Mac Miller: »Ich wollte mich von der Realität distanzieren. Aber vor allem distanzierte ich mich von mir selbst« // Titelstory

Foto: Murat Aslan

Ob Little Brother oder Lil Wayne, alle wollen sie doch eigentlich »Grown Men« sein. Selbst Mac Miller gibt sich nicht damit zufrieden, zum erfolgreichsten weißen Rapper seit Eminem respektive erfolgreichsten Indie-Rapper seit Kurupt aufgestiegen zu sein. Wer von Miller am liebsten immer noch »Frick Park Market« mag, wird erschrocken sein, wie weit er sich mit seinem zweiten Album von seinem Frühwerk entfernt hat: »Watching Movies With The Sound Off« hat Beats von Flying Lotus und Clams Casino, Features von Earl Sweatshirt und Jay Electronica. Es ist eine düstere, psychedelische Weed-Rap-Platte, wie sie eigentlich nur in Los Angeles entstehen konnte. Vor allem jedoch beweist das Album, dass man Mac Miller, der bislang über nicht viel mehr als Tiefkühlkost und Eskapismus rappte, nicht vorschnell als Teen-Rap-Sensation abtun darf. Seine echte Karriere hat soeben erst begonnen.

Die Neunziger haben angerufen

Noch vor gut einem Jahr war es mir latent peinlich, dass ich Mac Miller gut fand – so peinlich, dass ich auf meinem iPhone eine geheime Playlist mit meinen Lieblingsliedern des Pittsburghers unter dem Namen »Early 90s Memphis Classics« abspeicherte. Warum eigentlich? Er rappte auf abseitigen Lord-Finesse-Beats und samplete den frühen Nas, er trug Rucksack, pflegte einen ausgeprägten Silbenfetisch und brachte dieses ganze Eastcoast-Ding noch vor Pro Era, A$AP und Ratking zurück. Trotzdem, irgendwie blieb das ganze Mac-Miller-Universum immer cheesy – wo die enzyklopädische Rückwärtsgewandtheit des A$AP Mob oder des Raider Klan auch etwas Düsteres, Bedrohliches an sich hatte, war »Kool Aid & Frozen Pizza« eben nicht mehr als das gutgelaunte, aber auch harmlosere Abziehbild. Während A$AP die Gravediggaz und SpaceGhostPurrp sogar Tommy Wright III zitierte, blieb Mac Miller bei »The 900 Number« stehen. Natürlich machte seine Musik Spaß. Aber eben die Sorte Spaß, die man sich selbst nicht so recht eingestehen mochte, wenn man dem Teenager-Alter längst entwachsen war.

Miller selbst war 18 Jahre alt, als er sein Debütalbum »Blue Slide Park« aufnahm, mit dem er 2011 sämtliche Rekorde brach und das als erstes Indie-Album seit »Dogg Food« von 1995 auf Platz eins der Billboard-Charts einstieg. So sehr die Jugendlichen die Platte liebten, so eindeutig fiel sie bei den Kritikern durch. Sie wurde als »Frat Rap« gebrandmarkt, flächendeckend verrissen und bekam bei »Pitchfork« eine legendär schlechte Wertung: einer von zehn möglichen Punkten. Die negativen Rezensionen kratzten Macs Psyche an und trieben ihn sogar in die Drogensucht, doch sie waren nicht komplett unbegründet. Miller rappte wenig kunstvoll über nicht viel mehr als harmlose Kifferfreuden, und die musikalische Unterlage des Rostrum-Hausproduzententrios ID Labs tönte über weite Strecken gefällig bis belanglos. Mit Wiz Khalifa und Curren$y gab es Rapper, die den Stoner-Lifestyle unter HipHop-Gesichtspunkten spannender und lässiger in Reime verpackten als dieses bemühte Weißbrot. Und wo Eminem gegen eine kaputte Welt und ein kaputtes Elternhaus rebelliert hatte, standen die Zeichen bei Miller nur noch auf platten Hedonismus.

Rich Kid, Wrong City

Wie sollte dieser 18-jährige Junge uns auch etwas Interessantes zu erzählen haben? Malcolm McDormick kommt aus einem intakten, bürgerlichen Elternhaus in Pittsburgh – seine Mutter ist Fotografin und sein Vater Architekt. Der wohlhabende Junge besuchte die Taylor Allderdice High School, die spätestens durch Wiz Khalifas gleichnamiges Mixtape unsterblich gemacht wurde. Als Kind hatte er bereits diverse ­Instrumente spielen gelernt, inspiriert von Big L und Q-Tip begann er mit 14 zu rappen, mit 15 entschied er sich dafür, eine Karriere als Berufsmusiker anzustreben, weil er sich parallel dazu als völlig inkompetenter Weed-Dealer entpuppt hatte. Malcolm nannte sich Easy Mac und nahm sein erstes Mixtape »But My Mackin’ Ain’t Easy« auf, zusammen mit dem befreundeten Rapper Beedie bildete er das Backpacker-Duo The Ill Spoken. Er entwickelte einen gewissen Ehrgeiz und Arbeitsethos, nahm an Rap-Talentwettbewerben teil und wuselte mit Wiz Khalifa im Studio herum. Khalifa war ein paar Jahre älter als Miller, ebenfalls aus Pittsburgh und hatte schon einen Major-Deal. Als Benjy Grinberg, der Chef des lokalen Plattenlabels Rostrum Records, einmal bei Khalifa im Studio war, sah er auch Miller beim Aufnehmen und fing ab diesem Zeitpunkt an, ihm geschäftliche Ratschläge zu geben.

Der Moment, als ein großer Teil der Rap-Welt den Namen Mac Miller zum ersten Mal bewusst wahrnahm, war das You­Tube-Video zu »Kool Aid & Frozen Pizza«: Skateboards, Ghettoblaster, Rucksäcke und jede Menge Nike-Kappen umgekehrt. Zehn Millionen Views später sollte Lord Finesse den jungen Miller verklagen, weil der jede Menge YouTube-Money mit »seinem« Beat verdient hatte, der allerdings auf einem seinerseits ungeklärten Oscar-Peterson-Sample basierte. Der Rechtsstreit wurde sinnvollerweise außergerichtlich beigelegt, und die absurden Summen, die Miller angeblich an Finesse gezahlt haben soll, wurden offiziell nie bestätigt. Trotzdem hatte Miller mit diesem Video seine Nische besetzt und sowohl einen Style als auch einen Lifestyle gefunden, der ihm gut zu Gesicht stand. Es war sonnige Schulschwänzermucke, die für Ältere als Throwback-Musik und für Jüngere als Antithese zum überproduzierten, glamourösen Club-Trap funktionierte. Ein paar gechoppte Rhodes und ein Nas-Vocalsample machten »Nikes On My Feet« zum anderen Höhepunkt des vierten Mixtapes »K.I.D.S.«, das in seinen Interludes auf den ikonischen Larry-Clark-Film verwies, diesen dabei geschickt seiner sozialkritischen Ebene beraubte und den Lifestyle von Harold Hunter und seiner Clique als sorglose Essenz von Jugendlichkeit feierte. (Harold Hunter starb übrigens 2006 mit 32 an einer kokain­induzierten Herzattacke.)

Das »K.I.D.S.«-Mixtape war Millers erster Tonträger, der über Rostrum Records erschien. Der junge Rapper hatte mehrere Angebote von Majors vorliegen, sich jedoch für den sympathischen Indie aus seiner Heimatstadt entschieden. Vor allem aufgrund seiner enormen Online-Fanbase, die sich in irrwitzigen Facebook-, YouTube- und Twitter-Zahlen spiegelte, erreichte Miller seine potenzielle Käuferschaft ohnehin ganz direkt. Er ging auf »Incredibly Dope Tour« und spielte erstmals vor ausverkauften Häusern. Der Traum von der Musikkarriere, den er gerade erst seit drei Jahren aktiv verfolgte, schien bereits Realität zu ­werden. Das folgende Jahr ­markierte ­seinen endgültigen Durchbruch: Miller veröffent­lichte im Frühjahr die EP »On And On And Beyond« und das Mixtape »Best Day Ever«, im November schließlich sein Debüt­album. Dazwischen tourte er sich einen Wolf und macht Songs mit jedem von Freeway bis French Montana, von Meek Mill bis Justin Bieber. 2012 zog er mit drei seiner besten Freunde nach Los Angeles, um an seinem nächsten Mixtape »Macadelic« zu arbeiten. Es sollte den einschneidendsten Wendepunkt in seiner Karriere darstellen.

Looking Over A City

Mac Miller gähnt. Und atmet Rauch aus. Es ist kurz nach vier Uhr morgens in Los Angeles. Ihm fällt es zu Beginn unseres ­Gesprächs sichtlich schwer, sich auf die Fragen zu konzentrieren, doch je detaillierter wir über seine neue Platte ­sprechen, desto munterer wird er. Miller sitzt in seinem Haus in den Hollywood Hills. Vor dem Interview hatte mir der Platten­firmenmitarbeiter freundlich erklärt, dass es zwei Themen gebe, über die Mac derzeit ungern rede: Drogen und Wiz Khalifa. Über ­Letzteren wollte ich ohnehin nicht sprechen, das Thema Drogen schneiden wir im Verlauf des Gesprächs automatisch an, ohne dabei besonders konkret zu werden. »Das neue Album ist in einer Phase der Isolation entstanden«, erzählt Mac und gähnt wieder demonstrativ. »Ich wollte mich von der Realität und dem Rest der Welt distanzieren. Aber vor allem distanzierte ich mich in dieser Zeit von mir selbst. Das habe ich irgendwann eingesehen.« Er will es nicht aussprechen, aber er entwickelte in dieser Zeit eine handfeste Sucht. Nicht nur Weed oder Alkohol, sondern vor allem Codein und Promethazin. Bald sah man ihn kaum mehr ohne roten Plastikbecher in der Hand.

Trotz des Absturzes war 2012 das erfolgreichste Jahr überhaupt für Mac Miller: 6,5 Millionen Dollar hat er laut »Forbes« in diesen zwölf Monaten verdient. Miller spielte in einem halben Jahr über 50 Shows, davon beinahe die Hälfte in Europa. Dann kam der erwähnte Lord-Finesse-Prozess. Miller betäubte sich mit Codein, auch die Musik veränderte sich: Der vorher stets gut gelaunte Teenie-Schwarm ging auf »Macadelic« über sphärische Trap-Banger und psychedelischen Neo-Boombap. Miller schien eine Metamorphose zu durchleben, die ihn auch für eine andere, anspruchsvollere Hörerschaft interessant zu machen schien. Die Drogen jedoch drohten ihn endgültig in ihren Griff zu bekommen. Im November 2012 soll Miller einen Entzug gemacht haben. Sein Kindheitsfreund Jimmy Morton erzählte dem »Complex«-Magazin ein paar Wochen später: »Es ist unglaublich, dass er aufgehört hat, dafür, wie viel er getrunken hat. Es ist definitiv eines der ­eindrucksvollsten Dinge, die er je getan hat.«

Ein Ansporn für den Entzug war für Mac Miller sicher, seine geplante TV-Reality-Show »Mac Miller and the Most Dope Family« in einem nüchternen, körperlich intakten Zustand drehen zu können. Darin spielen auch drei seiner besten Jugendfreunde eine zentrale Rolle, die er mit nach L.A. genommen hat und die in seiner Hollywood-Villa leben dürfen. Einer davon ist sein Kumpel und Manager Q, der ihn einst auf MySpace entdeckt hat, weil er fand, Mac klinge wie »ein weißer Big L«. Tatsächlich war dessen »Lifestylez Ov Da Poor & Dangerous« die Blaupause für Mac Millers Rap-Style. Miller sehnt sich nach der Anerkennung als realer Rapper und echter Künstler, nicht nur von Q und den alten Buddies aus der Heimat, sondern von anderen Gleichgesinnten. In Los Angeles wurde er gleich mehrfach fündig: »Meine engsten Freunde, die ich hier in Los Angeles habe, sind alle auf dem Album.« Er spricht von Earl Sweatshirt und Tyler, The ­Creator, von Ab-Soul und Schoolboy Q. Aber auch von Flying Lotus, Thundercat und dem kompletten Brainfeeder-Camp.

In seiner Villa hat Miller zwei große Studios und einen kompletten Live-Raum eingerichtet, überall stehen Instrumente, MacBooks und Lautsprecher herum. »Eigentlich befinde ich mich 24/7 in diesem Haus. Für die Fernsehsendung müssen wir immer so tun, als würde hier viel mehr passieren, aber die meiste Zeit machen wir eigentlich nur Musik.« Miller erwähnt es so häufig, dass es auch dem Letzten klar werden sollte: Er ist jetzt ein ernsthafter Künstler. Sein zweites Album »Watching Movies With The Sound Off« klingt nach einem talentierten MC und Songwriter, der nach seinem eigenen Sound sucht, indem er anfängt, mit den coolen Jungs zu hängen. Parallel dazu erforscht er sein Innerstes nach spannenderen Themen als Grassorten und College-Feste. »Auf dem Cover bin ich nackt, weil ich mich in den Texten sehr persönlich gebe und ehrlich mit mir selbst bin. Ich ziehe mich quasi vor dem Hörer aus. Ich trage keine Juwelen, keine teuren Klamotten – ich bin einfach nur ich selbst. Gleichzeitig ist es eine biblische Referenz an Adam, den ersten Mann auf der Erde, da steckt also jede Menge religiöse Symbolik drin.«

Suplexes Inside Of ­Complexes And Duplexes

Miller sieht sich jetzt als Teil einer größeren Bewegung, die HipHop und Popkultur im Allgemeinen wieder mit tieferer Bedeutung auflädt. »Derzeit passiert eine künstlerische Renaissance. Es geht wieder darum, starke Alben zu machen, nicht mehr nur Top-10-Singles. Mir persönlich ging es bei diesem Album speziell darum, etwas zu erschaffen, was man sich von vorne bis hinten komplett anhören kann, ohne aus dem Vibe gerissen zu werden. Gleichzeitig sollte es etwas sein, was man sich auch in zehn oder hundert Jahren noch anhören will – etwas Zeitloses, ohne dass es altbacken klingt. Ich wollte schon diesen speziellen Moment festhalten, aber für die Ewigkeit.« Es wundert einen nach solchen Aussagen nicht mehr, dass sich darauf ein Song mit Jay Electronica befindet, der ernsthaft »Suplexes Inside Of Complexes And Duplexes« heißt. »Jay ist in meinen Augen einer der besten Rapper der Welt. Ich bin sehr froh, ihn auf dem Album zu haben. In unserem gemeinsamen Song vergleicht er die verschiedenen weiblichen Charaktere aus ‘The Wizard Of Oz’.«

Schon verstanden. Aber hier ist die eigentliche Sensation: »Watching Movies With The Sound Off« ist tatsächlich ein mutiges und gutes, ja: progressives Rap-Album. Es nimmt aktuelle ästhetische Motive wie den Cloud Rap von Clams Casino, die windschiefen Breakbeats von Flying Lotus und den Neo-Backpack-Jazz von TDE auf und übersetzt diese dank Millers Händchen für gute Songs und Hooks in kleine Pop-Perlen. Eine Leistung, die mich bei der Listening-Session zum Album, die die Plattenfirma stilecht bei Lieferpizza und lauwarmem Bier abhält, nicht mehr an verschwitzte College-Dormrooms denken lässt, sondern die stattdessen vernebelte Bilder des nächtlichen Hollywood evoziert. Die aber auch perfekte Cruiser-Musik ist und diese ganz speziellen »Friendly Skies«-Momente der Drake-Platten besitzt. Kurzum: eine Platte, die man sich von Mac Miller gewünscht hätte, an die man aber beinahe schon nicht mehr zu glauben wagte. Andererseits: Der Junge mag ein rappendes Rich Kid sein – aber er hat Big L studiert.

Dass es ihm vor allem um die Musik geht, davon legt die Aufteilung seines neu erworbenen Hauses beeindruckend Zeugnis ab: Die Studios sind Tag und Nacht besetzt, die Schlafzimmer hingegen schmucklos, das Wohnzimmer quasi unbewohnt. In dem Raum, wo Mac die meisten der Songs fürs neue Album geschrieben, produziert und aufgenommen hat, hängt ein Flatscreen-TV an der Wand. Da laufen Football-Spiele oder Naturdokumentationen. Ohne Ton. Seine Stücke komponiert er wie imaginäre Soundtracks für das dortige Programm: »Watching Movies With The Sound Off«. Je unbarmherziger die Kritik mit ihm umging, desto mehr quälte der ehrgeizige Junge sich selbst: Wenn sie schrieben, seine Musik sei unpersönlich und belanglos, musste er ihnen eben beweisen, dass er auch ganz anders kann. Dass er zwar immer noch über Weed und Weiber rappt, aber eben auch über den Umstand, wie es seine Psyche fickt, dass er mit Raps über Weed und Weiber zu Millionen gekommen ist.

Trotzdem oder gerade deswegen landete er beim Schreiben immer wieder in einer Sackgasse. Aus dieser manövrierte er sich geschickt durch unambitionierte Nebenprojekte heraus, so etwa das Lounge-Jazz-Mixtape, das er unter dem Pseudonym Larry Lovestein aufgenommen hat. Als Larry Fisherman produzierte er plötzlich Beats für alte und neue Freunde wie Vince Staples, Ab-Soul und die Odd-Future-Posse – als größte Inspiration nennt er dafür The Alchemist, dem er beim Produzieren in L.A. ­stundenlang über die Schulter geschaut hat. Miller probiert Stilrichtungen und musikalische Ästhetiken an wie andere Menschen Kleider, schiebt dabei diesen Prozess ganz pragmatisch auf seine Arbeitswut. »Ich mag es einfach, den ganzen Tag Musik zu machen – und dabei entstehen ganz verschiedene Dinge, die ich unterschiedlichen Projekten zuordne.« Dass er als Kind zahlreiche Instrumente spielen gelernt hat, hilft ihm dabei laut eigener Einschätzung nur peripher. »Beim Produzieren geht es nicht um deine Kunstfertigkeit an bestimmten Instrumenten, auch wenn es sicher hilft, dass du gewisse Melodien und Elemente selbst einspielen kannst. Es geht darum, einen Vibe zu kreieren und eine Stimmung zu erzeugen. Ich will das Erschaffen von Klängen meistern, das bedeutet für mich Produzieren.«

Einen bestimmten Vibe fängt er auf dem Album ein, ohne dabei die unbeschwerte Leichtigkeit seines Frühwerks komplett zu opfern. »Watching Movies With The Sound Off« hat keine Hit-Singles für Burschenschaftsfeiern. Es ist ein kohärentes Werk, bestehend aus 16 Songs, die ästhetisch stringent ineinandergreifen. Zusätzlich gibt es drei Songs, die aus dem Raster fallen und deshalb nur als Bonus-Tracks auf der Platte gelandet sind: Die ältere Diplo-Produktion »Goosebumps«, die für das Label mal die offensichtliche Single darstellte. Den Song »O.K.«, mit Tyler, The Creator, den die beiden zusammen aufnahmen, als Tyler zum ersten Mal das komplette Album gehört hatte und es zwar großartig, aber auch sehr traurig und düster fand – »während der Aufnahmen sprangen wir durch das Haus und hatten einfach jede Menge Spaß«, erzählt Mac. Und den Song »Claymation« mit seinem alten Pittsburgher Reimpartner Vinny Radio, den allerersten Track, den Mac für das Album aufgenommen hatte. Die drei Bonus-Songs repräsentieren andere Seiten der Künstlerpersona Mac Miller. Sie hätten die melancholische Grundstimmung des Albums torpediert. Gleichzeitig war es ihm wichtig, diese Seiten zu zeigen.

Grown Man Business

Eine Woche nach unserem nächtlichen Telefonat treffen wir uns in Berlin. Mac Miller ist für zwei Tage in der Stadt, um Promo für sein Album zu machen. Bei unserem Fotoshooting auf dem Dach der Universal-Zentrale ist er wieder müde, aber gut gelaunt – immerhin hält er zum ersten Mal sein neues Album auf CD zwischen den frisch tätowierten Fingern. Er trägt ein Bill-Murray-T-Shirt, Hawaiihemd, Dickies-Shorts, Vans und Tubesocks. Seine juvenile Unbekümmertheit scheint einer lockeren Professionalität gewichen. Miller ist kein Neuling mehr, er absolviert solche Termine mit routinierter Gelassenheit. Er posiert vor der Kamera, setzt seine neuen Tätowierungen in Szene und nutzt die Zeit, um eine Zigarette zu rauchen. Ohne jede Angst setzt er sich an den äußersten Rand des Daches, hinter dem es direkt in die Tiefe geht. Nach einer halben Stunde ist alles vorbei, Mac verschwindet zum nächsten Interview.

Sein Trinkspielsong »Up All Night«, der ihn zum Helden in den Studentenverbindungshäusern gemacht hat, ist dem erwachsenen Mac Miller schon ein klein wenig peinlich. Dem »Complex«-Magazin sagte er kürzlich, dass er es bereue, einen Song gemacht zu haben, dessen Hook aus dem immer wiederkehrenden Imperativ »Drink!« besteht. Sein Debütalbum findet er mit heutiger Dis­tanz »ganz gut, aber nicht weltbewegend«. Seine neue Musik hingegen soll seine Welt bewegen. Es gibt immer noch eine breite Lücke zwischen der minimal peinlichen Doku-Soap »Mac Miller and the Most Dope Family« und, sagen wir, der künstlerischen Ideologie des Brainfeeder-Camps. Doch immerhin hat Miller jetzt keine Angst mehr, Risiken einzugehen und zu experimentieren. Auch wenn »Watching Movies With The Sound Off« nicht so erfolgreich wird wie sein Vorgänger, ist es doch der einzig mögliche Schritt für den Teenie-Rapper in die Relevanz, ein perspektivischer Ausweg aus der Kris-Kross-Falle (möge Mac Daddy in Frieden ruhen).

So gesehen, hat Mac Miller gerade erst angefangen, als Künstler eine wirklich relevante und nachhaltige Rolle zu spielen. Natürlich werden wir »Kool Aid & Frozen Pizza«, »Best Day Ever« oder »Senior Skip Day« immer lieben. Doch der gerade eben volljährige Rapper hatte nun seinen Justin-Timberlake-Moment. Mac Miller ist nicht nur im Crashkurs erwachsen geworden, er ist dabei gleichzeitig ein Berufsjugendlicher im wortwörtlichen Sinne geblieben – er hat seine Jugend zum Beruf gemacht, früh ­begonnen zu arbeiten und viele ­Erfahrungen, die andere im stillen ­Kämmerlein machen, vor einer breiten Öffentlichkeit gemacht. »Es ist seltsam, denn ich bin quasi im Zeitraffer erwachsen geworden und gleichzeitig hat mir die halbe Welt dabei zugesehen.« Er macht eine bedeutungsschwangere Pause, bläst Rauch aus und ergänzt: »Aber jetzt bin ich endlich an einem Punkt der ­Zufriedenheit angelangt.«

Fotos: Murat Aslan

Dieses Feature erschien erstmals als Titelstory in JUICE #152.

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