OG Keemo: »Meine Mutter hat sich immer Sorgen gemacht, dass ich im Knast lande oder draufgehe« // Feature

Seine Kollegen sind sich einig: »Deutschrap braucht mehr OG Keemo«, schreiben Genetikk auf Twitter, während Casper hinzufügt, er würde »aktuell nur Keemo pumpen«. Einen weiteren Beweis dafür, dass der Mannheimer zu Großem bestimmt ist, soll sein Anfang ­November erscheinendes Mixtape »Skalp« liefern.

Zugegeben, auch das Berufsleben als Onlineredakteur in Sachen HipHop hält zähe Arbeitstage bereit. Überhaupt: In Zeiten, da Facebook langsam aber sicher in die Irrelevanz schippert, taugt auch kein Clickbait mehr, um die Massen auf die hauseigene Website zu locken. Also: Qualität statt Quantität. Aber was tun, wenn Erstere rar gesät ist? Genau, abwarten. Zwar quellen unsere Postfächer mit Einsendung ambitionierter Newcomer über, doch das Ganze gleicht auch heute, wo Deutschrap Dauergast in den oberen Charträngen ist und selbst die Dorfjugend ganz selbstverständlich mit HipHop-Musik aufwächst, der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass mein Erstkontakt mit OG Keemo nicht per hoffnungsvoll verfasster Facebook-Nachricht oder verzweifelter Insta-DM, sondern via eines Mittelsmanns mit Industrieerfahrung zustandekommt. Janis Koch ist mit seinem Label Radio Juicy allerdings eher in der Instrumental-HipHop-Szene zu verorten. Dort genießen die Releases des kleinen Imprints einen hervorragenden Ruf. Aber Radio Juicy und Deutschrap: schwierig.

High wie ein Hurensohn

»Ich hab die Jungs damals über einen Freund entdeckt«, erinnert sich Janis auf Nachfrage per E-Mail. »Die Jungs«, damit ist neben Keemo vor allem sein Produzent Funkvater Frank gemeint. Das Potenzial, findet Janis, sei riesig, doch seine Ziel­gruppe vielleicht nicht die richtige. Eine E-Mail später liegt ein Download-Link zur Video­single »Rigor Mortis« in meinem Postfach. Ich bin nach einem halben Durchlauf Fan und stelle mir dieselbe Frage, die sich später ganz Deutschrap stellen wird: Whoa, woher kommt der denn jetzt auf einmal? Keemos Erscheinungsbild, knappe zwei Meter Körpergröße und 120 Kilo Kampfgewicht, gepaart mit absurder Punchlinedichte, routiniertem Flow und Funkvater Franks verschwurbeltem LoFi-Trap bilden eine ganz eigene Symbiose. »Heute der fresheste Rapper, den du noch nicht kennst«, schreibe ich im März 2017 im Facebook-Teaser zur Videopremiere – nicht, um unsere Leser billig zu ködern, sondern weil es (gemessen an Keemos damaligem Bekanntheitsgrad und Rapskills) mit großer Wahrscheinlichkeit zutrifft.

Dabei ist auch Keemo kein vom Himmel gefallener Meister. Bereits Ende der Nullerjahre fängt er zu schreiben an. Als er nach einem Intermezzo in seiner Geburtsstadt Mainz (»Ich hatte irgendwann solche Probleme mit meiner Mutter und in der Schule, dass ich zu meinem Vater gezogen bin«) 2012 nach Mannheim zurückkehrt, wird der Kontakt mit seinem alten Homie Frank, der zwischenzeitlich mit dem Beatmaking begonnen hat, intensiver. Immer wieder treffen sie sich zu Sessions. Mit jenen Freunden, aus denen später die Crew Zonkeymobb entsteht, nisten sie sich im Kleintierzuchtverein von Franks Großvater ein und werkeln fleißig – aber noch ohne Plan und Ziel. Einen Arschtritt von Mobb-Member Binho und ein geplündertes Sparschwein später haben sie zumindest ein Mikrofon, das zum Aufnehmen von Keemos Silbenmassakern dient. Trotzdem dauert es bis September 2016, bis erste Songs, damals noch unter dem Duo-Alias DAIMAJIN, den Weg aufs Soundcloud-Profil der Zonkeys finden.

Skrupellos im selbstgebauten Studio

Zu seinem heutigen Produktionsstil kommt Funkvater Frank über Umwege: »Ich war damals von ‚Kool Aid & Frozen Pizza‘ von Mac Miller so geflasht, dass ich wissen wollte, woher der Beat ist.« Als er herausfindet, dass das Instrumental von Lord Finesse stammt, öffnet sich das Tor zur Golden Era. Auch über Joey Bada$$, der Beats von Dilla und Madlib auf seinen Mixtapes unterbringt, erschließen sich geschichtliche und stilistische Zusammenhänge. Trap spielt in Franks Soundkosmos keine Rolle, bis er während seines Studiums Cycris Visyn kennenlernt, mit dem er später das Instrumental zu »Rigor Mortis« schraubt. Visyns Produktionen orientieren sich stark am Sound aus Atlanta. »Erst da habe ich erkannt, dass man dieses Trap-Ding mit genauso viel Leidenschaft angehen kann wie Boombap«, erinnert sich Frank im Gespräch. Heute verbindet sein Sound Elemente aus beiden Genres – das Fundament bildet jedoch stets, neben klassischem Sampling von Vinyl, die Arbeit an der MPC. Steht das Gerüst, geht’s mit einem Loop zwischen 85 und 93 BPM an den Rechner. In der DAW verringert sich das Tempo, Bummtschack-Percussion wird durch moderne Drums ersetzt.

In einer von Autotune und Afrotrap übersättigten Szene stößt diese Mischung sofort auf großen Anklang. »Rigor Mortis« entwickelt sich zum Lauffeuer, das auch bald auf den Laptop-Displays von Sebastian Andrej Schweizer und Kodimey Awokou lodert. Die beiden Chimperator-Chefs sind direkt angefixt – und fliegen kurzerhand nach Mannheim, um Keemo und Frank einen Deal zu unterbreiten. »Daran hat man auch gemerkt, dass sie es ernst meinen«, erinnert sich Keemo an das erste Meeting mit den Chimps. Bedenken, dass die ehemalige Labelheimat von Raop-Superstar Cro der falsche Ort sein könnte, um Musik zu releasen, kommen nie auf. »Basti hat das schön gesagt: Wieso sollten wir jemanden signen, um aus ihm einen ganz anderen Künstler zu machen?«, erzählt Frank. »Die erste auf Chimperator releaste Single war dann ‚Kobe‘, darauf rappe ich ‚fick deinen toten Homie’«, fügt Keemo an – case closed.

Doch der Weg zum schwäbisch-berlinerischen Premium-Indie birgt auch Stolpersteine. »Klar war ich angepisst«, sagt Janis Koch darüber, dass er seine Pläne für eine Zusammenarbeit von Radio Juicy mit Keemo und Frank nach nur einer Single wieder ad acta legen muss. Anderthalb Jahre später scheint jedoch Gras über die Sache gewachsen zu sein: »Ich hätte in der Situation bestimmt genauso gehandelt«, fügt er in versöhnlichem Ton an. Als die Vertragsverhandlungen kurz vor einem erfolgreichen Ende stehen, trifft das Schicksal Keemo mit voller Wucht: Seine Mutter stirbt. Kurz überlegen alle Beteilig­ten, die Notbremse zu ziehen: »Chimperator hat uns sogar angeboten, das Ganze bis auf Weiteres zu verschieben«, erinnert sich Frank. Dann entscheiden sich alle für die Flucht nach vorne: Tag und Nacht arbeiten Keemo und Franky an neuer Musik. »Das war ein gutes Ventil«, erinnert sich Keemo, aber auch: »Meine Mutter war schon krank, als das mit der Musik so langsam ins Rollen kam. Ich konnte mich deswegen nie so richtig freuen. Es waren komplette Extreme: Plötzlich hatte ich Fans, und dann passiert das.«

Doch die unermüdliche Arbeit hilft, schafft Ablenkung – und bleibt nicht ohne Resultate: Bereits Ende Oktober 2017 releast Keemo mit der gänzlich von Franky produzierten EP »Neptun« sein Chimperator-Debüt. Die Musikvideos zu »Kobe«, »Neptun« und »PEN« setzt erneut die Produktionsfirma Breitband um, deren Betreiber Timur und Kris zum engen Freundeskreis des Mobbs gehören. Und auch die Zusammenarbeit mit der Stuttgarter Affenbande zahlt sich aus: »Jedes Demo, Artwork, Videokonzept – Chimperator analysiert, kritisiert und diskutiert mit uns – die sind mit Herz dabei«, resümiert Frank. Dass Keemo angekommen ist, hat sich auch bei seinen Kollegen herumgesprochen, die für Features Schlange stehen: Marvin Game, Genetikk, Mortel, Ahzumjot, Chima Ede, Jace, John Known und Ulysse gehören zu den Glücklichen, denen Keemo eine Runde Feuer spendiert. Auch in Sachen Live-Erfahrung verdient er sich seine ersten Sporen, spielt 2018 auf zehn Festivals – dass mit dem Tochterunternehmen Live auch eine Bookingagentur ans Chimp-Imperium angegliedert ist, kommt in dieser Hinsicht gelegen.

Allem Kritikerlorbeer zum Trotz: Das Buhlen um Hitsingles, Playlistplatzierungen und Radioairplay wird wohl auf absehbare Zeit ohne Keemo stattfinden. Das neun Tracks starke »Skalp« ist als Mixtape ein Zwischenschritt auf dem Weg zum Debütalbum. Zwar lässt Keemo im Intro »Vorwort« auch erstmals persönliche Lines durchsickern, erwähnt dabei neben dem Tod seiner Mutter auch seine Probleme mit dem Gesetz als Jugendlicher, er tut das jedoch, ohne seinen Stil auch nur ansatzweise zu kompromittieren. Geprägt ist dieser von MCs wie Earl Sweatshirt, DOOM, Pusha T und Eminems Frühwerk. Das mag zu sperrig für manch einen Gelegenheitshörer wirken – echte Heads jedoch erkennen Keemo Sabe schon nach wenigen Zeilen als Rapper’s Rapper im besten Sinne.

Dabei kann man sich als Rapfan glücklich schätzen, dass der Mannheimer den Weg zur Musik überhaupt gefunden hat: »Meine Zeit in Mainz war ein ziemlicher Abfuck. Da sind viele Sachen passiert, die ich heute bereue. Meine Mutter hat sich immer Sorgen gemacht, dass ich wegen irgendeiner Scheiße im Knast lande oder draufgehe.« Auch wenn die kriminelle längst in kreative Energie umgewandelt ist, verarbeitet Keemo seine Affinität zu verschiedensten Formen des Diebstahls auf der Vorabsingle »Klepto«. Bleibt zu hoffen, dass Rap-Money für die Zonkeys auf absehbare Zeit die Rechnungen zahlt – nicht, dass irgendwer wieder auf dumme Gedanken kommt.

Text: Jakob Paur
Foto: Julia Sang Nguyen

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #189. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Shop bestellen.

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