MC Smook – vom Rapper zum Happening // Feature

MC Smook ist ein Sonderling in dieser Szene, ein Aktionskünstler, vielleicht sogar Deutschlands erster Happening-Rapper. Ein Porträt.


MC Smook ist ein Phänomen, ein Untergrundsoldat mit Message, Mission und treuer Fanbase. Regelmäßig deckt er mit spektakulären Promo-Stunts und Internetkampagnen die Absurdität der digitalen Gesellschaft auf. Wahlweise verkauft er DFB-Trikotimitate mit Belgienflagge, um Nationalisten auf die Schippe zu nehmen, wenn er nicht gerade Verschwörungstheoretiker per Videointerview hinters Licht führt. Das Ruhrpottkind ist ein Sonderling in dieser Szene, ein Aktionskünstler, vielleicht sogar Deutschlands erster Happening-Rapper. Ohne Label, aber mit starkem Willen und hohem Output. Ein Porträt.

Es gibt kaum ein Genre, das sich die Mechanismen des Internets so sehr zunutze gemacht hat wie HipHop. Das liegt einerseits an der produktionstechnischen Unmittelbarkeit dieser Musik, andererseits auch an dem simplen Fakt, dass HipHop seit seiner Entstehung eine Affinität für technische Neuerungen hatte – Stichwort Crossfader, Stichwort Sampling, Stichwort Autotune. Und HipHop ist vor allem: eine DIY-Kultur. Ein Rapper in Deutschland, der das Spiel aus Viral-Phänomenen und Indie-Hustle seit Jahren wie kaum ein anderer durchzieht, ist MC Smook.

Schon bevor er 2014 mit »Cola mit Eis« landesweite Aufmerksamkeit in der HipHop-Filterblase generierte, hatte er durch einen lokalen Mini-Hit namens »Winter, wa!« in seiner Heimat Issum etwas Bekanntheit erlangt. In dem Video raufen sich der damals 17-jährige Smook und ein paar Homies in einem verschneiten Dorf irgendwo in NRW, während sie übers Rodeln, Glühwein und Schneemänner rappen. Das ist ziemlich albern, aber auch ziemlich real. Echtsein, das steht für MC Smook früh an oberster Stelle. Dafür müsse man eben mit Gegenwind rechnen: »Selbst als der halbe Schulbus sich über mich lustig gemacht hat, wusste ich: die sind nicht ready! «, sagt er. Wer hohe Ansprüche habe, lerne mit Hate umzugehen. Schon hier, im Jahr 2009, blitzen zwei Eigenschaften auf, die sein Schaffen bis heute prägen: juveniler Leichtsinn und Mut – auch zur Blamage.

Zeitsprung. Als MC Smook »Cola mit Eis« 2014 ins Internet stellt, gelingt ihm fast aus Versehen erstmals ein Viral-Hit mit nationaler Tragweite. Der Song wird umso größer, als der damals wiedererstarkte König des Internet-Trashs Moneyboy einen Remix inklusive Video dazu aufnimmt. Smook wird Teil von Moneyboys Glo Up Dinero Gang, die mit Zöglingen wie Juicy Gay und LGoony deutschen HipHop breitenwirksam in einen Grabenkampf stürzt – Old vs. New, Swag vs. Skillz. Die Gemeinsamkeit der GUDG-Mitglieder ist die Ablehnung des vorherrschenden HipHop-Verständnisses, das Handwerk vor Emotion setzt, weshlab sie die übermenschlichen, teils bierernsten Darstellungen mancher Rapkollegen mit abseitigem Humor und Überzeichnung konterkarieren. Auch Smook sieht das so: »Man darf nicht vergessen, dass der Hype um technikfixierte Formate wie dem VBT damals erst abklang. Durch die GUDG wurde vielen erst bewusst, dass es im Rap nicht darum geht, schnell und korrekt den Takt zu treffen.«

Auch visuell überzeichnet MC Smook mit No-Budget-Clips wie »Grinden mit Delphinen« oder »Süß wie 1 Babypinguin« den damaligen State Of The Art – und holt gleichermaßen das Skurrilitätenkabinett called Internet in den deutschen HipHop. Es bleibt bis heute Teil seines Spielfelds. Der klickstarke Hype um das neue Web-Rap-Phänomen, das viele jetzt Cloudrap nennen, erreicht seinen Höhepunkt im Sommer 2015 auf dem splash!, als Moneyboy, LGoony und eben MC Smook die kleine Nebenbühne des splash! Mag für einen Tag zur Hauptattraktion des Festivals machen. »Das war der Peak dieser Ära. An dem Tag stand da gefühlt das ganze splash! vor unserer kleinen Stage – und das alles ohne Label!«, erinnert sich Smook. Trotz ausgiebiger Touren mit Moneyboy reicht es ihm bald nicht mehr, als Internetwitzfigur durch die Großraumdiskos des Landes zu tingeln. »Ich habe mich ab 2016 ein bisschen von der GUDG gelöst, weil ich dort keinen Fortschritt mehr sah. Die wurden mir alle zu sehr zu Youtubern.«

»Politrap wirkt oft kalkuliert, das wäre nicht authentisch für mich.«

Smook studiert eigentlich Politikwissenschaften und macht keinen Hehl aus seiner politischen Haltung, die er dem linken Spektrum zurechnet. Politik habe ihn immer interessiert, Wahlsonntage seien wie Feiertage für ihn. Behutsam bewegt er sich bald von seinem Kinder-Rap-Image weg. Statt überdrehten Cartoon-Raps wie auf dem »Tier Tape« politisiert sich Smooks Musik allmählich. 2016 droppt er »Wähl’ nicht die AfD« und stellt sich damit als einer der erster deutschen Rapper lautstark gegen die rechtspopulistische Partei – weit vor #wirsindmehr. Das ist so öffentlichkeitswirksam, dass ihn sogar die damalige Parteisprecherin Frauke Petry per Mail auffordert, das Video zu löschen – zumindest wenn man Smooks Screenshot glauben will. Wieder ist es ein Spiel mit dem Internet. Künstler seien in diesen Zeiten aufgefordert, kreativ auf Entwicklungen in Gesellschaft und Politik zu reagieren, findet er.

Die Zwischenräume des WWW nutzt er auch heute geschickt. Kurz bevor sein zweites Album »Paläste aus Scherben« im Oktober 2018 erscheint, legt er den Youtuber »Trau keinem Promi« rein, der Verschwörungstheorien mit Musikbezug verbreitet. Smook behauptet, sein Label habe ihn gezwungen, den Song »Suicide« am Todestag von Mac Miller zu veröffentlichen – obwohl Smook bis heute seine Musik selbst veröffentlicht und mit Miller nichts zu tun hat. Am Ende landet Smook in einem Interview auf besagtem Kanal. Internet ftw.

Doch MC Smook ist weder Hobby-Troll noch Politrapper. Ausschließlich Politisches zu produzieren würde ihm unecht vorkommen: »Politrap wirkt oft kalkuliert, das wäre nicht authentisch für mich.« Sein Ansatz hingegen sei satirisch. Sein Menschenbild ist erfreulicherweise trotz Anfeindungen auch bei seinem Gag, T-Shirts mit der Flagge von Belgien unter dem Motto »Hol dir dein Land zurück« zur Fußball-WM 2018 zu verkaufen, positiv geblieben: »Wenn jemand durch so was wie ‚Trau keinem Promi‘ rechts wird, ist er auch so leicht zu beeinflussen, sich wieder umstimmen zu lassen.« Was verschwinden müsse, sei konservatives Gedankengut – in der Gesellschaft, im Internet, im HipHop. Letzteren liebe Smook aber immer noch sehr: »Ich könnte mich davon nicht distanzieren, so sehr ich HipHop auch kritisiere und persifliere mit einer Trash-Premium-Box oder dem Erotikkalender«, sagt er. Die eigenen Kinder liebe man schließlich immer am meisten.

Foto: Veganius

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #190. Die aktuelle Ausgabe gibt’s versandkostenfrei im Shop.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here