»Wir wollen den Leuten näherbringen, dass ein Zug nicht einfach nur von ein paar 15jährigen aus Jux und Dollerei vollgemalt wird« // Unlike U im Interview

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Züge, Farbe und Adrenalin

Es gibt zahlreiche Versuche, den sagenumwobenen Akt des Besprühens von Wänden oder Zügen filmisch festzuhalten. Meistens sind das Ergebnis verwackelte, schlechtbeleuchtete DVDs, auf denen ein paar Vermummte beim hektischen Malen und Wegrennen zu sehen sind. Von diesen Formaten unterscheidet sich „Unlike U – Trainwriting in Berlin“ grundsätzlich. Der Dokumentarfilm wählt eine distanziertere Perspektive und schafft es so, das Phänomen Trainwriting auch Außenstehenden begreiflich zu machen. In jahrelanger, mühevoller Kleinarbeit haben Henrik Regel (bekannt als einer der Macher der „Rap City Berlin“-DVDs) und Björn Birg filmisches Material gesammelt und Interviews mit Sprühern, mit deren Verwandten, aber auch mit Polizisten geführt. Entstanden ist ein faszinierend dichter Einblick in eine Welt, in der Farben und Adrenalin allemal mehr zählen als Geld oder gesellschaftliche Anerkennung.

Wie kamt ihr auf die Idee zu diesem Film?
Björn: Ich hatte schon früh Kontakt mit Graffiti, dadurch, dass mein Bruder gesprüht hat. Ich habe viele Freunde, die es schon lange Jahre machen und heute noch aktive Trainwriter sind. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es mir Spaß macht, die Sachen zu fotografieren und zu filmen. Ich war aber schnell unzufrieden damit, wie meine Aufnahmen teilweise in anderen Videos verwendet wurden. So ist der Gedanke entstanden, selbst mal ein Video auf die Beine zu stellen. Daraus wurde dann aber bald die Idee, einen richtigen Dokumentarfilm zu machen, dem ganzen Thema mehr Tiefe zu verleihen und mehr Hintergründe an die Öffentlichkeit heranzutragen.
Henrik: Björn kam irgendwann mit Material, was ihm anonym zugeschickt worden war, bei mir an und erzählte von seiner Idee. Also haben wir zwei uns zusammen hingesetzt und uns überlegt, wie man aus dem Material etwas machen kann, was es noch nicht gibt. Wir wollten nicht die nächste Action-DVD machen. Weil wir relativ schnell gemerkt haben, dass man in 90 Minuten nicht die komplette Geschichte von Graffiti erzählen kann, haben wir die Story nur ums Trainwriting gesponnen.

Wie habt ihr die Writer ausgesucht?
Henrik: Wir haben uns überlegt, dass wir verschiedene Typen von Writern haben wollen. Jeden kann man ja eh nicht nehmen.
Björn: Es gibt auf der DVD vier Generationen von Sprühern, der älteste ist knapp vierzig Jahre alt, der jüngste um die achtzehn. Alle sind in in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen, aber alle haben einen gemeinsamen Punkt, nämlich Trainwriting. Egal, ob sie Familie haben oder nicht, im Berufsleben stecken oder noch zur Schule gehen, dieser eine Punkt eint sie. Es gibt Leute, die viel Wert auf Qualität legen, die machen nicht so viel, aber wenn sie was machen, brauchen sie mindestens eine Stunde dafür. Die machen extrem ausgefeilte, vorher genau konzipierte Züge, total bunt und aufwendig. Dann gibt es andere, denen ist es wichtiger, so viel wie möglich zu machen, das heißt, die gehen auch mal nur für zehn oder fünfzehn Minuten los und machen nur Chrome und Schwarz. Wir haben uns für jeden der verschiedenen Ansätze exemplarisch einen Writer ausgesucht.

Gab es Vorbehalte von Seiten der Maler?
Björn: Die gab es definitiv. Wir wurden auch ziemlich oft auf die Probe gestellt, nach dem Motto: Wer sind die Jungs überhaupt, was machen die denn da? Wir mussten immer wieder beweisen, dass wir den Writern nichts Böses wollen, dass wir keine Details rausrücken, die ihnen schaden könnten und dass wir die Kunst, die Graffiti nun mal ist, nicht verkehrt darstellen. Es war schwer am Anfang, aber es hat sich immer mehr herauskristallisiert, dass wir ein gutes Produkt machen und so wuchs auch die Bereitschaft zur Mitarbeit bei den Sprühern. Wir haben durch Qualität überzeugt.

Ihr habt aber nicht nur Sprüher für den Film interviewt, sondern auch andere Menschen, die direkt oder indirekt von Graffiti betroffen sind.
Henrik: Ja. Der Geschäftsführer einer Sprühdosenfirma beleuchtet ein bisschen den industriellen Aspekt von Graffiti, der in den letzten Jahren auch immer größer geworden ist. Dann haben wir die Mutter von Bas2 interviewt, die die Perspektive eines Elternteils wiedergibt. Und wir haben einen von der GiB (Graffiti in Berlin, die Graffiti-Soko der Berliner Polizei – Anm. d. Verf.) mit drin. Der gibt die Sichtweise der Verfolgerseite wieder. Wir hätten auch gerne jemand von der BVG oder der S-Bahn befragt, aber die waren leider nicht sonderlich kooperativ.
Björn: Außerdem haben wir noch Phillip drauf, den Bruder von Stefan. Stefan hat früher Ruzd gesprüht, bevor er sich 2002 das Leben genommen hat. Graffiti hat daran auch seinen Anteil gehabt – wer’s genauer wissen will, sollte mal in „Ruzd79 – The ultimate Blackbook“ von Faxe reinschauen. Mit seinem Bruder haben wir jemanden, der das Ganze sehr reflektiert von außen betrachtet, weil die Familie von Stefan eben sehr stark von den Schattenseiten von Graffiti betroffen ist.

Geht es euch auch darum, mehr Verständnis für diese aggressive Kunstform bei der Allgemeinheit zu wecken?
Henrik: Was heißt Verständnis? Wir wollen nicht unbedingt, dass die Leute das gutheißen, aber ihnen schon näherbringen, dass Trainwriting eine Sache ist, bei der sich Leute mit einem Hang zum Extremen ausleben und dabei niemandem körperlich schaden. Natürlich verursachen sie einen gewissen Sachschaden, der nach unseren Recherchen allerdings auch oft höher dargestellt wird als er schlussendlich ist. Uns hat daran vor allem fasziniert, dass in der heutigen Zeit, wo sich alles nur noch ums schnelle Geld dreht, Trainwriting halt komplett davon losgelöst ist. Du verdienst damit kein Geld, im Gegenteil, du gibst welches aus, du investierst eine Menge Zeit und Aufwand und hast als einzigen Mehrwert davon einen gewissen Bekanntheitsgrad in einem kleinen, geschlossenen Kreis von Leuten. Damit haben wir uns im Film auch auseinandergesetzt, weil es für einen Außenstehenden überhaupt nicht zu verstehen ist, warum jemand das macht. Wir wollen den Leute näherbringen, dass ein Zug nicht einfach nur von ein paar 15jährigen aus Jux und Dollerei vollgemalt wird, sondern dass sich die Künstler schon was dabei denken.
Björn: Die Arbeit an dem Film war extrem zeitaufwendig, man konnte nicht wirklich viel planen. Dementsprechend hat die Szene eben auch gemerkt, was bei uns für eine Leidenschaft dahintersteckt und war sehr offen uns gegenüber. Dadurch wurden bestimmte Themen auch mit einer Offenheit angesprochen, die sonst nicht da ist. Dass man etwa sein komplettes Umfeld dadurch vernachlässigt und wie in einer Traumwelt lebt. Ein Sprüher meinte, wenn man aus dieser Traumwelt irgendwann aufwacht, fällt man erstmal in ein Loch, weil man sich bewusst wird, dass man gar nichts in der Hand hat von dem, was man in den letzten zehn Jahren gemacht hat.

Wie hat sich denn Trainwriting in Berlin über all die Jahre, die ihr im Film dokumentiert, verändert und entwickelt?
Henrik: In der Zeit kurz nach dem Mauerfall, als es richtig abging, herrschte in Berlin eine gewisse Narrenfreiheit. Die Polizei und der Staat an sich hatten besseres zu tun, als Leute zu verfolgen, die Züge besprühen. Das hat die Berliner Szene natürlich gemerkt und richtig Gas gegeben. Bis eben 1993 aufgrund dieser Entwicklung die GiB gegründet wurde. Früher war es in gewisser Weise einfacher, man hatte viel mehr Zeit, einen Zug zu besprühen. Auch natürlich aufgrund der Sicherheitstechnik, deren Standard heute viel höher ist, wegen der vermeintlichen Terrorgefahr. Auf der anderen Seite ist aber auch die Ausstattung der Sprüher besser geworden. Mit den heutigen Dosen und Caps kannst du einen Zug eben auch viel schneller zumalen. Die Dosen hatten weniger Druck, es gab keine Fatcaps und so weiter.
Björn: Früher war es auch nicht so leicht, an Informationen heranzukommen. Heute kann man sich ein Graffitimag kaufen und da wird einem viel vorgegeben. Man muss sich nicht mehr so viel selbst erarbeiten und aneignen.

Wieviel Leidenschaft eurerseits war notwendig, um mit den erschwerten Arbeitsbedingungen bei der Produktion umzugehen?
Henrik: Viel. An vielen Stellen brauchten wir wirklich einen sehr langen Atem. Wenn mal wieder irgendetwas nicht geklappt hat, weder beim ersten noch beim zweiten Mal. Da muss man einfach dranbleiben und das große Ziel vor Augen haben. Es gehört schon viel Geduld dazu, es so durchzuziehen, wie wir es haben wollten.

Hattet ihr von Anfang an eine Vision, wie das Endergebnis aussehen soll?
Henrik: Ja, zumindest eine Vorstellung. Die ist im Laufe der Zeit aber immer größer geworden, weil wir beim Drehen gemerkt haben, es gibt ja noch den Aspekt und das Unterthema. Im Gespräch mit den Writern kam dann oft auch die Frage, habt ihr eigentlich diesen oder jenen Aspekt schon beleuchtet? Deswegen wurde das Thema und der Inhalt des Films immer größer. Der gesamte Umfang und alle mithineinspielenden Faktoren wurden uns erst im Laufe des Projekts klar.

Habt ihr jetzt erst mal die Schnauze voll von Graffiti für die nächsten zwei Jahre?
Henrik: Das nicht, aber es erfordert eben schon sehr viel Hingabe. Man weiß ja, wieviele Leute involviert sind, wenn eine große Firma einen Film produziert, man kennt ja die ellenlangen Abspänne. Und wir haben eben wirklich alles selber gemacht. Okay, für gewisse Arbeitsprozesse haben wir uns externe Leute geholt, aber die kann man an einer Hand abzählen. Etwa 90 Prozent der angefallenen Arbeit haben wir selbst gemacht. Und die Arbeit ist jetzt ja noch gar nicht vorbei, wir müssen uns darum kümmern, dass er verbreitet wird und wir wenigstens einen Teil des Geldes, das wir im Lauf der Jahre hineininvestiert haben, wieder rauskriegen. Wir machen uns allerdings nicht die Illusion, dass wir großartig was damit verdienen werden, dafür haben wir zu viel investiert. Aber um’s Geld ging es uns dabei sowieso nicht.

Eine interessante Parallele zu den Hauptakteuren eures Films, den Writern, die mit ihrer Kunst ja auch kein Geld verdienen.
Henrik: Genau, das hat insofern ganz gut gepasst. Und ich glaube, das haben die Leute auch im Laufe der Produktion auch gemerkt, dass wir nicht auf den schnellen Euro aus sind.
Björn: Ich habe es meiner Mutter mal so beschrieben: Die Sprüher geben sich extrem viel Mühe in dem, was sie da machen. Und genau so viel Mühe haben wir uns mit dem Schnitt gegeben. Es war uns einfach unheimlich wichtig, die gleiche Energie und Leidenschaft, die die Sprüher in ihre Aktionen stecken, in unsere Produktion zu stecken. Und wir haben da wirklich tief in die Tasche gegriffen. Letztens haben wir mal ausgerechnet, wieviel wir insgesamt reingesteckt haben und als ich die Summe gelesen habe, hat es mich doch erstmal ganz schön auf den Hintern gesetzt. Aber wir hatten einfach Bock auf das Thema und haben daran geglaubt, da muss man eben manchmal auch investieren. Es wird sich sicher auszahlen, nicht finanziell, aber als Visitenkarte.
Henrik: Das Gefährliche ist halt: Wenn man erst einmal angefangen hat, für gewisse Dinge ein bisschen Geld auszugeben, kann man damit nicht plötzlich aufhören. Dann sagt man sich, jetzt haben wir das schon so gut gemacht, wenn wir das nächste nicht genauso gut machen, hat es sich ja gar nicht gelohnt.

Henrik, du hast ja auch schon die „Rap City“-DVD gemacht. War es nicht ein großer Unterschied, statt Rappern Sprüher vor der Kamera zu haben?
Henrik: Auf jeden Fall. Die Rapper haben natürlich ein gewisses Bedürfnis, sich selbst darzustellen. Das machen sie ja sowieso die ganze Zeit. Für einen Sprüher dagegen ist die Öffentlichkeit etwas, was er eigentlich lieber meidet. Teilweise war das auch schwierig. Bei manchen Interviews gab es nur noch verängstigte Blicke sobald die Kamera an war. Wir mussten dann ein bisschen einwirken auf die Leute und sie davon überzeugen, dass wir ihre Persönlichkeit schützen und gewisse Sicherheiten gewährleisten. Das war ein harter Kontrast zu „Rap City Berlin“.

Ihr habt euch sicherlich gut rechtlich abgesichert, oder?
Björn: Ja, wir haben uns im Vorfeld ein Gutachten von einem Anwalt erstellen lassen, was wir machen dürfen und was nicht. Wir haben genau darauf geachtet, dass wir keine Anleitung zu Straftaten veröffentlichen. Das heißt, wir haben nicht alles bis ins kleinste Detail erklärt, was auch im Sinne der Sprüher ist, die nicht alle ihre Tricks verraten wollen. Letztendlich ist unsere Herangehensweise so dokumentarisch, dass wir einfach Pressefreiheit genießen. Wir sind sehr journalistisch vorgegangen und verherrlichen nichts. Die Aufnahmen von illegalen Aktionen haben wir auch nicht selbst gedreht, die wurden uns anonym zugesandt. Insofern sind wir da auf der sicheren Seite.

Wer garantiert euch eigentlich, dass die GiB nicht demnächst bei euch vorbeischaut und euer Material beschlagnahmt?
Björn: Wir sind ja auch schon seit etwa zwei Monaten mit unserem Projekt präsent im Internet, bisher ist nichts passiert und ich glaube auch nicht, dass sie noch kommen. Wenn doch – finden werden sie nichts.
Henrik: Unser Rohmaterial haben wir vernichtet.
Björn: Der Film verherrlicht ja auch nichts. Das ist keine Anleitung für sechzehnjährige Kids, loszugehen. Der Film ermutigt niemanden, Trainwriting zu machen, sondern führt einem ganz klar vor Augen, was die Konsequenzen sind.

Text: Oliver Marquart

Fotos: Unlike U

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