JUICE #137

Kritik ist immer gut, Beschimpfungen kennt man auch, aber dass die JUICE tatsächlich der Blasphemie – im wahrsten Wortsinne! – bezichtigt wird, ist neu. Dafür braucht es nur den heißesten Newcomer des Landes, der nicht nur ein Genre, sondern eben auch ein religiöses Symbol auf den Kopf stellt und ein – natürlich – nicht ernst gemeintes Sprüchlein auf dem Cover.

»Du sollst keine anderen Götter neben HipHop haben« ist kein Dogma, noch viel weniger die Verballhornung eines Gebots und schon gar kein Mittel der bewussten Provokation aus Marketinggründen. Der Satz ist ein Denkanstoß und ein – natürlich bewusst den einen oder anderen Zeigefinger brechen wollender – Freudenschrei in Richtung Deutschrap-Zukunft, in der Hörer, Massenmedien und sogar Plattenfirmen wieder Lust auf HipHop haben. Wir haben den Glauben an HipHop nie verloren. Dank Künstlern wie Casper sowie den Chartserfolgen von Prinz Pi, Kaas, Farid Bang, Favorite, K.I.Z. und, ja, Bushido fällt auch der Masse wieder auf, dass dieses Genre, unser Genre, nicht totzukriegen ist. Aber: Egal was mit Casper und all denen, die zwangsläufig nach ihm kommen werden, passiert – wir holen zurück, was uns gehört. Der Druck steigt

THEMEN DER AUSGABE #137

Titel: Casper – Emotional
Was für ein Gewicht auf diesen schmalen Schultern lastet: Benjamin »Casper« Griffey soll eigenhändig ein ganzes Genre aus dem Schlummerschlaf erwecken. Dieser Tage schaut die ganze Rap-Sphäre gebannt auf alles, was da mit »XOXO« geschieht, dem mit am meisten Spannung erwarteten deutschsprachigen Rap-Album der letzten Jahre. Für die Titelstory mit Casper führte JUICE-Chefredakteur Stephan Szillus ein Gespräch mit einem Künstler, der seinen Namen nicht hergeben will für den üblichen geistigen Müllberg aus Wie-Vergleichen, Homophobie und Beleidigungstiraden. Ein Gespräch mit einem Künstler, der damit nicht weniger als das zukunftsfähigste, genreübergreifendste Künstlermodell ist, das unsere Subkultur aktuell hergibt. Natürlich gibt es derzeit größere Rap-Stars, die bei ihren Verkaufszahlen oder YouTube-Klicks nach Argumenten für ein JUICE-Cover suchen. Casper gehört aber die Zukunft. Und genau diese wollen wir voller freudiger Erwartung mit seinem Cover einläuten.

Rasul – Walk Of Life
Der überraschende Tod von Ali »Rasul« Rakhshandeh liegt knapp über ein Jahr zurück. Seitdem vermisst die Szene schmerzlich den besten Lyricist, der je in Deutschland auf Englisch rappte. Posthum erscheint jetzt in JUICE »Writing Colours«, sein einziges Soloalbum. JUICE nimmt die Veröffentlichung als Anlass, die Geschichte einer der wichtigsten und beeindruckendsten Figuren des deutschen HipHop von seinen engsten musikalischen Begleitern erzählen zu lassen – u.a. von Rasuls Square One-Partnern Iman und DJ Edward Sizzerhand, den Produzenten Crada und Ju-Ar von den Truestatiks sowie dem Starting Lineup Management-Team, das von seiner Familie mit seinem musikalischen Erbe betraut wurde. Rest in Heaven, Rasul.

Maybach Music Group – Das Imperium schlägt zurück
Erfolg ist die beste Rache. Der beste Beweis ist die Geschichte von Rick Ross. Der 35-Jährige hat in seiner Karriere ein Hindernis nach dem anderen aus dem Weg geräumt und ist heute Lieblingsrapper von Drake und Kanye und mit »Deeper Than Rap« und »Teflon Don« verantwortlich für zwei mondere HipHop-Klassiker. Das eigene Label-Imprint Maybach Music Group war da nach gängiger Rapper-Logik nur eine Frage der Zeit. Mit Meek Mill, Wale, Pill, Triple C und der Sängerin Teedra Moses scharte er eine so illustre wie auf den ersten Blick wahllos zusammgewürfelte Schar an Talent um sich. Gerade erschien der erste Labelsampler »Self Made Vol. 1« und alle Augen sind auf Rozay und MMG gerichtet. JUICE-Autor Amuary »Ammo« Feron hat sich auf die Spuren der Maybach Musikgruppe begeben, um im Gespräch mit den Jungs herauszufinden, was sie im Innersten zusammenhält.

Curren$y – Touch The Sky
Auch wenn man sich in der neuen digitalen Musikwelt noch nicht sicher ist, wie Starpotenzial gemessen wird, erhebt der 30-jährige Curren$y aus New Orleans mit unmenschlicher Beharrlichkeit den Anspruch auf einen Platz ganz weit vorne. Emsig ackert er in einer Mischung aus Newcomer-Hunger und Abgeklärtheit eines Veteranen an seiner Karriere. In New York, einem der Orte, die Curren$y sein Zuhause nennt, traf JUICE-Autor Eavvon O’Neal den Hot $pitta und bekam ein wenig davon mit, wie es im Jet Life so abgeht.

Snoop Dogg – Warten auf Godot
Der Hundsvadder Snoop Dogg feiert in den europäischen Charts dank David Guetta-Feature und »Doggumentary«-Album gerade das volle Leben. JUICE-Redakteur Jan Wehn wurde passend dazu zum Promo-Tag in – Achtung, Klischee – Amsterdam geflogen, um dort auf die Audienz mit dem großen Meister zu warten. Was er dort neben Busta Rhymes, Daz Dillinger und Kurupt gesehen und darüberhinaus noch erlebt hat, beschreibt er in seinem ausführlichen Reisebericht.

J-Luv – Blatt für Blatt
Die schönste männliche Stimme im deutschen Soul blickt auf eine lange und gelinde gesagt abwechslungsreiche Geschichte zurück. Mit vielen Höhe- und noch mehr Tiefpunkten. Nach einer langen Auszeit in New York ist J-Luv derzeit mit Gastauftritten bei Bushido und Joy Denalane sowie seiner »Blütenblatter«-EP zurück. Er hat eine Menge vor für die Zukunft, wie er im JUICE-Gespräch mit Oliver Marquart verrät.

Dom Kennedy – From The Westside With Love
Über Jahre hinweg war das Ziel unzähliger Nachwuchsrapper die Unterzeichnung eines Plattenvertrags. Das Signing stand sinnbildlich für den endgültigen Schritt aus dem Ghetto. Heute kommen musikalische Revolutionen täglich per Twitter, Tumblr, Facebook und Soundcloud. Dom Kennedy aus Leimert Park, Los Angeles ist Teil einer neuen Generation, die nicht mehr aktive nach der Musikindustrie als Heilsbringer sucht, sondern sich mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein, Bescheidenheit, autodidaktischem Medienverständnis und überbordender Motivation einfach selbst zu einem neuen Genre-Helden macht. JUICE-Korrespondent Jorge Peniche hat ihn in seiner Heimat L.A. begleitet.

Kings of HipHop: Mobb Deep – Himmel und Hölle
Kein anderer Act hat die hiesige HipHop-Draufsicht so nachhaltig geprägt wie Mobb Deep, keine andere der großen New Yorker Bands stand so treu Seite an Seite wie Havoc und Prodigy. Zum Dank erlebt das ewige Duo aus Queensbridge nun einen weiteren unverhofften Frühling. Neben einem Interview mit dem gerade aus dem Knast entlassenen Prodigy geht Davide Bortot auf acht Seiten dem Phänomen Mobb Deep auf den Grund.

Falk – Endtroducing
Falk »Hawkeye« Schacht ist ein fundamentaler Bestandteil der JUICE Crew. Und wird es auch weiterhin bleiben. Auch wenn in der 137. Ausgabe der JUICE – nach über zehn Jahren als Autor von »Das letzte Wort« – seine letzte Kolumne erscheint. In »Endtroducing« blickt er auf seine Zeit als der Mann zurück, der stets das letzte Wort behielt und das in Worte gepackt hat, das sich ein Großteil nicht getraut hat, auszusprechen. We salute you!

Darüber hinaus findet ihr in dieser Ausgabe u.a. Features und Interviews mit:

Beastie Boys
Fler
Joy Denalane
MoTrip
Tyler, The Creator
Cee-Lo Green
Atmosphere
Miles Bonny
KC Rebell
Basstard
MC Bogy
Chase & Status
Co$$
Texta
Graffiti Special: Slider
Blitz The Ambassador

Rasul »Writing Colours«

JUICE hat die Ehre, mit der Veröffentlichung dieses posthumen Albums die Fackel eines außerordentlichen Talents am Brennen zu halten. Rasul, ehemals MC bei der legendären Münchner Formation Square One, ist im Sommer 2010 überraschend verstorben. »Writing Colours« ist jedoch keine Collage zusammengebastelter Soundschnipsel aus den Tiefen verstreuter Festplatten. Alle Songs waren vor seinem Tod fertig ausproduziert. So wollte er sie veröffentlichen. Zwei Drittel der Tracks produzierte das bis dato unbekannte Beat-Duo Truestatiks. Sie treten mit warmen Drums und knisternden Soul-Samples in die Fußstapfen Imans, der mit Ali einst den Klassiker »Walk Of Life« zauberte. Crada, Alis musikalischer Ziehsohn, offeriert seine von Drake und Kid Cudi geschätzten Emo-Bretter. Zehn Jahre nach dem Meisterwerk schließt sich auch endlich der Kreis mit der lang ersehnten Reunion von Ali und Iman, und Rap wird für ewig zu Soulmusik. »Writing Colours« ist die perfekte Mischung aus traditionellem Square One-Sound und dem Ali, der immer am musikalischen Puls der Zeit war.

Tracklisting:
01 Infinite (prod. by Ju-Ar (Truestatiks))
02 Movin’ On (prod. by Iman)
03 Self Titled feat. DJ Kitsune (prod. by Crada)
04 Godbody (prod. by Ju-Ar & Magicsoul (Truestatiks))
05 Crossroads (prod. by Ju-Ar & Magicsoul (Truestatiks))
06 Cars Drive By feat. Amanda Silvera (prod. by Ju-Ar & Magicsoul (Truestatiks))
07 Welcome Home feat. Hila (prod. by Crada)
08 Until They Love Me No More/Heavenly Father (prod. by Ju-Ar (Truestatiks))
09 Go feat. DJ LP2 (prod. by Magicsoul (Truestatiks))
10 Train Of Thought (prod. by Ju-Ar (Truestatiks))
11 Let It All Hang Out (prod. by Ju-Ar (Truestatiks))
12 Nelson M. feat. Kaled Ibrahim/Children Of The Sun (prod. by Iman)
13 It’s Yours (prod. by Crada)
14 Ragtime (prod. by Magicsoul (Truestatiks))
15 Exchange feat. Amanda Silvera (prod. by Ju-Ar (Truestatiks))

Die JUICE-Ausgabe #137 (Juli/August 2011) ist ab dem 15.06. bundesweit für 5,00 EUR inklusive Rasul-Album »Writing Colours« im Zeitrschriftenhandel erhältlich.

Kommentieren

EMPFOHLENE ARTIKEL