Marteria: »Ich habe eine unfassbare Dankbarkeit verspürt« // Titelstory

Bist du ein manischer Mensch?
Volle Kanne. Ich merke einfach, ob ich hinter einer Sache stehe. Und wenn dem so ist, dann gebe ich tausend Prozent. Alles für das Album, alles für die Show, alles für die Crew. Das ist wichtig: dass da nie jemand runterfällt, solange es bei uns läuft. Dafür muss ich vorangehen. Da darf ich nicht zweifeln, sondern muss der Turm, der Fels in der Brandung sein. So ist das auch mit dem Film, den wir jetzt gedreht haben: Der sprengt jegliches Budget, wir sind alle hart gefickt. Aber wir machen das, weil’s geil ist. Es kann nicht immer ums Geld gehen. Wir hatten 125 Leute am Set: ein südafrikanisches Team, ein deutsches, Kameraleute, die tausendfach ausgezeichnet wurden. Da geht’s darum, sich Sachen aus seinem Leben zurückzuholen. Mit dem Benefizspiel habe ich mir dieses Hansa-Gefühl zurückgeholt. Ich habe es jahrelang bereut, meine Karriere an den Nagel gehängt zu haben. Vielleicht wäre ich Profi geworden, die Chancen standen damals sehr gut. Und auf einmal stand ich da, in meinem Stadion, mit Leuten wie Sergej Barbarez, Oliver Neuville und Stefan Kretzschmar, vor 27.000 Leuten.

Und du hast dein Tor gemacht.

Das Nierenversagen kam am Abend ­danach – wahrscheinlich auch, weil ich mir das zurückgeholt hatte, was elf Jahre lang mein Leben bestimmt hat. Meine Mama hat mich meine ganze Kindheit dreimal in der Woche zum Training und am Wochenende zum Spiel gefahren. Und ich schmeiß das einfach hin und geh nach New York. Der Moment war wahrscheinlich zu emotional, als dass mein Körper dem standhalten konnte. Dasselbe mache ich jetzt mit der Schauspielerei. Ich habe das ja studiert, war darin aber nicht gut. Aber jetzt haben wir einen richtigen Spielfilm. Das wird ein Manifest. Der Vibe war einfach so gut, da hat eine Verbrüderung unter allen Mitwirkenden stattgefunden. Wir sind da runtergeflogen, haben dreieinhalb Wochen nicht geschlafen und dieses wahnsinnige Projekt durchgezogen. Ich kam ans Set und dachte, ich wäre bei »Mad Max« oder »Gladiator« gelandet. Dann muss man performen. Also habe ich versucht, zurückzuholen, was ich damals gelernt habe. In »ANTIMARTERIA« spiele ich mich selbst und bin die einzige Konstante. Dabei natürlich rüberzukommen, war unglaublich schwierig. Ich habe viel geübt und gemerkt, wie schlecht ich eigentlich bin. (lacht) Aber dann kamen Momente, in denen es funktionierte. Letztendlich hat HipHop mir all das ermöglicht. All diese vermeintlich vertanen Chancen konnte ich mir so zurückholen – und mir selbst beweisen, dass sie nie verpasst waren. Paule Beinlich und ich konnten dem Verein Hansa Rostock ein entscheidendes Stück helfen, die Lizenz durch die generierten Gelder zu bekommen. Diese ganzen Erinnerungen, die ich mit diesem Wappen, dieser Kogge verbinde, diese Fahrten mit dem alten Opel Kadett meiner Mutter zum Training, gemeinsam mit den drei anderen Jungs aus meinem Block, die bei Hansa kickten – all das kam wieder hoch. Mit diesem Spiel habe ich mir einen Traum erfüllt, dem ich jahrelang hinterhergelaufen bin. Und es hat mir gezeigt, dass nichts umsonst war. Hinter allem, was ich je gemacht habe, standen immer Fragezeichen. Dieses Model-Ding bestand quasi nur aus Fragezeichen. Da habe ich nach einer Woche gecheckt, dass es wack ist. Aber der Lifestyle drumherum, die Möglichkeit, mit 18 die Welt zu sehen und in Paris, London und Mailand abhängen zu können, war das Geilste. Beim Fußball war das ähnlich wie bei der Musik, aber mir fehlte die Coolness. Das war so dumm, so plump. Das Wichtigste im Leben ist da der BMW 5er. Und ohnehin war meine Leidenschaft eh immer das Texten, die Musik und die Kultur rund um HipHop. Und das ist eben so geil, dass ich mir damit alles andere ermöglichen konnte.

»Angeln ist wie das Glücksgefühl, das man vor einem Clubabend verspürt – wenn du weggehst und richtig Bock auf Feiern hast.«

Du bist nach »Zum Glück in die Zukunft II« aus Berlin rausgezogen. Die Naturverbundenheit ist dir also extrem wichtig.
Stimmt. Ich lebe jetzt auf einer Insel und pendle nach Berlin. Als Rostocker hatte ich ohnehin immer das Gefühl, nicht richtig atmen zu können, wenn ich das Wasser nicht sehe. Außerdem habe ich Berlin irgendwann auch nicht mehr so abgefeiert. Ich war immer mittendrin im Wahnsinn, solange ich noch in Kreuzberg gewohnt habe. Dadurch habe ich in Sachen Nightlife kaum etwas ausgelassen. Irgendwann habe ich realisiert, dass mich das zum Negativen verändert und ich es nicht mehr mag. Aber ich liebe Berlin, weil meine ganze Familie ja hier ihre Vergangenheit hat. Meine Geschwister sind noch hier geboren. Wir sind damals weggezogen, weil meine Mutter sich in den Kopf gesetzt hatte, dass sie am Meer leben möchte. Jetzt habe ich dort die Natur, aber auch eine Mission durch das Angeln. Einfach nur da abhängen, das könnte ich nicht.

Inwiefern kann Angeln denn eine Mission sein?
Viele denken, das sei sterbenslangweilig. Aber Angeln ist wie das Glücksgefühl, das man vor einem Clubabend verspürt – wenn du weggehst und richtig Bock auf Feiern hast. Es gibt auch absurde Statistiken, die belegen, dass beim Lachsangeln 15 mal so viel Adrenalin ausgeschüttet wird wie bei einem Autounfall, wenn der Fisch beißt. In Deutschland hat Angeln einen schlechten Ruf. Hier herrscht dieses klassische Bild vom AfD-Bernd, der in Tarnklamotten in seinem Campingstuhl sitzt und Dosenbier trinkt. Aber da kommt jetzt eine neue Generation nach, teilweise auch Leute aus der Großstadt, die diesen Ausgleich brauchen und mit der Natur in Berührung kommen wollen. In den USA, Skandinavien, sogar in Holland gibt es eine junge Anglerszene. Das einzig beschissene ist, dass ich mich nicht mehr im Urlaub einfach nur an den Strand legen kann. Ich werde dann verrückt und will einen lokalen Fischer fragen, ob ich mit ihm raus kann. Dafür hast du immer eine geile Perspektive auf alles. Ich war zum Beispiel in der Bay in San Francisco Heilbuttangeln. Da schipperten die Touriboote an mir vorbei, die die Besucher nach Alcatraz bringen, während ich ein paar Meter weiter einen riesigen Fisch an der Angel hatte. Genauso beim Lake Mead bei Las Vegas, wo der Hoover Damm ist. Da stehen die ganzen Touris auf dem Damm und machen ihr Foto vom Stausee. Und ich war unten auf dem Scheißsee und hatte die Mega-Action, weil ich Barsche geangelt habe. Es geht im Endeffekt auch gar nicht darum, wer den größten Fisch angelt. Du lernst Leute so auf ganz andere Art kennen. Sprich sechs Stunden mit einem Fischer auf nem Boot, dann hast du eine Ahnung, wie das ganze Land tickt. Angler sind meistens reale Dudes: Typen in ihren Fünfzigern mit geilen Tattoos, die alles gesehen haben. Viele von denen machen das auch als Ausgleich, weil es ein Rettungsanker nach einer krassen Säufer- oder Drogenkarriere war.

Bei unserem letzten Interview hast du erwähnt, dass das Cover des »Blinker« dein großer Traum wäre. Hat das eigentlich je geklappt?
Nein, aber dazu gibt es eine lustige Geschichte. Ich war damals noch blutiger Anfänger, sollte aber schon aufs Cover. Irgendwann meldeten die sich nicht mehr. Dann kam das Heft raus, und ich war vom Cover verdrängt worden – von einer kleinen Regenbogenforelle, die im Kescher hing. Als ich das gesehen habe, dachte ich nur: yes! Ich mache das ja nicht aus Kalkül. Mir ist wichtig, dass ich das mit Freunden, mit Leuten aus der HipHop-Welt oder mit meinem Vater und meinem Bruder machen kann. Ich habe mit sechs meinen ersten Fisch bei einem Ausflug mit meinem Vater gefangen. Und das jetzt wieder mit ihm machen zu können, bringt eine wichtige Zeit in meinem Leben zurück. Auf Tour müssen jetzt im Routing die Gewässer eingezeichnet sein.

»Ich habe mir immer die Freiheit bewahrt, Herzensangelegen­heiten wahrzunehmen.«

HipHop und Angeln gehen also Hand in Hand.
Ja. Da gibt es zum Beispiel ein Unternehmen für Angelzubehör, Predax Fishing, bei denen war ich auf der Website und dachte: Den Typen kennst du doch! Und tatsächlich: Das ist Italo Reno. Der hat schon damals gemeinsam mit Germany Tracks übers Angeln gemacht. Auch Siggi oder Bushido sind gut dabei. Die neue Anglergeneration kommt aus dem HipHop.

Nochmal zurück zu »Roswell«: Gab es dieses Mal eine Routine im Studio? Das ist schließlich die dritte Platte mit den Krauts.
Da gibt es zwei Seiten: zum einen natürlich, dass wir uns mittlerweile sehr gut kennen, da herrscht ein enormes Grundvertrauen. Andererseits ist unser Anspruch immer, etwas Einzigartiges zu schaffen und uns neu zu erfinden. Du kannst nicht zu Monk gehen und sagen: Lass uns doch noch mal sowas machen wie da und da. Is nich! Auf »Roswell« gehe ich nirgendwo auf Nummer sicher. Allein, wie die Platte losgeht – das ist zehnmal mehr »Dr. Octagon« als irgendein Stadionhit-HipHop. Natürlich entwickelt sich das Genre auch. Ich höre aber während einer Albumproduktion praktisch gar keine andere Musik, um den Film nicht zu verwässern.

Um »Roswell« visuell zu untermalen, wart ihr in Südafrika und Angola, um »ANTIMARTERIA« zu drehen. Du hast Ende letzten Jahres Urlaub in Südafrika gemacht. War das ein Anstoß für den Film?
Nein, zum Zeitpunkt dieser Reise stand schon alles. Ich habe mich über Monate immer wieder mit Specter getroffen. Wir mussten Brüder werden, um das Projekt gemeinsam durchziehen zu können. Wir kannten uns schon länger, hatten aber noch nie miteinander gearbeitet. Uns war klar, dass wir jeweils Fans voneinander sind. Das war die Basis dafür, eine gemeinsame Idee zu erschaffen, die mit einem enormen Aufwand von sechs, sieben Monaten verbunden war. Zuerst wollten wir in Bulgarien drehen, dann in Amerika, dann in Potsdam. Aber dann kam die Entscheidung, dass wir da eine Welt erschaffen müssen.

Was, wenn die Leute den Film nicht geil finden?
Dann ist das so. Ich habe mir immer die Freiheit bewahrt, Herzensangelegen­heiten wahrzunehmen. Gestern habe ich einen Part fürs neue Album von Frauenarzt und Taktlo$$ aufgenommen. Deswegen bin ich damals auch beim Bushido-Konzert auch mit meiner Frau auf die Bühne gegangen – das nehme ich mir raus, egal, ob das jetzt Leute gut finden. Ich habe so viele Sachen gemacht, die nicht cool waren, zum Beispiel das Ding mit Cora Schumacher. Da sagt ja nicht jeder Marteria-Fan: Oh wow, das war aber toll! Drauf geschissen, ich fahre einfach meinen Film. Man neigt dann schnell dazu, sich die schlimmsten Szenarien auszumalen. Aber ich habe viereinhalb Jahre von Hartz IV gelebt. Meinst du, die Zeit war nur Scheiße? Davon waren drei Jahre mega! ◘

Foto: Paul Ripke

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