OG Keemo – Geist // Review

(Chimperator Productions)

Wertung: Fünfeinhalb KronenDas einflussreichste Album 2019 zu bestimmen, ist während der Produktion der letzten gedruckten JUICE Mitte Oktober eine schier unmögliche Aufgabe, schließlich sind nicht einmal JUICE-Redakteure mit dem dritten Auge gesegnet. Drei Chimperator-Releases stellten die finale Auswahl, schlussendlich konnte »Geist« sich klar durchsetzen. Es ist das Album des Jahres, Fakt. Das verdankt Keemo nicht zuletzt den hoch frequentierten Highlights, die meist eher erzählerischer Natur sind. Bereits zu Beginn trägt Keemo auf einem reduzierten Skelett aus verwaschenem, ungestimmtem Piano und knarzig-rohen Drums seine eigene Geschichte vor. Ohne zu klagen oder sich allzu sehr in der Opferrolle zu suhlen, berichtet er auf »Nebel« nüchtern von elterlichen Streitereien, seinen ersten Rassismuserfahrungen in der Grundschule und mündet in der Erzählung von einem 17-jährigen Tunichtgut-Karim, der Autos für den Nervenkitzel stiehlt. Dass Keemo ein überragender Erzähler ist, sollte spätestens seit seinem Signature-Track »Vorwort« außer Frage stehen. Wenn dem hünenhaften Mannheimer etwas auf der Seele brennt, kann er aber auch anders: »216« beschäftigt sich aus einer weniger distanzierten Perspektive mit seinen Erfahrungen als schwarzer Mann in Deutschland: Als zorniger »Zulu-Krieger mit ner scharfen Toolie« verzichtet Keemo auf Erklärungen oder Appelle. Stattdessen gibt es eine mitreißende Hymne der Selbstermächtigung voller echter Emotionen. Wenn der kämpferische Keemo gerade mal kein relevantes Thema zur Hand hat, spielt er eben seine zweite große Stärke aus: Seinen Swagger, der nicht nur das Präfix OG rechtfertigt, sondern auch den so ziemlich coolsten und kredibilsten Trap ermöglicht, den die heimische Raplandschaft je hervorgebracht hat. Der schmutzig-kantige Sound seines kongenialen Partners Funkvater Frank mag zwar auch in diese Schublade nicht so recht passen, die stilsichere Hood-Attitude und -Ästhetik lassen sich mit diesem Terminus aber schlichtweg am besten vereinbaren. Dieses Paket, das den restlichen Deutschrap beinahe schon corny, allenfalls aber uncool wirken lässt, schnürt Keemo mit ungezwungen souveräner Reimtechnik, griffiger Bildsprache und jeder Menge Wortwitz in Zeilen wie »Deine Tür ist nicht unknackbar, ganz in schwarz, seh aus wie’n freizuspielender Charakter«. Deutschrap hätte diesen Künstler schon viel früher gebraucht.

Text: Skinny

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