Review: Young Fathers – Dead

Young-Fathers
 
(Big Dada/Rough Trade)
 
Die Behauptung, Young Fathers seien eine ­schottische Band, ist genauso richtig und falsch wie die Behauptung, Young Fathers seien eine HipHop-Gruppe. Stimmt schon beides, greift aber zu kurz. Eigentlich sind Young Fathers eine schottische Band mit Wurzeln in ­Nigeria und Liberia. Und eigentlich sind sie eine Hip­Hop-Gruppe, die psychedelischen Rock verinnerlicht hat, über britische Clubmusik bescheid weiß und auch im Afrobeat zuhause ist. Letzterer Einfluss war auf den EPs »Tape One« (2011) und »Tape Two« (2013) allerdings größer als heute. Das Debütalbum »Dead« verschiebt die Vorlieben zu Chorgesang und Gruppen-Chants, klingt nach merkwürdig sexlosem Soul und tut alles, um nicht für ein handelsübliches HipHop-Album gehalten zu werden. »War« stützt seinen Beat auf Handclaps und Triangel, im Hintergrund von »Just Another Bullet« klappert allerhand Küchenpercussion und das Bassknurren von »Mmmh Mmmh« ginge kaum als Beat durch, würden nicht irgendwann die Tribaldrums einsetzen, die Young Fathers auf »Dead« als ihr neues Lieblingsinstrument vorstellen. Beinahe unnötig zu erwähnen, dass man als erstes Geräusch der Platte ein verstimmtes Akkordeon hört. So sprunghaft wie die Musik sind auch die Umgangsformen von »Dead«. Album- und Songtitel verweisen auf eine Giftigkeit, die sich vor allem in »Hangman« offenbart: »Don’t shoot the messenger / Shoot the messenger’s mother / Fuck her« heißt es dort mit angeekeltem Tonfall. Aber schon einen Track später erhebt sich »Am I Not Your Boy« zur großen Durchhalte-Hymne der Platte. Man könnte von Gospel sprechen, wenn man sich Gospel auch ohne Religion und Feierlichkeit vorstellen kann. Manchmal fehlt »Dead« noch der Fokus, dann läuft es drei Ideen zu­gleich hinterher und kriegt keine davon zu ­fassen. Ein Song wie »Low« deutet aber auf große Dinge in der Zukunft von Young Fathers voraus. Herz- und Gift-Seite der Band ­verbinden sich hier zu einem Rundumschlag, der sogar radiofreundlich ist. Die zentrale Textzeile »I’mma take a shit in your palace« sollten sich Weltausbeuter und Rap-Verwalter gleichermaßen hinter die Ohren schreiben.
 
Text: Daniel Gerhardt
 

 

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