Ufo361: »Future wollte 100.000, das habe ich zugesagt« // Titelstory

Ufo361 über die Zeit vor »Ich bin 1 Berliner« und die Hintergründe um eines der spektakulärsten Features der Deutschrap-Geschichte.

Du rappst auf einem anderen Song, dass du mit elf Jahren in den Drogenverkauf eingestiegen bist. Wie kommt man in dem Alter auf so eine Idee?
Ich habe das bei einem Älteren gesehen, der immer vorm Späti mit seiner Bauchtasche stand. Das raffst du schon, was da abgeht – auch mit elf. Ich glaube, wir hatten gerade angefangen zu kiffen, mein Umfeld ist aber nicht an Gras rangekommen. Ich habe mit zwei Kumpels zusammengelegt und 50 Gramm Haschisch gekauft für 250 D-Mark. Mir war aber völlig klar, dass ich aus meinem Anteil Gewinn machen muss. So ging es los. Immer verkauft in diesen Pulmoll-Dosen, Dicker. (lacht)

Was haben deine Eltern dazu gesagt?
Ich habe das vor denen geheimgehalten. Das war immer etwas tricky. Wir hatten unter der Badewanne eine Kachel, die man abnehmen konnte, wo ich mein Zeug versteckt habe. Mein Bruder hat das aber gerafft. Einmal bin ich komplett stoned nach Haus gekommen – am 11. September 2001. Mein Bruder fragte mich, was denn mit meinen Augen sei. Ich sagte, wir wären im Schwimmbad gewesen. (lacht) Eigentlich eine dumme Ausrede, aber die Anschläge, die die ganze Zeit im Fernsehen gezeigt wurden, haben ihn so abgelenkt, dass das Thema schnell vorbei war. Danach habe ich immer Augentropfen benutzt und alles. Ich hatte auch Dickies-Hosen, die damals 100 Mark gekostet haben. Die musste ich immer im Fahrstuhl von unserem Haus an- und wieder ausziehen und in den Rucksack stecken, damit meine Eltern davon nichts mitbekommen.

Wie sieht deine Familie deine Musik?
Das feiern die krass, Mann! Ich habe ja im letzten Jahr im Huxley’s gespielt – ausverkauft. Ich habe extra die Logenreihe in der Halle absperren lassen, damit meine Familie Platz hat. Selbst meine Oma ist gekommen, der wir noch einen Stuhl und ein Fernglas besorgt haben. Die hat immer gefragt: »Warum spuckt er die ganze Zeit auf den Boden?« (lacht) Meine Tante war auch mies am Weinen vor Freude und mein Bruder war komplett baff. Das war schon Optik. Meine Familie steht hundert Prozent hinter dem, was ich tue.

»Ich wollte mit allen zusammen etwas Gutes aufbauen, Hand in Hand. Dann kam Geld ins Spiel, und vieles wurde kompliziert«

Was denkst du, wenn du heute über den Kotti läufst?
(denkt nach) Dass ich immer noch da bin und vieles andere aber verschwunden ist. »Hä? Wo ist das Haus hin? Was ist das hier für ein Loft?« Ich habe letztens ein Fan-Treffen im Görli gemacht, da habe ich schon mit zwölf gechillt und mein Business gemacht. Ich erinnere mich noch gut daran, wie irgendwelche Schwarzen irgendwelchen Arabern Macheten in den Kopf gerammt haben oder ich vor den Bullen weggelaufen bin. Jetzt gehe ich da hin und habe Fan-Treffen. (lacht)

Triffst du im Görli manchmal Leute von damals?
Ja, klar. Manche sind halt dageblieben. Die grüße ich von weitem, auch wenn wir früher vielleicht noch eine Stunde zusammen gechillt hätten. Leider Gottes ist es so, dass sich manche Wege trennen. Aber so ist das Leben: Wenn man Kind ist, will man erwachsen sein, wenn man erwachsen ist, will man jünger sein. Es war auch geil als Youngster: Man chillt im Park, pafft ein bisschen, hängt ab. Aber wenn ich das jetzt machen würde, käme ich mir komisch vor. Einen Abend lang ist das vielleicht cool, aber auf Dauer? Soll ich dann morgen auch wieder ins Internetcafé gehen und »Counter-Strike« spielen? (lacht)

Wolltest du immer Rapper werden?
Ja, Mann! Ich war noch sehr jung und es lief nicht so gut in der Schule. Mein Bruder sagte mir damals, dass ich meine Schule zu Ende und Abi machen soll. Ich würde ihm später für diesen Rat dankbar sein. Ich war aber richtig behindert, Alter, und meinte: »Ey, ich werde irgendwann Rapper.« Natürlich hatte ich zwischendurch auch andere Pläne, aber ich habe es auf jeden Fall einmal laut ausgesprochen. Jetzt sitze ich hier und zahle mehr Steuern als er.

Wann bist du das erste Mal mit Lean in Kontakt gekommen?
Ich kannte das schon lange durch Leute wie Lil Wayne. Es hat mich natürlich interessiert, aber es war mir immer zu dumm, es nur wegen der Amis auszuprobieren. »Du fängst an, Hustensaft zu trinken, nur weil Future das macht? Wie lächerlich ist das denn?« Über die Hamburger Jungs bin ich da rangekommen und habe es einfach mal probiert. Was sollte schon passieren? Später habe ich auf Lean auch Sessions gemacht. Man ist wirklich in Trance, wo man sich keine Gedanken mehr macht. Ich habe mich auch schlecht gefühlt, weil es eigentlich voll toy-mäßig ist, wegen Future Lean zu trinken. Aber das gehört halt zur Trap-Kultur dort. Als ich in L.A. im Studio war, haben das alle getrunken, Dicker. Waka und alle waren voll zugedröhnt, bis sie eingeschlafen sind. Du merkst aber auch, dass es krassen Einfluss auf die Musik hat und dass es wichtig ist, sich ­lockerzumachen. Bei »Für die Gang« habe ich als Experiment so viel getrunken, bis ich nur noch nuscheln konnte. Den Part versteht kein Mensch mehr. Aber ich habe ihn so gelassen und nicht neu eingerappt – das war der Vibe. Das war real. (lacht)

Dein Publikum ist sehr jung. Meinst du nicht, dass solche Inhalte Einfluss auf die Kids haben?
Schon, aber die Verantwortung liegt bei den Eltern. Ich habe auch mein Leben lang 2Pac gehört und laufe trotzdem nicht durch die Gegend und schieße Leute über den Haufen. Es kommt auf deine Erziehung und deinen Umgang damit an. Andere haben Einbrüche gemacht und 2Pac gehört, ich habe im Park gechillt. Ich bin nicht schuld, wenn dein Kind Drogen nimmt. Du bist schuld, wenn dein Kind Drogen nimmt – wenn überhaupt! Am Ende ist es doch das Kind selbst, das Drogen nimmt.

Es fällt auf, dass »808« etwas ernsthafter und nachdenklicher ist als die »Berliner«-Trilogie. Inwiefern nimmst du dieses Album als Definitionsmoment für deine Karriere wahr?
Es ist das erste offizielle Ufo361-Album. »Ihr seid nicht allein« war so gesehen ein Street-Album. Aber die Unterscheidung zwischen Mixtape und Album macht in Deutschland eh keinen Sinn. Ich habe bei »808« nur geschrieben, was ich im letzten Jahr erlebt habe. Dass es jetzt weniger um diese prollige Schiene und die guten Seiten geht, lag an meinen Umständen. Ich habe persönliche Dinge ja vorher nie großartig thematisiert, außer vielleicht mal, wenn ich stimmlich ein bisschen gekrächzt habe, um Leid auszudrücken. Es sind viele komische Filme passiert. Ich möchte aber kein Namedropping betreiben oder darüber reden, wer was für Moves gebracht hat und dass ich mich voll gefickt fühle. Ey, ich habe doch alles gut gemeint. Ich wollte mit allen zusammen etwas Gutes aufbauen, Hand in Hand. Dann kam Geld ins Spiel, und vieles wurde kompliziert. Viele Leute werden sich angesprochen fühlen. Natürlich werden die dann auch eine Verteidigungsposition einnehmen oder es relativieren: »Nein, mich meint der nicht.« Doch, Dicker, ich meine dich! Aber du musst bedenken, dass dein Beitrag mich ja auch positiv beeinflusst hat. Ich habe jetzt den negativen Aspekt herausgestellt und damit fette Songs gemacht, also etwas Gutes daraus erschaffen.

Warst du es nicht schon von der Straße gewohnt, dass Geld Freundschaft auf die Probe stellen kann?
Ja, aber auf der Straße machst du kein Business mit Freunden. Ich hatte doch Kunden, an denen ich Geld verdienen konnte. Meine Jungs haben Einkaufspreis bekommen. Ich kannte es nicht, dass man sich mit Freunden wegen Geld streitet, das kam erst mit der Musik. Das war ja auch mein Problem: Musik ist für mich in erster Linie Freundschaft: zusammen im Studio sein und einen guten Vibe haben. Wenn du ein komischer Typ bist, könnte ich nicht einen Tag im Studio mit dir abhängen. Die menschliche Ebene muss stimmen. Aber als diese Ebenen vermischt wurden, hatte das irgendwann gar nichts mehr mit Musik zu tun, sondern nur noch mit Geld und Neid – das hat mir die Augen geöffnet. So ist wohl das Leben, auch wenn ich dachte, es sei gechillter.

»Das klingt vielleicht rassis­tisch, aber ich als Türke darf das ja sagen: Ich arbeite lieber mit Deutschen«

Konntest du das bei deinem Straßen­business besser trennen?
Naja, mein Umfeld war damals auch HipHop, ich hing ja nicht auf einmal mit Rock-Typen ab. Leider sind es aber vor allem die negativen Aspekte, in denen sich das Straßenbusiness und die HipHop-Szene gerade ähneln, wenn es ums Geld geht und du merkst, dass die dich abziehen wollen. Der Unterschied ist der, dass du in der Musikbranche seriöser auftreten musst. Ich bin jetzt nicht mehr mit Ali unterwegs, sondern mit einem Marius, Dicker. (lacht) Ich habe entschieden, dass mein Kollege, mit dem ich sprühen gehe, nicht auch noch mein Manager sein kann. Das ist zu chaotisch. Es fühlt sich für mich besser an, wenn ich dafür mit Deutschen arbeite. Das klingt vielleicht rassis­tisch, aber ich als Türke darf das ja sagen: Ich arbeite lieber mit Deutschen. Da kommt nicht der Cousin und macht Stress, und du musst dich auch nicht mit einer arabischen Großfamilie streiten, die keine Ahnung vom Musikgeschäft hat. Die Deutschen machen dir keine Kopfschmerzen. Das hatte ich auf der Straße oft genug. Das kann ich jetzt nicht mehr gebrauchen.

Du wirst in diesem Jahr dreißig. Hast du dir darüber Gedanken gemacht?
Ich wollte mit dreißig immer Geld haben. Das habe ich erreicht. Ich bin gesund, alles ist cool. Ich fühle mich trotzdem wie 23. Viele Leute denken auch, ich sei erst 23. (grinst) Ich habe früher eher mit Älteren gechillt, jetzt ist es umgekehrt. Aber dadurch, dass ich ja auch musikalisch den jüngeren Film fahre, macht das keinen Unterschied für mich, wenn ich mit jemandem wie Yung Hurn abhänge – auch wenn er jünger ist. Vielleicht bin ich im Kopf auch 25, keine Ahnung. Ich muss mir doch keinen Anzug anziehen oder im Büro arbeiten, um mich wie dreißig zu ­fühlen. Muss man mit dreißig ein Auto haben? Ich habe nicht mal einen Führerschein. (lacht)

Text: Fionn Birr
Foto: Christoph Szulecki

Diese Titelstory erschien erstmals in JUICE #186. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Onlineshop bestellen.

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