Megaloh

MEGALOH

 

Er gilt seit Jahren als einer der versiertesten Rapper Deutschlands. Man kann mit Fug und Recht ­behaupten, dass der Junge aus Berlin-Moabit die Arbeit am Mikrofon perfekt beherrscht und einer der wenigen ist, die dem Hörer das Gefühl vermitteln, dass Rap das Leichteste und Natürlichste auf der Welt sei. Medien und Kollegen sagten ihm bereits zu Beginn seiner Karriere Pelzmäntel und goldene Dukaten voraus, doch die Lobgesänge schallten bislang noch nicht über Moabits Hügel in die Welt hinaus. Nur Xavier Naidoo, Samy Deluxe, Joy Denalane und Max Herre sahen sein Talent und featureten den mit enormem Sprachgefühl gesegneten Rapper, der sich etwa auf Samys »Hände hoch«-Remix oder Herres »Rap ist« mit denkwürdigen Lines bedankte. Nun nahmen sich Megaloh und Herres Nesola-Team der ambitionierten Aufgabe an, in zahllosen Nachtschichten ein Album aufzunehmen, das den Ansprüchen des kompletten MCs gerecht wird – Musikalität und Substanz vereinen, aber nicht den Jungen aus dem Viertel verleugnen. »Endlich unendlich« ist genau diese eine Platte, die Megaloh machen musste, um dem Fluch des alternden Wunderkinds zu entkommen. Ein brutal ­ehrliches Album mit schwermütigem Spaß an der schönsten Nebensache der Welt: HipHop.

 

 

Du hast dein Album-Master vor wenigen Tagen abgegeben. Wie fühlst du dich?
Es ist schon eigenartig. Zum einen freue ich mich, dass es endlich so weit ist, da ich lange darauf hingearbeitet habe, ein Album in dieser Form herauszubringen. Auf der anderen Seite will man es aber auch nicht loslassen, da es wie ein Baby ist und ich möchte, dass es perfekt ist. Aber ich bin einfach nur unendlich froh, dass es nun so weit ist.

 

Es ist ja nicht dein erstes Release, aber das erste für ein größeres Label. War es eine harte Umstellung in der Arbeitsweise?
Es war nicht einfach. Ich würde schon sagen, dass es mein erstes richtiges Album ist, ohne meine vorigen Projekte jetzt schlechtreden zu wollen. Aber damals war ich ein absoluter Neuling. Ich finde schon, dass ich früher sehr gut gerappt habe. Aber Songwriting und Arrangements – das habe ich erst bei diesem Projekt richtig gemacht. Ich habe auch hier erst erfahren, was »ausproduzieren« heißt. Am Anfang hast du eine rohe Skizze vom Beat und wenn die Verses aufgenommen sind, setzt du dich mit dem Team noch mal richtig ran. Es ist schon Wahnsinn, was man aus einem Song noch alles rausholen kann.

 

Man muss ja auch viel verwerfen und Fehler eingestehen, wenn man so arbeitet.
Am Anfang war es sehr schwer. Das Schwierigste war das Vertrauen. Wie wird das Endresultat klingen? Versteht der ­Produzent eigentlich sein Handwerk? Was passiert da? Ich war wirklich sehr ­kritisch und habe jedem Beteiligten über die Schulter geblickt. Sobald ich aber gemerkt habe, was dadurch möglich ist, war ich total begeistert. Alleine das Nachspielen von Samples, der Einsatz von Instrumenten und so weiter. Das war wirklich super.

 

Und was das Textliche angeht?
Es war grundsätzlich nicht so einfach, in das Album reinzukommen, weil ich mich früher nicht unbedingt so tief mit persönlichen Sachen beschäftigt habe, sondern einfach nur rappen wollte und den Fokus auf Technik und Skills gelegt habe. Die Phase vor dem Album hatte dazu geführt, dass ich keinen Bock mehr auf dieses Ding hatte. Es war schon eine Umstellung, aber es hat sich gelohnt, Texte zu überarbeiten und auf jedes Wort zu achten. Ich stehe schon immer noch auf puren Rap und Skills, aber für dieses Album hätte das nicht gereicht. Ich bin ja nicht mehr der Jüngste. Und wenn dieses Album das letzte ist, was ich mache, kann es quasi als Vermächtnis angesehen werden. Daran kann jeder erkennen, was Sache ist.

 

Gab es auch mal eine Schreibblockade?
Ich hatte hin und wieder Schreibblockaden, aber ich habe im Laufe des Arbeitsprozesses gelernt, wie man damit umgeht. Ich sehe das wie Wellenreiten. Es gibt kreative, wellenartige Schübe, und diese muss man rechtzeitig erkennen. Auf dieser Welle muss man dann so lange reiten und so viel Arbeit reinstecken, wie es geht. Diese Begeisterung muss man einfach herauskitzeln. Das ist das Wichtigste – die Begeisterung am Leben zu erhalten.

 

 

Im Fußball gibt es den Ausdruck des ­»ewigen Talents« für Spieler, die jeder auf dem Schirm hatte und gut findet, bei denen aber der letzte Schritt gefehlt hat. Fühlst du starken Druck von außen?
Ja, stimmt schon. Aber Druck fühle ich jetzt nicht mehr, am Anfang war das sehr krass. Der Druck kam allerdings eher von mir selbst, da in der Szene ohnehin niemand mehr mit dem Album gerechnet hat. Es ist schon so etwas wie meine letzte Chance. Vorher hatte ich für mich persönlich eigentlich schon ausgemacht, dass ich es sein lasse. Ich bin ja keine 20 mehr. Aber ich wollte es einfach noch mal wissen. Rückblickend kann ich sagen, dass ich schon sehr viel Begeisterung und Energie in Projekte gesteckt habe, jedoch nie diesen 120-Prozent-Film geschoben habe, wo man nicht isst, nicht schläft und die komplette Zeit der Produktion widmet. Aber wenn man sagt, das hier ist mein Traum, das will ich erreichen – dann muss man einfach alles dafür geben.

 

Du warst als Rapper und Person immer schwer greifbar. Das Technische hast du ja immer schon beherrscht, aber man wusste nie genau, woran man bei dir war. Mal kam der G zum Vorschein, dann gab es wieder nachdenkliche Töne …
Beim Aufnehmen hab ich nie darüber nachgedacht, da ich mir nie eine Hörerschaft vorgestellt habe. Ich habe einfach nur gerappt. Bei diesem Album wollte ich einfach bestimmte Dinge aus meiner Vergangenheit aufarbeiten. Das musste einfach raus. Im zweiten Schritt kamen dann auch Zweifel, das war mir dann zu viel. Ich habe auch einige Details wieder rausgestrichen. Der Free-Track »Traum vom Fliegen« war sehr wichtig für diese Entwicklung. Die Tochter eines Arbeitskollegen ist sehr krank geworden. Sie hatte eine Stimmbandoperation und hätte beinahe ihre Stimme verloren. Der Kollege hat ihr meinen Song gezeigt, und der hat ihr im Krankenhaus extrem viel Kraft gegeben. Ich meine, die Kleine ist neun Jahre alt. Die ist von meinem Leben so weit weg, wie es nur geht. Der Song ist eigentlich nicht für Kinder gedacht. Aber gerade so etwas verschafft mir dann Gänsehaut. Dass ein Song von mir im Leben einer völlig fremden Person etwas Positives bewirken kann.

 

Das übergreifende Thema des Albums ist die Suche.
Ja, die Suche nach einem selbst. In dieser Welt herrscht eine krasse Reizüberflutung. Da kann man sich schnell verlieren und verdrängen. Ich wollte jetzt ganz bewusst für mich und für andere in meinem Umfeld, denen es vielleicht ähnlich schwerfällt, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, so ein Album vorlegen. Nach dem Motto: Wenn du so etwas von jemandem hörst, der ein ähnliches Leben führt, fällt es dir möglicherweise leichter, dich selbst zu hinterfragen. Eigentlich ist es ja nicht schwer, über die eigenen Ängste zu sprechen – man hat nur Schiss vor den Reaktionen aus dem Umfeld. Aber wenn du dazu stehen, diese Schwäche aufnehmen und begreifen kannst, dann hilft es dir auf jeden Fall weiter. Angst ist ein großes Thema. Die Angst zu versagen, es nicht zu schaffen. Meine Mutter hat sich für mich definitiv ein anderes Leben vorgestellt. Dass ich nicht so lange in einem »Hobby« hänge, ohne Sicherheiten.

 

 

Was denkt sie jetzt?
Na ja, ich habe jetzt noch einen Job. Einen Plan B. Also, eigentlich ist es kein Plan B. Es ist nur ein Job, der mir regelmäßig Kohle einbringt. Das beruhigt sie schon. Dass ich einen relativ geordneten Tagesablauf habe, mit Krankenversicherung und so weiter. Deswegen denkt sie, dass ich ein bisschen vernünftig geworden bin. Wenn der Junge es schafft, morgens um vier Uhr aufzustehen, kann er nicht der totale Hänger sein. Die Musik ist für sie aber weiterhin ein teures Hobby. Das wird sie erst überzeugen, wenn sie mich in den Medien sieht oder andere Leute sie auf mich ansprechen.

 

Siehst du sie denn selbst als deinen Beruf?
Noch nicht. Im Moment brauche ich ja noch den anderen Job, um finanziell über die Runden zu kommen. Aber das ist auf jeden Fall das Ziel. Ich schreibe ja auch Gesangsnummern für andere, würde also in Zukunft eher Texter als mein Berufsbild sehen. Das geht leichter von der Hand. Das geht von Schlager bis Soul. Das ist mir in dem Moment dann auch egal, wenn es was wird und wenn Geld dabei rumkommt. Die Arbeit ist auch lustig. Schlager ist für mich zum Beispiel richtige Verarschungsmusik. Was man da so schreiben kann – das ist schon sehr witzig, wenn man damit durchkommt. Wenn die Platte durch ist, werde ich da auch mehr Zeit investieren.

 

Was für ein Soundbild wolltet ihr für das Album haben?
Ich bilde mir ein, dass es zeitlosen HipHop gibt und der hat für mich viele analoge Sounds und ist nicht allzu trendbewusst. Das Album klingt schon sehr modern und ist keine Throwback-Platte, aber sie ist sehr musikalisch geworden. Als wir schon fast fertig waren, kam das Kendrick-Lamar-Album heraus und das hat uns alle noch mal sehr geflasht, weil es so stimmig ist. Ich mag auch alte New-York-Sachen aus den Neunzigern, aber das ist eher unbewusst in die Platte eingeflossen.

 

Du hast gesagt, dass du dieses Mal mehr Wert auf den Inhalt gelegt hast. Wie schwer war es, das alles trotzdem mit der Technik in Einklang zu bringen?
Sehr schwer. Ich fokussiere mich bei jedem Projekt immer auf einen Aspekt. Früher war es die Technik, dann war mein Ding die Ignoranz, auf »Monster« kam dann die Verachtung und Wut dazu und bei »Endlich unendlich« ging es um Ehrlichkeit. Deswegen hab ich die Technik zu Beginn zurückgeschraubt. Wenn du immer in sechssilbigen Lines denkst, bleibt nicht mehr viel Platz für den Sinn, da viele Wörter automatisch wegfallen. Da muss man sich erst mal rantasten. »Loser« war der erste Song, den ich für das Album geschrieben habe, da sind einige Reime auch mal nur zweisilbig, dienen aber der Sache. Es muss schon auf einem gewissen Level sein, aber ich brauch nicht mehr in jedem Song diese »Boah«-Momente. Ich liebe weiterhin ignoranten Rap, das gehört dazu, aber jetzt ist für mich persönlich nicht die richtige Zeit dafür. Deswegen ist auch ein Doubletime-Song vom Album geflogen, den werde ich noch irgendwie rausbringen, aber das war einfach zu viel. Danach hab ich noch »Programmier dich neu« aufgenommen, dort flexe ich in einigen Passagen, habe es aber nicht so übertrieben.

 

 

»Programmier dich neu« sticht ja ­soundmäßig etwas heraus.
Als ich den Song aufgenommen habe, habe ich gar nicht mehr an das Album gedacht, das war für mich schon abgeschlossen. Zum Ende des letzten Sommers hatte ich das Gefühl, dass ich alle Songs habe. Dann habe ich ein Mikrofon mit Interface für zu Hause bekommen und konnte auf einmal am Laptop Skizzen aufnehmen. Aus der Begeisterung hab ich noch mal 14 Songs in zwei Wochen geschrieben, da war auch »Programmier dich neu« dabei. Im Nach­hinein hat er zum Album gepasst, da dieser moderne Sound noch etwas gefehlt hat.

 

Du sprichst oft über Verantwortung und ­thematisierst auch in dem Song ­»Vaterfigur«, dass du in einer Beziehung lebst und dich um die Kinder deiner Freundin kümmerst. War das wichtig für dich?
Ja, das ist eine krasse Erfahrung. So etwas geschieht ja nicht geplant. Wir haben uns kennen gelernt und nun hat es sich so entwickelt. Ich hab dadurch auch viel über mich selbst erfahren. Du musst ja zurück­stecken und dir darüber im Klaren sein, dass es Menschen gibt, die wichtiger sind als man selbst. Das Verrückte an Kindern ist, dass sie unbewusst das eigene Verhalten widerspiegeln. Die spielen ja nicht mit verdeckten Karten wie Erwachsene. Man beobachtet sie, analysiert sie und kann erkennen, warum sie etwas machen. Ich habe viel von ihnen gelernt. Teilweise war es auch hart, gerade in der Endphase der Produktion. Ich bin um vier Uhr aufgestanden, zur Arbeit gegangen, danach ins Studio, kam dann abends nach Hause und musste noch mit den Kids für die Schule lernen. Das ist schon schwierig, aber wenn dir klar ist, dass es für die Zukunft der Kinder wichtig ist, dass sie die Gewissheit haben, dass sich jemand um sie kümmert und sie das später weitergeben können – dann machst du es einfach.

 

Eigentlich hatte das Album kaum Features, dann kam kurz vor Schluss noch ein Song mit Max Herre hinzu, und Marteria hat auch noch einen Part aufgenommen.
Ja, ich wollte mit Max noch mal so ein »Eimsbush bis 0711«-Ding machen. Den Song hab ich damals sehr gefeiert. Ein gechillter Beat und dann so Space-Flows von Max und mir. Der funktioniert super. Mit Marten hat es ganz spontan geklappt. Eigentlich wollten wir eh zusammenarbeiten, er hatte allerdings so viel zu tun und konnte erst nach dem Sommer, deswegen hatten wir das gar nicht mehr auf der Haube. Alan [Ghanaian Stallion, Anm. d. Verf.] hat ihn dann irgendwann in Kreuzberg beim Essen getroffen und glücklicherweise hatte sich das Mastern des Albums um eine Woche verschoben, so dass noch Platz war. Marten hat direkt am nächsten Tag eine unfassbare Strophe abgegeben. Er beherrscht ja den langsamen Flow extrem gut, hat allerdings auch noch einige andere Sachen ausgepackt.

 

Wann ist ein Flow für dich anspruchsvoll?
Das kommt immer auf den persönlichen Style an. Ich bin mittlerweile beim Rap-Hören weit weg vom normalen Hörer, da ich automatisch auf die Silben, die Atemtechnik und Aussprache achte. Die Stimmung muss funktionieren. Bei Marten ist es vor allem die Aussprache und der Wortwitz. Gut langsam rappen ist brutal schwer, das kann nicht jeder. Er ist da auf jeden Fall weit vorne. Samy ist sehr stark, Telly Tellz und MoTrip rappen auch sehr gut. Afrob hat einen ganz eigenen Style. Es gibt schon einige in Deutschland.

 

 

Auf dem Album sind auch einige Deutschrap-Referenzen, und du hast das Mixtape »Auf ewig« aufgenommen, wo du über klassische Deutschrap-Instrumentals rappst. Ich meine mich zu erinnern, dass du mal gesagt hast, dass du eigentlich gar keinen Deutschrap hörst. Kam das erst im Nachhinein?
In meiner aktiven Zeit hab ich wirklich nicht viel mitbekommen. Vorher schon: Rödelheim, Afrob und Samy habe ich gehört, »Feuerwasser« von Curse und das erste Album von Creutzfeld & Jakob habe ich mir auch gekauft. Ich fand auch die frühen Savas-Sachen sehr cool. Aber es stimmt schon, grundsätzlich war ich auf dem Ami-Film. Ich hatte jetzt einen Song auf »Anfangsstadium« aufgenommen und mich immer mehr mit diesen Sachen beschäftigt, so dass die Idee zur EP ganz automatisch kam. Es hat schon Spaß gemacht, die ganzen Beats zu picken und drauf zu schreiben. Bei RAG ärgere ich mich heute selbst, dass ich das früher verschlafen habe. Aphroe rappt wirklich überkrass.

 

Wieso eigentlich kein Samy-Beat?
Das wäre zu offensichtlich gewesen. (grinst) Samy und ich sind ohnehin down ­miteinander, wir sind gemeinsam auf dem »Rap ist«-Remix und für mein Album hat er auch noch mal einen unfassbaren Part aufgenommen. Ich feiere ihn extrem. Wir pushen uns gegenseitig. Er hat jetzt so ein dreckiges Ding für sein Soloalbum vorbereitet. Da sagt er selbst auf dem Song, dass es die Rache für »Hände hoch« sei. Damit muss ich mich jetzt auseinandersetzen. Samy will ja alles immer sehr schnell haben, da er selbst die ganze Zeit am Schreiben ist. Seinen Verse für den »Rap ist«-Remix hat er innerhalb von zwei Stunden gemacht. Vor allem muss man erst mal peilen, was er da gemacht hat. Er hat eigentlich gezeigt, dass er niemanden ernst nimmt. Samy ist der Krasseste.

 

Text: Ndilyo Nimindé
Fotos: Robert Winter

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