MC Bomber: »Im Großen und Ganzen mache ich Bildungsbürger-Rap« // Feature

Anderthalb Jahre ist es her, dass MC Bomber vor der hiesigen Rap-Gemeinde seine »Predigt« hielt und über Fraunenarzts Label Proletik die guten alten West-Berliner HipHop-Werte »Feiern und Ficken« propagierte. Nun lauert und der Prenzl’berger hinterhältig im »Gebüsch« auf und spuckt uns seine zur Kunst erhobene Verachtung und Selbstgefälligkeit auf Longplayer Nummer zwei ins Gesicht.

Bereits beim Erklimmen des Stahlturms entfaltet das urige Oberstübchen der Malzfabrik in Berlin-Schöneberg seinen alt-industriellen Malocher-Charme. Zur netten Plauderei über den neuesten Streich von Deutschraps Bud Spencer wird herzhaft aufgetischt: Pasta Casareccia mit scharf angebratenem Tintenfisch an einem Sud aus Schmorgurke, Aprikose, Rahm und Parmesan, dazu ein kühles Mittel-zum-Zweck-Pils. Gewohnt stilsicher trägt Bomber einen schnörkelig-schnieken Pullover, die üblichen Segel-Lederlatschen und Spendierhosen.

Das Alpha und Omega in Spree-Athen

Der Duft des Mittagstisches lockt den Lokalmatador aus dem Berliner Nordosten in vermeintlich fremde Gefilde. Doch schnell wird deutlich, dass Bomber in alle Himmelsrichtungen bestens vernetzt ist. Denn er begibt sich nicht nur regelmäßig ins Proletik-Headquarter nach Schöneberg, er fühlt sich als Teil der Nordachse auch bei Partner-in-Crime Shacke One im Wedding zu Hause und macht mit Kippkumpane Karate Andi gerne die Kaschemmen in Neukölln und Friedrichshain unsicher. Vielleicht liegt dieses Umtriebige an seiner Graffiti-Historie, denn jahrelang lauerte Bomber S-Bahnen im gesamten Stadtgebiet auf. Musikalisch hingegen machte er erst 2013 auf sich aufmerksam, als er die vor sich hindösende Battlerap-Tradition der Hauptstadt mit seinem »P.Berg Battletape« aus dem Dornröschenschlaf wachküsste. Kaum ein anderer Rapper scheint heute sämtliche Extravaganzen des Sündenpfuhls an der Spree so in sich zu vereinen wie er.

Die Käseglocke über dem Kopf

Dementsprechend diktiert die strenge La-Familia-Politik auch seinen künstlerischen Schaffensprozess. Auf die Frage, inwiefern die Kollaborationen auf »Gebüsch« entstanden seien, antwortet er trocken: »Ich mache Tracks mit denen, die da sind.« Und so darf man sich auf die altbewährte Konstellation mit Karate Andi freuen sowie auf eine mit DCVDNS. Die Zusammenarbeit der Berlin-Saarland-Achse kommt erstmalig zustande und dürfte jeden geeichten Rap-Nerd auf eine Fortsetzung hoffen lassen. Ansonsten finden sich mit Tiger, MXM und Pöbel MC die üblichen Verdächtigen straight aus dem eigenen Umfeld. Nicht vorhanden ist hingegen ein Gastpart vom Leipziger Gesandten Morlockk Dilemma – wohl wegen der EP mit Morlockk-Beats und Bomber-Raps, die im Laufe dieses Jahres noch erscheinen soll. Aber hey: Immerhin machten sie ja auch kürzlich erst gemeinsame Sache auf Shackes »Drei Schwengel für Charlie«. »Sobald zwei Sechzehner und die Hook stehen, ist im Grunde ein neuer Track fertig – organisch, aber konzeptionell.« Ergo: Natürlich, ungezwungen und doch mit System – diese Aussage beschreibt bestens den Kern von Bombers lyrischen Ergüssen.

Wie erwartet überwiegt auf »Gebüsch« die Battle-Sektion als kunterbuntes Sammelsurium wohl durchdachter Schmähfloskeln und Selbst-Boasting-Lines. So gewährt MC Bomber wieder hochspannende Eindrücke in das verblüffende Intimleben zwischen deiner Mutter und ihm, Ketamin-durchzechte Wochenenden und die Erörterung exorzistischer Experimente am ohnehin schon geschundenen Körper des Feindbildes Wack MC. Offenbar lässt sich der Urberliner für seine dichterische Muße noch immer von seinem Alltag inspirieren. Zwischen den reinen Battle-Tracks schleicht sich hin und wieder aber auch eine Erzählung ein; verglichen mit der vorangegangen »Predigt« allerdings deutlich seltener. Die eigentliche Neuheit des zweiten Albums besteht darin, dass Bomber vor allem musikalisch über den Tellerrand linst. Zum einen liegt das an DJ Cool Berlin und Pavel als federführende Produzenten, aber auch an der persönlichen Entwicklung des Rappers. Dementsprechend fängt er, trotz des noch immer eingewurzelten Boombap-Stammbaumes, eine Reihe Szene-ferner Inspirationen ein: Unter anderem bedient er sich an Beats mit Achtzigerallüren und an denen eines befreundeten Techno-DJs. Bomber indes arbeitet so spontan und intuitiv wie möglich – bloß keine Konstruktion am Reißbrett, bloß keinen Gedanken daran verschwenden, welchen Hit oder welches Feature nötig wäre, bloß keine erzwungenen Verträge. Das verhilft dem Langspieler zu ungezwungener Kohärenz, ohne dass die Eintönigkeit droht. Grinsend fasst MC Bomber zusammen: »Live, direkt und pur von der Straße.«

Tropical-Trap und trotzdem Taxifahrer

Und ganz im Zeichen dieser Natürlichkeit stellt sich Bomber klar gegen jedwede Art von »Schablonenmusik«, wofür er nach eigener Aussage »schlicht zu intelligent« sei. Dieser Tage erscheint ihm Rap eingerostet, langweilig, ironischerweise geradezu spießig. Er hält die außerszenisch zwar oft als unkonventionell wahrgenommene HipHop-Gemeinde für gepflegt reaktionär und für eine »festgefahrene Nicht-so-weit-über-den-Tellerrand-Guck-Nummer«. Grund genug für ihn, auf die Szene keinen großen Fick zu geben. Und bis auf Shackes »Bossen & Bumsen«, bei dem er selbst als Ratgeber involviert war, vergisst er den gerappten Output bereits im Moment des Zuhörens schon wieder – Einwegmusik eben. »Rapper sind Kindergärtner, die zu allem Überfluss die Kinder nur dümmer machen und an ihrer eigenen Zielgruppe selbst schuld sind. Wenn du auf deinem Konzert nur 14-jährige Mädchen rumspringen hast, dann machst du eben Mucke für 14-Jährige. Ich bin nicht Bausa. Ich bin MC Bomber. Und ja, ick würd’ noch’n zweetet nehm’, das Bier is sehr, sehr grande.« Bomber wird oft gefragt, ob seine Konzerte nur Vollidioten besuchen. Er antwortet dann immer, im Kern bestünde sein Publikum aus »ganz normalen Werktätigen« im Alter von 25 bis 30 Jahren und nicht aus »irgendwelchen Perversen. Wobei: Die gibt’s ja eigentlich überall.« Vorteilhafterweise schreckt die plakativ prollige Ausdrucksform den gemeinen Spießer von vornherein ab und offenbart nur den Hartgesottensten die eigentliche Message der Songs. Als anschauliches Beispiel dient der vorletzte Track des Albums »Ode an die Sexarbeit«, der trotz der denkbaren Obszönitäten, strenggenommen zu keinem einzigen Zeitpunkt sexistisch ist. »Im Großen und Ganzen mache ich Bildungsbürger-Rap.«

Gewaltbereite Spaßkolonne bereit für dicken Action-Rap

Eine Performance richtet sich auch darauf aus, dem Besucher auf dem Weg nach Hause ein Gefühl der Katharsis und Unterhaltung mitzugeben. Deshalb findet die Figur MC Bomber auch nur auf der Bühne zu voller Entfaltung: »Rap ist voll darauf ausgerichtet, live zu entertainen. Ich kann keinen MC ernstnehmen, der auf der Bühne keine Pferdelunge ist. Das ist der Real Deal.« Dazu bemüht sich der MC während der Promophase mustergültig im Fitnessstudio und skippt Brust und Bizeps zugunsten des Bauch- und Leg-Days. Schließlich trainieren sich das Zwerchfell für die Atmung und die Beine für die Standfestigkeit auf der Bühne nicht von alleine. An seiner energischen Präsenz arbeitet er also mit bitterem Ernst. Und sollte ihm die Puste ausgehen, stünde einer Kofinanzierung für eine Bosstransformation seitens der Fans sicherlich nichts im Wege. Der Drang zum Stage-Mic beruht aber auch auf staubtrockenem Pragmatismus: »’Predigt‘ hat sich ganz in Ordnung verkauft, aber Radiohits mit GEMA-Kohle habe ich nicht. Nur live wird richtig Asche verdient.« Gemeinsam mit Mista Meta als Einpeitscher begeben sich die Künstler ab April auf Klassenfahrt mit etwa dreißig Stationen in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz. Und: »Eigentlich lehne ich Autotune ja ab, weil ich weiß, wie schwer es live umsetzbar ist. Aber wie wäre es eigentlich mit Autotune zwischen den Tracks, wenn ich mal ein paar Ansagen machen muss?«

Mentale und musikalische Trennkost

Das Soundbild im »Gebüsch« und die Fortsetzung der erzählerischen »Topstory Tape«-EP als anregendes Amuse-Gueule in der Box verdeutlichen, inwieweit sich MC Bomber als Charakter entwickelt und musikalisch geöffnet hat. Diese Experimentierfreudigkeit könnte den Verdacht erhärten, er könne künftig auf bis dato ungekannte Stile ausscheren. Für den Moment aber scheinen derartige Spekulationen allerhöchstens kristallkugelsicher. Schließlich läutet er sein aktuelles Release unmissverständlich mit folgenden Worten ein: »Für schlechten Geschmack gibt’s die Todesstrafe! So isstet, so war’t und so bleibt et. Für immer!« Vorerst serviert Berlins bierseligster Berserker also noch die bewährte Hausmannskost statt Faxen und Fisimatenten. So betrachtet, will sich der Ausflug in die Haute Cuisine der Mensa-Essen gar nicht so richtig fügen – der Qualität unseres Gespräches nach zu urteilen aber schon.

Text: Edoardo Rossi
Foto: Phillip Kaminiak

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