T.I. – No Mercy

Gehe nicht über Los, klemme keine Dollars zwischen dein Gummiband, du hast Hausarrest. Und nachdem du wieder vor die große Holztür deiner Hütte darfst, schließt sich die nächste Türe hinter dir, diesmal eine aus Eisen. T.I. hat verzockt. Erst die Verurteilung wegen unerlaubtem Waffenbesitz, dann der Verstoß gegen die Bewährungsauflagen. Dass die Würfel des King Of The South in der Vergangenheit meist schlecht gefallen sind, ist dem geneigten Rap-Connaisseur ja bekannt. Es scheint gar, als habe ein YouTube-Rapper aus A in der aktuellen Spielzeit mehr Swagger in seiner Ecke als der Trap-Rapper aus ATL. Das soll sich nun ändern mit dem siebten ­Studioalbum, zwischenzeitlich immer wieder verschoben und am Ende nach der erneuten Inhaftierung von »King Uncaged« in »No Mercy« umbenannt. Macht Sinn. Auf dem Cover sieht man Clifford Harris gedankenverloren und scheinbar traurig dreinblickend.

Man könnte nun erwarten, dass sich diese Optik auch in den 14 Anspielstationen widerspiegelt. Das tut sie auch, nur verfährt sie sich auf dem Weg zum Ziel einfach zu oft. »My road to redemption has no GPS«, rappt T.I. dann auch auf der Neptunes-Weichspülhymne »Get Back Up«, auf der sich passenderweise Chris Brown an der Hook wiederfindet. Die Hypothese vom Künstler, der in seiner schwersten Zeit die Musik mit dem größten persönlichen Gehalt erschafft, erweist sich im Fall T.I. jedoch nicht unbedingt als zutref­fend. Es gibt zwar selbstreflektie­rende Songs wie »How Life Changed« unterstützt von Scarface oder den Titeltrack, der mit Verweisen auf die Bibel und 2Pac das ganz große Pathos auffährt, die Themenpalette bleibt in ihrer Gesamtheit jedoch alt und bekannt. Einzig der Gun Talk bleibt aus, ansonsten geht’s um Kohle, Frauen, Felgen. »Still big shit poppin’/nuthin’ changed but my clothes«, heißt es da auf der Drake-Kollabo »Poppin’ Bottles«, auf der dieser den Gastgeber mit seinem Mördervers ganz lässig an die Wand reimt. Davor nimmt ihn Eminem auf »That’s All She Wrote« schon alleine in Sachen Intensität auf dem entspannten Beatgeschoss von Dr. Luke auseinander. Abgesehen davon funktioniert die nuschelnde Nonchalance von T.I. auch auf dieser LP streckenweise ganz ordentlich, ihr wird nur in keiner Weise eine neue Dimension hinzugefügt. Bis auf »Lay Me Down«, das sich an Big Bois »You Ain’t No DJ« anbiedert und dem fehlbetitelten »Amazing« mit einem einfallslosen Pharrell an Board und Mikro wird hier leider allenfalls solides Handwerk aufgefahren. Nur ganz am Ende schreibt sich Christina Aguilera mit »Castle Walls« endgültig den Soul in die eigene Vita und T.I. lässt dann doch noch mal ganz tief blicken. Warum man bis zum allerletzten Song damit wartet, um diese musikalische und inhaltliche Tiefe auszupacken, erschließt sich dem Hörer leider nicht wirklich. Kurzum: So schlecht, wie es beispielsweise »Respect«-Chefredakteur Elliott Wilson in seinem Jahresrückblick auf rapradar.com machen wollte, ist »No Mercy« beileibe nicht. Aber es ist eben auch wirklich kein gutes Album. Es gibt vereinzelte Höhepunkte, doch wir alle wissen, dass Clifford Harris von seinen Anlagen und Fähigkeiten her zu deutlich mehr imstande ist. Oder zumindest war. Trauriges Fazit: »No Mercy« hat seine Momente, aber kein Momentum.

Atlantic/ Warner

Daniel Weber

T.I. – Sucker FreeMTV Shows

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