Pharoahe Monch [Interview]

Pharoahe Monch
 
Auf seinem aktuellen Soloalbum »P.T.S.D.«, das aller Voraussicht nach auch sein letztes sein wird, spricht der ehemalige Organized-Konfusion-Rapper Pharoahe Monch ­darüber, wie sehr »P.T.S.D.« (was für posttraumatisches Stresssyndrom steht) die Welt beeinflusst. Hier ist seine ganz persönliche Psychoanalyse.
 
Das Interview beginnt bedeutungsschwanger: »Dieses Album noch: dann ist Pharoahe Monch tot«, sagt der Rapper aus Queens. Er sitzt am Kopf eines riesigen Tisches in einem plüschigen Hotel in Long Island City, nur wenige Blocks vom East River entfernt. Wir sind hier, um über sein viertes Soloalbum »P.T.S.D.« zu sprechen – ein emotional aufwühlendes und gesellschaftskritisches Werk, eine Platte, die sich intensiv mit den vielfältigen Formen des Leidens auseinandersetzt, den Leiden, die der Alltag für jeden von uns bereithält. So gesehen wird die eingangs getätigte Aussage Pharoahe Monchs über seinen künstlerischen Selbstmord irgendwie verständlich, denn ­dieses Leben ist kein leichtes. Dennoch kann er sich kurz darauf ein Lächeln nicht ­verkneifen und erklärt: »Ich meine damit, dass diese Platte das letzte traditionelle Pharoahe-Monch-Album sein wird. Ich werde sicherlich weiterhin verschiedene Projekte realisieren und nicht vollkommen von der Bildfläche verschwinden. Aber diese Platte ist mein letztes Full-Length-Album.«
 
Nach diesen Worten nimmt Monch einen großen Schluck aus dem vor ihm stehenden Wasserglas und lehnt sich in seinen opulenten Stuhl zurück. Als nähme er die Rolle eines Rap-Therapeuten ein, beginnt er daraufhin, über den hinter ihm liegenden Kreativprozess bei der Entstehung von »P.T.S.D.« zu sprechen wie über eine Reise; einen abenteuerlichen Trip durch die dunkle Gedankenwelt des mächtigen Pharoahe Monch.
 

 
Was war der Grund dafür, dein neues Album nach dem posttraumatischen Stresssyndrom – kurz: P.T.S.D. – zu benennen?
Wir waren gerade mit dem »W.A.R. (We Are Renegades)«-Album fertig, das sehr gut ­gelaufen ist, und sind ausgiebig getourt. Als wir wieder zurück waren, meinte mein ­Manager zu mir: »Du brauchst immer viel zu lang, um neue Musik an den Start zu bringen. Schwing’ deinen Arsch gefälligst ins Studio und fang’ an zu schreiben!« Aber das kann ich einfach nicht, wenn ich auf Tour bin. Also haben wir uns danach zusammengesetzt und über ein neues Projekt ­gesprochen, das ursprünglich als EP gedacht war. Als wir dann auf die »P.T.S.D.«-Idee kamen, hat sich aber schnell herauskristallisiert, dass ein solches Thema nicht innerhalb weniger Songs abgehandelt werden kann, ohne nur an der Oberfläche zu kratzen. Ich wollte richtig tief in die Materie einsteigen. Das hat zwar ein wenig länger gedauert, dafür ist am Ende aber eben auch nicht nur eine EP, sondern ein kompletter Longplayer dabei rausgesprungen.
 
Wie intensiv hast du dich während des Schreibens mit dem Thema des posttraumatischen Stresssyndroms ­auseinandergesetzt?
Wenn es um Kriegsveteranen geht, ist das Thema ja sehr präsent. Aber von ­betroffenen Jugendlichen, die in Queens oder Brooklyn oder Chicago zur Schule ­gehen und sowohl vor den dortigen Gangs als auch vor der Polizei Angst haben ­müssen, von denen hört man nie etwas. Von deren Umgebung, deren Stress, deren Anspannung – von all der Gewalt. Für mich waren die dortigen Umstände stets ­präsent, aber ich wollte mich ­intensiver damit ­beschäftigen: mit Angst, ­Depression, Selbstmord – diese Dinge. Ich wollte das greifbar machen, zumal es ja auch diverse Künstler gibt, die darunter zu leiden haben oder ­hatten – Kurt Cobain ­genauso wie ­verschiedene HipHop-Künstler. ­Natürlich habe ich da keinen revolutionären Gedanken­gang angestoßen und bin auch nicht der erste, der sich mit diesem Thema beschäftigt. Aber wenn du mal ein wenig ­zurückgehst im Rock und Soul: Da gab es bei verschiedenen Künstlern immer wieder entsprechende Anzeichen, bei denen man sich gefragt hat, was in deren Köpfen wohl vorgegangen sein mag, warum die so abgedriftet sind. Insofern: Ja, ich habe mich intensiv mit dem Thema auseinander­gesetzt. Aber meine Quelle für derlei ­Nachforschungen ist eigentlich stets das Leben selbst.
 
Du hast eben Jugendliche erwähnt, die unter P.T.S.D. leiden. Ist das ein ­gesellschaftliches Tabu-Thema?
Absolut – vor allem in der Black ­Community, wenn du das mit HipHop koppelst. Es gibt eben Leute, die das jahrelang von sich gewiesen haben. Ich muss mir ja bloß meine Eltern ansehen: Wenn ich denen gesagt hätte, dass ich fix und fertig bin und eine Auszeit brauche, hätten die mich ­überhaupt nicht ernstgenommen. Wir Schwarzen ­wurden nun mal jahrhundertelang als Sklaven ausgebeutet und waren es daher gewohnt, unter extremen Bedingungen schwer zu schuften – das steckt uns noch irgendwie in den Knochen. Wenn du deinen Freunden und deiner Familie kommst mit »Ich kann heute nicht arbeiten, ich finde es gerade schwierig zu funktionieren«, dann können die das nicht nachvollziehen. Die Reaktion ist dann in etwa: »Geh’ einfach arbeiten. Es ist ja nicht so, dass du einen Arm verloren hättest oder erschossen ­worden wärst.«
 
Aber diese Form von Stress kann jeden treffen, oder?
Natürlich. Das ist wie mit diesem Fernsehdoktor Dr. Oz, der bei uns im amerikanischen TV eine eigene Sendung hat. Der hat letztens von den Stimmen in seinem Kopf erzählt – aber nicht als alberner Hokuspokus, sondern in der Form verbalisierter Selbstzweifel. Dass die Stimme ihm sagt, er wäre nicht erfolgreich genug oder er bräuchte eine noch bessere Fernsehsendung oder müsste sich besser bilden oder bald heiraten. Und er hat begriffen, dass es kein Tabu ist, zu diesen Stimmen zu stehen, die deine Angst oder deine schlechte Gemütslage erklären. Glücklicherweise hat in den letzten Jahren ein Umdenken stattgefunden, sodass die Leute sich nicht mehr schämen, zu dem Druck zu stehen, der auf ihnen lastet.
 
Lastet ein solcher Druck auch auf dir?
Ich kenne diesen Druck, ja. Es gab zum Beispiel eine unangenehme Geschichte, als ich die Arbeit an dem »W.A.R.«-Album ­abgeschlossen hatte. Dazu musst du wissen: Ich bin chronischer Asthmatiker und hatte mir nach Beendigung der Aufnahmen eine schlimme Erkältung eingefangen, war richtig krank und bin daraufhin ins Krankenhaus gehetzt. Ich habe mit einem heftigen Asthma-Anfall eine regelrechte Nahtod-Erfahrung gemacht. Aber auch im Krankenhaus haben sie den Anfall nicht richtig in den Griff bekommen – ich musste also ­versuchen, das irgendwie durchzustehen und meine Atmung wieder zu normalisieren. Zwei Wochen war ich im Krankenhaus, so lange wie nie zuvor, und habe Infusionen, Medikamente, Steroide und Antibiotika bekommen. Als ich endlich entlassen wurde, wurden mir weitere Medikamente verschrieben. Eine Woche später war ich mental immer noch nicht richtig in der Spur. Ich habe versucht, das zu ignorieren, um wieder in meine Alltagsroutine hineinzukommen, aber das hat mich so ­belastet, dass ich nachts nicht schlafen konnte. Das hat mich fertig gemacht, wurde Tag für Tag schlimmer und hat mich irgendwann in eine Abwärtsspirale gedrückt, die in einer ausgewachsenen Depression endete.
 
Wie haben Freunde und Familie darauf reagiert?
Einige meinten bloß, ich solle ein Bier ­trinken, einen Joint rauchen und ein bisschen ­Basketball spielen – das würde den Kopf schon wieder freimachen. Ich musste ihnen dann erst mal erklären, dass es wirklich ernst ist, und dann haben sie es auch verstanden. Eines Tages hatte ich einen ­Zahnarzttermin, saß im Wartezimmer und musste ein ­Formular ausfüllen, in dem ich auch ­eintragen musste, welche ­Medikamente ich zurzeit nehme. Als mich der Zahnarzt später zu sich rief, sah er mich ernst an und meinte: »Ich habe mir Ihr Formular und Ihre derzeitige Medikation angesehen. Sie wissen ­hoffentlich, dass die Tabletten, die Sie nehmen, als Nebenwirkungen schwere Depressionen nach sich ziehen können.« Daraufhin bin ich zusammengebrochen und habe zu weinen angefangen. Endlich hatte ich die Antwort auf die Frage, was zum Teufel mit mir los war! Ich hatte einfach nicht eins und eins zusammengezählt. Aber deshalb weiß ich sehr wohl, wie sich die physische Last einer Depression anfühlt. Und diese Erfahrung wollte ich auch auf dem neuen Album verarbeiten.
 
War der Schreibprozess ­dementsprechend sehr kathartisch, sehr emotional?
Klar, weil es dich natürlich permanent mental in diese Situationen zurückwirft. Und das ­betrifft nicht nur die traurigen Songs, sondern auch ein Stück wie »The Jungle«, in dem ich über die Schwierigkeiten in meiner Kindheit spreche.
 

 
Welche Probleme hattest du denn als Kind? Bist du wegen deines Asthmas gehänselt worden?
In meiner Nachbarschaft ist jeder von uns mal verarscht worden, aber ich war immer schon der Klassenclown und konnte ­durchaus auch über mich selbst ­lachen. Die anderen Kinder haben Witze über mich gemacht, ja, aber in der Regel habe ich mitgelacht. Doch wer weiß – ­vielleicht hat das trotzdem irgendeinen Knacks in meiner kindlichen Psyche hinterlassen.
 
Warst du gerne der Klassenclown?
Ja, ich habe die Leute immer gerne zum ­Lachen gebracht – und durchaus auch darüber lachen können, wenn ich selbst verarscht wurde. Das »Monch« meines Künstler­namens ist ja auch entstanden, als jemand einen Gag über mich gemacht hast. Kennst du die Geschichte?
 
Nein.
In dem Sommer, als ich mein Kunst- und Designstudium angefangen habe, fing ich auch an, Jeans zu entwerfen, herzustellen und zu verkaufen. Ich habe damit einen Haufen Kohle gemacht. Als ich eines Tages mit meinem Vater zum Friseur gegangen bin, habe ich ihn auf einen Haarschnitt ­eingeladen und beschlossen: Ich habe einen Haufen Kohle, ab jetzt fälle ich alle meine Entscheidungen allein. Ich habe meinem Friseur also gesagt, wie ich meine Haare haben möchte, aber er meinte, der Haarschnitt, den ich haben wollte, würde nicht zu meiner Kopfform passen. Ich habe jedoch darauf bestanden, also schnitt er mir die Haare so, wie ich es von ihm verlangte. Und natürlich hatte er recht: Es sah beschissen aus. (lacht) Mir war zum Heulen zumute, aber ich habe nicht geheult – schließlich war ich ein fast erwachsener Mann, der eine Menge Kohle machte. Zur Schule habe ich mir dann am nächsten Tag einen Hut aufgesetzt, doch als mein Lehrer den Klassenraum betrat, verlangte er von mir, ihn abzusetzen. Und dieses Mädchen, das ich in dieser Zeit ständig geärgert habe, starrte mich an und begann plötzlich, die Titelmelodie aus der »Monchhichi«-Zeichentrickserie zu singen – mit dem Haarschnitt sah ich einfach aus wie eine dieser kleinen Affenpuppen! Alle fingen an zu lachen, selbst der Lehrer. Und ich musste unweigerlich mitlachen. Und von da an hatte ich meinen Namen weg: Monch.
 
Inwiefern hast du dich seit deinen Zeiten als Klassenclown verändert? Wenn man deine Musik als Anhaltspunkt für deine Persönlichkeit nimmt, scheinst du ­ernsthafter geworden zu sein.
Ja. Ich habe mich seither um 180 Grad gewandelt. Damals war ich sehr kontaktfreudig, fast ungestüm. Wenn ich an damals zurückdenke, kommt mir alles total verrückt vor. Heute bin ich viel reservierter.
 
Wann hat diese Veränderung eingesetzt?
Das dürfte mehr oder weniger mit dem Beginn von Organized Konfusion einhergegangen sein.
 
Bekommen die Leute einen falschen Eindruck von dir, wenn sie deine Künstler-­Persona mit dir als Privat­person gleichsetzen?
Definitiv – und darum danke ich Gott für die Erfindung von Twitter. Natürlich sind meine Tweets auch manchmal geheimnisvoll und verrückt, aber meistens einfach bloß albern – wenn ich zum Beispiel irgendwas über Titten, Sport und Pfannkuchen poste. Plötzlich realisieren die Leute, dass ich auch nur ein Mensch bin, einen Alltag habe und gerne »Breaking Bad« schaue. Twitter ist ein tolles Medium. Vor einigen Jahren haben die Leute ja überhaupt nichts von einem ­mitbekommen, wenn man nicht zufällig ­gerade eine Platte draußen hatte.
 
Hat es dir früher besser gefallen, als Künstler noch von einem Hauch von Mystik umweht wurden?
Ja, ich mochte das. Für einen Künstler ist das toll. Das liebe ich auch an einem Künstler wie Rakim, weil er eben nicht viele Interviews gibt und nur durch seine Musik spricht. Man fragt sich natürlich schon: Was isst jemand wie Rakim wohl zum Frühstück? Aber auf banale Fragen wie diese liefert er eben keine Antworten. Das lässt ihn geheimnisvoll wirken.
 
Hast du bereits als Kind davon geträumt, berühmt zu sein?
Mir war früh klar, dass ich in die Unterhaltungsbranche wollte. Aber über ein Dasein als Star habe ich mir keine ­Gedanken gemacht. Wenn Freunde meiner Eltern zu Besuch waren, habe ich zwar schon mal irgendwelche Lieder von Frank Sinatra gesungen oder so. Und natürlich fühlt es sich toll an, wenn du dann gutes Feedback bekommst. Aber mir ging es nie darum, berühmt zu sein. Mir ging es immer in erster Linie um die Anerkennung meiner Kunst.
 
Ist es dir je schwergefallen, deine ­Bekanntheit mit deiner Kunst in Einklang zu bringen?
Ja. Eigentlich sollte ich in einem Interview wie diesem wohl nicht darüber reden, aber jemand aus dem Vertrieb meinte zu mir, ich solle das Cover-Artwork meines Albums ändern, weil ich dann auf der Startseite einer Website gefeaturet würde. Aber ich hab’s nicht gemacht. Ich habe mich irgendwann dazu entschlossen, in meiner Kunst keine Kompromisse einzugehen.
 
Hast du im Laufe deiner Karriere ­Entscheidungen getroffen, die du ­bereust?
Nein, eigentlich nicht. Ich fühle mich wohl in meiner Haut. Ich versuche mich auf das Jetzt zu konzentrieren und dafür zu sorgen, dass mehr Leute mitbekommen, dass ich eine neue Platte draußen habe. Trotzdem gab es auch kurzzeitig Momente, in denen ich gerne anders gehandelt hätte, als ich es tatsächlich getan habe. Aber genau darum geht es ja auch an einigen Stellen auf dem neuen Album: dass es einen Grund dafür gibt, warum man bestimmte Entscheidungen fällt. Entscheidungen fällt man eben nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen.
 
Gibt es Songs auf »P.T.S.D.«, die die Leute überraschen werden?
Ja: »Broken Again«. Darauf singe ich im Chorus, aber eben nicht mit meiner üblichen Gospel-Soul-Stimme. Der Gesang geht eher in Richtung Depeche Mode oder Tears For Fears.
 

 
Wo kommt das her? Hast du je Karaoke gesungen?
Nein, davor habe ich Angst. Ich weiß, dass viele Leute Karaoke abfeiern, aber ich finde das merkwürdig. Die Leute fragen mich dann immer, wie ich mit dieser Einstellung auf großen Bühnen auftreten kann, wenn ich noch nicht mal vor einer Handvoll Freunde singen mag. Aber ich habe keine Erklärung dafür. Ich verstecke mich dann immer in irgendeiner Ecke.
 
Text: Phillip Mlynar
Übersetzung: Daniel Schieferdecker
Foto: Presse
 
Dieses Interview ist erschienen in JUICE #159 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
 

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