Review: Sylabil Spill – Steine und Zwiebeln

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(Vinyl Digital)
 
Die Versuchung ist groß, an dieser Stelle 2.100 Zeichen ausschließlich mit dem Satz »es ist hart und bringt dich zum Weinen« zu füllen. Mehr will Sylabill Spill offenkundig nicht bezwecken, wenn er »Steine und Zwiebeln« schmeißt. Während Gesinnungsgenossen wie Dilemma und Hiob notwendige Schmerzen so präzise zufügen wie Dr. Szell in »Der Marathon Mann«, hat Spill insgesamt eher die Anmutung eines 2-Meter-Typen, der dich am Kragen packt, gegen die Wand drückt und dir dann didaktisch einwandfrei erklärt, was ihn aufregt – kurzum: wahnsinnig eindringlich, aber schon auch ein wenig unangenehm. Der Radira ist sicher nicht der Typ, der ein Schleifchen drumbindet, bevor er dir eine tickende Bombe in die Hand drückt, sondern eher der rechtschaffene Wutbürger, der dir sein Schild von der Demo notfalls auch über den Hinterkopf zieht, um seiner Aussage Nachdruck zu verleihen. Das hat zur Folge, dass man von seinem zweiten Album erst mal hoffnungslos überfordert ist. Zu viel negative Energie, die auf einen einprasselt, zu viele Loops im mittleren bis hohen Frequenzbereich, die stur ganze Tracks durchziehen, zu viel Anti. Anti-Wackness. Anti-Unehrlichkeit. Anti-Gewalt. Anti-Dummheit. Weil Sylabil Spill in all diesem Stress aber verdammt noch mal grundlegend recht hat, lohnt es sich, unnachgiebiges Geprügel der Machart »Entweder Oder« und »5-5« aufmerksam durchzustehen. Denn wenn er der Musik auf Stücken wie »Zeigerlauf« oder »Unmessbar« (mit Lakmann in Hochform) etwas Luft zum Atmen gibt, wenn er auf »Panorama« den reflektierten Beobachter gibt, wenn Twit One auf »Batoteiro« sogar etwas Swing injiziert oder wenn Krieg auf »Mitmacher« so widerlich klingt, wie er ist – genau in diesen Momenten macht Spill so ziemlich alles richtig. Zugegeben: nichts an dieser Platte klingt nach 2014. Nicht die kargen Arrangements und Vierzeiler-Hooks, nicht Zeilen wie »HipHop lebt im Untergrund und stirbt in den Charts« und auch nicht die Art, wie für »Augenblick« einfach das Intro von Quasimotos »The Unseen« übernommen wird. Aber der Beelzebub hat eben seine eigene Zeitrechnung.
 
Text: Ralf Theil
 

 

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