Retrogott: »Für mich hat der Begriff Sellout noch eine Bedeutung« // Interview

Seit jeher unterhält Retrogott eine besondere Beziehung zur Vergangenheit. Mit seinen Veröffentlichungen der letzten Monate erreicht diese jedoch eine neue Qualität: Im November erschien mit »Hardcore« ein 2013 komplettiertes Album aus dem Nichts als Freedownload, am Neujahrstag folgte eine zweite EP mit KutMasta Kurt, bestückt mit Beats aus den Archiven des Produzenten. Mit Resteverwertung hat das jedoch nichts zu tun, im Gegenteil: Der Kölner findet in den Tiefen seiner persönlichen Zeitschleife neue Wege der Kritik an der Gegenwart.

Zumal für Retrogott Kollaborationen mit KutMasta Kurt, Motion Man oder MC Rene mehr sind als der Ausdruck einer Profilneurose. Immer wieder betont er die Freundschaft zu allen Beteiligten, wie wichtig es außerdem war, Teile von »Vintage Fresh« vor Ort in L.A. zumindest in Demo-Form aufzunehmen, einen speziellen Vibe einzufangen und diesen in Form spontaner Beobachtungen (»Ein Anruf«) ebenso wie gesellschaftlicher Betrachtungen (»Rote Erde«) wiederzugeben. Forciert wurde dabei nichts, die Idee zu einer zweiten EP kam eher zufällig, als Retrogott 2014 vor Ort zwei Videos drehte, von denen bisher erst eines erschienen ist. Spricht man mit ihm über seine (erstaunlich häufig noch unveröffentlichten) Projekte und sein Selbstverständnis, wird zunehmend klar, wieso er mit neoliberaler Verwertungslogik und deren moralischen Implikationen wenig anfangen kann.

Du sprichst auf »Slow Down« über deine Unzufriedenheit mit der Gegenwart. Was stört dich genau?
In dem Song selbst beziehe ich mich zum einen auf diese Schnelllebigkeit, der alles preisgegeben wird, zum anderen aber auch auf die wiederaufflammenden rechten Tendenzen in der Gesellschaft. Deshalb darf man dieses »Meine Zeit gefällt mir nicht« nicht als reine Nostalgie verstehen. In der zweiten Strophe nutze ich das nochmal als Ausgang und löse es dann so auf: »Zu viele neue Namen für denselben Kitsch.«

Hängen diese Phänomene für dich zusammen?
Ja. Ich glaube zumindest, dass diese Schnelllebigkeit und die Möglichkeit, massenmedial unausgegorene Meinungen preiszugeben, die Hemmschwelle senken, sich beleidigend, diffamierend und plump zu äußern, und gleichzeitig keine Qualität mehr liefern zu müssen. Das ist aber nicht nur schlecht, ich finde, dass die Sozialen Medien auch zu einer Demokratisierung des Musik- und Kulturbetriebs geführt haben. Es gibt also zwei Seiten.

Führen diese Entwicklungen dazu, dass weniger Wert auf Aussagen gelegt wird?
Plumpe Aussagen oder solche, die eigentlich gar keine sind, gab es schon immer. Es ist ja auch nicht so, dass in den Achtzigern und Neunzigern alle große Weisheiten von sich gegeben hätten. Ich glaube aber schon, dass die Masse der Aussagen zu einer Verwässerung der Informationsdichte führt und dass eine Balance zwar wichtig ist, aber im Mainstream gerade eine Überbetonung von Bullshit stattfindet.

»HipHop ist auf jeden Fall ein probates Mittel zur Kritik, aber bitte auch zur Selbstkritik«

Welchen Stellenwert hat Battlerap noch für dich?
Mittlerweile blicke ich auf Battlerap eher aus einer soziohistorischen als einer ästhetischen Perspektive. Das geht so weit, dass ich mich frage, ob ich überhaupt Battlerap machen sollte. Mir macht dieses Spiel viel Spaß, aber ich erkenne in vielen Sachen, die ich früher abgefeiert hab, sehr viel Frust und Wut wieder, die manchmal ins Negative kippen und nicht konstruktiv sind.

Du hast dich auch an der N-Wort Debatte beteiligt. Warst du mit dem Verlauf zufrieden?
Naja, mit dem Verlauf einer Debatte kann man ja eigentlich zufrieden sein, wenn sie zum Meinungsaustausch und nicht zum Schlagabtausch physischer Art führt. Insofern bin ich zufrieden damit, dass es anscheinend ein Interesse an verschiedenen Meinungen gibt. Ich bin allerdings sehr überrascht gewesen über das Unverständnis seitens der Szene für eine Sensibilität bei diesem Thema – vor allem, aber nicht nur, seitens Afrodeutscher oder Leuten, die direkt betroffen sind. Jetzt, wo das Thema mit der H&M-Kampagne aufkam und Megaloh sich meiner Meinung nach vollkommen legitim zu Wort gemeldet hat, war ich leider schon gar nicht mehr überrascht, dass er in den Kommentarspalten gewisser Plattformen viel Gegenwind bekommen hat. Ich find das ätzend und geh dagegen in meinem Rahmen vor.

Ist HipHop heute ein probates Mittel, um Kritik zu üben?
Ich glaube schon. Weil HipHop sehr Mainstream ist und Mainstream so sehr HipHop sein will, bekommt das Gebiet viel Aufmerksamkeit. Deswegen ist es auf jeden Fall ein probates Mittel, aber bitte auch zur Selbstkritik. Das vermisse ich im HipHop, da sieht man sich sehr schnell in der Rolle des Nestbeschmutzers. Ein Eindruck, den ich bekommen habe von meinem Beitrag zu dieser Debatte, war, dass manche meine Interpretation des DCVDNS-Videos überspitzt fanden, weil ich mich auch zu Farbsymbolik geäußert hab. Man kann mir da gerne den Vorwurf der Überinterpretation machen. Ich glaube aber eher, dass unser Problem die Unterinterpretation ist. Es wird eben nichts mehr interpretiert, weil wir mehr mit dem Zurschaustellen beschäftigt sind als mit dem Anschauen. Die Timeline zwingt zum Tatendrang, und das lässt nicht viel Raum für Tiefgang.

Sowohl auf »Vintage Fresh« als auch auf »Hardcore« sprichst du teils metaphorisch, teils sehr direkt über den Krieg. Wie bist du dazu gekommen?
In einem Song wie »Blindgänger« geht es nicht um aktuelle Kriege, sondern vor allem um Aufarbeitung der Vergangenheit – das hat biografische Gründe. Mein 1927 geborener Vater war in der Zeit des National­sozialismus ein sogenannter Halbjude und dadurch, dass mein Vater das alles miterlebt hat, habe ich früh in meiner Erziehung ein Bewusstsein für solche Dinge vermittelt bekommen.

Früher war das Thema in deinen Texten aber nicht so dominant, oder?
Nein, aber es hat sich schon angedeutet, zum Beispiel mit der Goebbels-Line auf »Pornofilmkäse« oder einem Track wie »Der Urlaub war so schön«, der entstanden ist, als ich das zweite Mal in der Gedenkstätte Buchenwald war. Das war mit meiner Abiturklasse, und ich habe großen Anstoß genommen an der lapidaren Art, wie sich die Leute da verhalten haben – mit makabrem Humor, weil man mit der Sache eigentlich nicht umgehen kann. Das ist biografisch bedingt, aber ich versuche, das nicht nur zu einem Selbstgespräch über Ungerechtigkeit zu machen, sondern in der heutigen Zeit zu verorten.

Du entfernst dich dabei teils ziemlich weit von klassischem Rapvokabular, gerade bei einem Song wie »Der Krieg«.
Ja, genau. »Der Krieg« ist inspiriert von expressionistischer Lyrik und von der fragwürdigen Kriegsbegeisterung, die unter den Avantgardisten vertreten war, gerade bei den Futuristen. Inspiriert ist der Song aber auch von der Gravediggaz-Line »I’m fighting a holy war in the mental« von 1994, wo dieses Jihad-Thema vom sogenannten Westen noch nicht so ideologisch ausgeschlachtet wurde. Der Krieg, den man mit sich selbst führt, hat ja etwas Spirituelles, das gibt es nicht nur im Islam.

»Mir kann keiner nehmen, in einer Zeit, als alle auf Blingbling gemacht haben und ihre weißen Sneaker und ihre Diplomats-Kostüme zur Schau tragen mussten, einfach gemacht zu haben, was ich fühle«

Auch »Beathead« zeigt nach anfänglichem Tech-Talk spirituelle Ansätze. Hast du einen Bezug zur Esoterik?
Naja, um es ganz kalenderspruchartig zu sagen: Ich habe ein metaphysisches Bedürfnis. Als Mensch stoße ich immer wieder an meine Grenzen und gelange zu der Vermutung, dass es etwas Größeres gibt als mein menschliches Bewusstsein. Ich mache mir viele Gedanken über den Tod, bei mir ist diese Frage nach der Religion noch nicht beantwortet. Ich bin kein Atheist, eine gewisse Zeit lang habe ich mich als Agnostiker verstanden. Ich bin noch nicht angekommen und glaube auch nicht, dass ich je ankommen werde.

Du setzt dich aktuell auch wiederholt mit Kapitalismuskritik auseinander. Wie nimmst du es wahr, wenn Rapper sich mit derartigen Aussagen schmücken, dann aber Boxen herausbringen?
Wenn ein Album, das noch kein Classic ist, in mehrfacher Ausführung rauskommt, als gäbe es dazu schon einen Fanclub, dann find ich das lächerlich. Wenn man sich dann inhaltlich noch anmaßt, den Kapitalismus zu kritisieren, dann ist das entweder gekonnte Ironie oder albern. Für mich hat der Begriff Sellout noch eine Bedeutung, für mich hat auch der Begriff wack noch eine Bedeutung. Sellout ist man für mich nicht, wenn man sold out ist. Sellout kann man sein, ohne eine einzige Platte zu verkaufen, wenn man nichts als die Absicht zu verkaufen hat und deshalb schon von vornherein Maßnahmen trifft, die das ästhetische Produkt überlagern.

Siehst du solche HipHop-Werte auch in der aktuellen Szene repräsentiert?
Nein, irgendwie nicht. Ich sehe Statussymbole, eine Logik des »Erfolg gibt recht« – und das ist eine traurige Definition von Recht. Aber ich kann da ja nichts dran ändern und will auch nicht nur jammern. Ich bin dankbar, dass wir ein Album wie »Sezession!« ohne große Promo, ohne Box, ohne offiziellen Vertrieb an den Mann und die Frau bringen können. Letzten Endes ist das eine Grassroots-Geschichte.

Hast du denn das Gefühl, dass von dem großen Hype was bei dir ankommt?
Ich glaube eher, dass von dem kleinen Hype was bei den Großen ankommt. Dass Leute, die sich eigentlich in der Popwelt sattgefressen haben, es sich nicht nehmen lassen, hin und wieder am Stück Kuchen von uns Underground Artists zu naschen und so halbherzige Boombap-Anwandlungen an den Tag zu legen. Und ich glaube, dass mir keiner nehmen kann, in einer Zeit, als alle auf Blingbling gemacht haben und ihre weißen Sneaker und ihre Diplomats-Kostüme zur Schau tragen mussten, einfach gemacht zu haben, was ich fühle, und davon auszugehen, dass es andere gibt, die das auch hören wollen. Da ist es mir auch egal, ob das 20.000, 20 oder zwei sind. Ich will in den Spiegel gucken und mit mir vereinbaren können, was ich da mache.

Text: Sebastian Berlich
Foto: Constantin Arei (fotografiearei.de)

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