Wer ist Megan Thee Stallion? Die Künstlerin hinter dem »Hot Girl Summer« // Feature


Let’s talk about Sex – ein altbewährtes und irgendwo auch wehleidiges Thema im HipHop. Da wir es aber wohl nicht loswerden, freuen wir uns doch lieber über diejenigen KünstlerInnen, die dem Thema noch gute Musik entlocken können. Introducing: Megan Thee Stallion, deren Geschichte noch mehr als ihr liebstes Hobby zu bieten hat – und deren Rap-Sozialisation deutlich tiefer geht, als es der WWW-Hype um #HotGirlSummer und das nun dazu erschienene Video vermuten lässt.

Wir sind in Houston anno 2005. 40 Grad, dampfender Asphalt, in den Chromfelgen spiegelt sich der Hochglanzlack der tiefergelegten Karossen aus den siebziger und achtziger Jahren. Basketball-Jerseys sind zu groß, Snapbacks hängen schief, Swisher Sweets frisch gestopft wie die Styrofoam-Becher. Der Radio-Host lamentiert, dass Yao und McGrady wieder verletzt ausfallen und kündigt zur Entschädigung einen Klassiker an. Wenige Sekunden später ertönen UGK aus der Bassbox im Kofferraum, um über »Top Notch Hoes« zu philosophieren (lest hier das ausführliche »Kings of HipHop« zu UGK).

Die Szene ist ein kleiner Querschnitt dessen, womit Megan Thee Stallion in South Park, Houston aufwächst. Ihre kürzlich verstorbene Mutter war selbst Rapperin und erzog ihr einziges Kind als selbstbewusst und zielstrebig. Schon als Kind schaute Megan Anime, malte kleine Comicbücher oder stahl heimlich Mamas Beat-CDs, um Raps zu schreiben, inspiriert vom bildhaften Sex-Rap von Pimp C, Biggie und Three Six Mafia. Ihr Swagger, den Megan heute als »Hot Girl«-Philosophie beschreibt, hat genau so viel mit Stil und sexueller Befreiung zu tun wie mit Bildung und Offenheit.

Im Mai überschwemmte Megan mit der #HotGirlSummer-Welle nämlich sämtliche Social-Media-Strände. Hinter dem HGS steht vor allem ihr Wunsch, dass sich Frauen von ihrer selbstbewusstesten Seite Zeigen und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen: »Sei du selbst, hör nicht darauf, was andere sagen. Du fährst das Boot. In diesem Sommer bist du selbst für dein Wohl verantwortlich. Wir machen unser Geld und geben kein Damn darüber, was ein Mann dazu sagt«, beschrieb Megan Thee Stallion den Spirit des Phänomens selbst. Auf Instagram finden sich mittlerweile knapp 600.000 Posts mit dem entsprechenden Hashtag, das Video (siehe oben) zum WWW-Hype mit Gastbeiträgen von Nicki Minaj und Ty Dolla $ign sammelte über eine Nacht knapp 3,5 Millionen Views.

Aber von vorne: In der Uni, an der sie heute noch Gesundheitsmanagement studiert, machte Megan ihr liebstes Hobby publik. Vor ziemlich genau drei Jahren stolzierte sie dann im Mini-Jeansrock und tiefstmöglichem Ausschnitt auf dem Dach der Kunstfakultät und ging zum ersten Mal durch die »Houston Cypher« viral. Kurvige 1,75m plus Heels (daher der Houston-Slang »Stallion«) und ein Flow, der die anderen Teilnehmer zu einer Randnotiz werden lässt, wurden zu ihrem Markenzeichen. Ihre autoritäre Delivery mit markantem Südstaateneinschlag, langen Vokalen und anzüglichem Charisma ließen augenblicklich ihr Starpotenzial durchblitzen. Übrigens: Auch den Uni-Grind zieht Megan weiter durch. Auf den #HotGirlSummer folgt nun das #HotGirlSemester. Offensive Freizügigkeit und Bücher wälzen: MTS sieht darin keinen Widerspruch und macht aus den vermeintlichen zwei Welten eine.

https://www.instagram.com/p/B1zLl0bFv8y/

Im vergangenen Jahr erschien dann mit »Tina Snow« das Tape, mit dem sie zum ersten weiblichen Signing bei Thuggers Labelheimat 300 Entertainment avancierte. Ihre Stripclub-Hymne »Big Ole Freak« verdeutlichte Megans Konzept: Unabhängig, unbequem und unbedingt nasty. Das Tape und ihr gleichnamiges Alter Ego, eine Anspielung auf Pimp Cs Alias Tony Snow, zeichnen sich vorrangig durch viel Sex- und Geldtalk, aber auch durch ein Ohr für Hits aus. Ob bei ihren Vorbildern und ihr selbst Sexismus in der Musik glorifiziert, umgedreht oder abgeschafft wird, darf diskutiert werden.

Auch auf Megans aktuellem Tape »Fever« hat sich ihr Ansatz wenig geändert. Auf Bass-lastigem Synth-Trap punktet Megan mit Charisma und Flowsicherheit, es geht ums Gewinnen und den Koitus. Vieles von dem, was schon bei Cardi B funktioniert hat, scheint sich für Megan zu wiederholen. Ihre Produktion ist etwas geradliniger, sie rappt weniger angestrengt, sogar der Einstieg von »Realer« denkt »Bodak Yellow« weiter. Jüngst zierte sie das »XXL«-Freshman-Cover – ein weiteres Indiz dafür, dass Megan den Intellekt, die Ausstrahlung und das Talent besitzt, um zur nächsten Südstaaten-Rap-Queen zu reifen.

Text: Max Hensch
Foto: 300 Entertainment

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