Torch: »Es war an der Zeit, meinen eigenen Mythos als erster HipHopper zu dekonstruieren« // Interview

Foto: Robert Hak

Er war und ist eine Ausnahmeerscheinung: Torch, der Erfinder von Rap auf Deutsch. Mehrere Generationen haben sich an ihm abgearbeitet, ihn in Grund und Boden gedisst und in den höchsten Tönen gelobt. Doch eigentlich müsste man jedem entgegenhalten: »Jeder New Jack erzählt mir, dass er schon immer dabei war/Doch auf den Jams warst du nie da und weißt nicht mal, wer Torch war.«

Seinen Status als Deutschraps Vater hat MC Torch sich, neben unzähligen Auftritten, Freestyle-Sessions und so weiter, mit lediglich zwei Alben erarbeitet: »Advanced Chemistry« seiner gleichnamigen Crew von 1995 und sein Soloalbum »Blauer Samt« fünf Jahre später. Aber Torch interessiert das wenig. Stattdessen kümmert er sich um sein Label 360 Grad Records, spielt Gigs als MC Torch oder DJ Haitian Star – und veröffentlicht unter letztem Namen auch noch fantastische Mixtapes. Der Record Digger ist stark in ihm, und der audioarchäologische Anspruch noch größer. Zuerst war da das »80ies German Funk Mixtape«, auf dem er uns durch die Boogie-, E-Funk- und R’n’B-Ergüsse deutscher Künstler führte (s/o an Tommi Piper, die Synchronstimme des Achtzigerjahre-Serien-Aliens Alf. Denn der legt eine killer Coverversion vom Prince-Hit »Kiss« hin, als wäre es »null Problemo«).

Vor kurzem folgten zwei weitere Mixtapes: »German 80s Hip Hop 1 & 2«, auf denen er die ersten Schritte von Rapmusik in Deutschland dokumentiert. Dabei ist das eigentlich ein Widerspruch. Denn die ersten Deutschrap-Experimente von Moderatoren wie Thomas Gottschalk oder Schauspielern wie Peter Alexander turnte die sich in der Entwicklung befindende deutsche Rapszene damals so sehr ab, dass alle anfingen, straight auf Englisch zu rappen.

Welche Idee steckt hinter deinen beiden neuen »German 80s Hip Hop«-Mixtapes?
Für viele bin ich ja der erste HipHopper in Deutschland, Leute wie Jan Delay berufen sich auf mich. Natürlich lasse ich das gerne so stehen, da ist ja auch was dran, aber abgesehen davon, dass ich ja nicht alleine war, gab es auch vor mir schon Leute, die sich mit HipHop beschäftigt haben. Die kamen allerdings nicht aus der »Szene«, die sich damals gerade im Aufbau befand, sondern waren Popmusiker, Moderatoren oder Komiker, die mit HipHop-Elementen wie Rap, Robot, Scratching oder Breakdance experimentiert haben. Ich bin ja für meine Konzept-Mixtapes bekannt, und ich fand es nach dem immensen Erfolg von »German 80ies Funk« an der Zeit, das Thema »German 80s Hip Hop« aufzugreifen und meinen eigenen Mythos als erster HipHopper zu dekonstruieren.

Hast du alle Tracks im Mix schon vorher gekannt und besessen, oder hast du noch mal recherchiert?
Einiges hatte ich von damals noch im Schrank, ich hab aber wirklich jahrelang recherchiert, um es einigermaßen komplett zu kriegen – daher auch zwei Teile. Es ist wirklich verrückt, wie viel Material ich gefunden habe.

Wie lange hast du für den Mix gediggt?
Ich habe bereits in meiner Schulzeit, so ab 1988/89, angefangen, obskure deutsche Rapsachen zu sammeln – aus Spaß und Neugier. Das meiste fanden wir damals eher peinlich. Als ich 2004 angefangen habe, als DJ Haitian Star aktiver zu werden, fing ich an, solche Songs für Mixtapes rauszusuchen – und auf seltsame Weise zu mögen.

Wie bist du bei der Recherche vorgegangen? Wie sucht man deutschen Rap der Achtzigerjahre?
Gute Frage, aber die Tricks verrate ich natürlich nicht. Aber sagen wir so: Ich habe sehr sehr viele Platten durchgehört – quasi systematisch alle »deutschen« Scheiben von 1978 bis 1989. Dadurch habe ich die meisten deutschen Achtziger-Funk-Sachen gefunden.

Gab es Überraschungen beim Diggen?
Viele sogar – und auch einzelne Schockmomente. Ich habe festgestellt, dass nahezu jeder deutsche Entertainer der Achtziger mal einen Rap- oder Funksong aufgenommen hat. Und zwar nicht nur erwartbare Künstler wie Udo Lindenberg oder die Rodgau Monotones, sondern auch Leute wie Nachkriegs-Rock’n’Roll-Star Peter Kraus oder die Hamburger Schauspielerin Helga Feddersen. Das hat mich sehr überrascht. Remember where you heard it first! (grinst)

Auf deinen Tapes sind auch die ersten Schritte der Schweizer und Österreicher zu hören. Warum war dir das wichtig?
Ich wollte alles abdecken und hätte es komisch gefunden, das krampfhaft zu trennen. Wenn man von französischen Chansons spricht, würde man Jacques Brel und Charles Aznavour ja auch nicht weglassen, obwohl Brel Belgier und Aznavour Armenier war. Karrieren wie die von Falco wären ohne Deutschland auch gar nicht möglich gewesen. Klar, der stammt aus Österreich, ist aber über München durchgestartet und hat mit dem Titel »Kommissar« seines ersten Hits auf den deutschen Markt abgezielt, weil der Begriff in Österreich gar nicht geläufig ist. Ich habe daher deutschsprachige Raps aus aller Herren Länder verwendet, übrigens auch von deutsch rappenden Amerikanern wie Dee Dee King [alias Dee Dee Ramone, Bassist der Ramones; Anm. d. Verf.] und Fab 5 Freddy [der mit den Toten Hosen 1990 den Song »Hip Hop Bommi Bop« aufnahm; Anm. d. Verf.].

Viele Rapsongs aus den Achtzigern sind Experimente von Musikern, die Rap als spannende neue Technik ansahen, aber selber keine Verbindung zur HipHop-Kultur hatten. War es dir wichtig, wie die Musiker zur HipHop-Kultur standen?
Nein. Ich habe einfach alles reingehauen, was ich gefunden habe – und zwar weit mehr als irgendjemand vor mir –, und habe auch fast alles verwendet. Klar, es gab auch viel Schrott, aber die Kunst ist es eben, das so reinzuwurschteln, dass es okay klingt. Sicher ist: Wenn man sich für das Thema »German 80s Hip Hop« interessiert, braucht man bloß diese beiden Mixtapes und hat gebündelt alles, was es dazu gibt. Mir ging es auch darum, für die Nachwelt zu dokumentieren, was es damals gab. Die meisten Leute blicken ja nur bis in die Neunziger und fangen mit uns an, mit Advanced Chemistry. Viele Sachen, die so um 1989 rauskamen, habe ich auch bewusst noch nicht verwendet. Vermutlich wird es dann noch einen dritten Teil geben, der als Überleitung in die deutsche HipHop-Szene der Neunziger fungiert.

Es sind auch Stücke von Kraftwerk im Mix. Warum war dir das wichtig?
Kraftwerk spielen für HipHop eine wichtige Rolle und waren lange das Funkigste, was man im Ausland aus Deutschland kannte. Der Breakbeat von »Nummern« ist ja die Basis für Afrika Bambaataas »Planet Rock« – und damit auch für viele Elektro-Funk- und Miami-Bass-Songs. Im HipHop-Film »Breakin’« von 1984 wurde zum Beispiel zu »Tour De France« getanzt, Songs wie »Die Mensch-Maschine« wurden für Hits wie »Rockin It« von den Fearless Four gesampelt – und das dann später wiederum für »Sunshine« von Jay-Z. Ganze Generationen von HipHop-Kids haben auf Songs von Kraftwerk getanzt – teilweise ohne es zu realisieren.

Du hast auch englischsprachige Songs mit aufgenommen. Warum?
Ich habe einfach alles zusammengetragen, was irgendwie Bezug hatte zu Deutschland oder zur deutschen Sprache. Manche Stücke sind von Deutschen auf Englisch gesungen, andere von Amis, die auf deutschen Produktionen rappen. Dee Dee Ramone hat zum Beispiel auf Deutsch und auf Englisch gerappt, bis er leider an einer Überdosis Heroin starb. Im Hintergrund singt übrigens Debbie Harry, die in ihrer Band Blondie ja auch schon gerappt hatte und deren Gitarrist Chris Stein auch am »Wild Style«-Soundtrack mitgewirkt hat.

Was planst du als nächstes Mixtape?
Lasst euch überraschen! Ich habe noch viele Platten und Ideen. Vielleicht ist es Zeit, mal etwas mit haitianischer Musik zu machen.

Text: Falk Schacht
Foto: Robert Hak

Dieses Interview erschien erstmals in JUICE #184.

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