar hat kein breites Kreuz und ist kleiner als der herkömmliche Rap-Prototyp mit einer Figur zwischen Rick Ross und 50 Cent. Aber Kendrick Lamar hat das Rap-Talent von Nas, Stimme und Flow von Q-Tip und die Seele und den Schmerz von Tupac. Die dreckigen Straßen Comptons haben eine neue Lichtgestalt.

 

 

Unter dem Namen K. Dot mauserte sich der 23-jährige Lamar in den letzten Jahren zu einem dieser vielversprechenden Rap-Newcomer, für die Mediafire-Links und Twitter-Accounts die neuen Tape-Verkäufe aus dem Kofferraum sind. 2010 schloss sich Lamar mit drei Westcoast-Kollegen – Schoolboy Q, Ab-Soul und Jay Rock – zur Formation Black Hippy zusammen und schenkte der Internet-Zwischenwelt eine neue Supergroup. Schnell wurde klar, dass die Crew dabei eher den Anti-Slaughterhouse-Haufen macht: Sie geben keinen Fick, klingen dabei aber tatsächlich auch so. Außerdem verstehen sie, wie eine Gruppe funktioniert und beenden nicht nur live jeweils den Part des anderen oder übernehmen die Adlibs der Partner. Sie reden nicht nur von gutem Rap, sondern machen ihn tatsächlich auch.

 

Lamar und der Rest der Truppe sind bei Top Dawg Entertainment, der Independent-Klitsche von Jay Rock, unter Vertrag. Irgendwie. So wie man 2011 halt noch unter Vertrag sein muss. Besonders Kendrick Lamar denkt nicht an eine Unterschrift auf einem Major-Zettel. Zumindest noch nicht. Er hat eine Vision: Er will ein Movement anführen. So was hat man natürlich schon oft gehört. Aber was Kendrick Lamar dabei so überzeugend macht, ist – neben seiner überbordenden Motivation – seine künstlerische Treffsicherheit. Er huldigt ebenso überzeugend Kurupt wie Pusha T oder Common. Er hat ein Gespür für Melodien wie Lupe Fiasco, nur eben ohne das »Laser«-Pop-Gedöns. Und er hat die Seele des Tupac Amaru, in der Martin Luther King, Malcolm X, Che Guevera, Chuck D, Maya Angelou und Mumia Abu-Jamal gemeinsam in der Cypher stehen.

 

»I spent 23 years on this earth, searching for answers, ’til one day I realized I had to come up with my own«, rappt er auf seinem neuen, internetweit gefeierten Kauf-Mixtape ­»Section.80«. Kendrick Lamar sitzt ­mittlerweile bei Lakers-Spielen courtside neben Dr. Dre und soll ihm auf »Detox« assistiert haben. Er chillt außerdem mit RZA und Pharrell im Studio, hat ein Kollaborations­album mit J. Cole und sein eigenes ­Albumdebüt in der Pipeline. Irgendwo dazwischen hat Kendrick Lamar seine eigenen Antworten gefunden. Und er will sie unbedingt unters Volk bringen. Das ist – um eine Zeile seines Jahresbestlisten-Songs »HiiiPower« zu ­zitieren – »frightening, so fuckin’ frightening!«

 

 

Was sollte die Welt über dich wissen?
Kendrick Lamar ist ein guter Mensch aus einer großen Stadt. Ich bin Compton. Meine Musik repräsentiert Compton. Ich spreche für jeden Einzelnen aus dieser Stadt, der all das Negative – Gangs, Drogen, Polizeigewalt – hinter sich lassen will. Ich versuche Compton in ein anderes Licht zu rücken, anders als das alte Stigma. Natürlich können wir unsere Augen nicht vor der Realität verschließen, aber es gibt eine Lösung, von der noch niemand erzählt hat. Und von dieser Lösung spreche ich in meiner Musik. Ich bin ein guter Junge aus einer schlechten Stadt. Das bin ich. Damit stehe ich jetzt an vorderster Front. Das ist Kendrick Lamar aus Compton in Kalifornien.

 

Zu Beginn deiner Karriere nanntest du dich noch K. Dot. Erst letztes Jahr hast du dich dazu entschieden, unter ­deinem bürgerlichen Namen ­aufzutreten. ­Woher kam die Motivation?
Ich habe mein wahres Ich gefunden. Als ich mit dem Rappen angefangen habe, wollte ich nur der beste Lyricist sein. Mein Plan war, einfach nur die alten Helden der Vergangenheit zu beobachten – Tupac, Biggie, Nas, Jay – und von ihnen dieses Handwerk zu lernen. Bei der Analyse ihrer Stärken und Schwächen habe ich meine eigene Nische gefunden. Eines Morgens bin ich aufgewacht und wollte nicht mehr nur der Typ sein, der nur 100 Bars über einen Track rappt. Natürlich ist das die reinste Form von HipHop, aber die Personen, die tatsächlich die Massen bewegen, sind die, die Geschichten erzählen, mit denen Menschen etwas anfangen können. Ich möchte, dass man mit mir als Mensch etwas anfangen kann und nicht nur als Rapper. Ich will Musik machen, bei der man das Gefühl hat, dass ich es wirklich bin. Genau so wie bei Pac oder Biggie. Die Entscheidung, unter meinem Geburtsnamen Musik zu machen, hat dafür den Grundstein gelegt.

 

Dr. Dre hat sich kürzlich sehr positiv über dich geäußert. Als Westcoast-­Rapper aus Compton war das sicher eine ganz spezielle Ehre.
Mann, es ist wunderbar. Dre höre ich, seit ich drei oder vier Jahre alt bin. Ich weiß noch, wie mein Vater und mein Onkel die Rosecrans Ave runtergefahren sind und dabei N.W.A., »Chronic« und »Doggystyle« gepumpt haben. Diese Musik ist fast seit meiner Geburt ein Teil meines Lebens. Dass mich einer dieser Künstler gelobt hat, ist bis heute meine größte musikalische Errungenschaft. Seit diesem Zeitpunkt weiß ich, dass ich etwas richtig mache. Das hat mir unglaubliches Selbstvertrauen gegeben.

 

Hat die Arbeit mit Dre dir neue Wege aufgezeigt, wie man kreativ sein und Musik machen kann?
Er hat mir vorgemacht, dass man noch zehnmal härter an sich arbeiten muss. Dieser Typ hat unser Genre maßgeblich geprägt, er ist einer der Größten. Aber er setzt sich 16 Stunden am Stück ins Studio und will absolute Perfektion. Dabei sitzt er auf Millionen und sein ganzes Umfeld und seine Familie haben finanziell ausgesorgt. Ich habe gemerkt, dass man immer noch mehr geben kann. Ich bin davon überzeugt, dass ich im Studio immer 100 Prozent gebe. Aber mir fehlen trotzdem noch diese zusätzlichen zehn Prozent. Dre hat sie und das weiß er auch. Immer wenn ich mit ihm spreche, sagt er mir, dass ich mir die Leidenschaft bewahren soll. Sobald du sie verlierst und nur noch dem Geld hinterher rennst, geht es bergab.

 

Der Druck ist also gestiegen, seit dich sogar Dr. Dre auf dem Schirm hat?
Nein, weil er mir immer sagt, dass ich so bleiben soll, wie ich bin. Ich soll einfach nur ich selbst bleiben – aus diesem Grund mache ich mir keinen Stress. Druck habe ich mir sowieso nie gemacht, weil ich davon überzeugt bin, dass es Zeit braucht, um besser zu werden. Nicht nur als Künstler, sondern auch als Mensch. Immer wenn ich neue Erfahrungen sammle, neue Städte und Länder kennen lerne, wird auch mein Geist sich weiterentwickeln. Ich bin noch jung, vor mir liegt noch ein langer Weg. Ich muss noch viel weiter wachsen. Viele glauben, dass ich bereits ein ausgereifter Künstler bin. Ich bin da anderer Meinung – da geht noch viel mehr.

 

»HiiiPower« ist mehr als nur einer ­deiner Songs. Kannst du erklären, ­wofür es steht?
»HiiiPower« repräsentiert eine spezielle Form von Würde. Die drei »i« stehen für Herz, Ehre und Respekt. Es geht um ein Movement, das ich mit unserer Generation lostreten will. Wir hatten hier in L.A. außer der Gang-Kultur nie etwas, an dem wir uns orientieren konnten. Gangs haben unser Leben hier gestaltet – die Vorteile der Sicherheit in der Gang, die Nachteile von Tod und Gefängnis wegen der Gang. Ich wollte etwas starten, an dem wir uns festhalten können. Bei meinen Shows bitte ich die Kids im Publikum, drei Finger in die Luft zu strecken. Auch die stehen für Herz, Ehre und Respekt. Wir lassen uns von dem ganzen Scheiß um uns herum und der ganzen Negativität auf der Welt nicht ­runterziehen. Wir stehen darüber, und darum geht es bei »HiiiPower«. Die Reaktionen sind sehr positiv. Wir merken, wie sehr sich die Kids da draußen nach etwas Positivem sehnen.

 

Du sagst immer wieder, dass 2Pac dein absoluter Lieblingskünstler ist. Wie hat er dich beeinflusst?
Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als ich sieben oder acht war und seine Texte mitrappte und so tat, als ob ich eine Ahnung hätte, wovon er da spricht. Für mich hat es sich einfach nur perfekt angehört und die älteren Jungs haben halt gesagt, dass es für sie niemanden gibt, der besser ist. Ich habe erst mit 17 erkannt, dass er genau davon erzählt, was ich tagtäglich durchmachen muss. Das Gefühl, gegen alles und jeden zu rebellieren, kennen wir doch alle. Davon hat er erzählt. Er sprach vom Einfluss der harten Jungs von der Straße auf ihn, dem Wunsch, einer von ihnen zu sein. Er hatte die Geschichten über den Stress mit den Bullen und über die bittersüße Versuchung der Frauen. All das habe ich mit 17 jeden Tag am eigenen Leib erfahren müssen und deswegen verstanden, wieso alle Tupac so lieben.

 

Musikalisch unterscheidet sich ­»Section.80« von den ­vorangegangenen zwei Projekten, oder?
Ja, das war von Beginn an mein Plan. Es sollte nicht so klingen wie meine alte Musik. Schon das Intro »Fuck Your Ethnicity« hat eine gewisse Schockwirkung – es geht direkt in die Fresse. Das kannten die Leute nicht von mir. Mir geht es nach wie vor um die Musik – sie muss immer eine Portion Soul haben. Aber sie braucht eben diesen Bumms und die Straßenkante. Diese neue Herangehensweise hat den Leuten auch sehr gefallen. Das Feedback ist sehr positiv. Es geht in eine neue Richtung, das wird mein Soloalbum noch mehr zeigen.

 

 

Gutes Stichwort: dein Soloalbum. Es soll »Good Kid, Bad City« heißen, oder?
Bei dem Titel bin ich mir noch nicht ganz ­sicher, aber es wird sich genau darum ­drehen. Ich habe auf den letzten drei ­Mixtapes noch vieles für das Album ­zurückgehalten. Unterschiedliche Konzepte und meine eigenen Erfahrungen, die ich über die Jahre gemacht habe. Ich werde noch tiefer in den Alltag der Großstadt dringen. Oft kratzen die Geschichten ja nur an der ­Oberfläche, ich dringe bis ganz nach innen ein. Es wird um meine andauernde Flucht vor all den bösen Versuchungen um mich herum gehen. Das ist die Richtung, die ich gerade verfolge.

 

Gibt es ein endgültiges Ziel, das du als Künstler und auch generell als Mensch verfolgst?
Als Künstler wünsche ich mir, ganz ohne Zwänge meine ganz eigene Vision zu verfolgen. Leider kann die Industrie davon sehr ablenken. Als Mensch würde ich gerne etwas schaffen, das mich überdauert. Ich habe über die Jahre gelernt, dass man mit Egoismus nicht weit kommt. Deswegen ist es mir ein großes Anliegen, meinem alten Umfeld, also Compton, etwas zurückzugeben. Es gab dort zu meiner Zeit vielleicht zwei Jugendzentren. Mehr nicht. Darum geht es mir. Ich will Dinge schaffen, die größer sind als ich selbst. Vor fünf Jahren habe ich übrigens noch ganz anders getickt. Da ging es mir noch darum, so schnell wie möglich viel Geld zu machen. Als sich meine Musik in eine neue Richtung bewegte, merkte ich, dass es um viel mehr geht. Mit meiner Musik kann ich Menschen, denen es richtig dreckig geht, wirklich helfen. Fast wie Medizin. Als ich das begriffen habe, hat sich meine Einstellung verändert. Es ist größer als Musik, größer als ich selbst.

 

Wie reagieren deine Fans auf dich? Gibt es krasse Reaktionen?
Voll. Das ging erst vor ein paar Monaten los. Irgendwelche Leute kommen auf mich zu und fangen an zu weinen. So etwas Krasses habe ich noch nie erlebt. Diese Menschen weinen wegen meiner Musik. Sie erzählen mir, wie sehr meine Musik ihnen geholfen hat und dass sie dadurch neuen Lebenswillen gefunden haben. Das ist so krass.

 

Was macht dich glücklich?
Andere Menschen glücklich zu machen. Es gibt kein besseres Gefühl, als deine eigene Familie glücklich zu sehen und sie zu unterstützen. Das ist das Beste daran, von der Musik leben zu können. Es erfüllt mich, wenn ich für meine Familie sorgen kann. Und dann natürlich noch die Musik. Wenn es mir ­unendlich schlecht geht, ich am Boden ­zerstört bin, kann ich ins Studio gehen und mir den ganzen Scheiß von der Seele rappen. Das macht mich glücklich: meine Familie und meine Musik.

 

Gibt es etwas, wovor du dich fürchtest?
Meine größte Angst ist es, diese Welt zu verlassen, ohne etwas für die Nachwelt zu hinterlassen. Ich will nicht vergessen werden. Man soll sich an mich erinnern. Irgendetwas will ich hinterlassen. Sollte das meine Kreativität sein, dann bin ich damit einverstanden und gebe dafür mehr als 100 Prozent. Davon sollen noch meine Enkel und die Enkel meiner Enkel zehren. Wenn nicht, habe ich mein Ziel nicht erreicht. Kendrick Lamar soll die Zeit überdauern. Kendrick Lamar hat vieles zum Positiven verändert. Ich komme aus einer Familie, die von Negativem umgeben war. Ich bin der Erste mit einem High­school-Abschluss. Allein das ist schon eine große Ehre. Jetzt will ich mir noch größere Ziele setzen, um meine Familie weiter stolz zu machen.

 

Was kannst du den desorientierten Kids, die für sich keine große Zukunft sehen, mit auf den Weg geben?
Das kann ich dir ganz genau sagen, weil ich selbst an diesem Punkt war. Ich habe selbst enge Freunde verloren. Ich weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn dich niemand versteht und du auf die ganze Welt einen Fick gibst. Die 15- und 16-Jährigen denken sich halt: Das Einzige, auf das ich mich verlassen kann, ist der Tod. Ich werde sterben und nichts wird von mir übrig bleiben. Dabei sollte es gerade andersherum sein: All die Probleme, all die Schwierigkeiten sollten dich stärker machen. Ich bin der Meinung: Je mehr man durchmachen muss, desto stärker wird man. Wichtig ist, immer das Positive zu sehen, egal wie negativ es um dich herum aussieht. Du lebst nicht für dich alleine. Du lebst für deine Familie oder dein ungeborenes Baby. Du bist auf dieser Erde, um größer zu werden als du selbst.

 

Interview: Jorge Peniche

 

Text & Übersetzung: Alex Engelen