Vega & Bosca: »Als die Gewalt in meinem Leben präsenter war, war sie nicht so präsent in der Musik.« // Feature

Vega & Bosca

»Wenn du einem Namen ein Bild gibst und die Leute sich damit identifizieren, entkräftest du es gleichzeitig. Es nicht so, dass wir niemandes Freunde sein wollen. Aber das ist unsere Grundhaltung«, so Bosca. Woher diese Grundhaltung wohl kommt, in einer Stadt, die sich dem schnellen Geld verschrieben hat? »So schön hässlich« taufte zuletzt Credibil die Main-Metropole. »Frankfurt ist zu verrückt. Zu viele Gegensätze, um ein Gefühl zu formulieren. Aber immer, wenn ich hierherkomme, habe ich ein Gefühl von Sicherheit. Mein Puls geht direkt drei Schläge runter.« Doch noch immer begreife ich nicht, woher all der Hass kommt. Die Wut. Die Aggressivität. Das Einprügeln auf »Bullenschweine«, radikales Anti-sein in einer Stadt, die so scheißfreundlich zugleich ist. Diesen Zwiespalt hat Jan Böhmermann mal eingefangen, als er die Blockupy-Randale rund um die Eröffnung der EZB in Frankfurt sinngemäß kommentierte mit: »Da steht der Kapitalist im Wolkenkratzer, sieht runter auf die aufeinander einprügelnden Parteien, den Studenten mit seinem mickrigen BAföG und den Polizisten mit 1.600 brutto und denkt sich: ‚Läuft doch ganz gut, dieser Kapitalismus.’«

»Gerade bei hochpolitischen Dingen wie Terroranschlägen gibt es so viel Meinung und Hintergrundwissen, das man niemals mitbekommen wird. Seine Meinung kann und sollte man haben. Wirklich Bescheid zu wissen, ist als normaler Bürger aber gar nicht möglich«, sind sich Vega & Bosca einig. »Alle Kameras an« lautet dann auch der Titel des einprägsamsten Tracks auf »Alte Liebe rostet nicht«, diesem (er)drückenden Album. Darin fallen Sätze wie: »Wir sind mitten im Krieg und brauchen keine Waffen dafür.« Oder: »Der moderne Mensch überwacht sich von allein.« Wenn man so will, liefern Vega & Bosca tatsächlich einen tiefen Blick mitten ins Herz der Ausgestoßenen, so viel Pathos sie dafür auch aufbringen mögen. Ob sich die »Vollassis aus dem Bahnhofsviertel« in mystischer Manier Dreiecke und Augen hinzudenken oder einfach nur erschüttert sind, in welche Wege unser friedliches Miteinander einschlägt – die Frage, ob wir nicht längst einen dritten Weltkrieg auf psychologischer, gar spiritueller Ebene führen, darf erlaubt sein. »Das System ist nicht das System; nicht das, was wichtig ist«, so Vega. »Es gibt darüber aber ein übergeordnetes, größeres System, das auf lange Sicht sowieso alles regelt. Dafür brauchst du kein Christ, Moslem, Jude oder Buddhist sein. Das sind physische Gesetze. Karma, das In-Wort des Jahrtausends. Resonanz, Dualität und Gegensätze. Am Ende des Tages wird alles seinen Weg finden«, erklärt Vega und fährt fort: »Es gibt fast kein unabhängiges Medium. Jede Zeitung wird auf irgendeine Weise unterstützt und ist in irgendeine politische Richtung aktiv.« Auch dieses JUICE-Exemplar – wohl oder übel.

 

Aber die wichtige »Mittelmeinung« kann nur durch Dialoge wie diesen entstehen. »Es ist wichtig, miteinander zu reden, weil sich die schnell gefestigte Meinung dadurch wieder auflockert.« Und so wie ich im Gespräch erfahre, dass Freunde von Niemand nicht unfreundlich sein zu jedem bedeutet, kann ich versuchen, darauf hinzuweisen, Wut über soziale Strukturen nicht an denen auszulassen, die nur als bezahltes Schutzschild agieren. »Wie viel kannst du zählen?! Eins, zwei, drei Bullenschweine!« Ich habe anders zählen gelernt. Aber ich habe auch nicht für Frankfurt auf der Straße gekämpft. Vega: »Das ist, was Kunst macht. Unterdrückte Emotionen ausdrücken. Als die Gewalt in meinem Leben präsenter war, war sie nicht so präsent in der Musik. Jetzt ist es andersrum.« Und so strotzt »Alte Liebe rostet nicht« vor Gewaltphantasien und gezückten Guns, trotzdem finden sich darin auch Zeilen wie: »Wir wollen das Gute sein und sind nicht mit dem Bösen am Tisch.«

Warum das Feindbild »Uniform« bei nahezu allen, die sich irgendwo links einordnen, noch immer so omnipräsent ist, will mir nicht in den Kopf. Wieso auf die einprügeln, die fürs Prügeln bezahlt werden? Wieso nicht wenigstens einen Track darüber, dass sich hinter der Uniform derselbe Mensch verbirgt, für dessen Werte und Rechte man so stolz einsteht? »Das ist mein Weg, dieses Gefühl loszuwerden. Druck auf der Brust. Action. Hass. Eine gewisse Affinität zu Gewalt kann ich nicht abstreiten. Aber das bedeutet ja nicht, dass man das noch auf der Straße ausleben muss. Man kann da auch andere Wege finden.« Eine bitter nötige Sinneswandlung, denn zieht die Fratze der Gewalt weiterhin über unseren Planeten, gibt es irgendwann keine Wappen und Werte mehr, für die man einstehen kann. »Innen wie außen kann man das deutlich an mir selbst erkennen. Ich erzähle oft von schlechten Zeiten; dass es mir vor drei, vier Jahren sehr schlecht ging. Du kannst dir bei Google Bilder aus dieser Zeit angucken. Du kannst dir ‚Nero‘ anhören: Schwarz. Mein Album war komplett schwarz und martialisch, alles zerstörend. Das war der Modus, in dem ich war. Genau das meine ich: Du spiegelst. Das, was du bist, gibst du raus. Und das, was du rausgibst, das bist du.«

Text: Laurens Dillmann & Josua Hellmeier

Dieses Feature erschien in JUICE #172 (Back Issues hier versandkostenfrei nachbestellen).Cover_172_RZ.indd

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