Massiv Interview

Mit seinem fünften Album innerhalb von vier Jahren will Wasiem Taha zu ­seinen Ursprüngen zurückkehren. »Blut gegen Blut 2« nimmt Bezug auf sein legendäres Debüt unter dem Künstlernamen Massiv. Ungefiltert und brachial lässt der Deutsch-­Palästinenser seine Hardcore-Fantasien auf den Hörer einprasseln, ganz ohne den Zensurfilter des Majorlabels und der Mainstream-Industrie. Um so beeindruckender, dass Massiv zum Interview ganz alleine in der neuen Berliner JUICE-Redaktion auftaucht – ohne Entourage, ohne Manager, ohne die üblichen Blockwarte als Beschützer, einfach nur ­Massiv und seine Bauchtasche. Spontan bietet er sich an, zwei schmächtigeren Redaktionskollegen beim Tragen eines schweren Büroschranks zu helfen. Der böse, bedrohliche Massiv vom Album und der höfliche, respektvolle Wasiem, der hier vor uns sitzt – zwei Facetten einer Person oder einfach nur die konsequente, schlüssige Übersetzung des Hollywoodprinzips auf Rapmusik? Ein Gespräch über kreative Kontrolle und Kreatin-Kuren sowie über Massivs tiefe Verbundenheit zur Musik von Afrob.

Was ist das Konzept hinter »Blut gegen Blut 2«?
Während der Aufnahmen sind auf jeden Fall einige Mikrofonständer in der Kabine herumgeflogen. (lacht) Ich habe endlich wieder meine ganze Power eingesetzt. Ich konnte genau das machen, was ich immer machen wollte. Nach dem ersten Teil von »Blut gegen Blut« wurde ich ja abgedämpft, was die Härte angeht. Jetzt konnte ich wieder der sein, der ich eigentlich bin. Ich empfinde das neue Album als vollkommen.

Was meinst du mit »abgedämpft«? Hast dein Label Sony dir inhaltliche Vorgaben gemacht?
Ja, natürlich. Jetzt kann ich wieder selbst entscheiden, was auf die Platte kommt. Ich muss auf nichts mehr aufpassen. Meine Musik ist härter als je zuvor. Ich lasse es auch nie wieder zu, dass mir irgendeiner was zu sagen hat, was meine Musik betrifft. Heute sehe ich es als größten Fehler an, zu einem so frühen Zeitpunkt zum Major gegangen zu sein. Ich hätte lieber noch ein Jahr Independent-Action gemacht, dann hätte ich mich noch besser etabliert. Klar, wäre ich damals nicht zum Major gegangen, hätte ich auch nicht daraus gelernt. Aber ich bin noch jung.

Du sagst in einem Song, die Rechtsabteilung von Sony hätte sich über dich beschwert.
Ach, ganz ehrlich: Ich hätte für 10.000 Euro weniger bei Neffi [Temur, A&R bei Universal, Anm. d. Verf.] unterschreiben sollen. Hätte ich gewusst, dass Bushido eine Woche später zu Sony geht, hätte ich auf jeden Fall bei Neffi unterschrieben. Der hätte wenigstens gewusst, wie er mit mir umgehen muss. Für Sony war das ja komplettes Neuland. Die haben das Thema sehr vorsichtig behandelt. Und als ich eine Woche vor dem Release von »Ein Mann, ein Wort« den Schuss abbekam, haben die sich richtig in die Hose gemacht. Ich durfte keine Interviews mehr geben. Die von Sony haben sich auf einmal geschämt, dass ihr Logo auf meiner CD ist. Die haben keine Promo mehr gemacht, das Album nur noch ins Regal gestellt und nichts mehr dafür getan.

Dein letztes Album »Der Ghettotraum in Handarbeit« erschien dann in Zusammenarbeit mit dem Indie-Vertrieb Fight4Music. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Ich habe mich ja erst sieben Wochen vor Release mit Sony geeinigt, dass es nichts bringt, weil wir ganz verschiedene Ansichten hatten. Also habe ich unter Zeitdruck schnell einen neuen Vertrieb gesucht. Und da mein Manager gut mit dem Chef von Fight4Music befreundet war, habe ich gedacht: Okay, eine Hand wäscht die andere. Ich habe ja ohnehin mein eigenes Forum, meine Plattform und meine Community. Was brauchst du mehr? Du brauchst nur einen Vertrieb und gute Internet-Arbeit. Diese Strukturen musst du dir als Künstler heute selbst schaffen. Inzwischen wurden uns alle Plattformen entzogen, damit muss man sich zufrieden geben und das Beste daraus machen. Das Internet ist ohnehin viel stärker als MTV.

Für »Blut gegen Blut 2« arbeitest du nun mit dem Vertrieb Intergroove zusammen.
Ja, denn es ist schon ein Unterschied, ob du bei einem kleinen Vertrieb bist oder bei einem, der genug Eier und Power hat, die CDs überall unterzubringen. Die Struktur hat leider bei Fight4Music ein bisschen gefehlt. Jetzt bauen wir für Al Massiva eine Struktur zusammen mit Intergroove auf – die haben für Haftbefehl und Echte Musik gute Arbeit geleistet und werden es hoffentlich auch für mich tun.

Nach Bushido hat es aber kein Gangsta-Rapper mehr geschafft, kommerziell wirklich erfolgreich zu werden. Wie stehst du zu dieser Thematik?
Ich lese sehr viel. Das denkt man von mir sicher nicht. (lacht) Aber HipHop liegt mir sehr am Herzen. Und wenn es in Interviews ständig heißt, Gangsta-Rap sei tot, kann ich nur sagen: Letztlich geht es um gute Songs. Die Musik zählt. Für mich gibt es kein »in« oder »out«, sondern nur gut oder schlecht. Bushido war eben zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das ist wie ein Puzzle, wo jedes Teil perfekt gepasst hat.

Machst du deine Musik in erster Linie für Menschen aus deinem Umfeld?
Nein. Ich war der Erste, der über die Ghettos in Deutschland gerappt hat. Ich habe immer schon sozialkritische Themen angesprochen und darauf hingewiesen, dass es in diesem Land gewisse Probleme gibt. Aber im selben Atemzug habe ich auch immer gesagt: Wir sind alle gleich, ob Deutsche, Araber, Türken, Afrikaner – Herkunft und Religion ist egal, wir müssen hier zusammenleben. Ich habe nie Mucke nur für Araber gemacht und mit dem Finger auf Deutsche gezeigt. Das war nie mein Ding.

Kannst du trotzdem nachvollziehen, dass man dich bedrohlich findet, wenn man einem anderen Umfeld entstammt?
Hast du mal harte Actionfilme gesehen? Wenn die Schauspieler bei der Premiere im Smoking über den roten Teppich laufen, dann hörst du nur kreischende Fans. Obwohl sie im Film die Köpfe rollen lassen oder Leute mit Rambomessern aufschlitzen, werden sie gefeiert und umjubelt. Ich meine, wir sind doch in der Entertainment-Branche. Wenn ich mit meiner Musik gut unterhalte, entsprechend aussehe und glaubwürdig rüberkomme, dann verurteilt mich doch nicht, weil ich ein paar Tätowierungen habe. Nur die Musik sollte zählen.

Gerade die Qualität der Musik lässt aber bei manchen Gangstarap-­Kollegen zu wünschen übrig.
Klar, nach mir wollte plötzlich jeder ­Türsteher auch ein Rapper sein. YouTube ist voll von diesen Typen, aber das sind alles nur schlechte Kopien. Die haben nichts Besseres zu tun, als Kreatin-Kuren zu pumpen, um im Video breiter auszusehen als ich. Aber das ist mir egal. Ich habe sogar 30 Kilo abgenommen und gehe jetzt mehr auf Athletik statt auf Masse. Und ich kann auch nachdenkliche Tracks schreiben, in einem sehr guten Deutsch. Nur hat »BGB« nichts damit zu tun, das ist ein Orkan. Da wollte ich all meine Wut und Aggression rauslassen, das ist wie Therapie für mich.

Erstaunlich ist, dass du Saad auf dem Album featurest.
Wir haben schon über ein Jahr engen Kontakt. Natürlich kannten wir uns von ganz früher noch, zu den Zeiten der »Electro Ghetto«-Tour und dem »Carlo Cokxxx Nutten 2«-Album. Er ist jetzt die ganze Zeit im Libanon, und ich bin froh, dass dieses Feature noch geklappt hat. Wir planen noch einiges mehr zusammen, es ist auch definitiv ein größeres Projekt in Planung.

Gibt es da keine Probleme mit seinem Labelchef?
Saad ist meines Wissens noch bei Ersguterjunge. Das geht mich aber nichts an und interessiert mich auch nicht. Freunde von mir sind mit Bushidos Freunden befreundet. Keiner stichelt gegen den anderen.

Beef ist offenbar kein Thema mehr für dich. Du bist auf dem Album von ­Haftbefehl sogar zusammen mit ­Manuellsen auf einem Track.
Ich hatte mich schon vorher mit Manuellsen vertragen. Ich war auf einer Veranstaltung in Westdeutschland, wo er eine Rede gehalten und vor allen Leuten gesagt hat: Schwamm drüber, Bruder. Das habe ich ihm sehr hoch angerechnet, also haben wir uns ausgesprochen. Als Haftbefehl mich gefragt hat, musste ich gar nicht lange überlegen. Natürlich ist der Song vor dem Hintergrund interessant, dass wir früher Beef hatten. Wir haben uns ja richtig krass gefetzt. Da war einiges unter der Gürtellinie. (lacht) Was ich damals über den Ruhrpott gesagt habe, sehe ich auch als einen der schlimmsten Fehler, die ich je gemacht habe. Ich habe einfach nicht überlegt, was ich sage. Das bereitet mir bis heute Kopfschmerzen, und das würde ich auch nicht wiederholen.

Siehst du Haftbefehl denn nicht als Konkurrenten? Immerhin hat er jetzt den Hype, den du zu Zeiten von »Ghettolied« hattest.
Um Gottes Willen. (lacht) Haftbefehl hat sich ohne Major einen eigenen Hype kreiert – davor habe ich Respekt, solche Künstler braucht das Land. Er hört sich nicht an wie jemand anderes, also bringt er deutschen HipHop voran. Ich finde es auch schade, dass hier immer viel über Images geredet wird. Ob Image oder nicht, seine Platte ist gut. Ob er nun breiter als Bushido ist oder Bushidos Tätowierungen cooler sind als meine – wen interessiert das? Mach die Platte an und entscheide, ob die Musik gut ist und ob du sie fühlst.

Es fällt auf, dass du extrem viele ­Features auf »BGB 2« hast.
Ja, ich habe Beirut, Saad, Silla, Hengzt, Farid Bang, Haftbefehl, Orgi und Basstard auf dem Album. Eigentlich wäre auch noch ein Track mit Azad geplant gewesen. Auf seinen Part habe ich sehr lange gewartet. Als ich ihm sagte, dass ich in einer Woche abgeben muss, schrieb er mir, er müsse auf einmal 5.000 Euro für den Track verlangen. Aber mir ist kein Feature der Welt irgendeinen Cent wert. Ich finde es arm, dass so ein Typ von mir für ein Feature Geld verlangt. Ich meine, er hat doch ein paar Klassiker hinter sich und ist fast zehn Jahre älter als ich. Vielleicht ist er ein bisschen größenwahnsinnig geworden.

Eine Line auf dem Album lautet: »Scheiß auf den 7er, ich komme auch mit Schlappen am Ziel an.« An anderer Stelle sprichst du von »anti-massentauglichem Rap«.
Genau. Ich würde das auch machen, wenn nur zehn Leute meine Musik hören oder ich nur 100 Euro damit verdienen würde. Auf materielle Dinge lege ich keinen Wert, das interessiert mich gar nicht. Meine Klamotten werden mir geschenkt, ich gehe so gut wie nie shoppen. Ich brauche keine Brille von Moncler, mir reicht eine vom Thailänder. Das interessiert hier in Deutschland doch ohnehin niemanden. In der »Bravo« zu erzählen, was man sich für teure Klamotten kauft, ist für mich ein absolutes No-Go.

Wie wichtig ist dir die Anerkennung von etablierten Rappern?
Dass mir Max Herre und Jan Delay Props gegeben haben, ist ihnen hoch anzurechnen. Aber dass Bushido oder Azad mir keine Props geben, obwohl ich in ihrem Genre etwas Neues gemacht habe, finde ich sehr schade. Ich nehme doch Haftbefehl auch wahr. Selbst wenn ich hundert goldene Schallplatten im Zimmer hängen hätte, würde ich ihm Props geben. Das ist eben HipHop. Ich hätte es cool gefunden, wenn Bushido und Azad sich da oben die Eier schaukeln lassen und trotzdem sagen: Was Massiv macht, finde ich cool. So zu tun, als ob es mich nicht gäbe, finde ich schwach. Dass Samy oder Savas so etwas nicht sagen, ist klar – die sind ja auf einem ganz anderen Film. Aber ist doch scheißegal, lass alle zusammen Geld machen.

Warum hast du Respekt von anderen Künstlern verdient?
Weil ich unglaublich viel für HipHop geopfert habe. Ich spreche mit meiner Musik den Kids auf der Straße aus der Seele, weil sie alle diesen Traum haben. Heute wollen alle Kids Rapper werden, sind aber nicht bereit, dafür etwas zu opfern. Ich hingegen habe alles geopfert, um damals »Blut gegen Blut« und das »Ghettolied« rausbringen zu können.

Welche Rapper haben dich beeinflusst, als du aufgewachsen bist?
In Pirmasens gab es ja wegen der Air Base viele Amis, durch sie kam ich auf Tupac und Snoop. Ich kann von Tupac heute noch 142 Songs auswändig, von vorne bis hinten. Ich habe CDs geklaut und gesammelt, ich hatte ganze Ordner mit ausgeschnittenen Artikeln über Tupac. Aber ich habe auch die Welle aus Stuttgart mitbekommen – Freundeskreis, Afrob, das hat mich alles beeinflusst. Im Jugendhaus haben wir die Alben von Afrob gepumpt: »Made in Germany« oder »Rolle mit HipHop«. (rappt) »Es trafen sich vier, fünf Leute jeden Tag/rauchten Gras am gleichen Platz/glaub mir das, wenn ich das sag/hatten nichts zu tun, arbeitslos/denn die Sorgen um die Zukunft waren nie besonders groß…« Das ist für mich ein Klassiker. Afrob ist eigentlich der König, aber leider will ihn keiner mehr hören.

Vielleicht solltest du mal ein Feature mit ihm machen.
Würde ich gerne, aber ich weiß nicht mal, wo der Typ steckt. (lacht) Aber ich habe ihn schon ein paarmal in Berlin getroffen und ihm auch meine Props gegeben.

Text: Stephan Szillus
Foto: Murat Aslan

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