The Screenshots vs. The Beats: »Wie geil ist das Internet!« // Feature

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The Screenshots, das sind Susi Bumms, Dax Werner und Kurt Prödel. Eine Band, die sich auf Twitter kennengelernt hat und Indierock-Songs veröffentlicht, bei denen LGoony als Featuregast dabei ist, und die MC Smook als Voract bei ihren Konzerten auftreten lässt. Am 16. Oktober ist ihr Album »2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee« erschienen. Zeit für eine Runde »vs. The Beats« mit Videos von unter anderem Haiyti, LGoony, Blond und Money Boy, teilweise von Kurt Prödel selbst produziert.

The Screenshots feat. LGoony – Träume

Susi Bumms: Ein richtig gutes Video.
Kurt Prödel: Das sind drei Pfeifen in dem Video. Drei Personen, die parodieren, was sie eigentlich selber sind. Das klappt meistens nicht so gut. Guck dir die drei Pfeifen an.
Habt ihr schon mal im Großraumbüro gearbeitet?
Dax Werner: Ja.
Kurt Prödel: Ich noch nicht so wirklich.
Dax Werner: Ich hab schon im Callcenter und in Agenturen gearbeitet. Ich kenne das in allen Facetten. Das Video ist so ein bisschen die Idealvorstellung, wie unser Start-Up funktioniert.
Susi Bumms: Gerade kommt der Zwischeneinspieler.
LGoony tritt auf.
Kurt Prödel: Die erste Person im Video, die es tatsächlich geschafft hat. Ein absoluter Champion. Gerüchten zufolge seit hundert Jahren 14 Jahre alt, hat aber schon Sachen gerissen, die für uns schwer vorstellbar sind.
Susi Bumms: Wir wollten eigentlich Mini-Clips aus dem Video bei Shutterstock haben, damit Leute das runterladen und für ihre Werbung verwenden können. Wir haben das extra hell gedreht und dachten, dass das doch Shutterstock-mäßig ist. Aber leider wurden alle Videos von Shutterstock abgelehnt. Warum eigentlich?
Kurt Prödel: Es ist höchst komplex, da ist alles dabei. Die technische Qualität, wie sehr sie verwackelt sind. Es gibt auch Darstellungen von Designs. Ein Stuhl im Video kann ein geschütztes Design sein oder auch die Klamotten oder das Apfel-Logo auf dem Macbook. Selbst dieser kleine, orange Medizinball im Video wurde abgelehnt, weil wir nachweisen mussten, wer der Urheber dieser Designschaffung ist. Shutterstock folgt so ein bisschen den Regeln wie ein Tatort bei den Öffentlich-Rechtlichen. Beides sieht genau unemotional und gleich aus. Das ist der Look von Stockfootage.

LGoony – Nebel

Dax Werner: Das ist der erste Song, den ich von LGoony mitbekommen habe, da kannte ich Kurt Prödel noch nicht.
Kurt Prödel: Ich glaube das war auch eines der ersten Musikvideos von ihm. Ich habe LGoony mit seinem »Goonyverse«-Tape in irgendeinem Forum gefunden und fand das mega spannend. Ich war eh auf einem Yung Lean-Ästhetik-, Vaporwave-, u.s.w.-Trip und dann haben wir uns kennengelernt. Ich freu mich, das mal wieder zu sehen und finds eigentlich ganz geil.
Susi Bumms: Wie habt ihr das gemacht? Mit Leuchtstäben an der Decke?
Kurt Prödel: Wir hatten hunderte von diesen Leuchtdingern und ein Studio, wo wir die hingebaut haben. Ich hatte LGoony zu diesem Zeitpunkt nur einmal kurz getroffen. Es ist geil, mit den Leuten zu drehen, bevor man sich richtig kennt. Das ist immer spannend und aufregend.
Dax Werner: Starkes Video, ist gut gealtert.
Susi Bumms: Sind die Glitches analog oder digital?
Kurt Prödel: Digital. Das sind quasi Space-Aufnahmen, wo man den Codec zerstört. Das heißt die Pixel von LGoony denken, sie sind Pixel von der Space-Aufnahme. So entstehen ganz komische Glitches, die heute einfacher herzustellen sind. Damals war es 90 Prozent der Arbeit am Video, diese Glitches zu machen, weil das Trial and Error-mäßig ist. Aber das war das perfekte Video, um es zu versuchen. 90 Prozent der Glitches sind nicht drin, weil sie nicht schön geworden sind, aber die anderen sind ganz gut geworden. Es ist absurd, das jetzt zu sehen. Es fühlt sich an, als wäre es zehn Jahre alt.

Blond – Millionen Euro (Cover)

Apropos Bands, die LGoony ahnen. Kennt ihr die Coverversion von Blond zu »Millionen Euro«?
Kurt Prödel: Ja, das ist eine mega spannende Story, das ist doch der Auftritt in so einer Schule.
Genau.
Kurt Prödel: Die Band hat das neulich gepostet. Ich weiß ganz genau, dass ich das damals gesehen habe, keine Ahnung hatte wer Blond ist und dachte: »Was zur Hölle ist das jetzt?« Das muss ungefähr die gleiche Ära sein, wie das Video von LGoony. Das ganze Movement war eh schon überfordert und dann kommt noch sowas. Jetzt, wo ich herausgefunden habe wer Blond ist, raffe ich gar nichts mehr. Aber ich kenne es seit dem Tag, an dem es hochgeladen wurde. Richtig krank.
Susi Bumms: (lacht) Boah, das ist so ein geiles Video-Setup. Mega!
Dax Werner: (lacht)
Kurt Prödel: Ich denke, dass du wahrscheinlich eher HipHop-affiner bist. Das Publikum, das du da siehst, ist das durchschnittliche Indie-Rock Publikum, daher kennen wir die Situation sehr gut.
Dax Werner: Es erinnert mich an das Tocotronic-Video »Kapitulation«, da sieht das Publikum genau so aus. Aber das hier ist halt dokumentarisch.
Susi Bumms: Es stellt die dokumentarische Frage. Das Publikum am Ende, wo es überfordert und nichtssagend sitzt, ist wahrscheinlich eine Aufnahme von vor dem Auftritt, der dahinter geschnitten wurde. Aber alleine schon, dass du dort das Wort »Ausstellung« hast und diese Kamera-Position, mega geil.
Kurt Prödel: In der Zeit ist LGoonys Musik im deutschsprachigen Raum ja auch noch etwas gewesen, was man nicht gewohnt war. Das macht es noch absurder. Selbst ein originaler Auftritt von LGoony wäre zu dieser Zeit absurd gewesen. Das finde ich total genial.
Dax Werner: Ich stell mir vor, wenn da ein sensibler Junge mit Akustikgitarre gestanden hätte und irgendwas von den Toten Hosen oder den Ärzten gecovert hätte, dann wäre der Groschen im Publikum gefallen. Das hier überfordert sie so richtig.
Kurt Prödel: Warum denkst und jetzt an Jungen mit Gitarren.
Dax Werner: Ich denke an das Setup. Es ist ein bisschen Kunst-Setup, in dem die sich da befinden.
Susi Bumms: Ich gucke gerade die Kommentare durch. Geil, wie alle Leute nur irgendwelche anderen Leute mit einem @ verlinken.
Dax Werner: Das ist ein totales Qualitätsmerkmal.
Kurt Prödel: Total.
Dax Werner: Keine Diskussion, keine Nachfragen, einfach nur Verlinkungen.

Haiyti – Griff in die Kasse

Wieder eine Kurt Prödel Videoproduktion.
Kurt Prödel: Ich weiß noch als »City Tarif« von Haiyti rausgekommen ist. Das hat mich so unfassbar weggegehauen, das war eine der geilsten Sachen, die ich je auf deutsch gehört habe. Auch so etwas wie »Griff in die Kasse« habe ich vorher noch nicht gehört und finde es jetzt noch outstanding. Ich kannte sie flüchtig durch Juicy Gay und einen Auftritt im Hotel Shanghai in Essen. Irgendwann hat sie mich aus dem Nichts angerufen, keine Ahnung, wo sie meine Nummer herhatte, und meinte direkt: »Ich hab hier so ne Idee für ein Video, ich schick dir mal das Material.« Dann hat sie einen WeTransfer-Link mit vier Takes von einer Party geschickt. Ich war dort nicht zu Gast und habe keine Ahnung, wer diese Leute im Video sind. Ich habe das einfach geschnitten und abgegeben. Das war auch die ganze Kommunikation. Das Material, von dem ja auch viel nicht im Video ist, hat sich verhältnismäßig intim angefühlt, dafür, dass wir uns gar nicht kennen. Es war einfach ungeschnitten.
Dax Werner: Dadurch, dass man diese Side-Info nicht hat, wenn man das Video schaut und am Anfang den »Kurt Prödel«-Schriftzug liest, denkt man echt, dass der ja ein Drogenpartygott sein muss, der die schlimmsten Partys schmeißt.
Kurt Prödel: Ich saß schön zu Hause mit einem Glas Ingwertee und dachte nur, dass die Party viel zu cool ist, als dass ich jemals dort eingeladen werde.
Susi Bumms: Die drehenden Euro-Symbole hätten auch in unser Video gepasst.
Das habe ich auch gedacht, immerhin bedient ihr das klassische Motiv, dass ihr Erfolg und Chartplatzierungen haben möchtet.
Kurt Prödel: Ich habe mittlerweile mehrere von diesen Collagen-Videos gemacht und es gibt auf YouTube ein paar Free-Stockfootage-Dollarscheine, die rumfliegen. Ich kenne die alle und erkenne auch in Rapvideos, wer welche Dollarschein-Animation benutzt hat. Es gibt eine Animation, wo sie von der Decke fliegen und ich schwöre, wenn man recherchieren würde, würde man bestimmt 50-100 Videos finden, wo das Material benutzt wurde.

Money Boy – High & Twisted

Sehr minimalistische Bewegungen von Money Boy, der fast nur daliegt und sich ins Gesicht fasst.
Kurt Prödel: Ich glaube 2015 hat er im MTC in Köln gespielt und ist überraschenderweise aus dem Hotel geflogen. Er hat dann Unterschlupf in meiner damaligen Wohnung gesucht und wir haben das Video am nächsten Morgen gedreht.
Woher kanntet ihr euch?
Kurt Prödel: So Internet-mäßig. Das war noch nicht mal Twitter, damals habe ich noch unter Klarnamen auf Facebook gechattet. Eine ganz andere Ebene, bevor ich mich auf Twitter angemeldet habe. Es ist immer noch einer meiner Lieblingssongs vom General, ich finde es hat einen richtigen Kater-Vibe. Und es waren die legendären zwei Wochen mit der Bart Simpson-Frisur hinten auf dem Kopf.
Susi Bumms: Die ist krass.
Dax Werner: Ich kenne zufällig das Sample, das er da benutzt. Ich habe diese Art Musik früher häufig gehört, das ist so Ambient/Electronic und eigentlich maximal weit weg von dieser Money Boy-Welt. Ich finde es total interessant und weird, dass er gerade das benutzt hat. Das gibt diesem Song eine ganz bestimmte Farbe.
Kurt Prödel: Das moneyboyeske an der ganzen Sache ist, dass dort nichts gesamplet ist. Das ist einfach der Original Track, über den er rappt.
Dax Werner: Dann ist Sample ein wenig euphemistisch.
Kurt Prödel: Es ist wirklich der Original Track, da ist nur ein Schnitt zwischendurch. Ich habe das mal verglichen, das ist definitiv das gleiche. So als wenn du dir einen Paul Kalkbrenner Track runterlädst und da drüberrappst.

Im zweiten Teil des Interviews geht es um veraltete Twitter-Lingo, lokalpatriotischen Rap aus Krefeld und die nackten Oberkörper junger Männer, die man im Internet kennengelernt hat.

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