Rockstah: »Für die Nerdszene bin ich der Asi« // Interview

Nach vier Jahren Rap-Absenz und einem erfolgreichen Karriere-Reboot als Podcaster kehrt Rockstah zu seinem ersten Ansatz zurück, sein Hobby zum Beruf zu machen: Musik. Das neue Album »Cobblepot« ist ein Anachronismus, eine liebevolle Reminiszenz an die Tage, die Max Nachtsheim, wie Rockstah mit bürgerlichem Namen heißt, zu dem formten, der er heute ist: ein Rockstar für die, die eine Gilde statt einer Gang haben, Pacman statt 2Pac verehren und Science- statt »Pulp Fiction«-Poster an den Wänden haben.

Du schienst nach deinem Album »Pubertät« von 2014 keinen Bock mehr auf die Rapszene zu haben. Warum hast du dich trotzdem entschieden, wieder Musik zu machen?
Ich hatte wieder Lust. Ich bin ja immer noch auf Abwegen und mache beruflich ganz andere Sachen. Damals war ich frustriert, weil ich gehofft hatte, Rap würde mein Job werden. Dann hat es aber nicht dazu gereicht und das hat mich ­angepisst. Ich habe mich nicht ernstgenommen gefühlt, also wollte ich etwas anderes machen, statt mich in die Ecke zu stellen und beleidigt zu sein. Dann habe ich angefangen, Podcasts zu machen, und das wurde ja auch relativ erfolgreich. So bin ich dann immer weiter weg von der Musik gerutscht und habe mir immer wieder gesagt, ich brauche das nicht. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass ich das nicht nur gemacht habe, weil ich nen Job wollte, sondern weil ich Mucke mag und das immer gerne gemacht habe. Ich habe gerne gerappt, war auch selber Fan. So kam das zurück – auch wenn der Prozess dahin lange gedauert hat. Das Album selbst ist dann aber sehr schnell entstanden.

Geht dir die Musik ohne Leistungsdruck besser von der Hand? Wie wirkt sich dein neues Standbein auf dein musikalisches Schaffen aus?
Als ich mit der Musik angefangen habe, haben mir ganze viele Leute unterstellt, zu lügen und gar kein Nerd zu sein. Was ist denn das für eine fiese, gemeine Behauptung? (lacht) Jetzt mache ich seit vier Jahren Podcasts mit Radio Nukular, jetzt ist es bewiesener Fakt, was ich für ein Leben gelebt habe. Das hat mich auch darin bestärkt, zu zeigen, wer ich bin. Thematisch hat sich ja gar nicht so viel geändert, aber ich wollte einen eigenen Sound kreieren. 2017 kam der Entschluss, wieder ein Album zu machen. Da habe ich auf die Deutschrapszene geschaut und gemerkt, dass ich nichts davon machen will. Also habe ich stattdessen die Musik gemacht, die ich will: Ein Soundbild, das nach den Achtzigern klingt und voller Synthies ist, das in dieser Retro-Ära der letzten Jahre ansetzt. Da fühle ich mich wohl, da fühle ich mich zu Hause.

Das Album ist Rockstah-typisch vollgestopft mit popkulturellen Querverweisen und Referenzen. Engt diese Maßgabe beim Schreiben ein?
Nein, im Gegenteil: Das ist wahnsinnig inspirierend. Ich habe ja etwas komplett anderes als diese Dame-Formel [Viraler Gaming-Rapper; Anm. d. Verf.] gemacht: (verstellt die Stimme) »Jaaa, ich mache jetzt einen Song für die ‚Call Of Duty‘-Spieler! Peng peng peng! Ich spiel’ Call Of Duty! Und jetzt ein Song für die ‚FIFA‘-Spieler! Hier ein Tor, da ein Tor!« Fuck off! Ich habe einen Song, der heißt »Undertale« – das ist ein kleines Indiespiel. Das hat mich so berührt, da habe ich einige Elemente aus den ersten Spielstunden für meinen Song verwendet und wandle die in eine Geschichte um, die mich betrifft. In dem Fall ist es inspirierend. Das ist der Weg, den ich gegangen bin. Nicht dieser Brechstangen-Nerdism von wegen »Ich springe auf deinen Kopf wie Super Mario« – das soll es nicht sein! Die Songs sollen auch ohne funktionieren und verständlich sein. Wenn man tiefer da reingeht, bemerkt man natürlich popkulturelle Referenzen an Filme, Serien, Spiele und so. Das ist ein Stilmittel, und ich finde es total beflügelnd.

»Ich finde, ich habe das damals gut gemacht.«

»Cobblepot« ist denkbar weit weg von aktuellen Deutschrap-Trends. Hast du durch deine neue Laufbahn den Drang abgelegt, von der Rapszene anerkannt zu werden?
Ich finde es immer noch schade, dass ich damals nicht so wahrgenommen wurde, wie ich mir das erhofft hatte. Ich war ein riesiger Deutschrap-Fan, ein krasser Nerd. Über zehn Jahre habe ich alles mitgenommen, meine Plattensammlung war gigantisch. Also war es natürlich mein Wunsch, da auch stattzufinden. Ich finde, ich habe das damals gut gemacht. Deswegen war der Frust umso größer, als ich gemerkt habe, dass ich da nicht hinkomme, wo ich hinwollte. Heute ist mir das nicht mehr so wichtig, aber ich bin auch nicht frustriert und will irgendwen anfeinden. Ich finde natürlich trotzdem vieles scheiße. Würde auch nicht zu mir passen, wenn ich »Palmen aus Plastik« plötzlich megageil fände. Aber ich kann ja mit allem koexistieren und komme niemandem in die Quere. Das hat mich frei gemacht.

Du kennst beide Seiten: Inwiefern unterscheidet sich diese popkulturelle Nerd-Szene, in der du dich aktuell bewegst, von der Rapszene? Warum fühlst du dich dort wohler?
Ich fühle mich dort in erster Linie wohler, weil ich damit aufgewachsen bin. Ich bin gut situiert aufgewachsen, mit einem Haufen von Spielzeug, Comics, Cartoons, Filmen und Spielen – da komme ich her. Ich war schon im Kindesalter ein dicklicher Junge und habe viel Scheiße erlebt, aber eigentlich war ich ein typisches Mittelschichtsproblemkind. Mein Anker waren halt keine Mädels oder knutschen auf dem Schulhof, sondern Videospiele. Alle Komplexe, die ich heute noch mit mir herumtrage, stammen aus dieser Zeit – aber auch alle Sachen, die ich liebe. Und wenn du nur auf die Szenen schaust: Die Podcastszene, die Nerdkulturszene, die Rapszene – das sind drei gleiche Scheißhaufen! Das Witzige ist: Für die HipHop-Szene bin ich der harmloseste Typ, der da rumläuft. Für diese ganze Nerdszene bin ich der Asi. Das ist so witzig – die hassen mich, weil sie denken: »Der Typ kann sich nicht artikulieren. Das ist ein Rapper, der sagt ‚Yo, yo, yo!‘ und trägt die Hosen unterm Arsch!« Die denken nur in Klischees. Die denken, ich wohne vor einer brennenden Tonne. Deren Weltbild ist so beschränkt. Das sind genau die gleichen Arschlöcher wie hier! Ich bin in dieser Podcast-Nerd-Welt genau so ein Außenseiter wie im HipHop. Aber scheiß drauf: Wenn ich kein Teil von eurer Szene bin, dann baue ich mir meine eigene!

Text: Skinny

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #189. Die aktuelle Ausgabe ist versandkostenfrei im Shop zu beziehen.

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