Vega: »In jedem Scheitern steckt eine Möglichkeit für Wachstum« // Interview

Der Titel für Vegas fünftes Soloalbum lag wohl auf der Hand: »V«, die lateinische Ziffer Fünf und gleichzeitig der erste Buchstabe seines Künstlernamens. Wieder liefert Vega seiner bemerkenswert treuen Fanbase den Output, der stets zuverlässig den kühlen, orchestralen Sound mit dem kämpferischen Allein-gegen-die-Welt-Gefühl transportiert, das Künstler und Fans so eng zusammenschweißt.

Doch längst will Vega nicht mehr nur mit dem Kopf durch Wand. Er will mehr, ohne sich dafür zu verbiegen. »Ich habe so viele Fehler gemacht und so viel Lehrgeld bezahlt. Doch ich würde nichts anders machen.« Das mag abgedroschen klingen, ist in Vegas Fall aber eine glaubwürdige Aussage. Vor dem letzten Release »Kaos« entledigte Vega sich etlicher Pfunde, und seine Freunde-von-Niemand-Jungs sich außerdem ihres Managers Hadi El-Dor. Nach dem mittlerweile getilgten Schuldenberg und einem massiven Lebenswandel war »Kaos« ein Album im Umschwung. Nun steht Vega wieder gefestigt mit beiden Füßen auf dem Boden. Er tritt deutlich sortierter auf. Weniger verbissen, aber keineswegs weniger kraftvoll. Das »Kaos« wich lediglich der Ordnung. Wich »V«.

Das Cover deines letzten Albums »Kaos« zierte ein vermummter Freiheitskämpfer mit einem Molotowcocktail. Auf »V« sind nun voll ausgerüstete Bereitschaftspolizisten zu sehen. Welche Aussagen stehen dahinter?
Das letzte Cover hat natürlich sehr zum Titel »Kaos« gepasst. Das Thema war ja genau diese Bambule, da hat der Freiheitskämpfer sich angeboten. Das neue Cover ist tatsächlich ein Bild von mir. Da bin ich drauf, und auch Ali B ist im Hintergrund. Das Foto stammt von einem Auswärtsspiel in Karlsruhe, das ist nicht gestellt.

»V« erscheint Anfang März, also kurz vor Frühlingsanfang. Natürlich kann man das Album nicht nur auf seinen Winter-Sound reduzieren, aber die Grundstimmung ist doch eher düster und kalt. Ist es nicht ungünstig, das Album direkt zum Frühling hin zu veröffentlichen?
(lacht) In Deutschland ist das mit dem Frühling nicht so ernst zu nehmen. Meistens ist es ja Ende April oder Anfang Mai, bis hier die ersten Sonnenstrahlen durchkommen. Ein bisschen unpassend wäre es höchstens, wenn es Mitte August kommen würde. Aber stimmt schon: Der Sound ist eher kühl und winterlich. Doch für das transportierte Gefühl sind die Leute sicherlich auch im Frühling empfänglich. Jeder wird unabhängig von der Jahreszeit seine Momente finden, in denen er sich ein bisschen zurückzieht und diese Art von Musik gut gebrauchen kann.

Ich habe einen großen Vega-Fan kürzlich gefragt, was ihn an deiner Musik so reizt und weshalb du für ihn so ein Ausnahmekünstler bist. Was denkst du, hat er geantwortet?
(überlegt) Es ist immer unangenehm, sich selbst zu beweihräuchern. Ich glaube aber, dass meine Musik sehr persönlich und intim ist. Trotzdem lässt sie dem Zuhörer genug Freiraum, seine eigene Geschichte da reinzuinterpretieren. Das macht es aus, würde ich sagen.

Seine Worte waren: »Menschen, die keine klassischen Verlierer in unserer Gesellschaft sind, kriegen das Gefühl vermittelt, dass ihre Probleme und Sorgen trotzdem einen Wert haben.« Ist es das, was du mit deiner Musik vermitteln möchtest?
Das ist ungefähr das, was ich meine. Auf der einen Seite ist das natürlich ein riesengroßer Vorteil für meine Musik, auf der anderen Seite werde ich aber oft dafür kritisiert, dass ich die Themen und Probleme nicht so fokussiere. Dadurch, dass meine Sprache sehr bildlich, sehr theatralisch und groß ist, bleibt relativ viel Raum für Interpretation. Das macht es vielen Leuten einfach, ihre eigenen Geschichten, Probleme und Gefühle in die Songs zu projizieren, die eigentlich meine sind. Aber es gibt auch viele andere Leute, denen die Fantasie dafür fehlt oder denen meine Sprache zu theatralisch und pathetisch ist. Die finden dann schwerer einen Zugang dazu. Das ist also ein bisschen Fluch und Segen zugleich.

»Auf jedem Album sind einige Songs, bei denen ich – das klingt jetzt total bekloppt – geheult habe, als ich die geschrieben habe.«

Du hast eine sehr treue Fanbase, zu der du auch regelmäßig die Nähe suchst. Ich erinnere mich: Auf dem splash! 2012 haben du und deine Freunde-von-Niemand-Jungs zum Beispiel Seite an Seite mit euren Fans auf dem Campingplatz gelebt und gefeiert. Warum pflegst du einen so ungewöhnlich engen Kontakt zu deinen Fans?
Einerseits sind das die Leute, die es mir ermöglichen, von meiner Kunst zu leben und dieses Leben zu führen. Dadurch stellen sie einen wichtigen Teil der Freunde-von-Niemand-Story dar. Andererseits spiegelt meine Musik aber meine eigene Gefühlswelt krass wider, sodass ich es sehr interessant finde, was für Leute bei meinen Songs mitfühlen können. Auf jedem Album sind einige Songs, bei denen ich – das klingt jetzt total bekloppt – geheult habe, als ich die geschrieben habe. So emotional ist das für mich. Und bei einigen Leuten auf den Konzerten sehe ich, wie die das bewegt. Ich finde es spannend mitzubekommen: Wie beeinflusst meine Geschichte letztendlich deren Geschichte. Deswegen hatte ich schon immer ein Interesse daran, diesen Menschen nahe zu sein und mit ihnen zu sprechen. Zu einigen sind über die Jahre wirklich enge Freundschaften entstanden. Wir haben Anhänger, die eine komplette Tour, alle dreißig Dates, komplett am Start sind. Da lernt man sich über die Jahre kennen. Man säuft zusammen, weint zusammen, lacht zusammen. Das verbindet.

Normalerweise stellt man sich zwischen Fan und Künstler eine gewisse Distanz vor. Mehr als ein gemeinsames Foto, ein Autogramm oder ein bisschen Smalltalk ist bei anderen Künstlern selten drin. Wie entsteht bei dir so eine Freundschaft?
Einen möglichen Zugang findet man genau wie im normalen Leben. Manche Leute findet man sympathisch oder faszinierend, und irgendwann baut man eine Beziehung zueinander auf. Und wenn man ein Gesicht bei jedem einzelnen Konzert im Publikum sieht, merkt man sich das. Und ich geh dann schon mal zu demjenigen hin und sage: »Bruder, ich hab dich jetzt die ganze Woche über bei jedem Gig gesehen. Was geht’n ab? Komm, wir trinken jetzt ein Bier zusammen!« Und wenn das zwanzigmal passiert ist, lernt man einander kennen – so entstehen auch mal Freundschaften.

Wie fühlt es sich für dich an, eine so wichtige und zentrale Rolle im Leben von wildfremden Menschen zu spielen?
Auf der einen Seite ist das sehr schön, bringt auf der anderen Seite aber auch eine große Verantwortung mit sich. Ich finde es sehr schwierig, dem immer gerecht zu werden – gerade dann, wenn man sieht, dass da auch jüngere Leute dabei sind, auf deren Leben man viel Einfluss hat. Dann denke ich schon darüber nach, was ich guten Gewissens in meinen Songs sagen kann, halte mich aber trotzdem nicht immer dran. (lacht) Es ist schon geil, aber es erschwert vieles, weil ich mir immer überlegen muss, ob ich mich bei ein paar Themen wie Drogen und Gewalt nicht lieber ein bisschen zurücknehmen sollte. Der eine oder andere junge Zuhörer kann da nämlich bestimmt nicht gut abstrahieren und denkt nach so einem Representer-Track plötzlich, es wäre voll cool, sich permanent volllaufen zu lassen, mit Drogen zuzuballern und Leuten auf die Schnauze zu hauen. Das ist aber natürlich nicht das, was ich den Leuten vermitteln will. Das ist eine Zwickmühle.

Deine Fans scheinen sich auch mit Veränderungen schwerzutun. Ich erinnere mich daran, wie sehr »Wir sind die 1« polarisiert hat. Besonders absurd fand ich aber die Kommentatoren, die sich darüber geärgert haben, dass du so stark abgenommen hast. Lastet dadurch ein Druck auf dir?
Wenn ein Künstler anfängt, seine Kunst an die Erwartungshaltung der Fans anzupassen,
dann ist er an dem Punkt, an dem er nur noch als Dienstleiter fungiert – davon versuche ich mich frei zu machen. Ich kann eh nur machen, was ich selbst feiere und für richtig halte. Du weißt doch, wie das ist, Alter: Irgendjemand hat immer etwas auszusetzen. Gerade die Deutschrap-Community ist so. Vielleicht sogar der Mensch an sich. Wenn wir irgendwann mal etwas hatten, was für uns funktioniert hat, dann sind wir nicht bereit, das aufzugeben. Wenn man es aber trotzdem durchzieht und sich die Veränderung über einen längeren Zeitraum bewährt, sind doch alle froh, dass es passiert ist. »Wir sind die 1« funktioniert live zum Beispiel überkrass, der wird immer gefeiert. Aber gerade online kriegst du auch oft ein verzerrtes Bild davon vermittelt. Es sind halt die, die etwas auszusetzen haben, die das dann auch lautstark preisgeben. Man darf sich da einfach nicht in diesen Bewertungsstrudel ziehen lassen.

»In jedem Scheitern steckt eine Möglichkeit für Wachstum, egal auf welcher Ebene.«

Im Outro des neuen Albums rappst du: »Wenn dir alles gelingt, was du versuchst/Dann versuchst du nicht genug.« Das passt nicht nur zu dem gerade Gesagten, es ist auch im Kontext deiner jüngeren Geschichte eine interessante Zeile.
Der Tenor der Zeile ist natürlich, dass Scheitern überhaupt keine Schande ist, sondern sogar dringend notwendig. Ich habe in meiner Karriere und meinem Leben so viele Fehler gemacht und so viel Lehrgeld bezahlt. In finanzieller und emotional schmerzhafter Hinsicht. Aber rückblickend würde ich nichts anders machen. Das hat mich halt zu dem gemacht, der ich jetzt bin. In jedem Scheitern steckt eine Möglichkeit für Wachstum, egal auf welcher Ebene. Man kann aus allem lernen und etwas daraus ziehen. Man muss solche schmerzhaften Erfahrungen manchmal einfach machen.

Kannst du mittlerweile auf einen guten Rat hören, oder musst du dir immer noch selbst die Finger verbrennen?
Ich bin halt relativ stur. Aber es gibt ein paar Leute, im Musikgeschäft sind das zum Beispiel Moses und Savas, wenn ich mit denen quatsche, dann halte ich die Ohren sperrangelweit auf und höre zu. Das sind Leute, die das seit zwanzig Jahren auf einem krassen Level machen. Wenn ich auf die höre, kann ich mir den einen oder anderen Stolperer sparen. Aber das ist eine der größten Aufgaben, die ich vor mir habe: Mich so weit zu öffnen, dass ich empfänglich dafür bin, was Leute mir raten, statt es einfach als Schwachsinn abzutun.

Das ist ein bisschen ironisch: Die Zeile selbst stellt ja einen Ratschlag dar. Glaubst du, dass deine Hörer deine Ratschläge annehmen können?
Das sind natürlich alles individuelle Charaktere, aber ich hoffe sehr, dass ich einigen einen guten Ratschlag mit auf den Weg geben kann. Der nächste Satz dieser Zeile lautet ja auch: »Ich hab’ versucht, bis ich verblut’«. Ich habe genug von diesen Fehlern gemacht.

Text: Skinny
Foto: Nicola Rehbein

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #185. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Shop bestellen.

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