Schlakks: »Antifaschismus ist kein Statement, sondern das einzig Sinnige« // Interview

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Schlakks setzt mit einem neuen Album »Wir werden von euch erzählen« erneut ein klares, linkspolitisches Statement in der deutschen Raplandschaft. Gemeinsam mit seinen Stamm-Produzenten Razzmatazz und Opek entstanden 13 Songs, bei denen es viel weniger um Genreschubladen, als um politische Meinungen und musikalische Ideen zu gehen scheint. Männlichkeit, Mackertum und Materialismus sind für den Dortmunder Rapper nichts weiter als ausgediente Narrative, die er nicht länger bedienen und stattdessen an den Pranger stellen will. Im Interview erzählt Schlakks, wie ihm die politische Positionierung gelingt, welche Auswirkungen verschiedene Sprechgewohnheiten auf die Poetik seiner Texte haben und wo eigentlich noch die Grenzen zwischen Pop- und Hochkultur liegen.

Foto: Marco Saaber

Du bist seit über zehn Jahren musikalisch aktiv. Bist du als politisch bewusster Mensch mittlerweile überdrüssig von der Deutschrap-Szene und ihrer Ignoranz, oder motiviert dich das im Gegenteil sogar?
Tendenziell seh‘ ich mich gar nicht mehr so stark als Teil irgendeiner konkreten Deutschrap-Szene, weil das schwierig zu definieren ist – es gibt mittlerweile so viele verschiedene Szenen. Sagen wir so, ich mache keine Musik für die Deutschrap-Szene. Wenn die da ein Problem mit haben, dass ich gewisse politische Aussagen tätige, dann bin ich dessen auch müde und das interessiert mich einfach nicht mehr. Trotzdem ist es auch traurig, manche Entwicklungen mitzubekommen. Ich seh‘ mich aber auch nicht als jemanden, der sich mit Kollegahs Verschwörungstheorien auseinandersetzen muss. Das ist so weit weg von dem, was ich mache und warum ich überhaupt Musik mache. Trotzdem hab‘ ich mit ganz vielen Leuten zu tun, die im deutschen Rap unterwegs sind, aber das muss man auseinanderklamüsern. Nur weil man auf ‘nen Takt rappt, heißt das nicht, dass man ähnliche Werte hat wie gewisse andere – und das ist noch nicht mal wertend gemeint. Ich hab‘ halt wenig mit Capital Bra oder dessen Zielgruppe zu tun. Ich glaube, vor ein paar Jahren hatte ich noch stärker das Gefühl, mich abgrenzen zu müssen. Mittlerweile denke ich, das müssen die Leute von außen klar kriegen, dass man mit manchen Strömungen nichts zu tun hat, weil deutschsprachiger Rap einfach so groß ist. Ich hab‘ auch keine Lust, Musik für Leute zu machen, die sich gar nicht mit mir auseinandersetzen wollen oder Musik über Leute zu machen, mit denen ich gar nichts zu tun habe.

Kann es sein, dass diese Szene vor ein paar Jahren noch deutlich homogener war?
Du findest Rap heute überall, bei den 13-Jährigen auf dem Schulhof und zeitgleich auch in irgendeinem Uni-Seminar. Das alles in einen Topf zu schmeißen, ist unmöglich. Vor ein paar Jahren hat man das noch ein bisschen mehr versucht, weil es da noch kleiner war. Aber mittlerweile ist das explodiert. Auch musikalisch ist das Welten auseinander. Da sind neue Strömungen, die mit Oldschool-Rap nichts zu tun haben, die das weiterentwickelt haben. Ich hab‘ so ein bisschen das Gefühl, noch fehlen dem Journalismus und den Medien die guten Begrifflichkeiten. Wir kommen immer noch mit so Begriffen wie conscious rap oder message rap um die Ecke – das stand gefühlt schon in meinem Schulbuch und es ist schon ganz schön lange her, dass ich zur Schule gegangen bin. Alle Leute die Gitarre spielen, werden auch nicht in einen Topf geworfen. Aber wie du schon sagst, vor ein paar Jahren hat sich das definitiv anders verhalten.

Als man sich noch stärker mit der gesamten Szene identifiziert hat, war es da für dich ambivalent, Rap zu machen? Du hattest ja schon damals ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein. Heute gibt es Nischen und man grenzt sich vielleicht ab, aber damals gab es nur die eine Szene, in die passte man eben rein oder nicht.
Vor zehn Jahren war ich mit politischen Sachen auch unsicherer. Diese Prozesse in mir – Stichwort Männlichkeit, Sexismus – konnte ich vielleicht noch nicht so klar äußern. HipHop hat da nicht unbedingt bei geholfen. Diese vermeintliche Oldschool-Szene war überhaupt nicht frei von Sexismus – auch so ein Mythos, der da aufgebaut wird. Deswegen gab es auf jeden Fall diese Ambivalenz. Irgendwann mit den Jahren festzustellen, dass man seine eigene Nische gefunden hat, die zwischen diesen Welten existiert, war erfrischend. Wenn man dann kaum mehr auf HipHop-Jams, sondern auf irgendwelchen alternativen Festivals oder Clubs spielt, zum Beispiel. Das war aber keine bewusste Abgrenzung, sondern ein Prozess. »Wenn ihr kein Bock da drauf habt, haben vielleicht andere Leute Bock«, dachte ich. Aber es ist nicht mein Bestreben, mich aus einer Szene bewusst rauszuziehen. Die Musikszene, in der ich mich jetzt befinde, lässt sich auf jeden Fall weniger vom Genre leiten, als von Werten oder musikalischen Ideen.

Weil du gerade Auseinandersetzung mit der eigenen Männlichkeit angesprochen hast: War es für dich schwierig, dich in einer vermeintlich harten Szene voller großpropagierter Männlichkeit verletzlich, weich und ehrlich zu zeigen?
Vor zehn Jahren hätte ich mich wohl nicht getraut, das Thema so anzusprechen, wie ich es jetzt zum Beispiel auf »Wir müssen drüber reden« gemacht habe. Auch wenn ich vor zehn Jahren schon gegen Sexismus und Homophobie war. Vielleicht war die Klarheit dessen noch nicht so gegeben. Auf so super männlich dominierten Veranstaltungen habe ich mich zwar nicht rumgetrieben, aber trotzdem hab‘ ich diesen latenten Sexismus und diese latente Homophobie im Umfeld gespürt. Auch die Leute, die damals schon progressive Texte hatten, haben dann trotzdem homophobe Worte dabei genutzt. Es war einfach nicht so aware. Da denk‘ ich schon, dass das unterbewusst zu einem Zögern bei mir geführt hat. Das ist aber ein Zögern, dass ich heute in dieser Position nicht mehr hätte. Dieses Ich-bin-der-Beste-Ding hatte ich zum Beispiel in meinen Werken sowieso nie drin. Da hatte ich immer schon meine Probleme mit. Beim Battlerap gehört es vielleicht dazu, aber da hab‘ ich für mich schon immer gemerkt, dass ich das nicht will. Ich fand solche Formulierungen und Werte immer komisch.

Kannst du formulieren, was diese Hemmschwelle damals ausgemacht hat? Vor welcher Konsequenz hattest du vielleicht Angst?
Ich glaube, das war wirklich ein vages Gefühl. Ich hatte keine Angst, aus der Szene gekickt zu werden oder so.

Ging dieses vage Gefühl vielleicht auch in die Richtung, dass man sich uncool fühlt, wenn man beginnt, mit dem Finger auf andere zu zeigen?
Vielleicht schon. Ich könnte hier frei nach Kurt Tucholsky zitieren: »In Deutschland gilt derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht.« Bestimmt habe ich darüber nachgedacht, ob ich auf gewisse Dinge hinweisen soll und ob ich mich damit nicht unbeliebt mache. So ‘ne kleine Jam mit zehn Leuten und einer davon wedelt mit dem Zeigefinger. Wobei ich wohl damals schon ein eher untypischer Charakter für diese Veranstaltungen war. Aber klar, ‘ne gewisse Angst war bestimmt dabei. Ich fand das damals schon störend, wenn Leute homophobe Begrifflichkeiten genutzt haben, egal ob aktiv homophob gemeint oder nicht. Aber ich habe die nicht jedes Mal darauf angesprochen – dann hätte ich viel zu tun gehabt. Wobei, eigentlich wär‘ das auch okay gewesen.

Vielleicht war auch die gefühlte Notwendigkeit, was zu sagen, nicht so groß vor zehn Jahren, weil es einfach so etabliert war.
Ja, genau. Obwohl die Veranstaltungen, auf denen ich war, eigentlich gar nicht hypermännlich geprägt waren, waren im Publikum trotzdem immer 90% Männer. Natürlich bewegt man sich dann in so einem Zirkel, der was mit der eigenen Wahrnehmung macht. Das erstmal bewusst zu kriegen, wo man sich da bewegt und wie das die gefühlte Notwendigkeit beeinflusst, ist vielleicht gar nicht so leicht.

Heute ist es nicht mehr ganz so etabliert, homophobe und sexistische Schimpfwörter zu nutzen, zumindest bei den Leuten mit entsprechendem Bewusstsein. Hinzu kommt, dass es immer mehr Tracks gibt, die politische Themen behandeln. Bedeutet ja erst einmal, dass das politische Bewusstsein der Szene größer wird. Fehlen dir trotzdem noch politische Statements von Akteur:innen der Szene oder ist dir das egal?
Es gibt unglaublich viel politischen Rap mittlerweile, das ist ganz wichtig. Es existiert ja auch diese ganze eigene, linkspolitische Rap-Szene, auf jeden Fall. Es gibt auch viele Rapper aus dem Mainstream, die sich politisch äußern. Ich find‘, da passiert so viel, was sehr gut ist. Es gibt aber auch ein paar Leute, die sich glaub‘ ich nicht trauen. Die ziehen seit 20 Jahren den gleichen Trip durch und kommen von dem einfach nicht runter. Ich denke da an ein paar namenhafte Rapper, die schon über 40 sind und auch teilweise Familienväter. Da wundere ich mich, dass die sich nicht mal klar positionieren oder sich von alten Texten abgrenzen. Ganz im Gegenteil spielen die dann alte Songs weiterhin live und zeigen damit eine unglaubliche Ignoranz. Ich weiß auch nicht, ob das daran liegt, dass diesen Leuten ab ‘ner gewissen Popularität diese Kritik weniger herangetragen wird. Wobei ich an viele Deutschrapper auch gar keine Erwartungen habe, weil die weder in meinem täglichen Leben noch in meinem Instagram stattfinden. Aber trotzdem freu‘ ich mich dann, wenn die sich mal äußern. Genauso, wie ich mich freue, wenn Helene Fischer sagt, »Wir sind mehr« (lacht).

»Ich konnte es nicht mehr ertragen, dass politischer Stillstand und politische Ignoranz seit Jahren unser Land regieren und fast schon zum Geist der Nation geworden sind.«

Wenn ich den Track »Kein politisches Lied« höre, frage ich mich, inwieweit sich politisches Bewusstsein auch innerhalb der Sprache verändert hat. Wenn jemand früher meine Sprache als radikal bezeichnet hätte, dann hätte ich mich gewehrt – heute empfinde ich das als positiv. Wie findest du, haben sich Bewusstsein und Sprache in den vergangenen Jahren durch den öffentlichen Diskurs verändert und gegenseitig bedingt?
Ich glaub‘ schon, dass da ein bisschen was passiert ist. Ich sehe mich seit einigen Jahren eindeutig als feministisch, will mich da allerdings als Mann auch nicht in den Vordergrund drängen und den Diskurs übernehmen. Sich als Mann als Feminist zu verstehen, schien vor ein paar Jahren noch fast eigenartig – was natürlich völlig absurd ist. Langsam scheint sich das aufzulockern. Was den Begriff »radikal« angeht: Das ist ein gewisses Empowerment aus linker Sicht, sich diesen Begriff zu nehmen und selbst zu deuten – das ist ja auch die Idee von dem Song. Ich konnte es nicht mehr ertragen, dass politischer Stillstand und politische Ignoranz seit Jahren unser Land regieren und fast schon zum Geist der Nation geworden sind. Statt was zu verändern, wurde dann auf Leute, die progressive Ideen haben, mit dem Finger gezeigt und der Begriff »radikal« wurde genutzt, um diese Menschen nach außen zu drängen. Vielleicht ist das genau der Punkt, an dem es Zeit ist, zu sagen: »Auf jeden Fall radikal, alles andere ist Stillstand«. Zu der Zeit, als ich den Song geschrieben habe, hat sich auch Frank-Walter Steinmeier irgendwo geäußert: »Nein, es reicht nicht aus, „kein Rassist“ zu sein. Wir müssen Antirassisten sein!«. Tatsächlich hat mich gewundert, dass Steinmeier das sagt – aber das spricht dafür, dass sich der Diskurs langsam vielleicht verschiebt. So ein Statement ist der kleinste gemeinsame Teil. Antifaschismus ist kein Extrem, sondern das einzig Sinnige, was man als Mensch meiner Meinung nach denken kann.

Was ist für dich denn überhaupt ein politisches Lied?
Auf »Kein politisches Lied« spiele ich ja genau damit. Worum‘s geht, ist natürlich, dass Antifaschismus für mich noch nichts höchstpolitisches ist, sondern erstmal ‘ne Grundidee eines menschlichen Denkens. »Wir müssen drüber reden« oder »Komische Geschichte« vom Album, das sind vielleicht politische Lieder. Das sind Sachen, die nochmal viel tiefer gehen und wo es viel mehr Nuancen zu diskutieren gibt. Bei »Kein politisches Lied« geht es mir darum, was der kleinste gemeinsame Nenner ist, auf den wir uns als Menschen einigen müssen.

Wie schwierig ist es, alle Nuancen in ihrer Gesamtheit abzudecken, wenn es an komplexe Themen geht?
Den Anspruch hab‘ ich in diesem Sinne gar nicht. Ich versuch‘ für mich selbst ‘nen Zugang dazu zu finden und mir bestimmte Aspekte rauszupicken. Dann ist es künstlerisch auch spannender, als wenn man eine vollständige Deklination abliefern will. Wenn man alles abdecken will, kann es sehr schnell wie ‘ne gerappte Facharbeit wirken. Das wird dann wenig künstlerisch und schnell langweilig, uninteressant und erwartbar. Es geht selten darum, das Thema allumfassend abzuhaken. Es ist ja auch okay, wenn noch ein paar Fragezeichen oder Leerstellen vorhanden sind, damit Menschen da weiterdenken können. Ich mach‘ ja keinen Ratgeber-Rap.

Wer dir auch dabei hilft, keine gerappte Facharbeit zu fabrizieren, sind deine Producer Razzmatazz und Opek, mit denen du seit Jahren zusammenarbeitest. Bei dem deiner neuen Platte »Wir werden von euch erzählen« habt ihr an allen Songs gemeinschaftlich gearbeitet. Wie sah dieser Kreativprozess zum Album aus?
Genau, Razzmatazz und Opek haben das als Duo produziert. Die haben auch schon mein letztes Album produziert, aber da eben noch nicht als Duo, sondern ich hab‘ jeweils neun Beats von beiden benutzt. Diesmal haben sie alle zusammen gemacht. Das war für die beiden auch ein neuer Approach. Dieses Album gemeinsam zu produzieren, war auch ein bisschen das Experiment daran, das wir uns vorgenommen haben. Jeder bringt da so seinen kreativen Geist und musikalischen Fundus mit und beide haben sowieso extreme Skills. Aber dadurch dass die jeweils ‘nen anderen Arbeitsdrive hatten, war das total spannend. Ich war bei der Produktion der Beats selbst gar nicht dabei, bin aber oft zu den Treffen hinzugestoßen. Die beiden haben sich getroffen und produziert. Ich bin dann so gegen 21 oder 22 Uhr mit Bier in der Hand vorbeigekommen und durfte hören, was die so gemacht haben. Da war es dann spannend reinzuhören und direkt darauf zu reagieren. Ich habe aber nie direkt an dem Abend, wo ich den Beat gehört habe, angefangen zu schreiben. Ich nehme das dann erstmal mit und schreibe zuhause. Weil das in der Zeit war, wo man sich wegen des Lockdowns gerade so überhaupt zu dritt treffen durfte, waren diese Treffen dann auch ein soziales Highlight. Ich hab bis auf eine Skizze, glaube ich, auch alle Beats für das Album verwendet – was ja übrigens auch krass für die beiden spricht. Das hat mich aber auch sehr herausgefordert. Wir hatten im Voraus darüber gesprochen, wo wir soundtechnisch eigentlich hinwollen. Da hatte ich gar nicht so viele extreme Ideen, sondern hab‘ auch gesagt, dass die beiden die Genies sind und gemeinsam mal machen sollen. Da konnte nur was Krasses rauskommen. Es war schon klar, dass wir kein Trap-Album machen, aber es gab keine strikten Regeln, dass da nicht auch mal ‘ne Trap-Snare drin sein darf oder so. Dadurch ist es auch passiert, dass ich mir Beats angehört habe und erst dachte, ich kann darauf nicht rappen – und dann hab‘ ich genau darauf die besten Songs des Albums gemacht. Andererseits sind mir auch ein, zwei richtige Schlakks-Wohlfühlbeats auf den USB-Stick gepackt worden. Das war dann auch was Wunderschönes. Dieser Prozess hat das Album zu dem gemacht, was es jetzt ist, dadurch, dass der Sound auch für mich im Prozess nicht so erwartbar war. Ich hab‘ seit 15 Jahren meinen Style zu rappen, aber trotzdem wurde bei diesem Album nochmal ein bisschen mehr experimentiert als in den letzten Jahren. Die Idee, mich herauszufordern, war gut, um nicht nochmal das gleiche Album zu machen.

»Ich habe Hochkultur und HipHop nie als Widerspruch empfunden. Ein Widerspruch wäre für mich, wenn jemand inhaltlich vom Grundkonsens abweicht und rassistisch rappt.«

Hat die Tatsache, dass du immer wieder aus deiner comfort zone steppen musstest, deinen Schreibprozess beeinflusst?
Ich habe mich textlich dieses Mal auf jeden Fall mehr geöffnet. Ich habe auch zu Razzmazz und Opek gesagt: »Wenn euch was stört, dann sagt das!« Natürlich gibt es Sachen, die ich nicht streichen würde, aber vielleicht gibt es Zeilen, die zu unverständlich sind. Bei meinem Album »Tat und Drang« habe ich meine Texte zum Beispiel niemandem gezeigt und da habe ich mich teilweise vielleicht zu sehr in mir selbst verloren. Ich fand den Prozess schön, das diesmal zu öffnen und über missverständliche Formulierungen zu sprechen. Aber auch abseits davon wurde der Schreibprozess von den Beats beeinflusst. Bei »Kein politisches Lied« musste ich mich erst einmal drei Stunden damit beschäftigen, wie ich darauf rappen kann. Am Ende hat es dann ja doch geklappt, hatte aber natürlich Auswirkungen auf‘s Schreiben. Es gab aber auch mehrere Beats, die mir vorgelegt wurden und wo ich dann einfach das, was ich kann, gemacht habe. Aber im Gegensatz dazu, gab es auch genau diese Herausforderungen, die dazu geführt haben, vielleicht mehr Doubletime-Passagen einzubauen oder sowas – alleine weil es wenige Beats in klassischem Tempo auf diesem Album gibt. Zumindest nicht so viele, wie man denken würde. Da geht einiges über 100bpm und einiges unter 80bpm. Deswegen greift die Schublade Good-Old-Booombap-Rap diesmal so gar nicht.

Ich kann mir auf jeden Fall gut vorstellen, dass das ein gutes Gefühl ist, wenn sowas dann eine Gestalt annimmt. Wenn man lange mit demselben Team arbeitet, kann es ja auch fad werden, aber ihr habt es mit dieser Methode ja geschafft, frischen Wind in diese Produktion zu bringen.
Das war ein total befreiendes Gefühl. Ich weiß noch, bei den ersten drei oder vier Songs, da dachte ich mir noch, was wird das denn bitte für ein Album? Da standen »Pizza & Arte«, »Kein politisches Lied« und noch ein, zwei andere Songs. Die gingen alle in verschiedene Richtungen und ich habe mich wirklich gefragt, ob wir es gerade übertreiben. Wir haben direkt die extremsten Songs produziert und erst danach Dinge dazu gehauen, die irgendwo dazwischen lagen. Aber jetzt in den ersten Tagen nach dem Release ist es auch spannend, das Feedback zu bekommen, dass das Album offenbar sehr homogen geworden ist – damit scheint das Vorhaben wohl geklappt zu haben.

Auf »Pizza & Arte« thematisierst du Hochkultur mit einem Augenzwinkern. Das lässt sich aber auch auf deine Texte übertragen, da du lyrisch sehr versiert bist. Steht diese vermeintliche Hochkultur in deinen Texten im Widerspruch zur HipHop-Kultur und anderen, eher plakativen Inhalten?
Ich habe Hochkultur und HipHop nie als Widerspruch empfunden. Ein Widerspruch wäre für mich, wenn jemand inhaltlich vom Grundkonsens abweicht und rassistisch rappt oder so. Das ist ein Widerspruch zur antirassistisch geprägten HipHop-Kultur. Genauso, wie wenn man als white privileged Kid nur den Materialismus hochleben lässt. Da hab‘ ich dann auch meine Probleme mit.  Sprachlich muss ich vielleicht aufpassen, aber wenn ich das in eine gewisse Grundidee packe, die immer noch HipHop ist, dann sehe ich keine Problematik. Darum geht es ja auf »Pizza & Arte«: Die Grenzen zwischen Hoch- und Popkultur sehe ich nicht – alles ist Kultur. Diese beiden Lager gibt es einfach nicht und diese Begriffe sind ja auch nicht ästhetisch geprägt, sondern deuten auf Machtstrukturen hin. Das ist in den letzten Jahren medial besser geworden, das wird weniger stark getrennt. HipHop findet mittlerweile eben auch bei Arte statt. Anderseits kann ich aber nicht verleugnen, dass ich Literatur studiert habe und vielleicht eine Sprache nutze, die andere so nicht nutzen würden. Ich habe in der Vergangenheit aber auch schon Songs gemacht, die ich dann literarisch zu verschwurbelt fand. Die funktionieren dann vielleicht geschrieben oder gelesen, aber nicht mit Rhythmus und Gefühl, wenn man sie hört. Das war auch für mich ein Prozess zu lernen, dass ich nicht gerappten Poetry Slam mache will. Eine Zeit lang wollte ich auch bewusst »Yos« und »Yeahs« aus meiner Musik rausnehmen, aber mittlerweile habe ich wieder das Gefühl, auch damit etwas ausdrücken zu können.

Geht es da vielleicht auch darum, dass man mit Adlibs oder gewissen Worten ebenso eine Stimmung erzeugen kann, die das ganze einfach von einem Gedicht abgrenzen? Es bleibt ja trotzdem ein poetischer Inhalt, nur eben mit einer anderen Stimmung.
Auf jeden Fall, ein Track wie »Pizza & Arte« würde geschrieben gar nicht so gut funktionieren, weil da ganz viel über Stimme und Betonung gemacht wird. Ich hatte mal eine Zeit, in der ich das Gefühl hatte, mein Rap sollte auch als Gedicht funktionieren können. Aber das Ganze ist ein anders Medium. Da kann so viel Gefühl drin liegen in etwas, das geschrieben unzulänglich erscheint. Auch in diesen Wiederholungen in den Hooks kann so viel Weisheit und Gefühl vermittelt werden. Da würde ich schon sagen, dass ich da auch mal ‘ne etwas ignorantere Phase hatte. Aber ich bin, glaube ich zumindest, froh, davon weg zu sein. Da liegt ganz viel poetische Kraft in diesen Dingen.

Dass HipHop heutzutage auch auf Arte stattfindet, zeigt, wie sich dieses Empfinden von Hochkultur verändert hat. Wirst du trotzdem oder gerade deshalb nicht aber manchmal überdrüssig, dich mit schweren Themen zu befassen? Anders gefragt: Guckst du nicht heimlich doch mal lieber Netflix statt Arte?
Definitiv! Genau darum geht es ja in dem Song, dass man das gar nicht gegeneinander ausspielen sollte – obwohl ich’s dann doch auf ‘ne fiese Art und Weise tue. Auch ich will mal auf Netflix rumeiern, weil ich von komplexen Sachen ‘nen Kollaps kriege. Wobei ja weder Arte noch Netflix per se gut oder schlecht ist und auf Netflix auch sehr viel krasse Kunst unterwegs ist. Gerade hab‘ ich die neue Stafel »Sex Education« geguckt, kann ich nur empfehlen (lacht).

Lass uns zum Abschluss nochmal einen kleinen Blick in die Zukunft werden. Magst du eine kleine Prognose für deine eigene Entwicklung oder auch die Zukunft von Deutschrap abgeben?
In allererster Linie bin ich einfach gespannt, was mit Rap passiert. Wir sind alle mit Rap erwachsen geworden. Irgendwann sind wir dann Omas und Opas damit. Einige Rapper aus der Bronx sind jetzt schon im Rentenalter, da bin ich gespannt, wie’s weitergeht. Und wie wird das in Zukunft eigentlich in den Kanon eingebunden? Kann man in Zukunft Rap studieren? Ich weiß auch gar nicht, was ich davon halten soll (lacht). Der erste Impuls ist natürlich, das wack zu finden, aber wenn man drüber nachdenkt, gibt’s da ja Widersprüche. Das ist ein spannender Prozess.
Medial muss es als mehr als ‘nur eine Jugendkultur’ begriffen werden. Rap ist Mainstream und gleichzeitig muss ich mich als erwachsener Mann irgendwie noch dafür rechtfertigen, dass ich das mache. Außerdem hoffe ich, dass wir in ein paar Jahren Themen wie Sexismus und Homophobie nur noch marginal in den Szenen vorfinden werden. Da bin ich leider noch kritisch, ob das klappen wird, aber das wäre ein Wunsch. Und ich selbst mach‘ einfach weiter. Wenn die Leute Lust drauf haben, einem Mitte-Dreißiger-Avantgarde-Rapper, der gar nicht so viel über HipHop erzählt, zuzuhören, dann ist das schön. Wenn diese Leute aus der Deutschrap-Szene kommen, ist das auch cool. Und wenn nicht, wird trotzdem weiter gemacht. Wer Bock hat, uns auf unserem Weg zu begleiten, sei herzlich eingeladen. Und ich will wieder live spielen und mir keine Gedanken über Hygienekonzepte machen, aber das liegt nicht in unserer Hand – zumindest das letzte nicht (lacht).

Interview: Ana Ryue
Text/Verschriftlichung: Nelleke Schmidt
Foto: Marco Saaber

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