Boogie: »In L.A. kommt irgendwann jeder an den Punkt, an dem er versucht zu rappen.«

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Die Welt blickt dieser Tage ehrfürchtig nach Compton, insbesondere auf die wohl bekanntesten Söhne der Stadt – die Jungs von N.W.A. Die Stadt vor den Toren von Los Angeles, deren öffentliches Bild von Eazy-E, Dr. Dre, Ice Cube, MC Ren, DJ Yella und dem oft vergessenen Arabian Prince maßgeblich geprägt wurde, ist derzeit nicht zuletzt wegen deren Biopic »Straight Outta Compton« in aller Munde, sondern steht seither als Qualitätssiegel für Rap von der US-amerikanischen Westküste. Denn wer aus Compton kommt, weiß genau, wovon er spricht. So auch im Falle von Boogie – in Fachkreisen bereits gehandelt als das Next Big Thing nach King Kendrick. Streng genommen stammt Boogie zwar aus Long Beach, seine prägenden Jugendjahre hat er jedoch auf den vielberappten »Streetz Of Muthaphukkin Compton« verbracht.

Als seine Mutter den jungen Boogie tagtäglich von Long Beach nach Compton in die Kirche schickte, dürfte ihr wohl etwas anderes vorgeschwebt haben, als dass sich ihr Sohn mit den blutroten Tüchern der Pyro Bloods verbandelte. Ironischerweise sollte der Kirchenchor den Jungen genau davor bewahren, führte aber letztlich dazu, dass Boogie in den Sog dortiger Straßen­aktivitäten geriet. Beim Chor ließ er sich dennoch regelmäßig blicken, was seiner musikalischen Entwicklung gut tat. Weniger Glorifizierung, mehr Reflektion lautet das Credo – und trotzdem ist »The Reach«, das zweite Mixtape des 25-Jährigen, keine Aneinanderreihung mannbarer Fingerzeig-Floskeln, sondern hat ebenso den einen oder anderen Banger Made in Compton zu bieten. Das gefällt auch Kendrick.

 
Vom Chorknaben zum Gang-Mitglied – ein denkbar ungewöhnlicher Werdegang, obwohl beides letztlich den Weg für deine musikalische Entwicklung geebnet hat. Wie kam es dazu?
Es mag ironisch klingen, aber die Kirche war der Grund, warum ich mit dem Gangbanging angefangen habe. Wir waren ein Haufen Jugend­licher, die alle gezwungen wurden, beim Chor mitzumachen. Die Kirche war in Compton, also haben wir uns danach den Straßenaktivitäten gewidmet. Viele von uns hatten keine Vater­figuren, die uns eines Besseren belehrt hätten, und so endete es letztlich im Gangbanging. Das mache ich bis heute. Allerdings bin ich kein typischer Gangster mehr. Es gibt Leute in der Hood, die leben den Struggle jeden Tag und schützen unsere Gemeinschaft. Ich hingegen hatte die Chance, aus dieser Sache auszubrechen. Aber ich würde meiner Community nie den Rücken kehren.

Inwiefern prägt das Gangbanging heute noch deinen Alltag?
Auf der Straße wirst du tagtäglich gefragt, zu welcher Gang du gehörst. Das ist die häufigste Frage, die dir bei uns gestellt wird. Wenn ich dann sage, dass ich ein Pyro Bloods bin, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder es ist cool, oder es wird gefährlich. Das ist Teil meines Lebens.

Welche Rolle hat Musik gespielt, als du früher auf der Straße abgehangen hast?
Musik war mein einziges Ventil, meine Flucht. Es gibt nicht viel Positives, was wir in Compton machen können – abgesehen von Sport und Musik. Niemand in der Community bringt uns etwas anderes bei. In der Kirche habe ich mich schließlich in Musik verliebt. Erst mochte ich das Singen nicht, doch später habe ich meine Leidenschaft dafür entdeckt. Neben meinem Kind ist Musik das Einzige, was ich wirklich liebe.

Dass du mit dem Rappen angefangen hast, war also eine logische Konsequenz?
In L.A. kommt irgendwann jeder an den Punkt, an dem er versucht zu rappen. Ob unter der Dusche oder mit Freunden – nur um zu sehen, ob er es kann. Auch ich habe mit meinen Freunden rumprobiert. Und es war gut, also habe ich versucht, eine Karriere daraus zu machen.

Ehrliche Musik gibt Leuten die Möglichkeit, die Welt zu verändern. Du kannst keine Veränderung bewirken, wenn du Geschichten erfindest.

Inwiefern hat deine Heimat deine Musik beeinflusst?
Meine Musik ist sehr persönlich, weil meine komplette Umwelt in der Musik vorkommt. ­Alles, worüber ich rede, sind Dinge, die ich selbst erlebt habe oder von denen mir Freunde erzählt haben. Jeder Mensch hat seine ­Geschichte. Und ich erzähle eben meine.

Warum ist dir dieses hohe Maß an Persönlichkeit so wichtig?
Ehrliche Musik gibt Leuten die Möglichkeit, die Welt zu verändern. Du kannst keine Veränderung bewirken, wenn du Geschichten erfindest. Alles, was ich erzählen kann, ist das, was ich erlebt habe. Ich erzähle von meinen Fehlern, damit andere Leute daraus lernen können. Es gibt viele Rapper da draußen, die das perfekte Image inszenieren, aber es bewirkt keine Veränderung, weil es niemandem hilft, wenn jeder denkt, sie wären perfekt. Ich denke, wenn die Leute zu ihren Fehlern stehen und davon erzählen, kann die Welt ein besserer Ort werden.

Würdest du sagen, dass du dich von anderen Rappern mit einer Gang-Vergangenheit unterscheidest – von YG zum Beispiel? Du erwähnst ihn auf deinem ersten Mixtape im Track »Bitter Raps«.
Ich hoffe, das versteht keiner als Affront gegen YG. Mit »Bitter Raps« wollte ich sagen, dass YG für viele den Weg bereitet hat – auch für mich. Viele Leute haben allerdings versucht, das zu kopieren, anstatt ihr eigenes Ding zu machen. YG erzählt seine Geschichten auf eine andere Art und Weise. Ich würde nicht versuchen, das Image zu schildern, dass ich jeden Tag auf der Straße abhänge und thugge. Ich komme aus seiner Nachbarschaft und repräsentiere das, aber ich möchte es besser machen und versuchen, Leuten Türen zu öffnen. Ich erzähle nicht, wie ich auf meine Mission gehe und Leute abknalle, denn das habe ich nie getan.

Der Titel deines Albums lautet »The ­Reach«. Hast du dieser Tage alles ­erreicht, was du dir in den letzten ­Jahren gewünscht hast? Oder sind da noch Ziele, die es zu erreichen gilt?
Ich glaube, ich habe gerade mal ein Prozent von dem erreicht, was ich erreichen möchte. Ich habe einen guten Start hingelegt und ich bin sehr dankbar für die Menschen, die ich getroffen habe. Letztes Jahr haben sich tausend Klicks wie eine Million angefühlt. Jetzt habe ich eine Million Klicks und blicke auf die hundert Millionen. Jedes Mal, wenn ich etwas Großes erreicht habe, frage ich, was als nächstes kommt. Mein derzeitiges Ziel ist, unter die Top-Drei-Rapper zu kommen.

 

Apropos Top-Drei-Rapper: Ich habe auf Twitter das Bild einer Nachricht gesehen, in der Kendrick Lamar dir Props gibt. War das echt oder nur ein Joke?
Nein, das war echt. Er hat die Nachricht einem guten Freund von mir geschickt. Ich durfte ihn danach zweimal treffen. Und es hat mir eine Menge bedeutet, denn ich habe Kendrick schon eine ganze Weile beobachtet, bevor ich selbst Musik gemacht habe. Er hat viele Türen für uns in Compton geöffnet.

Deine Heimat erfährt derzeit ordentlich mediale Aufmerksamkeit aufgrund des N.W.A-Biopics »Straight Outta ­Compton«. Ist das für jemanden wie dich, der dort groß geworden ist, begrüßenswert oder eher verwirrend?
Es ist super, aber manchmal auch ein bisschen irritierend. Ich musste lernen zu akzeptieren, dass viele Menschen Compton lieben. Trotzdem finde ich es noch komisch, wenn Leute mit ihren Compton-Caps ankommen.

Glaubst du, dass das hilft, um auf die dort nach wie vor vorherrschende soziale Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen?
Das hoffe ich zumindest. Ich thematisiere Polizeigewalt auch häufig in meinen Songs, denn manchmal macht es den Eindruck, als ob die Beunruhigung der Leute nur eine Trenderscheinung ist. Ich hoffe, dass »Straight Outta Compton« nicht auch nur eine dieser Sachen ist, für die sich die Leute ein paar Wochen interessieren, um dann wieder zu vergessen, wie übel die Polizei handelt. ◘

Dieses Interview erschien in JUICE #170 (hier versandkostenfrei nachbestellen).juice-18-cover