Milonair: »Respekt überall, Digga.« // Interview

 
Deine Eltern kamen damals mit dir als politische Flüchtlinge nach Deutschland. »Dieses Dasein« schneidet die Flüchtlingsthematik an. Wie wichtig war es dir, dass ebendiese Thematik auf dem Album präsent ist?
Zu erst einmal muss ich sagen, dass dieser Song relativ unterschiedlich angenommen wurde. 50 Prozent Daumen hoch, aber auch 50 Prozent Daumen runter. Viele meiner Brüder und Schwestern, die mich feiern, haben Abfuck auf diesen Song gehabt. Aber wir wollten ein Zeichen setzen, weswegen wir den Song bewusst als erste Single genommen haben. »Dieses Dasein« sollte eigentlich schon früher als Freetrack rausgehauen werden. Wir haben uns dann aber gedacht, dass viele uns vorwerfen werden, auf diesen Zug aufspringen zu wollen. Also haben wir bewusst gewartet, bis sich die Berichterstattung rund um die Flüchtlingskrise ein bisschen beruhigt hatte. Ich stamme aus dem Iran, Aykut ist Kurde. Unsere Eltern haben uns mit Ach und Krach nach Deutschland gebracht und weder seine noch meine Mutter sprechen bis jetzt fließend Deutsch. Aber wir können es, weil uns die Möglichkeit gegeben wurde, in einem so stabilen Land mit diesem Rechtssystem aufwachsen zu können. Hier geht keiner vor die Hunde. Mir ging es in erster Linie darum, zu zeigen: Schaut mal Leute, wir hatten es hier als Kanaken zwar schon schwer, aber die Flüchtlinge haben es noch viel schwerer. Digga, da sind Menschen dabei, die in ihrer Heimat Zahnärzte waren und ihr eigenes Haus mit Grundstück hatten. Jetzt haben sie einen Rucksack und Fotos von früher – und werden hier null wahrgenommen. Wenn es gut läuft, enden sie in Deutschland vielleicht als Taxifahrer.

Ist bei dir etwas in Richtung konkreter Flüchtlingshilfe geplant?
Wir wollten einen Flug nach Griechenland buchen. Ein Freund von uns ist dort wohltätig aktiv und hat uns gefragt, ob wir 1000 Euro spenden wollen, damit 60 Familien Essen kriegen. Ich hab ihn direkt gefragt, wohin ich das Geld überweisen soll. Aber er meinte, wir sollten persönlich kommen, damit die Leute auch sehen, dass es von uns ist. Ich muss zwar zeitlich schauen, ob ich es schaffe, selbst hinzufliegen, aber ich will es auf jeden Fall tun. Einfach das zurückgeben, was man kann, weißt du? Wie leben wir hier und wie leben die Menschen dort? Die schlafen monatelang in Zelten, egal ob es regnet oder hagelt.

Es ist lobenswert, wenn man seinen Worten auch Taten folgen lässt. Viele Menschen haben da ja eine gewisse Doppelmoral…
Richtig. Man muss immer das tun, was man sagt. Bei uns heißt es: Was du spuckst, leckst du nicht wieder auf. Das lässt du dann und stehst dahinter wie ein Mann. Wenn ich das nicht mache, dann könnt ihr mir alle ins Gesicht spucken. Es ist normal, dass man irgendwas zurückgibt. Wenn wir bei uns durchs Ghetto laufen, dann respektieren wir auch die Jüngeren, die Kinder. Die werden auch immer älter und haben Respekt verdient. Respekt überall, Digga.

Vor deiner Karriere als Rapper hattest du eine kriminelle Vergangenheit und saßt vier Jahre im Knast. Gibt es aktuell Probleme mit der Justiz?
Ich hab jetzt noch mal ein Gerichtsverfahren. Da laufen noch die Ermittlungen, weswegen ich darüber auch nicht reden darf. Aber im Großen und Ganzen hab ich damit abgeschlossen. Zu »AMG«-Zeiten war ich eventuell noch ein bisschen wilder, da war ich ja noch frisch ausm Knast.

Haben dich der Deal die letzten zwei Jahre auch ein bisschen ruhiger werden lassen? Es gibt ja das Klischee, dass die Musik die Leute von der Straße holt…
Die Musik hat mich jetzt nicht unbedingt von der Straße geholt, sie hat mich aber in gewisser Weise aufgefangen. Ich verbringe meine Freizeit jetzt mit anderen Dingen. Früher bedeutete Freizeit, vor dem Fernseher zu sitzen und zu kiffen. Jetzt will ich in der Freizeit ins Studio und bisschen Mucke machen.

Du bist aus Hamburg und hältst mit deiner Heimatstadt auch nicht hinter dem Berg. Trotzdem kam es bis jetzt noch nicht zu Featurer mit bekannteren Hamburger Rappern wie der 187 Strassenbande. Wieso nicht?
Es gab so ein paar Missverständnisse zwischen mir und den 187ern, die ich ein bisschen härter aufgefasst habe als die Jungs. Ich bin jetzt mit Bonez in Kontakt, wir schreiben per Whatsapp. Nur was mir mein Stolz verbietet – im Gegensatz zu vielen anderen Rappern – ist, in meiner Promophase auf einen Hype draufzuspringen, damit ich einen Klick mehr habe oder eine CD mehr verkaufe. Ich brauche das nicht. Wenn ich auf ein Foto von mir 200 Likes bekomme, ist das okay. Wenn die 187er auf ein Foto 15.000 Likes bekommen, ist das auch okay. Ich gönn denen den Erfolg. Das sind Hamburger Jungs, die machen ihr Geld und die geben sich Mühe mit dem, was sie machen. Ich hab mich mit Bonez ausgesprochen. Wenn sich was ergibt, dann ergibt sich das. Das wäre ein stabiles Hamburger Ding.

Wenn dir Klickzahlen und Resonanz nicht so wichtig sind, woran misst du dann, ob du mit deinem Produkt im Nachhinein zufrieden bist?
Ich finde es krass – und es berührt mich wirklich im Herzen -, wenn Leute meine Sachen mitrappen. Das ist für mich Resonanz genug. Das Geld interessiert in erster Linie gar nicht. Nicht, wenn du nicht so ein Ausnahmerapper bist wie Haftbefehl, Sido, Marteria, Prinz Pi oder Savas bist. Oder SSIO – krasses Album, krasser Künstler! Das sind für mich Ausnahmetalente, das sind Selbstläufer. Und die haben auch das Recht damit zu rechnen, dass sie richtig Asche machen und davon leben können. Die haben die Fanbase, haben richtig Zeit investiert und haben auch das nötige Talent. Ich selbst würde meinen Rap als mittelmäßig bezeichnen und auch mein Auftritt ist mittelmäßig. Kein Vergleich zu Prinz Pi & Co. Wenn meine Videos 100.000 Klicks haben, bin ich voll zufrieden. Das ist zwar nicht viel, aber meine Messlatte war: Einfach nicht blamieren. Wenn ich auf der 102 charte und Leute haten, dann stell ich die Gegenfrage: Ich hab Savas, Haft und Sido auf einem Album. Könnt ihr das? Ihr seid zwar Top-Ten-Rapper, aber könnt ihr das? Wie gesagt: Resonanz genug für mich ist, wenn die Brüder und Schwestern auf der Straße meinen Shit mitrappen oder die Leute im Knast meine CD bestellen. Power to the people, Digga!

 
Foto: Vitali Gelwich

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