Interview: Casper

casper_juice_Andreas_Janetschko

 

Was für ein Gewicht auf diesen schmalen Schultern lastet: Benjamin Griffey, 28 Jahre alt, aus Bielefeld, soll eigenhändig ein ganzes Genre aus dem Schlummerschlaf erwecken. Klar, Marteria, K.I.Z. und Prinz Pi haben schon vorgearbeitet, und in den Startlöchern warten bereits Die Orsons, F.R., Kraftklub und ein Haufen weiterer ­Röhrenjeans-Rapper. Dieser Tage jedoch, im Frühsommer 2011, schaut die ganze Rap-Sphäre gebannt auf alles, was da mit »XOXO« geschieht, dem mit am meisten Spannung erwarteten deutschsprachigen Rap-Album seit, sagen wir, »Maske« von Sido. Viel wurde geschrieben und spekuliert, über die Zusammenführung von HipHop-Ansatz und Einflüssen aus Indie-Pop, Emocore und Drone Doom. Doch gleich der zweite, von Boombap-Maestro Dexter produzierte Track »Blut sehen« ist ein Schlag in die Fresse aller Hater – weil es einfach mal der härteste HipHop-Beat ist, der in den letzten Jahren auf einem Major-Album gelandet ist. Ein Gespräch mit einem Künstler, der seinen Namen nicht hergeben will für den üblichen geistigen Müllberg aus Wie-Vergleichen, Homophobie und Beleidigungstiraden, der sich anno 2011 gerne Rap schimpft. Und der damit nicht weniger als das zukunftsfähigste, genreübergreifendste Künstlermodell geworden ist, das unsere Subkultur aktuell hergibt.

 

Dein erstes Soloalbum »Hin zur ­Sonne« erschien bereits 2008 über den Indie 667 Records, trotzdem fühlt sich »XOXO« wie ein Debüt an, nicht?
Das kommt sicher daher, dass ich mich endgültig von allen Genre-Dogmen freigesprengt habe. Aber wenn man Casper-Fan seit Kinder des Zorns war, dann ist meine Entwicklung absolut nachvollziehbar. Wenn man mich auf Twitter und Facebook verfolgt oder mal eine Live-Show von mir gesehen hat, dann ist die neue Platte wirklich leicht zu verstehen. Trotzdem fragen wir uns natürlich, wie das bei den Fans ankommt. Wir waren im Studio auf unserem Film, aber als es daran ging, das Album an die Medien rauszuschicken, dachte ich nur: »Oh Gott.« Es hätte mich nicht gewundert, wenn ihr damit nichts hättet anfangen können. Es ist einfach eine Verwurstung von allem, was uns inspiriert hat, aber die Grundbasis ist Crunk. (lacht) Da stecken ja viele 808s drin, während »Hin zur Sonne« total samplebasiert und boombappig war.

 

 

In »XOXO« stecken auch Samples, nur eben andere.
Ja. Der Beat von »Auf und davon« basiert beispielsweise auf einem Sample von der Arty-Farty-Chillwave-Band How To Dress Well. Die Amis samplen Funk und Soul, weil das ihre Kinderstube war. Ich hingegen habe in meiner Jugend The Smiths und Morrissey gehört, später viel Hamburger Schule, also Tocotronic und Blumfeld, aber auch Fehlfarben oder Slime. Insofern ist »XOXO« ein erstmaliges Darlegen meiner musikalischen Sozialisation.

 

Also hat »Hin zur Sonne« eher die musikalische Sozialisation von Shuko zum Ausdruck gebracht als deine eigene.
Genau. »Hin zur Sonne« war für seine Zeit cool, das dokumentiert genau den Film, auf dem ich damals war. Bei »XOXO« gab es aber zum ersten Mal die Möglichkeiten und vor allem die Menschen, die es verstanden haben, wo ich musikalisch hinwill. Das war ein richtiger Kampf, diese Menschen zu finden. Und das erklärt auch die lange Zeit, die es gedauert hat, diese Platte zu machen. Was da im Hintergrund alles passiert ist! Das war eine richtige Odyssee. Das hatte nie was mit fehlender Lust oder Zeit zu tun. Es ging halt einfach nicht über Nacht.

 

Lass uns mal ganz am Anfang beginnen.
Okay. Nach »Mittelfinger hoch« gab es vom Label die Ansage: Wir brauchen jetzt eine Platte bis zum Sommer, dann hauen wir sie im Herbst raus und du wirst auf jeden Fall Top 10 gehen. Für mich war das vollkommen verständlich. Zu der Zeit hätte jeder Furz von mir geknallt, der Zündstoff war da und das Timing wäre perfekt gewesen. Musikalisch waren Jamie T und The Streets damals meine Referenzen. Es gibt aber im HipHop-Kontext nicht viele Produzenten, die so etwas stilsicher umsetzen können. Deswegen habe ich die Deadlines immer wieder gecancelt und das Album verschoben. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich den Namen Casper nicht für irgendetwas ­Beliebiges ­hergebe. Dann habe ich TiKay kennen ­gelernt und angefangen, auf seine ­Beatskizzen zu schreiben. Der Sound war noch nicht perfekt, aber immerhin hatten wir vier, fünf Dinger, auf denen wir vorsichtig aufbauen konnten. Dann habe ich Steddy getroffen, den Drummer von Timid Tiger. Mit ihm habe ich die Platte dann ausproduziert. Es hat aber erst mal bis Mitte 2010 ­gedauert, bis wir überhaupt ansatzweise wussten, was wir machen wollen.

 

 

Ihr hattet ja auch nicht unbedingt ein konkretes Vorbild oder die eine ­Referenzplatte.
Nein, und das war Segen und Fluch gleichermaßen. Wir wussten: Wir machen hier etwas, was es so weltweit noch nicht gegeben hat. Dadurch fehlen dir aber auch Richtlinien. Die Songs waren am Anfang viel vollgepackter, erst im Nachhinein haben wir aufgeräumt. Schweren Herzens haben wir uns von Melodien, Spuren und Twists verabschiedet. Zwischendurch, so im Dezember und Januar, war das Album ein absolutes Kunstprojekt, komplett vertrackt, ohne Struktur, dafür mit 7/8-Rolls und solchem Zeug. (lacht)

 

Bei Marteria und seinen Produzenten The Krauts gab es ja die berühmten ­Regeln, nach denen die Texte und Songs abgeklopft wurden.
Das gab es bei uns auch, wir hatten im Studio viele kleine Zettel hängen. Regel 1: »Crossover ist der Feind.« Alles, was auch nur annähernd an Crossover erinnerte, haben wir sofort weggeschmissen. Regel 2: »Wie-Vergleiche sind verboten.« Dieses Rappertum wollten wir komplett entfernen. Ich hab stattdessen versucht, kleine Bomben zwischen die Bilder zu legen. Trotzdem wollten wir natürlich auch den Rap-Nazi in uns befriedigen und die Platte sollte unseren technischen Ansprüchen genügen. Das war schon eine Gratwanderung. Irgendwann war ich so verzweifelt, dass ich zu Steddy gesagt habe: »Lass uns doch so drei, vier Rap-Songs dazwischen streuen.« Da hat er mit dem Fuß aufgestampft und gebrüllt: »Das machen wir auf gar keinen Fall! Ich weiß, das wäre jetzt einfach, aber wir ziehen das Ding jetzt durch.« Und er hatte recht. Die Vorschusslorbeeren sind riesig, und wenn die Platte sie nicht erfüllen kann, dann ist das eben so. Aber wir haben uns nicht vorzuwerfen, dass wir nicht die Eier hatten, die Platte so zu machen, wie wir sie uns vorgestellt haben. Wir haben eben keine Standard-Rap-Platte gemacht, sondern versucht, alle unsere Einflüsse zusammenzubringen.

 

 

Wenn Crossover der Feind ist, wie habt ihr sichergestellt, dass sich eure Musik mehr an den Editors als an Linkin Park orientiert?
Das muss man zu großen Teilen Daniel Schaub zuschreiben. Der ist Songschreiber von Beruf und hat eine sehr reale ­Indietronica-Band namens Jack Beauregard. Hätten wir ihn nicht als geschmackliche Instanz gehabt, hätte es sehr schnell kippen können. Ich kann ja nicht produzieren. Ich sage Steddy, was ich mir vorstelle. Steddy übersetzt das für Schaub in Musikersprache, und dann bietet Schaub wiederum so vier, fünf Sachen an. Bei mir funktioniert Musik ja sehr stark über Stimmungen. Ich hab denen beispielsweise gesagt: Es muss wie The xx klingen, aber gleichzeitig wie Explosions In The Sky und wie Wolves In The Throne Room. Dann haben die aufgedröselt, was ich eigentlich meine. »Alaska« klang ­zwischendurch mal wie ein Folklore-Song von Subway To Sally, weil wir dachten, da muss ­akustische Gitarre drauf. Man ­musste sich eben hin und wieder darüber klar werden, dass wir immer noch eine HipHop-Platte machen. Und dann musste man auch mal zwei Tage Arbeit einfach löschen, weil es einfach scheiße geklungen hat.

 

Das ist natürlich schwer einzugestehen.
Aber das ist auch das Problem an ­deutschem HipHop. Deshalb stagniert doch alles so. Jeder große deutsche Rapper schart einen Haufen Ja-Sager um sich. Das ist genau das Problem der heiligen Drei. Die scharen ein paar Rapper um sich, die schon ganz gut sind, aber halt nicht ganz so gut wie sie selbst, und die hauptsächlich darüber rappen, wie geil es ist, dass sie mit dem Chef rumhängen dürfen. Jay-Z hingegen hat seine Fans mit 17 gecatcht und immer weiter mitgenommen. Bei deutschem Rap wächst du irgendwann raus, weil die Inhalte dich nicht mehr ansprechen.

 

Ich weiß, dass du ein großer Fan von Südstaaten-Rap bist und eine umfangreiche Sammlung an raren No Limit- und Cash Money-CDs besitzt. Wie schlägt sich diese Vorliebe denn auf »XOXO« nieder?
Da sind doch überall ohne Ende 808s und Subs drunter, selbst auf dem Song mit Thees Uhlmann. Aber insgesamt wäre mir das zu wenig gewesen. Womit ich nicht sagen will, dass mir Crunk oder ­generell ­HipHop zu ­wenig ist. Ich will auch ­demnächst ein ­Mixtape auf alten Fiend- und Mannie ­Fresh-Beats machen.

 

 

Ist das hier also »HipHop plus X« oder einfach nur HipHop, so wie du ihn ­verstehst? Letztlich arbeitet HipHop ­immer mit Samples und ­Referenzen.
Wir haben schon aus Promozwecken versucht, ein Wort für unseren Sound zu finden: »DoomHop«. oder »RapGaze«. Aber es gibt so eine Überbeschreibung nicht. Vom technischen Anspruch her ist es eine Rap-Platte, aber vom Musikalischen her ist es sehr weit entfernt von einer Rap-Platte. In jedem Fall ist sie ein Ergebnis der letzten zwei Jahre auf meinem iPod.

 

Interessiert dich, wie die Indie- und Alternative-Presse das annimmt?
Am Ende bedeutet mir eine große Story in der JUICE immer noch mehr als ein Schnipsel im »Musikexpress«. Trotzdem interessiert es mich, wie die Indie-Presse reagiert. Nicht aus Ego-Gründen, aber weil es bei dem Album eine Prämisse war, dass es auch von Leuten gut gefunden werden kann, die nur »solche« Musik hören. Ich hab ja einige Kumpels, die nur so Drone-Ambient-Zeugs hören und auf Blogs abhängen, die am Tag genau zwei Klicks haben und Bands wie Antarctica, This Will Destroy You oder God Is An Astronaut featuren. Ich will, dass die das gut finden können. Es sollte nie klingen wie eine Rap-Platte mit ein paar Gitarren drin. Ich möchte, dass es als Gesamtwerk erkannt und gesehen wird. Ich habe auch versucht, Klischees auf beiden Seiten zu vermeiden. Im Mainstream sehe ich die Platte überhaupt nicht, aber sie funktioniert hoffentlich in verschiedenen Subkulturen.

 

Du hast immer wieder betont, wie groß deine Angst vor den Reaktionen aus der HipHop-Szene ist.
Ja, klar. Eine Rap-Platte ist berechenbar, das kannst du abstecken. Diese Maßstäbe gelten für meine Platte aber nicht.

 

 

Weil »XOXO« nur über die ­Emotion funktioniert. »Der Emo-Rapper kommt«, wie Eins Live proklamiert hat.
(lacht) Am Anfang hat mich das sehr genervt. Es gab sogar eine Zeit, da bin ich fast daran zugrunde gegangen. Bei Selfmade gab es dann den Zuhälter-Rapper, den Clown-Rapper und den Emo-Rapper. Da hab ich gedacht: Stimmt eigentlich, wieso nicht? Ich habe meinen Frieden damit gefunden. Mittlerweile kann ich mich richtig über die Kommentare unter so einem 16bars-Interview totlachen. Was mich viel mehr annervt, ist diese wahnsinnige Homophobie. Mich trifft das einfach nicht, wenn mich einer als »schwul« bezeichnet. So Typen, die mehr Schuhe als jede Frau haben und sich die Augenbrauen zupfen, beschimpfen mich als »Emo-Schwuchtel«, weil ich lange Haare habe und enge Hosen trage. Manchmal denke ich, dass Rap den Leuten eine falsche Erziehung mitgibt: »Schwule zusammenschlagen? Klar!« Da sehe ich eine große Gefahr. Viele Rapper sind sich nicht im Klaren darüber, dass ihr Phrasengedresche sehr weitreichende Konsequenzen hat.

 

Es gibt aber auch immer mehr Rapper, die sich davon distanzieren.
Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Privat höre ich sehr gerne härteren Rap. Heute gibt es aber Kids, die wunderschön irgendwo hinter Reutlingen aufwachsen und grundlos anfangen, ein Messer zu tragen und Leute abzuziehen. Insofern kann Rapmusik durchaus zur Verantwortung gezogen werden. Das artet alles gerade ein bisschen aus. Ich sehe mich nicht als Gegenentwurf dazu, aber ich möchte lieber für etwas anderes stehen.

 

 

Du sagst: »Wir holen zurück, was uns gehört.« Wer ist dieses »Wir«?
Ich habe das auf einer anderen Ebene geschrieben und später erst gemerkt, dass es heute auch auf Rap passt. Für mich war Rebellion das Spannendste an meiner Dorfjugend. Wir waren so eine Skater-Gang und haben Hardcore und HipHop gehört. Eines Tages war das Jugendzentrum mal wieder zu, also haben wir eine Telefonzelle kaputtgetreten. Keine Ahnung, warum. (lacht) Ich hatte gute Schulnoten, ein gutes Zuhause und wohnte nicht im Ghetto. Ich kann es dir nicht sagen. Das hat Friedrich mit seinem Albumtitel »Rebell ohne Grund« schon auf den Punkt gebracht. Es geht um eine Form von jugendlicher Wut. Wir wollten austesten, wie weit wir gehen konnten. Da gab es noch diesen gesunden Punk-Gedanken im HipHop. Wir sind mit riesigen Hosen rumgelaufen, haben Wu-Tang Clan und Westberlin Maskulin gehört oder das erste Frauenarzt-Tape. Das war sinnlose Rebellion, die keinem ernsthaft weh getan, dafür aber Standpunkte klargemacht hat. Es ging um nichts, aber eigentlich um alles. Savas wollte ja nicht wirklich, dass ihm jemand den Schwanz lutscht. Er wollte die Leute einfach nur anpissen.

 

Und das ist heute anders?
Ja. Ich sehe das doch bei meiner kleinen Schwester. Die könnten draußen rumziehen und geile Sachen machen, aber sie skypen lieber, anstatt sich zu treffen. Daher wollte ich einen imaginären Putsch steigen lassen. Da geht es gar nicht darum, konkrete Missstände anzuprangern, sondern ein kleines bisschen Aufbruchstimmung zu verbreiten. Ich will nur sagen: Ihr wisst gar nicht, wie geil das sein kann, jung zu sein und auf alles zu scheißen.

 

Dieses romantisierte »Kids«-Weltbild: kiffen, klauen, ficken.
Genau. Aber es hat niemandem richtig weh getan. Vielleicht ist das jetzt so eine »Früher war alles besser«-Argumentation. Aber wir haben halt einfach Scheiße gebaut, ohne um unser Leben fürchten zu müssen. Und, verdammte Scheiße, es stand auch für was. Wir waren gegen Nazis, gegen Fremdenhass, gegen alles Mögliche. Heute will jeder nur krasser als der Nächste sein. Es ist doch nur noch eine Frage von Monaten, bis der erste Rapper stirbt. Wegen gar nichts.

 

 

Der Mann in dem Skit vor »Kontrolle/Schlaf« ist dein Vater, oder?
Ja. Mein Vater war als US-Soldat stationiert im Extertal und hat dort meine Mutter kennen gelernt. Dann haben sie meine Schwester bekommen und direkt danach mich. Als ich einen Monat alt war, sind wir nach Amerika gegangen. Mein Vater hat wenig Kohle verdient, der war auch richtig an der Front, immer abwechselnd ein Jahr bei uns und ein Jahr im Krieg, so war das bis zu meinem sechsten, siebten Lebensjahr.

 

Im »Grizzly-Lied« erzählst du, wie er dir beim Jagen als Kind eine Lektion erteilt hat.
Wir haben ja in so einem Trailerpark in Augusta, Georgia, gewohnt. Dort sind wir irgendwann mal in den Wald gegangen, zum Dosen schießen. Da war ich vielleicht acht, neun Jahre alt. Ich hab mich total erschrocken, als er plötzlich eine Knarre neben meinem Kopf abgefeuert hat. Da meinte er: »Erschrecken ist in Ordnung, aber rumflennen geht nicht.« Das war für mich nie eine krasse Situation, aber ich musste neulich beim Schreiben daran denken. Später war es dann so, wenn ich ihm was erzählt habe wie: »Ich könnte jetzt zu diesem oder jenem Label gehen, aber ich weiß gerade einfach nicht, alles ist zum Kotzen«, dann hat er gesagt: »Das ist im Leben so. Mal bist du der Jäger, mal der Bär, aber wenn du Bär sein musst, dann sei ein Grizzly.« Er meinte, man soll niemals kampflos aufgeben. Dass ich das inzwischen beherzigt habe, wollte ich mit der Hook ausdrücken. Ich glaube, ich weiß jetzt, wie er das gemeint hat.

 

Wann bist du wieder nach Deutschland gezogen?
Mit elf Jahren, also 1993. Ich erzähle das ja in »Hin zur Sonne«: Wir lebten nach der Trennung meiner Eltern in einem sehr gewalttätigen Haushalt, mein Stiefvater hatte Drogenprobleme und war ständig im Knast. Wir sind deswegen auch immer wieder umgezogen. Eines Morgens wurden wir von meiner Mutter geweckt, meine Schwester und ich. Sie sagte: »Packt euren Kram zusammen, wir fliegen nach Deutschland.« Wir waren uns todsicher, dass es in den Urlaub zu Oma geht, wie schon ein paar Male vorher. Doch von der Sekunde an, wo wir am Frankfurter Flughafen gelandet sind, hat meine Mutter nur noch Deutsch mit uns geredet. Wir haben sie also nicht mehr verstanden, weil wir nicht zweisprachig erzogen worden waren. Wir sind dann auch sofort in die Schule gekommen. Das war alles sehr anders und sehr fremd für mich.

 

Es ist interessant, dass du eigentlich einen richtigen Street-Background hast.
(lacht) Ich kenne das alles. Ich habe das gelebt, wovon andere Rapper reden. Mein Alltag war als Kind eben so: Man ist nach Hause gekommen, da war der Fernseher verpfändet. Oder man musste Stiefvater wieder aus dem Knast holen. Aber ich will da nie wieder hin. Und vor allem interessiert das doch niemanden, das will doch keiner hören.

 

 

Wie lange hast du gebraucht, bis du auf Deutsch gedacht und geträumt hast?
Geträumt habe ich noch sehr lange auf Englisch. Als das sich geändert hat, war ich schon erwachsen. Auch jetzt träume ich noch manchmal auf Englisch. Die deutsche Sprache hatten meine Schwester und ich aber nach einem halben Jahr gut drin. In Bösingfeld konnte halt keiner Englisch. Leute, die aus New York oder London nach Berlin ziehen, müssen ja kein Wort Deutsch lernen. Aber Bösingfeld? Ich bin mal in den falschen Bus gestiegen und wusste plötzlich nicht mehr, wo ich bin, aber ich konnte auch niemanden fragen, weil die mich nicht verstanden haben.

 

Als du erwachsen wurdest, bist du in die nächste größere Stadt, nach Bielefeld gezogen. Was hat dich im letzten Jahr dazu bewogen, nach Berlin zu ziehen?
Es war das Arbeitsumfeld. Ich hatte mich vom alten Label getrennt. Mein neues Label sitzt in Berlin, mein Management auch, und ich habe plötzlich immer mehr Zeit und Geld dafür verwendet, um mit der Bahn von Bielefeld nach Berlin zu fahren. Als ich dann noch das Pädagogikstudium geschmissen und alles auf eine Karte gesetzt habe, habe ich mir gesagt: Jetzt kann ich auch hierhin ziehen. Das war jedenfalls nicht wegen dem großen Berlin-Erlebnis oder den coolen Leuten.

 

Hast du eine Vorstellung davon, was Heimat ist?
Die habe ich tatsächlich erst bekommen, als ich nach Berlin gezogen bin. Es war schon schwierig, sich an Berlin zu adaptieren, vor allem an die Geschwindigkeit des Lebens. Als wir dann auf Tour nach Bielefeld reingefahren sind, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl von Heimat. Früher hat man dort natürlich immer rumgelästert, dass man immer dieselben Fressen sieht. Aber jetzt verbinde ich damit ein Heimatgefühl. Heimat verbindet man nun mal mit dem Ort, wo man vom Kind zum Mann oder zur Frau geworden ist. Wo man die ersten wirklichen eigenen Probleme überwinden musste. In Bielefeld konnte ich zum ersten Mal meine Miete nicht zahlen und musste mich beim Amt anmelden.

 

Warst du in den letzten 15 Jahren ­häufig in Amerika?
Ja, ich war schon überall in den Südstaaten, weil mein Vater immer wieder umgezogen ist. Jetzt war ich aber schon fast vier Jahre nicht mehr da. Der Kontakt zu meinem Vater ist ein bisschen eingeschlafen, weil er neu geheiratet und eine neue Familie hat. Da möchte ich jetzt nicht unbedingt hin und die anderen Kinder kennen lernen. Das ist mir alles unangenehm. Aber ich hab »December 4th« von Jay-Z immer gefeiert, und deshalb habe ich ihm eine Mail geschrieben und gefragt, ob er etwas für mein Album einsprechen will. Am selben Abend hat er am Laptop ein File aufgenommen und das haben wir dann zurechtgeschnitten. Das war ein sehr bewegender Moment für mich.

 

 

Das einzige Rap-Feature ist Marteria. Warum gerade er?
(flüstert) Ich weiß gar nicht, ob Marten das weiß. Aber ich habe Marsimoto immer gehasst. Ich hab gesagt: Das geht nicht, Quasimoto zu übersetzen, ich finde das zum Kotzen. Dass das alle inklusive der JUICE gefeiert haben, hat mich genervt. (lacht) Beim Splash! hab ich ihn dann zum ersten Mal live gesehen. Und das war so gut, es war der Wahnsinn, ich hab ihn total abge­feiert. Und als er mich backstage sah, sprang er direkt auf und brüllte: »Caaas! Weißt du noch damals, wie wir bei Brisk Fingaz im Studio mit Spax und den Kabelage-Jungs gefreestylet haben?« Ich wusste gar nicht, wovon er redet. (lacht) Kurzum, er war ein richtig cooler Typ. Als ich dann für den Selfmade-Sampler noch ein Feature brauchte, hab ich ihn gefragt. Ein Jahr später rief er an und meinte: »Du, auf meinem neuen Album rappt niemand, aber ich wollte dich fragen, ob du es machen willst.« Das fand ich richtig krass. Trotzdem wollte ich ursprünglich kein Rap-Feature auf meiner Platte haben, außer vielleicht Vega, von dem ich ein krasser Fan bin, aber das hat leider aus zeitlichen Gründen nicht geklappt. Dann gab es diesen Beat, auf den Martens Stimme einfach perfekt gepasst hat. Erst wollten wir es nicht machen, weil es zu offensichtlich war. Aber dann dachte ich mir: Wir sind doch Freunde, und ich will ihn da drauf haben, also warum nicht? Das kam ganz natürlich.

 

Der Dexter-Beat ist die einzige Fremdproduktion auf dem Album.
Ich muss gestehen, dass ich Dexter nie auf dem Schirm hatte. Ich dachte, das wäre so typisches Zeug von Backpackern für Backpacker, das eigentlich keinen interessiert. Eines Morgens habe ich mir diese Videos vom »Beat Fight« angesehen, und da hat er diesen Beat gespielt. Ich habe direkt getwittert: »Ich will 12 Millionen Euro für diesen Beat bezahlen.« (lacht) Jedenfalls war der Beat musikalisch genau das, was wir am Anfang der Platte brauchten, auch wenn er musikalisch null reinpasste. Ich muss zugeben, wir hatten da auch gerade sehr viel »Yonkers« gehört.

 

Hast du noch Kontakt zu den anderen Kindern des Zorns?
Mit Abroo schreibe ich mir ab und zu noch Mails. Da ist das Verhältnis so weit eigentlich cool. Das Verhältnis zu Separate war lange Zeit nicht cool. Als ich aus der Gruppe ausgestiegen bin, haben wir uns zerstritten. Dann haben wir wieder zueinander gefunden, aber ich wollte nicht zu Buckwheats, also gab es noch mal Höllenstress. Ich sollte sogar auf dem Splash! getötet werden. (lacht) Aber ich habe den beiden nie etwas Schlechtes gewünscht. Es gab auch mal Ideen, ob man wieder was zusammen macht. Doch da fehlte bei allen die Zeit. ich bin mir nicht mal sicher, ob die cool finden, was ich jetzt mache.

 

 

Eure damalige Musik war lange nicht so düster wie »XOXO«.
Ja. Aber mein Lieblingslied vom Wu-Tang Clan war immer »Where Was Heaven?«.Oder die erste Sole auf Anticon, die »Bottle Of Humans«. Als die Emocore-Welle mit den ehrlichen, zerbrechlichen Texten kam, so was wie Give Up The Ghost oder Suicide Medicine, da wusste ich: Man kann das so machen. Das war vorher mit meinem HipHop-Denken nicht konform gegangen. Aber das hat ja nichts mit schlechter Laune zu tun. Trotzdem sitze ich nicht den ganzen Tag mit übereinandergeschlagenen Beinen da und trinke grünen Tee. Ich sitze mit meinen Jungs da, höre Waka Flocka Flame, kucke alte Ren & Stimpy-Folgen und kichere mich kaputt.

 

Teilweise erfüllst du das Klischee, das man von dir erwartet, absichtlich.
Dann aber nur, um zu provozieren. Das habe ich in der Zeit des Selfmade-Samplers gemacht. Da wurde uns die Single und der Beat ja vorgesetzt, ohne dass wir irgendwas mitzureden hatten. Dem Label war es scheißegal, wie wir das finden. Da man uns für den Text keine Vorgaben gemacht hat, habe ich absichtlich provoziert, nur um zu kucken, was passiert. Ich habe einfach mal im Interview was richtig Schwules gesagt. Es gibt ja im HipHop nur noch zwei Provokationen, seit sexuelle Anspielungen nicht mehr funktionieren: schwul sein und Gott hassen. Das ist halt alles, womit du noch aufreiben kannst. Aber wie gesagt, ich bin kein Gegenentwurf zu irgendetwas. Ich finde sogar vieles cool, was die anderen machen. Aber lasst mich doch bitte mein eigenes Ding machen.

 

 

Du wirkst auch nicht wie jemand, der latent unter Suizidgefahr steht.
Ich habe oft gesagt: Wäre es nicht perfekt, wenn mir jetzt auf der Spitze des Hypes, wenn die Platte gerade halb fertig ist, etwas passieren würde? Wenn es nur fünf fertige Songs geben würde, die richtig knallen, und ein paar Beats und Skizzen, die den Rest erahnen lassen? Scheinbar habe ich das sehr oft gesagt, so dass sich Freunde schon Sorgen gemacht haben. (lacht) Ich dachte aber nur an den Mythos, der daraus entstehen würde. Ich glorifiziere halt dieses Ian Curtis-Ding [Ian Curtis war der Sänger der britischen New-Wave-Band Joy Division, der sich 1980 im Alter von 23 Jahren das Leben genommen hat, Anm. d. Verf.]. Ich glaube, ich bin auch dazu verdammt, ein strugglender Künstler zu sein. Ich habe offenbar ein Händchen dafür, mir alles immer kompliziert zu machen. Diese ganze Sache mit den Labels, die Anwälte, dieses Feuilleton-Album – das passiert alles nicht so berechnend, wie es nach außen hin wirkt. Ich bin einfach ein sprunghafter, naiver Mensch.

 

Text: Stephan Szillus/Foto: Andreas Janetschko

 

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